Navigation und Service

23.08.2013

Pod­cast „Schäu­b­le zur Sa­che“: Zu­kunft des Eu­ro

Textfassung des Podcasts „Zukunft des Euro“

Moderator: Herr Minister, auch die Fragen dieses Video-Podcasts, die wir Ihnen heute stellen wollen, sind im Rahmen einer Informationstour rund um das Thema "Stabiler Euro" gesammelt worden. Vor allem Schülerinnen und Schüler wurden da über Maßnahmen zur Euro-Stabilisierung informiert und der heutige Video-Podcast hat das Überthema "Zukunft des Euro". Viele Schülerfragen gingen da natürlich grob in die gleiche Richtung. Da, wo das der Fall war, haben wir die Fragen für Sie gebündelt. Zum Beispiel diese Fragen, die um den konkreten Nutzen des Euro kreisen.

Frage: Guten Tag Herr Schäuble. Ich würde Sie gerne fragen, warum wir am Euro festhalten, statt die Deutsche Mark zurück zu holen oder eine Weltwährung zu schaffen.

Frage: Ob Sie erklären könnten, wieso eigentlich der Euro so viel besser ist als die D-Mark.

Frage: In welcher Hinsicht profitiert Deutschland von der Erhaltung des Euros?

Frage: Welchen Vorteil hat und erhofft sich Deutschland von dem Euro-System?

Schäuble: Wir sind mehr als andere Länder in der internationalen Arbeitsteilung, im Export und Import erfolgreich. Der Anteil unserer Volkswirtschaft, der durch Exporte und Importe dargestellt wird, ist höher als in jedem anderen Land vergleichbarer Größenordnung und sowieso viel größer als in noch größeren Ländern. Und unser wirtschaftlicher Wohlstand und unsere relativ hohe soziale Sicherheit wären ohne unsere Erfolge im Außenhandel und im Export überhaupt nicht vorstellbar. Wir haben ja keine Rohstoffe, wir haben keine billige Energie und wir haben keine Rohstoffe. Wir müssen alles importieren und wir müssen es, es ist lediglich die Qualität unserer Arbeit, unserer Organisation, unsere Infrastruktur, die Leistungsfähigkeit unseres ganzen Systems, die Verwaltung, alles zusammen, was unseren Wohlstand prägt. Und dafür ist entscheidend, dass wir einen großen gemeinsamen europäischen Markt haben mit möglichst wenig Beschränkungen im internationalen Handel, und dazu gehört eine gemeinsame Währung. Und wenn diese Währung stabil ist, dann ist das für ein wirtschaftlich leistungsstarkes Land ein großer Vorteil. Deswegen haben wir die Finanzkrise vor ein paar Jahren, mit Lehman Brother, viel besser überstanden, als wenn es in Europa Auf- und Abwertungen gegeben hätte. Wenn wir zum Beispiel sehen, die Schweiz, die ihre eigenen Schweizer Franken hat, die hat als Folge dieser Finanzkrise eine wahnsinnige Aufwertung erleben müssen, mit der Folge, dass die Schweiz im Augenblick zu teuer ist, die Leute im Tourismus nicht in die Schweiz fahren und die Schweizer Exporte deutlich zurückgehen. Die Schweizer in den grenznahen Gebieten alle in Deutschland einkaufen, und das ist natürlich schlecht. Das haben wir alles nicht. Oder um eine andere Zahl zu sagen: Die deutsche Wirtschaft hat im Jahr 2012 65 Prozent aller Exporte in nicht-europäische Länder, also nach Japan, Amerika, Brasilien, wo immer, China; 65 Prozent aller Exporte in außereuropäische Länder in Euro abgerechnet. Das heißt, die ganzen Wechselkursrisiken sind entfallen. Man muss sich ja klar machen, wenn man heute einen Vertrag schließt, das man für eine Lieferung 10 Millionen Dollar bekommt, dann weiß man nicht, was der Dollar in Euro wert ist, wenn man die Dollar bekommt. Wenn dieses Risiko weg ist, ist es ein so unglaublicher Vorteil, dass der Erfolg unserer Wirtschaft entscheidend an dieser gemeinsamen, starken europäischen Währung hängt. Und deswegen, wenn wir sie verteidigen, auch gegen Misstrauen, was entsteht wenn manche Länder schwächeln, dann machen wir das gar nicht nur aus Solidarität für andere, was auch in Ordnung ist, sondern wir machen es vor allen Dingen, weil wir selber das größte Interesse an dem Erfolg, an der Stabilität dieser europäischen Währung haben.

Moderator: Jetzt kommt da natürlich die Frage auf, auch eine Frage, die auch von den Schülerinnen und Schülern sehr häufig gestellt wurde, ob der Euro-Raum denn mittelfristig alle Krisen überwunden haben wird.

Frage: Guten Tag Herr Schäuble. Ich wollte Sie fragen, wo Sie Europa in Bezug auf den Euro und die Wirtschaft in zehn Jahren sehen.

Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung des Euro in den nächsten zehn Jahren?

Frage: Wo sehen Sie die Zukunft des Euros in zehn Jahren?

Frage: Glauben Sie, dass die Währungsunion Euro auch noch in 50 Jahren bestehen kann? Denn es gibt kein belegtes Beispiel, dass eine Währungsunion besteht, ohne eine gemeinschaftliche und wirtschaftliche Regierung.

Schäuble: Also zunächst einmal die ersten Fragen: In zehn Jahren ist der Euro noch immer eine starke Währung. Ich habe ja mal zu einem amerikanischen Studenten gesagt, der mir die Frage gestellt hat, wenn ich Amerikaner wäre, würde ich mir mehr Sorgen um den Dollar machen, als um den Euro. Der Euro, wir haben es ja auch in den letzten drei Jahren bewiesen, wir sind eine stabile Währung. Wir haben eine geringe Preissteigerung. Seit es den Euro gibt, ist die durchschnittliche Preissteigerungsrate jährlich knapp bei zwei Prozent, das ist Preisstabilität. Der äußere Wert des Euro ist stabil. Bei seiner Einführung war er im Verhältnis zum Dollar bei 1,17, er ist am Anfang mal unter einen Dollar gegangen, und inzwischen liegt er seit Jahren stabil irgendwo über 1,30, unter 1,30. Aber in dieser Reichweite ist er eine stabile Währung, ist eine der großen Reservewährungen der Welt. Mit zunehmender Bedeutung, deswegen haben auch die anderen großen Wirtschaftsregionen ein großes Interesse daran, dass es diesen Euro gibt. Und ich bin ganz sicher, der Euro wird in 10 Jahren genauso eine stabile Währung sein und seine Bedeutung im Weltwährungssystem wird eher zunehmen. Der Punkt, den der vierte Herr der gefragt hat - in 50 Jahren, weil man doch eine gemeinsame Währung nicht ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik führen kann - da hat er recht. Das ist klar, deswegen haben wir ja von Anfang an gewusst, wenn wir eine gemeinsame Währung mit einer gemeinsamen Geldpolitik haben, dann müssen wir auch in der Finanzpolitik und der Wirtschaftspolitik; wenn wir keine gemeinsame haben, muss sie besser koordiniert werden. Dann hatten wir erst den Stabilitäts- und Wachstumspakt. Den haben wir selber als erste verletzt, 2003, das ist leider wahr, zusammen mit Frankreich. Das haben wir jetzt in Ordnung gebracht. Jetzt haben wir den Fiskalvertrag, jetzt sind die Regeln sehr viel strenger geworden, alle halten sich jetzt daran. Und jetzt funktioniert es auch besser. Aber schrittweise müssen wir auch die wirtschaftliche und finanzpolitische Koordinierung weiter verbessern. Deswegen gibt es ja viele, so wie ich, die sagen, der Euro wird uns auch hoffentlich weitere institutionelle Reformen eines Tages in Europa bringen. Aber wir sind auch mit dem jetzigen Stand der Verträge in der Lage, den Euro stabil zu halten. Ich sage ja: Wir haben inzwischen Regeln für die Finanz- und Wirtschaftspolitik in Europa, die angewendet werden, die für alle gelten, die wir auch durchsetzen. Das muss auch so sein. Aber weil wir sie haben, bleibt der Euro stabil.

Moderator: Sie gelten ja als großer Freund des europäischen Gedankens. Deshalb gibt es auch ein großes Interesse an Ihrer Meinung, wie sich die europäische Währungsunion institutionell und politisch weiterentwickeln soll. Hier die ganz konkreten Fragen dazu.

Frage: Hallo Herr Schäuble. Mich würde interessieren, was Sie für das Europa von Morgen geplant haben.

Frage: Wie viele nationale Rechte Sie einem Europa-Finanzminister eventuell abtreten würden.

Frage: Halten Sie es für möglich, dass die europäische Kommission in den nächsten Jahren eine größere demokratische Legitimation erfährt als heute?

Frage: Jetzt wo wir die gemeinsame Währung haben, könnten sich die EU-Staaten nicht zu einem einzigen Staat zusammenschließen wie die USA?

Schäuble: Jetzt sind wir im Bereich der zukünftigen Vorstellungen. Das ist immer schwierig. Meine Vorstellung geht in der Tat dahin, dass wir ein Stück schrittweise uns weiter auf eine stärkere auch politische Einigung in Europa hinzubewegen sollten. Ich glaube auch, dass das der Fall sein wird. Da war ja immer der Prozess der Europäischen Einigung, dass wir mit der wirtschaftlichen Einigung vorangegangen sind und dass wir dann auch Schritte zu einer stärkeren politischen Absicherung dieser wirtschaftlichen Einigung ergriffen haben. Wenn ich mir die Welt der Globalisierung anschaue, politisch und wirtschaftlich im 21. Jahrhundert, dann glaube ich, wird es eine Reihe von Bereichen geben, in denen jedes einzelne europäische Land - das kleine Luxemburg so gut wie das relativ große Deutschland - alleine nicht in der Lage ist, in der Welt hinreichend relevant zu sein. Die Deutschen sind gerade noch ein Prozent der Weltbevölkerung, und viele Fragen beeinflussen uns nicht nur wirtschaftlich in allen Teilen der Welt. Das Weltklima, vom Frieden sowieso. Aber viele andere Entwicklungen, auch der internationale Wettbewerb wird viel stärker. Die Finanzmärkte sind weltweit verflochten. Wenn irgendwo eine Finanzkrise ist, dann betrifft es sofort alle, über diesen Ansteckungseffekt. Und dazu brauchen wir dann ein Europa, was in der Lage ist, seine eigenen Überzeugungen auch in dieser globalisierten Welt zu vertreten. Das können wir nur gemeinsam machen. Deswegen werden wir manche Dinge, Außen- und Sicherheitspolitik, aber eben auch Wirtschafts- und Finanzpolitik in einem größeren Maße gemeinsam machen, und dazu brauchen wir dann auch die entsprechenden Institutionen. Dann müssen wir irgendwann die Kommission als eine europäische Regierung uns vorstellen. Und das europäische Parlament wirklich zu dem Parlament machen, wo die Entscheidungen getroffen werden, die in Europa getroffen werden müssen. Das kann nicht auf Dauer durch 27, 28 oder 30 nationale Regierungen endlos verhandelt und dann durch nationale Parlamente ratifiziert und in diesem ewigem Tauziehen gehen, das funktioniert für eine gewisse Zeit, aber die Richtung, in die wir uns bewegen sollten, wäre, die Dinge die Europa gemeinsam machen kann, müssen wir auch in Europa gemeinsam entscheiden. Dafür brauchen wir dann die demokratische Institution und gleichzeitig müssen wir viele Dinge nicht in Europa regeln. Wir müssen nicht alles in Europa vereinheitlichen. Es will doch niemand ein einheitliches Europa. Der Reichtum Europas sind die Unterschiede. Manche sagen gelegentlich, Europa würde immer deutscher. Ich sage immer, das ist ja furchtbar. Wir wollen doch nicht ein deutsches Europa, wir wollen ein hinreichend starkes Europa, aber wir wollen ein Europa, in dem der Norden so schön ist wie nur der Norden ist, und die Ostsee. Aber in dem natürlich Italien Italien bleibt und Spanien Spanien und Frankreich ist ein genauso wunderbares Land. Jeder ist wichtig. Die Kleinen und die Großen und Vielfalt und Einheit richtig zu verbinden und zu balancieren, das ist das was die Europäer besser kennen als alle anderen auf der Welt.

Moderator: Herr Schäuble, wie immer am Ende bei Schäuble zur Sache: Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz. Und der Satzanfang heute lautet: Alle EU-Staaten werden den Euro einführen, wenn...

Schäuble: ...er wirtschaftlich die Zweifel, die es noch an ihm gibt, so überwunden hat, dass jeder einsieht, dass es zu seinem eigenen Vorteil ist. Wir zwingen keinen, aber wir werden alle überzeugen.

Seite teilen und Drucken