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06.03.2015

Vor­trag von Ti­mo­theos Hött­ges zur Son­der­rei­he „BMF im Dia­log“: Wachs­tums­trei­ber Di­gi­ta­li­sie­rung

“Wachstumstreiber Digitalisierung“ war das Thema der zweiten Ausgabe, mit der am 5. März 2015 die Veranstaltungsreihe BMF im Dialog „Wachstum und solide Staatsfinanzen“ fortgesetzt wurde.

Schönen guten Abend, meine Damen und Herren. Vielen Dank, Herr Staatssekretär Kampeter, für die einleitenden Worte. Lieber Kommissar Oettinger, ich bin geschockt. Ich bin geschockt, als Wirtschaftsvertreter hier zu stehen, und alle meine guten Argumente sind schon verbrannt. So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Die Leidenschaft, die Sie mitbringen für das Thema, die inhaltliche Tiefe, die Sie mitbringen, und dann auch noch die Weitsicht, die Sie haben – genau das wird von uns Unternehmern, gerade in dieser digitalen Welt, verlangt und genau das waren die Themen, die ich Ihnen eigentlich vortragen wollte. Vor dem Hintergrund weiche ich jetzt auch ab von meinem Vortrag, den ich vorbereitet hatte, im Sinne von einer Rede. Ich kann auch frei reden, zwar nicht so gut wie ein Politiker, aber ich werde es versuchen. Bewerten Sie mich anschließend.

Das Wort "Digitalisierung", meine Damen und Herren, ist 72 Mal im Koalitionsvertrag erwähnt. Es muss irgendwie wichtig sein. Also, vor dem Hintergrund ist es wirklich erkannt, was da momentan passiert. Und ich kann Ihnen sagen, als derjenige, der momentan an der Spitze der Bewegung steht mit den Techniken, mit den Netzen, mit den Kunden, die entsprechend die Dienste nutzen – da ist wirklich etwas im Gange, etwas, was die Welt reformieren wird in einem Maße wie wir es noch nicht gesehen haben. Es übrigens auch schon getan hat. Wer erinnert sich noch an den Netscape-Browser? Hier sitzt mindesten die Hälfte der Leute, die den damals benutzt haben. Wer erinnert sich an seinen ersten Blackberry? Den es fast schon gar nicht mehr gibt. Vor sieben Jahren gab es noch gar kein iPhone, meine Damen und Herren. Und was seitdem passiert ist! Denken Sie mal die nächsten zehn Jahre in der gleichen Geschwindigkeit weiter wie die Digitalisierung in den letzten zehn Jahren gelaufen ist. Und ich sage Ihnen, das ist nicht linear, das ist exponentiell, was hier passiert. Ich komme gerade von dem Mobile World Congress zurück und kann Ihnen sagen, was da an Themen momentan diskutiert wird, Fachbegriffe, wo sie sagen, was geht mich das an? Augmented Reality? Internet of Things? Dann sage ich Ihnen, in fünf Jahren werden das ganz normale Themen sein.

Ich könnte jetzt schon heute die Energieeffizienz meines Zuhauses deutlich erhöhen, wenn ich nämlich zum Beispiel jetzt das Licht und die Heizung ausschalte. Nur meine Söhne wären, glaube ich, damit nicht so ganz einverstanden, weil das gegen ihr Recht auf Selbstbestimmung verstoßen würde. Vor dem Hintergrund ist die Digitalisierung heute schon in vielen Bereichen möglich, aber sie muss irgendwo organisiert sein. Und ich sage Ihnen, Digitalisierungsprozesse sind schon lange nicht mehr nur das, was wir heute meinen mit "Ich gehe jetzt mal auf Google und gucke nach, was ich nicht weiß oder vergessen habe." Digitale Demenz. Oder wenn es darum geht, im Endeffekt das Thema "Steuerung des Stromverbrauchs" – wie das Beispiel von eben –, sondern es wird Einzug halten in das Gesundheitswesen, es wird Einzug halten in die Form, wie Industriezweige sich vernetzen, es wird Einzug halten in die sogenannten Cross-Domain-Vernetzungen – wie wir das nennen –, nämlich die komplette Wertschöpfung in einer neuen Form vernetzen. 

Und ich sage Ihnen, ob wir das wollen oder nicht, es wird passieren. Weil es zwei Themen damit erreicht: Erstens, ich schaffe enorme Produktivitätsvorteile. Und egal, wo Produktivitätsvorteile möglich sind, irgendeiner wird sie nützen. Es wird einer tun. Auch wenn wir es nicht wollen, es wird passieren. Und das Zweite ist die Individualisierung. Durch die Digitalität können Sie im Endeffekt alles auf die Losgröße 1 bringen. Sie können ein Produkt auf das zuschneidern, was der Einzelne möchte. Ihre Applikationen, Ihre persönlichen Apps, aber auch Produktionen. Ich nenne ein Beispiel: Wenn Sie heute in der Vergangenheit darauf gewartet haben, wenn ein Kniegelenk entsprechend für Sie angepasst wurde, dann wurde das vermessen, dann wurde das zu einem Hersteller geschickt, dann wurde das entsprechend angepasst, dann wurde das versucht, bei Ihnen anzuwenden. Heute können Sie im Endeffekt, die Information, die digital mit dem Röntgengerät ermittelt wird, übermitteln, und das Gerät produziert im Endeffekt das Kniegelenk oder die entsprechende Prothese automatisch, individualisiert auf Sie zugeschnitten. Das ist deutlich schneller, das ist deutlich produktiver, das hat Kundennutzen, und damit wird es kommen. 

Jetzt ist natürlich die Frage: tolle Chance, die wir da haben. Da sind wir doch eigentlich ganz gut. Wenn man sich jetzt den Anteil der sogenannten IKT-Umsätze anschaut, dann hat Europa zehn Prozent des gesamten IKT-Umsatzes. Ich werde heute Abend vermeiden, wer die erste Halbzeit gewonnen hat und wer die zweite Halbzeit gewinnen kann, denn darum geht es nicht. Wir haben eine Riesenchance, weil jetzt die Karten gerade neu gemischt werden. Stichwort Industrie 4.0, Stichwort the Internet of Things, Stichwort die Standardisierung, Stichwort die digitale Identität Europas, Stichwort das Thema Datenschutz. Deswegen geht es jetzt darum, zehn Prozent sind meines Erachtens kein Naturgesetz. Es gibt heute Bereiche, wo wir Weltmarktführer sind. Warum könnten wir nicht auch in diesem Geschäft Weltmarktführer sein?

Jetzt ist es beim Internet so: Im Internet gilt das Netz der Größe. Derjenige, der am meisten Informationen hat – der Netzwerkeffekt –, der kann am besten diesen Netzwerkeffekt auch für die anderen wieder nutzen. Ich nenne ein Beispiel: Amazon. Sie gehen heute zu Amazon und wollen ein Buch kaufen. In dem Moment, wo sie das Buch kaufen, empfiehlt der Ihnen "Ach, guck mal, wer so ein Buch gekauft hat, hat auch noch dieses Buch gekauft." Und Sie merken, irgendwie versteht Sie dieses System. Umso mehr Kunden dieses System nutzen, umso besser wird die Empfehlungsliste. Anderes Beispiel: Netflix – ein Riesenerfolg. Netflix nicht wegen der Filme, aber Netflix weiß genau, wann der Kunde den Film angestellt hat, wann er den Film abgestellt hat. Das heißt, Sie können sogar die nächste Folge so produzieren, dass bestimmte Fehler nicht mehr passieren, und zweitens wissen Sie, dass nicht wie wir heute in einem sogenannten Fernsehpanel – nach sechs Wochen haben wir so und so viele hunderttausend Kunden ausgewertet –, sondern Sie wissen es in Echtzeit, Realzeit, sofort, und können die Empfehlung sofort individuell zustellen. Das heißt also, derjenige, der den größten Netzwerkeffekt hat, hat schon mal sehr viel mehr Informationen. Amazon nutzt das, weil er sagt, wenn die so viele Bücher kaufen, dann kaufen die vielleicht auch andere Dinge. Und so ist aus einem Buchhandel der weltweit größte Warenhauskonzern geworden. Diese neuen Netze vermitteln wieder neue Informationen, die ich wieder weiterentwickeln kann. Ich will jetzt gar nicht auf die Cloud eingehen, weil Amazon mittlerweile auch weltweit größter Cloud-Betreiber ist. Die haben einfach ihren virtuellen Shop, den sie aufgebaut haben, kopiert und verkaufen das heute als virtuellen Shop, sogenannte Cloud-Services, an Unternehmen, die dann entsprechend ihre Geschäfte darin aufbauen können. 

Jetzt kommen wir zu der Industrie. Industrie 4.0 oder IoT. Wie sind denn da die Netzwerkeffekte, die Kommunikationseffekte? Ein Auto hat heute an Information für Sie parat: Wie ist das Wetter? Wie ist die Straßenbefassung? Wie sind die Staus? Wie ist das Kartenmaterial? Welche Unterhaltung habe ich im Auto? Wie bekomme ich im Endeffekt Flotteninformationen in das Auto, die für den Fahrer – den Berufsfahrer zum Beispiel – relevant sein können. Wer hat diese Informationen am besten? Google. Das sind die großen Plattformen, die das heute schon für den Kunden, für uns, permanent generieren. Dann können die Automobilhersteller sagen: Ja, dann bauen wir auch so eine Plattform auf. Stellen Sie sich mal vor, wenn Porsche mit 5 Millionen Autos eine eigene Plattform aufbauen muss, während Facebook mit 1,3 Milliarden oder Google mit 2 Milliarden diese Informationen heute schon hat. Wer hat bessere Informationen, wo ein Stau entsteht? Wer hat bessere Informationen über das lokale Wetter auf der Straße? Wer hat bessere Informationen über die sozialen Netzwerke oder auch über den Content, den ich ins Auto bringe. Und deswegen mein erster Apell: Wir brauchen  nicht geschlossene Plattformen wie von Google, sondern wenn wir dagegen anstinken wollen, brauchen wir offene Plattformen, wo wir alle unsere Informationen zusammenbringen und sie dann entsprechend in die Fahrzeuge, in die Autos, hineinbringen können.

Der zweite Punkt: Offene Plattformen sind Standardisierungen. Wir sind heute bei Aktoren und Sensorik, in der Steuerung von Prozessen und in Maschinen, die durch Software heute ja schon stark betrieben wird, Weltmarktführer. Es gibt in Deutschland alleine – wir haben mal angefangen, zu zählen – ungefähr 1.500 verschiedene Sensoren und Aktoren. Die Hühnerfarm wird gesteuert, der Prozessablauf in einer Maschine wird gesteuert, die Fließbänder von Automobilherstellern werden gesteuert, all das wird gesteuert. Übrigens, jede mit einer eigenen Betriebssoftware, ein sogenanntes OS, Operating System – jedes unterschiedlich. Und übrigens, keines spricht miteinander. Wie wollen Sie diese Sprache integrieren, wenn es keine Standardisierung dafür gibt? Wie wollen Sie cross-industriell – ich sage mal – Vernetzung schaffen, wenn viele von diesen Sachen nicht miteinander sprechen. Nicht alle müssen miteinander sprechen, aber viele sollten miteinander sprechen. Übrigens, im Internet gibt es zwei Sprachen. Eine heißt iOS, das ist Apple. Und die andere heiß Android. Und Android hat mittlerweile als Betriebssystem 80 Prozent Marktanteil auf dem Endgerätemarkt. Und wenn Sie sich jetzt vorstellen: die neue Version Android M. Das "M" steht übrigens – wie das "L" für Lollipop stand – bestimmt für etwas Schickes, aber meint etwas industriell Relevantes, nämlich Mobility. Stellen Sie sich einmal vor, wenn Android demnächst als Betriebssoftware im Auto ist. Was das für ein Wertschöpfungsverlust wäre für den Automobilhersteller, wenn im Endeffekt diese Sprache ins Auto reinkommen wird. Wir brauchen eine Standardisierung unserer Sprachen, um nicht von der Sprache des Internets, die heute existiert, entsprechend kannibalisiert beziehungsweise unsere Wertschöpfung zu verlieren.

Das dritte Thema ist Infrastruktur. Wenn ich an Netzinvestitionen denke, dann denke ich daran, dass die Grundlage für all diese Digitalisierung immer funktionierende Netze sind. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber philosophieren, wie die Netze entstehen werden, wie sie vernetzt werden, Mobilfunknetze, Festnetze, Headnetze, Pikonetze. All diese Infrastrukturen sollen Ihnen alles nichts sagen, das sind Autobahnen, die entstehen werden, die diese Milliarden von Daten entsprechend verarbeiten. Cisco geht davon aus, dass bis 2020 50 Milliarden Geräte im Netz miteinander kommunizieren werden. Wir haben ein IPv6Internet Protocol version 6-Protokoll in unsere Infrastrukturen gebracht, wir können heute jedem Quadratzentimeter auf dieser Erde eine eigene IP-Adresse zuordnen, sprich wir können es ansteuern und wir könnten es theoretisch im Endeffekt kommunizieren lassen. Genau dafür bauen wir gerade die Netze.

Der Telekommunikationsumsatz ist im letzten Jahr in Europa wieder gesunken. Wieder gesunken! Unternehmen, die immer sinkende Umsätze haben, sollen immer mehr investieren. Erklären Sie mal einem Manager oder einem Ökonomen, erklären Sie mal meinem 15-jährigen Sohn, wie das funktionieren soll. Das geht nicht. Trotzdem wird momentan der Bedarf an Investitionen zunehmend steigen, und wir versuchen auch immer mehr entsprechend in diese Investitionen reinzuversetzen. Die Deutsche Telekom wird bis 2018 80 Prozent der Haushalte in Deutschland mit Festnetz mit Datenraten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde versorgen – mindestens. Übrigens, wenn wir da angekommen sind in 2018, sind 50 Megabit – wir erinnern uns alle noch an die ISDNIntegrated Services Digital Network-Geschwindigkeiten; vielleicht hat der eine oder andere auf seinem Dorf immer noch Geschwindigkeiten von 2 Megabit oder vielleicht 16 Megabit – aber wenn wir da angekommen sind, sind wir schon bei 250 Megabit mit den technischen Optimierungen, die wir haben. Und, ganz ehrlich, mit neuen Technologien, glauben wir, mit Hybridtechnologien über 550 Megabit, mit Glasfaser zum Haus 1 Gigabit zur Verfügung stellen zu können. Das ist die Grundlage, das ist die Erfolgsgeschichte, um im Endeffekt diese Infrastrukturen, diese Industrie 4.0 entsprechend realisieren zu können.

Aber Manager versuchen immer, das System zu optimieren, in dem sie sind. Und wenn eine Industrie nur schrumpft – und die europäische Telekommunikationsindustrie schrumpft seit Jahren –, dann ist natürlich die Konsequenz, dass nicht dieser Umsatz investiert werden kann, der eigentlich investiert werden müsste. Und deswegen investiert Amerika, investieren asiatische Staaten deutlich mehr in Infrastruktur als wir es im Moment können oder auch tun. Und, ganz ehrlich, das ist keine böse Absicht, sondern das ist eine ökonomische Realität. Sie müssen die Kapitalkosten verdienen, weil Ihnen ansonsten der Aktionär sagt: Was ist denn bei euch los? Auf der einen Seite können Sie die Schlacht gewinnen mit dem Kunden, die beste Infrastruktur zu bauen, oder Sie können die Schlacht verlieren mit dem Shareholder, der sagt: Ihr habt ja jetzt investiert, aber ihr verdient kein Geld damit. Das heißt, es muss eine Balance entsprechend hier stehen.

2015 ist deswegen für diese Rahmenbedingungen ein extrem wichtiges Jahr für diese Industrie. Wir haben dieses Jahr das sogenannte Single-Market-Package der Europäischen Union zur Verabschiedung stehen. Darin soll das Thema Netzneutralität geregelt werden, darin soll das Thema Spektrumpolitik geregelt werden, darin soll das Thema Roaming geregelt werden. Jetzt bin ich schon so verwirrt, dass ich das vergesse habe. Roaming - hatte ich schon aufgegeben. Zweitens, das Thema TTIPTransatlantic Trade and Investment Partnership steht dieses Jahr an und muss natürlich auch den Datenaustausch, der zwischen Amerika und Europa stattfindet, entsprechend regeln. Drittens, wir haben die europäische Datenschutzgrundverordnung, die diese Jahr verabschiedet werden und sicherstellen soll, wie eigentlich die informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen ist. Und viertens, wir haben eine Diskussion darüber: Wie geht eigentlich der Rahmen für die Regulierung weiter, der ja mittlerweile 20 Jahre alt ist? Passt der eigentlich noch in eine Welt, wo ja mittlerweile Internetunternehmen auch Kommunikationsdienste anbieten? Oder muss man nicht hier in einen anderen Regulierungsrahmen reinkommen?

Ich wünsche mir eine neue Architektur für die Möglichkeiten der Zukunft, für die digitale Zukunft Europas. Ich wünsche mir ein neues Zielbild, das nicht mehr an den tradierten Werten festhält. Und deswegen möchte ich vielleicht zum Abschluss ein paar Ideen in den Raum werfen, wie diese Zielbild aussehen könnte, was die Rahmenbedingungen sein könnten.

Erstens, Europa sollte offene und nicht geschlossene Plattformen schaffen, auf denen künftig Produktion, Kommunikation und soziale Interaktion stattfindet, in der dieses Sharing-Paradigma – alles wir geteilt – mit absoluter Interoperabilität, einheitlichen Standards stattfinden kann. Heute können Sie von Facebook keine SMSShort Message Service in das normale Netz schicken. Sie erwarten aber von uns, dass wir unsere Netze mit jedem sofort vernetzen - im Ausland telefonierten, SMS schicken können, Sprachtelefonie und dergleichen mehr. Interoperabilität gilt für alle Kommunikationsdienste und für alle Anbieter, auch für die Internetunternehmen.

Zweitens, Regulierung sollte die Verbraucher schützen und Verbraucherinteressen haben – ja, wir haben die günstigsten Preise aller entwickelten Länder –, aber sie muss auch die Kapitalrenditen der Unternehmen im Auge haben, damit wir investieren können 

Drittens, wir brauchen einheitliche Regeln für Märkte, die ineinander gewachsen sind, nämlich die sogenannten Over-the-top-Spieler – die Internetunternehmen wie Google oder Facebook, wie WhatsApp oder Skype, Hangout und Co. –, die als Kommunikationsdienste Produkte anbieten, aber heute überhaupt nicht bei der Bundesnetzagentur registriert sind. Entweder wir gehen aus der Regulierung raus oder sie kommen in die Regulierung rein. Mir ist das egal. Nur, wir brauchen für diese Märkte keine Subvention, für das Silicon Valley, was außerhalb von Europa oder Deutschland stattfindet.

Viertens, wir brauchen eine Änderung im Kartellrecht, weil nämlich heute in Europa nicht ein europäischer Binnenmarkt gedacht wird. Wir haben heute 28 Länder. In diesen 28 Ländern wird der Access immer als lokaler Ansatzpunkt gewertet und Marktkonsolidierung in den lokalen Märkten bewertet, und nicht europäisch. Das Beispiel ist: Warum braucht Österreich vier Mobilfunkmärkte – von seiner Größe? Weil der lokale Regulierer darauf besteht. Gleichzeitig kümmert sich aber niemand darum, dass es in Sizilien –  übrigens von der Fläche drei Mal so groß – nur zwei Anbieter gibt. Weil das Kartellrecht lokal arbeitet und nicht entsprechend europäisch denkt. Und deswegen brauchen wir auch eine Änderung des Kartellrechts, weil, ich sage Ihnen auch, meine Damen und  Herren, es wird eine massive Konsolidierung unter den Telekommunikationsunternehmen in Europa geben, weil wir nur die Flugzeuge dann auslasten können, wenn wir entsprechend die Auslastung auf diese Flugzeuge kriegen. Und das haben wir heute nicht. Amerika hat vier Mobilfunkbetreiber und zwei Festnetzanbieter – für 300 Millionen Kunden. China hat drei Mobilfunkanbieter. Wir bestehen darauf, in 28 Ländern mindestens drei Mobilfunkanbieter zu haben und mindestens in der Regel zwei Festnetzanbieter zu haben. Wir haben über 200 Anbieter für einen Kundenbestand von 500 Millionen in Europa. Die Relationen der Auslastung, der Skalierung von Infrastruktur stimmen nicht.

Fünftens, wir brauchen eine umfassende Novellierung des europäischen Telekommunikationsrechtsrahmens, und das möglichst schnell. Wenn wir jetzt fünf Jahre brauchen – zwei Jahre Legislativverfahren, zwei Jahre Umsetzung in nationales Recht und dann Inkraftsetzung des Gesetzes –, fünf Jahre in unserer Industrie, meine Damen und Herren, wir kommen mit der Regulierung an, und die Welt hat sich schon wieder ein Mal gedreht. Und deswegen müssen wir eine Speedboat-Regulierung haben für diesen Markt, ansonsten verpassen wir den Zug für die Industrie 4.0.

Fünftens, Spektrum ist die Quelle für Kommunikation. Ohne Spektrum dürfen Sie nicht funken. Wenn aber Spektrum dafür gebraucht wird, dass sich Haushalte entschulden, dann sage ich Ihnen, bezahlt das nur einer: der Kunde. Ein riesiges Problem, dass Spektrumpolitik – Beispiel Holland, Beispiel Österreich – dazu geführt hat, dass Milliarden aus der möglichen Investition herausgenommen ist. Spektrumpolitik sollte sich nicht an den Schulden des Haushalts orientieren, sondern sie sollte sich an der Deckung des Bedürfnisses der Kunden orientieren. Jedes Spektrum, das verkauft wird, muss verpflichtend mit Ausbau kombiniert werden, dann kommt es auch entsprechend dem Kunden zugute.

Sechstens, es wird nicht überall möglich sein, dass wir drei oder vier Netze bauen werden. Das ist einfach nicht möglich. Sie können eine Strecke – nennen wir das Beispiel Malta und Frankfurt – nicht mit fünf Airlines befliegen. Das geht ökonomisch nicht und das gilt auch für den ländlichen Raum. Das heißt, wenn im ländlichen Raum wirklich Breitbandausbau entstehen soll, dann sind dafür auch staatliche Fördermittel erforderlich, ansonsten wird diese Technologie nicht entstehen. Und deswegen müssen entsprechende Beihilfetöpfe, die übrigens verfügbar sind, dafür genutzt werden. Aber dann technologieneutral. Der Gesetztgeber sollte nicht vorschreiben, welche Technologie gefördert und welche nicht gefördert wird. Es geht nicht um Technologie, es geht darum, dass in dem ländlichen Raum Breitbandigkeit entsteht. Das ist das Ziel. Deswegen ist es mir völlig unverständlich, dass Vectoring, das in der Lage ist, bis zu 250 Megabit pro Sekunde in den ländlichen Raum zu bringen, heute nicht förderwürdig erscheint.

Und siebtens, meine Damen und Herren, ist eine rationale Aufarbeitung der Situation, die sich in der Vergangenheit durch das Regulierungsrecht ergeben hat. Die ursprüngliche Doktrin des Regulierungsrechtes sah vor, dass den Monopolisten, die übrigens reguliert werden mussten-- Ich habe damals in meinem früheren Leben die Viag Interkom aufgebaut und saß also sozusagen auf der anderen Seite des Telekom-Monopols. Es war richtig, dass die Telekom und die großen Monopolisten entsprechend reguliert worden sind. Damals galt das Prinzip, ein Unternehmen wie die Telekom muss ihre Infrastruktur für Dritte zugänglich machen. Es entsteht eine Vorleistung, die günstig in Anspruch genommen werden wird. Die Unternehmen, die diese Leistung entsprechend beziehen – die sogenannte TAL oder die Anschlussleitung –, der sogenannte Wiederverkäufer nutzt einen Teil der günstigen Dinge, um die Preise zu reduzieren. Das hat funktioniert, die Preise durch 1&1 und andere sind dramatisch nach unten getrieben worden. Und einen anderen Teil benutzt er, um sich von seinem Monopolisten unabhängig zu machen, er investiert in Infrastruktur. Und das hat nicht funktioniert. Seit 17 Jahren sehen wir, dass die Wholesale-Unternehmen nicht in Infrastruktur investieren, weil sie überhaupt keinen Anreiz dazu haben. Sie wissen doch, dass sie die Vorleistung der Telekom oder der großen Infrastrukturen günstiger bekommen als diese selber sie vermarkten dürfen. Und dieses Incentive muss einfach abgeschafft werden, es muss ein Infrastrukturwettbewerb geschaffen werden und kein Arbitrage-Modell.

Und deswegen, meine Damen und Herren, kann man mit mutigen Veränderungen – durch Sie Herr Kommissar, aber auch durch die nationale Regulierungspolitik – diese Rahmenbedingungen so verändern, dass wir in Zukunft nicht zehn Prozent IKT haben und dass wir nicht die Wertschöpfung verlieren, die Sie entsprechend sehen. Ein gutes Beispiel dafür gibt es heute schon auf der Welt zu sehen: Wenn man sich zum Beispiel China anguckt. China war lange hinterher, was das Thema IKT, Digitalisierung, Netzausbau, Infrastruktur und Breitbandigkeit betraf – gegenüber den Amerikanern. In 2014 ist der chinesisch Markt um 14,7 Prozent gewachsen, der IKT-Markt in Europa ist geschrumpft um 0,1 Prozent, in USA wächst er konstant um 3,5 Prozent. Aber Sie sehen, wenn Sie bereit sind, die Paradigmen mutig zu verändern, dann kann auch hier entsprechend ein neues Spielfeld für diese Industrie 4.0 entstehen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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