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16.06.2011

15. Ju­ni 1961 - „… die Ab­sicht, ei­ne Mau­er zu er­rich­ten.“ - Ein Bau­werk und sei­ne Fol­gen

Gedenkveranstaltung zum Bau der Berliner Mauer im Bundesministerium der Finanzen am 15. Juni 2011

Redner der Gedenkveranstaltung zum Bau der Berliner Mauer im Bundesministerium der Finanzen am 15. Juni 2011: Professor Doktor Arnulf Baring, Jürgen Litfin, Doktor Hubertus Knabe, Hartmut Richter und Doktor Ehrhart Neubert (von links nach rechts)
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Die Ansprachen und Diskussionen der Gedenkveranstaltung standen ganz unter dem Eindruck einer Aussage des früheren Staatschefs der DDR und Parteichefs der SED, Walter Ulbricht, die dieser exakt 50 Jahre zuvor an gleicher Stelle während einer internationalen Pressekonferenz getätigt hatte: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Keine zwei Monate später, am 13. August 1961, entlarvte der Beginn der Errichtung der Berliner Mauer diese Aussage als Lüge. 

Bis zu ihrer Überwindung durch die friedliche Revolution 1989 teilten die Berliner Mauer und die hermetisch abgeriegelte innerdeutsche Grenze nicht nur die Stadt und das gesamte Land in zwei Teile und zwei sich gegenüberstehende Staaten. Sie trennten ebenso Familien, Freunde und Partnerschaften. 17 Millionen Ostdeutsche wurden durch Mauer und Grenze eingeschlossen und in einem Leben nach eigenen Vorstellungen behindert. Bei dem Versuch, Stahlbeton, Stacheldraht und Todesstreifen zu überwinden und in den Westen zu fliehen, kamen hunderte Fluchtwillige um. Tausende wurden um Gesundheit und Freiheit gebracht. 

All dieser Opfer und all des durch die jahrzehntelange deutsche Teilung verursachten Leids gedachten die Minister Schäuble und Friedrich in ihren Ansprachen. 

Minister Schäuble wies in seiner Rede vor allem auf die immense Vielzahl tragischer menschlicher Schicksale hin, die bei aller weltpolitischen und historischen Bedeutung der Mauer nicht vergessen werden dürfe. Denn „wenn man an die Berliner Mauer erinnert, muss man zuerst von den Menschen sprechen.“ Die Berliner Mauer sei, so Schäuble weiter, zum weltweiten Sinnbild der diktatorischen Unterdrückung eines Volkes geworden. Sie sei jedoch auch Zeichen der Ohnmacht solcher Systeme gegen den Freiheitsdrang der Menschen. „Gibt es denn eine deutlichere oder eindeutigere Bankrotterklärung eines politischen Systems als jenes monströse Bauwerk?“ Schließlich sei die Mauer zu guter Letzt durch jene Menschen niedergerissen worden, die sie bis dahin hatte einsperren sollen. 

Am Ende seiner Rede wies Minister Schäuble darauf hin, dass die Erinnerung an die Mauer als Sinnbild der Gewalt des DDR-Regimes durchaus auch aktuelle Bedeutung habe. „Eine demokratische Gesellschaft, der die Überzeugung von ihren freiheitlichen Werten nicht abhanden gekommen ist, kann sich nicht damit abfinden, darf sich nicht damit abfinden, dass diese Werte anderswo mit Füßen getreten werden und sie hat die Verpflichtung, das auch klar und deutlich auszusprechen.“ Gerade die Auseinandersetzung mit der Ulbrichtschen Lüge und ihren Folgen führe in aller Deutlichkeit eine „demokratische Verpflichtung zur Wahrheit“ vor Augen. 

Auch Minister Friedrich gedachte zuallererst der persönlichen tragischen oder auch, zum Beispiel im Zuge einer gelungenen Flucht, glücklichen Schicksale in Zusammenhang mit der Berliner Mauer. Zudem würdigte er die wichtige Rolle seines Kollegen Dr. Wolfgang Schäuble, die dieser im Wiedervereinigungsprozess gespielt hatte.

Die Mauer selbst bezeichnete Minister Friedrich als grausames Gewaltmittel des DDR-Regimes. „Die Mauer und das Grenzregime der DDR offenbarten den wahren Charakter dieses Staates.“ Sowohl im Allgemeinen, als auch insbesondere im Fall der DDR gelte: „Ein Staat, der sich wichtiger nimmt als seine Menschen, eine Ideologie, die sich wichtiger nimmt als die Menschen – das bedeutet Gefahr. Und das ist die eigentliche Lehre aus der Mauer und dem Mauerbau.“ Um aus der Geschichte zu lernen, so Friedrich weiter, sei Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit weiterhin unbedingt notwendig. 

Auch in der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Reden der Minister stand die Bedeutung der Einzelschicksale und der Menschen in Zusammenhang mit der Berliner Mauer im Vordergrund. Jürgen Litfin, Bruder des ersten an der Mauer erschossenen Flüchtlings, Dr. Ehrhart Neubert, Theologe und DDR-Bürgerrechtler, sowie Hartmut Richter, ehemaliger Flüchtling und Fluchthelfer, berichteten von ihren ganz persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen. Jürgen Litfin folgerte aus diesen Berichten: „Der Jugend heute beizubringen, wie grausam diese Mauererfahrungen und wie grausam dieses Regime war – das ist wichtig.“ 

Dr. Ehrhart Neubert würdigte in der Diskussion vor allem jene, die nicht resignierten und sich – als Widerständler, Flüchtlinge, Fluchthelfer etc. – gegen die Mauer zur Wehr setzten. 1989 hätten diese endlich über das DDR-Regime gesiegt und selbst „alte Genossen“ wünschten sich heute nicht mehr die DDR zurück. Aus der Sicht des Historikers, Publizisten und Politologen schlug Prof. Dr. Arnulf Baring die Brücke in die Gegenwart. All jene, die sich gegen Mauer und DDR-Regierung aufgelehnt haben, hätten gezeigt, dass „kleine Gruppen sich nie dadurch entmutigen lassen sollten, dass die große Masse stillhält.“ Dies sei eine wichtige Basis der Freiheit. 

Die Moderation der Diskussion hatte Dr. Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, übernommen. Er schloss die Veranstaltung mit dem Ausdruck großer Dankbarkeit darüber, „dass wir – und nicht Ulbricht – heute hier sitzen.“ 

Besondere Relevanz erhält das Thema des Mauerbaus für das Bundesfinanzministerium durch die Verwendung des heutigen Detlev-Rohwedder-Hauses, des BMF-Hauptsitzes, als Haus der Ministerien in der DDR. Von 1945 bis 1989 diente das Gebäude erst der Sowjetischen Militäradministration und dann bis zu 16 Ministerien und zentralen Behörden der DDR-Regierung als Sitz. Hier kam es im heutigen Großen Saal 1949 zur Gründung der DDR und schließlich 1961 zu jener Aussage Walter Ulbrichts, mit der er den Bau der Mauer kurz vor dessen Durchführung leugnete. Zudem befand sich die Mauer in unmittelbarer Nähe des Hauses – ein Teil des Gebäudes befand sich sogar direkt innerhalb des Mauerstreifens.

Die Geschichte des Detlev-Rohwedder-Hauses kann jedoch gleichzeitig auch Symbol für die Überwindung der Berliner Mauer gelten: In der Nacht von 28. zum 29. Juli 1965 gelang es der Familie Holzapfel, vom Dach des Hauses aus in einer dramatischen Aktion über die Mauer zu fliehen. Und nach dem Fall der Mauer war hier für mehrere Jahre die Treuhandanstalt untergebracht, die das wirtschaftliche Erbe der untergegangenen DDR zu verwalten hatte. 

Somit war diese Veranstaltung auch Teil der beständigen Aufarbeitung und Beschäftigung mit der bewegten und belasteten Geschichte des Berliner Dienstsitzes des BMF.

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