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"Ei­ne Wäh­rung für Eu­ro­pa – Bi­lanz zum 10. Jah­res­tag der Eu­ro-Bar­geld­ein­füh­rung"

Der 1. Januar 2002 war ein historisches Datum: Der vormals nur als abstrakte Rechnungseinheit existierende Euro wurde als Bargeld in zwölf Ländern der Europäischen Union (EU) konkret „begreifbar“.

Einer der weltweit größten Währungsräume erhielt sein gemeinschaftliches Bargeld. Zehn Jahre nach dessen Einführung können die Bürgerinnen und Bürger mittlerweile in 17 EU-Staaten mit Euro-Münzen und -Scheinen bezahlen. Die Gemeinschaftswährung hat sich zu einem Herzstück der europäischen Integration entwickelt. Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte – trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten. Er sorgt für wirtschaftliche Stabilität und niedrige Inflationsraten in Europa. Darüber hinaus gehört er neben dem US-Dollar zu den wichtigsten Reservewährungen der Welt.

Der 10. Jahrestag der Euro-Bargeldeinführung ist für uns ein Anlass, zurückzublicken und nach vorne zu schauen: Was verdankt Deutschland der Gemeinschaftswährung? Wie hat der Euro Europa verändert? Was ist erforderlich, um die Zukunft der Währung zu sichern? Und: Wie stehen junge Menschen zum Euro?

  • Datum 14.12.2011
  • Ort Berlin

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Herr Weidmann. Ich begrüße Sie herzlich hier im Matthias-Erzberger-Saal. Ich entschuldige mich für die Verspätung, aber die liegt daran, dass wir bei der Planung dieser Veranstaltung nicht damit gerechnet haben, dass die Bundeskanzlerin um 14:00 Uhr eine Regierungserklärung zum Treffen der Staats- und Regierungschefs abgegeben hat und ich fand dann, dass der Bundesfinanzminister da doch zumindest für einen Teil der Debatte auf die Regierungsbank gehört.

Ich heiße Sie alle herzlich willkommen. Wir wollen uns heute daran erinnern, dass am 1. Januar vor zehn Jahren die europäische Gemeinschaftswährung, um die wir uns so viele Gedanken machen, als Bargeld eingeführt worden ist. Und als wir uns überlegt haben, wie gedenken wir dieses Ereignisses, haben wir erstens gedacht, am 1. Januar machen wir das nicht. Sondern wir machen es in einem zeitlichen Abstand. Dann haben wir natürlich gesagt, das können nur der Bundesbankpräsident und der Bundesfinanzminister gemeinsam machen, weil beide haben ihren eigenen Teil zu der Geschichte beizutragen.

Ich habe heute Mittag gerade mit französischen Kollegen diskutiert und da ging es ein bisschen um das Thema Souveränität. Da habe ich den französischen Kollegen gesagt, was nicht jeder in Frankreich gerne hört: Mit der Souveränität ist es, was die Währungsunion betrifft, ohnedies so eine Sache. Die Souveränität für Geldpolitik haben wir abgedreht, die haben wir nicht mehr. Frankreich nicht, und Deutschland nicht. Die hat die Eurozone. Und die haben wir schon immer, schon im Grundgesetz, der unabhängigen Notenbank anvertraut gehabt. So ist das gut, damit sind wir gut gefahren. Deshalb hatten wir so eine gute Erfahrung mit der D-Mark.

Den Jüngeren im Saal muss man sagen - wir haben nämlich dann gesagt, wir machen jetzt nicht eine Veranstaltung, wo die Väter und Mütter des Euros mal wieder zum Reden kommen. Sondern wir reden mal lieber mit denjenigen, die noch länger mit diesem Euro vielleicht eine gute Zukunft, hoffentlich eine gute Zukunft haben werden. Aber man darf die Jüngeren daran erinnern, die D-Mark war natürlich für die Menschen in diesem Deutschland, das sich ja selber durch die Katastrophen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts so unheimlich gequält hat, schon so ein Symbol für Stabilität, für Sicherheit, auch für eine ordentliche wirtschaftliche Entwicklung. Und deswegen ist es manchen nicht so ganz leicht gefallen, von der D-Mark Abschied zu nehmen. Es war keine einfache Entscheidung, es war damals schon umstritten, es war damals schon die richtige Entscheidung. Aber es ist nicht am Ende.

Um eine zweite Bemerkung hinzuzufügen – die ist auch für alle, die sich mit Politik beschäftigen, hochinteressant. Die meisten Menschen haben damals in Deutschland gedacht, der Euro wird natürlich zu einer gewaltigen Verteuerung führen. Deswegen hat man ihn auch schnell "Teuro" genannt. Und in Umfragen haben die Leute gesagt, es ist alles teurer geworden. Und selbst zehn Jahre danach in Umfragen ist die Antwort ganz eindeutig: „Oh, alles viel teurer geworden, seit wir den Euro haben“.

Meine Damen und Herren, Zahlen sind manchmal schon ganz interessant. Die durchschnittliche Preissteigerungsrate ist, seit wir den Euro haben, niedriger als sie sogar in den Jahrzehnten war, in denen wir die D-Mark hatten. Da kann man sehen, dass Realitäten und Wahrnehmungen oft was sehr unterschiedliches sind. In der Politik sind aber Wahrnehmungen auch wichtig. Das macht Politik nicht immer einfach.

Im Übrigen, der Euro ist eine stabile Währung, das muss man auch sagen. Nicht nur die Preissteigerungsraten sind niedrig, sondern auch der äußere Wert. Wir haben, glaube ich, angefangen '99 - noch nicht mit Bargeld, aber da ist er eingeführt worden - war der Austauschkurs 1,18 Dollar für einen Euro. Im Jahr 2000, also unmittelbar vor der Einführung des Bargelds, war 1 Euro noch 0,82 Dollar. Heute sind wir irgendwo bei 1,40. Ein bisschen rauf oder runter. Aber längerfristig ist es dann auch wieder nicht so schlecht.

Was wir jetzt machen müssen: Wir haben nicht eine Krise des Euro. Was wir haben ist eine Krise, oder sind Probleme in einer Reihe von Mitgliedsländern. Weil eine gemeinsame Geldpolitik nicht gut funktioniert, muss sie begleitet werden durch hinreichende Kohärenz der Finanzpolitik der Mitgliedstaaten. Und im Übrigen durch hinreichende Wettbewerbsfähigkeit in allen Mitgliedsländern.

Manchmal erinnere ich auch daran: Wir haben in Deutschland die D-Mark, in diesem Teil Deutschlands, in dem wir hier sind, eingeführt am 1. Juni 1990. Von einem Tag auf dem anderen war mit der Einführung der D-Mark die bis dahin elftgrößte Wirtschaftsnation der Welt - die DDR war in der Statistik der Wirtschaftskraft der Länder Nummer 11. Aber mit der Einführung der D-Mark, einer frei konvertierbaren Währung, war die industrielle Produktion der DDR nicht mehr wettbewerbsfähig. So einfach geht es. Das heißt eine gemeinsame Währung stellt auch hohe Anforderungen an die Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Volkswirtschaften. Das will ich Ihnen alles jetzt nicht lange sagen.

Es ist für die Jungen wichtig: Europa ist die Chance, für uns alle im 21. Jahrhundert die Vorstellungen zu verwirklichen, wie wir gerne leben wollen. Und dazu gehört die gemeinsame Währung, die wirtschaftliche Integration. Und das muss man manchmal auch bedenken. Und im Übrigen sollte man bei allem "Klein-Klein" und bei allen Aufregern des Tages gelegentlich auch mal den Blick eines Anderen auf uns werfen. Mir ist ein schönes Zitat des amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin übermittelt worden. Und das geht so, den zitiere ich jetzt:

"Der Europäische Traum ist ein Silberstreifen am Horizont einer geplagten Welt. Er lockt uns in eine neue Zeit der Inklusivität, Diversität, Lebensqualität, spielerische Entfaltung, Nachhaltigkeit der universellen Menschenrechte und der Rechte der Natur und des Friedens auf Erden. Wir Amerikaner," so Rifkin, "haben immer gesagt, für den amerikanischen Traum lohne es sich zu sterben. Für den neuen europäischen Traum lohnt es sich zu leben."

Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen eine gute Zukunft und uns eine spannende Veranstaltung.

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