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    Der deut­sche Leis­tungs­bi­lanz­sal­do – Ent­wick­lung und wirt­schafts­po­li­ti­sche Im­pli­ka­tio­nen

    • Der deutsche Leistungsbilanzsaldo ist das Ergebnis verschiedener Faktoren. Vor allem ist er das Ergebnis einer ausgesprochen wettbewerbsfähigen deutschen Volkswirtschaft.
    • Die Leistungsbilanz wird in Deutschland nicht staatlich gesteuert; ohnehin wären die wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten hierzu sehr begrenzt.
    • In den kommenden Jahren ist angesichts der weiterhin dynamischen Binnennachfrage mit einem weiteren Rückgang des Leistungsbilanzsaldos zu rechnen. Auch eine Normalisierung der Geldpolitik des Euroraums kann dazu einen Beitrag leisten. Mittelfristig wird zudem die demografische Entwicklung in Deutschland zum Abbau des Leistungsbilanzsaldos beitragen.

    Einleitung

    Der deutsche Leistungsbilanzsaldo ist seit etwa der Jahrtausendwende im positiven Bereich und erreichte im Jahr 2016 einen Wert von +8,3 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dabei zeigte sich im Vergleich zum Vorjahr (8,6 % des BIP) nach zwei Anstiegen ein Rückgang des Leistungsbilanzsaldos. Gemäß den Erwartungen der Bundesregierung wird der Überschuss bis 2018 auf unter 8 % weiter absinken.

    Der positive Leistungsbilanzsaldo Deutschlands steht seit Jahren in der Kritik. Internationale Organisationen und einige Partnerländer sehen hierin mögliche Ursachen für makroökonomische Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, des Euroraums und in Deutschland. Diese Kritiker fordern von Deutschland ein aktives wirtschaftspolitisches Eingreifen, um den Leistungsbilanzsaldo zu senken. Ihr Befund und somit auch ihre an Deutschland gerichteten Handlungsempfehlungen gehen allerdings am Kern der internationalen Herausforderungen vorbei.

    Bei der Interpretation der Entwicklung der deutschen Leistungsbilanz und der politischen Diskussion sind eine Reihe wirtschaftlicher und institutioneller Faktoren zu berücksichtigen, welche den deutschen Leistungsbilanzsaldo determinieren. Die wenigsten sind von der Bundesregierung direkt wirtschaftspolitisch steuerbar.

    Entwicklung der deutschen Leistungsbilanz

    Die Leistungsbilanz setzt sich aus dem Warenhandel, dem Dienstleistungshandel, den Primäreinkommen (grenzüberschreitende Zahlungen aus Erwerbstätigkeit und Vermögensanlagen) sowie den Sekundäreinkommen (u. a. Überweisungen der in Deutschland beschäftigten ausländischen Arbeitnehmer in ihre Heimatländer oder Leistungen im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe) zusammen.

    Der deutsche Leistungsbilanzsaldo von zuletzt +8,3 % wurde in den vergangenen Jahren insbesondere von Überschüssen im Warenhandel geprägt (Abbildung 1), welche kräftig angestiegen sind. Allerdings haben auch steigende Primäreinkommen zum Anstieg des Leistungsbilanzsaldos beigetragen. Zudem hat sich der negative Saldo aus dem Dienstleistungshandel in den vergangenen Jahren verringert.

    Die Infografik zeigt in Darstellung eines Balkendiagramms die Struktur des Leistungsbilanzsaldos, in Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
    Abbildung 1

    Warenhandel

    Deutschland hat im Jahr 2016 Waren im Wert von 1.195 Mrd. exportiert und Waren im Wert von 923 Mrd. € importiert. Der Saldo der Handelsbilanz belief sich damit auf +272 Mrd. € (Daten der Deutschen Bundesbank inklusive Ergänzungen zum Außenhandel) beziehungsweise auf rund +8,7 % des BIP. Ein Schwerpunkt des deutschen Warenhandels liegt im Euroraum. So lag der Anteil der Exporte in den Euroraum bei rund 37 %. Von den Importen stammten rund 38 % aus dem Euroraum. Die wichtigsten Handelspartner außerhalb der Europäischen Union waren China und die USA.

    Deutschland hat bei den Warenexporten in den vergangenen Jahren vor allem von der steigenden Nachfrage nach technologisch hochwertigen Produkten seitens der Schwellenländer aber auch von der günstigen Wirtschaftsentwicklung in den USA profitiert. Hier macht sich die besondere Stärke der deutschen Wirtschaft im Bereich technologieintensiver Investitionsgüter bemerkbar, die im weltweiten Qualitätswettbewerb überzeugen. Durch die Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar zogen die Exporte in Länder außerhalb des Euroraums insgesamt an, während sich die Importtätigkeit weniger stark ausweitete. Auf der Importseite hatten sinkende Rohöl- und Rohstoffpreise den Importwert gesenkt und damit zur Steigerung des Handelsbilanzsaldo beigetragen.

    Primäreinkommen

    Seit 2004 tragen die Primäreinkommen zur Ausweitung des deutschen Leistungsbilanzsaldos bei. Diese Teilbilanz erfasst grenzüberschreitende Zahlungen aus Erwerbstätigkeit und Vermögensanlagen, u. a. Zins- und Dividendenzahlungen. Darunter fallen Einnahmen aus Auslandsvermögen, die durch die Nettokapitalexporte der Vergangenheit aufgebaut wurden. Im Jahr 2016 betrug der Saldo der Primäreinkommen rund 52,1 Mrd. €.

    Zwar ist der Anteil des Saldos der Primäreinkünfte am Leistungsbilanzsaldo gegenüber dem des Warenhandels vergleichsweise klein, aber die Dynamik ist deutlich stärker (Verdreifachung seit 2005). Angesichts des hohen und weiter zunehmenden Nettoauslandsvermögens Deutschlands ist davon auszugehen, dass der Saldo der Kapitaleinkommen auch künftig weiterhin hoch ausfällt und möglicherweise noch steigt. Darüber hinaus spielen auch hierbei Bewertungseffekte über den Wechselkurs eine Rolle. Denn Kapitaleinkünfte aus dem Dollarraum fallen bei der derzeitigen Wechselkursentwicklung in Euro gerechnet höher aus.

    Unter die Kapitaleinkommen fallen auch Einkommen aus Direktinvestitionen, die in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen sind (Anteil von 62 % an allen Primäreinkommen im Jahr 2015). Deutsche Unternehmen bauen ihre Direktinvestitionen im Ausland kontinuierlich aus, um sich auf dem internationalen Markt besser zu positionieren. Dies zeigen u. a. Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags unter im Ausland investierenden Unternehmen. Demnach sind Vertrieb und Kundendienst (rund 45 %), die Markterschließung (rund 30 %) und nur nachrangig Kostenersparnis (unter 25 %) als Motive für Direktinvestitionen zu nennen. Auch sind Investitionen im Ausland für deutsche Unternehmen äußerst rentabel. Ihre hohe jährliche Rendite von durchschnittlich circa 5 % schlägt sich ebenfalls im positiven Leistungsbilanzsaldo nieder. Gleichzeitig profitieren auch die Zielländer von diesen Investitionen (z. B. in Bezug auf Technologie und Arbeitsplätze).

    Dienstleistungsbilanz und Sekundäreinkommen

    Der Saldo der Dienstleistungen weist regelmäßig ein Defizit auf, das sich aber in den vergangenen Jahren deutlich abgeschwächt hat. Hier spiegeln sich zum einen die grenzüberschreitenden Reisen wider, bei denen die Zahl deutscher Touristen im Ausland die der ausländischen Touristen in Deutschland übersteigt und dämpfend auf den Dienstleistungsbilanzsaldo wirkt. Dagegen übertreffen aber bei anderen Dienstleistungen, etwa bei Finanzdienstleistungen oder Computerservices, die Exporte die Importe – mit zunehmender Tendenz.

    Auch bei den Sekundäreinkommen hat Deutschland traditionell ein Defizit. Hierunter fallen Zahlungen, denen keine direkte wirtschaftliche Leistung der anderen Seite gegenübersteht. Beispiele sind die Überweisungen der in Deutschland beschäftigten ausländischen Arbeitnehmer in ihre Heimatländer, aber auch Zahlungen des Staates an internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder Leistungen im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe. Das Defizit der Teilbilanz Sekundäreinkommen betrug im Jahr 2016 40,0 Mrd. €.

    Bestimmungsfaktoren der deutschen Leistungsbilanz

    Solide Finanz- und Wirtschaftspolitik als Grundlage einer florierenden Wirtschaft

    Der deutsche Leistungsbilanzsaldo ist das Ergebnis vielfältiger marktwirtschaftlicher Prozesse und individueller Entscheidungen. Die Bundesregierung hat mit ihrer soliden Finanz- und Wirtschaftspolitik die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Integration der deutschen Volkswirtschaft in den Weltmarkt und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit geschaffen. Das Vertrauen in Deutschland als Investitions- und Produktionsstandort ist hoch.

    Zu den guten institutionellen Rahmenbedingungen gehört ein günstiges Geschäftsumfeld, das auf einem hinreichend flexiblen Arbeitsmarkt mit gut qualifizierten Arbeitskräften, starken Eigentumsrechten und wirksamer Rechtsdurchsetzung, schlanker Bürokratie sowie leistungsfähiger Infrastruktur basiert. Hierbei nimmt Deutschland einen vorderen Rang unter allen Ländern ein.1

    Demografisch bedingte Nettoersparnisse

    Es darf nicht übersehen werden, dass Deutschland eine alternde Gesellschaft hat, was einen strukturellen Faktor für positive Leistungsbilanzsalden darstellt. Die Generation der Babyboomer wird ab dem Ende dieses Jahrzehnts aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Derzeit finanzieren etwa drei Beschäftigte einen Ruheständler; am Ende des kommenden Jahrzehnts wird dieses Verhältnis auf 2:1 gesunken sein.

    Um zukünftig das Einkommens- beziehungsweise Konsumniveau in Deutschland trotz des demografischen Wandels aufrecht zu erhalten, spart die Gesellschaft insgesamt heute mehr als sie aktuell ausgibt. Die Anlage eines Teils der Ersparnisse im Ausland kann dabei als eine Risikodiversifikation interpretiert werden, die jeder Anlageberater empfehlen würde. Mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft werden die Ersparnisse, auch die im Ausland angelegten, reduziert, um den Konsum in Deutschland zu finanzieren. Dadurch dürfte sich der positive Leistungsbilanzsaldo verringern, er könnte sich sogar in ein Defizit verwandeln. Zu dem Schluss kommt u. a. eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), in der das Spar- und Investitionsverhalten im Kontext des demografischen Wandels untersucht wurde.2 Auch Schätzungen des Internationalen Währungsfonds und des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zeigen, dass gegenwärtig rund 2 bis 3 Prozentpunkte des deutschen Leistungsbilanzsaldos rein demografisch bedingt sein dürften.

    Temporärer Effekt durch Rohstoffpreise

    Als Industrienation ohne bedeutende Rohstoffvorkommen profitierte Deutschland erheblich von den niedrigen Öl- und Rohstoffpreisen in den vergangenen Jahren. Im Zeitraum von 2014 bis 2016 trugen die sinkenden Ölpreise zu einem merklichen Wertrückgang der Einfuhren aus Erdöl exportierenden Ländern bei. Als Beispiel: Rechnet man den Rückgang der Rohöl- und Gaspreise im Jahr 2015 heraus, wäre der Anstieg des deutschen Leistungsbilanzsaldos (in Prozent des BIP) allein im Jahr 2015 um etwa ¾ Prozentpunkte niedriger ausgefallen. Berücksichtigt man zudem die Veränderung des Wechselkurses zwischen Euro und US-Dollar, kann man nahezu den gesamten Anstieg des Leistungsbilanzsaldo im Jahr 2015 durch Rohöl und Erdgas erklären.3 Aber auch bei anderen Rohstoffen waren im Jahr 2015 signifikante Preisrückgänge zu verzeichnen (Kupfer und Zinn je 25 %, Eisenerz 37 %). Daher dürften die Metallimporte den Leistungsbilanzsaldo 2015 zusätzlich um rund ½ Prozentpunkt erhöht haben. Im 1. Halbjahr 2016 führte allein der erneute Rückgang der Öl-, Gas- und Rohstoffpreise zu einem Zuwachs des Leistungsbilanzsaldos um etwa ¾ Prozentpunkte. Die Öl- und Gaspreise stabilisierten sich zwar im 2. Halbjahr und stiegen zwischenzeitlich auch wieder an. Aber dennoch dürfte der Effekt auf den Leistungsbilanzsaldo für das Gesamtjahr sichtbar ausgefallen sein. In diesem Jahr ist damit zu rechnen, dass die Öl- und Gaspreisentwicklung den Leitungsbilanzsaldo durch steigende Importwerte wieder reduzieren wird.

    Die Infografik zeigt die Ölpreisentwicklung in USD und in Euro im Zeitraum von 2012 bis 2016.
    Abbildung 2

    Spezialisierte Unternehmen im globalen Wertschöpfungsverbund

    Die deutsche Exportstärke zeigt die Spezialisierung der Industrie in den Bereichen Maschinenausrüstung, Elektronik, Kraftfahrzeuge und Chemieerzeugnisse. Nicht nur große Unternehmen tragen zu dieser Stärke bei, sondern auch viele mittelständische – auch familieneigene – Betriebe, die auf den Weltmärkten äußerst erfolgreich sind und eine hohe nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit haben. Deutschlands sehr offene Volkswirtschaft mit intensiven Handelsbeziehungen weltweit profitierte in den vergangenen Jahren insbesondere von der steigenden Nachfrage aus den aufstrebenden Ländern nach technologisch hochwertigen Gütern.

    Zudem sind deutsche Unternehmen eng in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden und profitieren dadurch von internationaler Arbeitsteilung und Spezialisierung. So enthielten gemäß OECD-WTO-Datenbank4 deutsche Warenexporte im Jahr 2011 (dem letzten Jahr, für das Daten vorliegen) rund 25 % an importierten Vorleistungen. Das stärkt die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen.

    Andere internationale Produktionsstandorte profitieren gleichermaßen von ihrer Einbindung in die globalen Wertschöpfungsketten. So haben sich z. B. Deutschland und der wichtige Handelspartner USA auf unterschiedliche Industriebranchen und -produkte spezialisiert. Beide Länder sind auf die hochwertigen Importe des jeweils anderen Landes angewiesen. Jede Demontage gut etablierter marktgesteuerter Handelsstrukturen ginge zulasten der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und letztendlich zulasten des Wohlstandes aller Länder.

    Wirtschaftspolitische Steuerung der Leistungsbilanz ist weder angebracht noch möglich

    Dynamische öffentliche Investitionen

    Eine oft vorgetragene Forderung internationaler Organisationen, anderer Staaten und Medien ist, dass Deutschland nur seine öffentlichen Investitionen deutlich ausweiten müsse, um den Leistungsbilanzsaldo zu senken. Gemäß der Argumentation sollen die öffentlichen Investitionen über eine steigende Binnennachfrage die Importe steigern.

    Tatsächlich hätten verstärkte öffentliche Investitionen in Deutschland nur geringfügige Auswirkungen auf die Leistungsbilanz in Deutschland und andernorts sowie auf das Wirtschaftswachstum in anderen Ländern. Dies zeigen auch Studien der Europäischen Kommission, nach denen eine angenommene drastische Erhöhung der staatlichen Investitionen um 1 % des BIP über zehn Jahre lediglich einen geringen senkenden Effekt von 0,2 Prozentpunkten auf den deutschen Leistungsbilanzsaldo hätte. Neben der unrealistischen Größenordnung – die jährlichen öffentlichen Investitionen sollten also um 50 % gegenüber dem jetzigen Niveau gesteigert werden – ist die in den Modellen angenommene sehr langfristige Fortsetzung der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) fragwürdig.

    Die Forderungen an Deutschland verkennen zudem, dass die öffentlichen Investitionen in Deutschland bereits deutlich zunehmen. Denn die Bundesregierung stärkt weiter die Qualität und die wachstumsfreundliche Ausrichtung des Haushalts. In den Jahren 2015 und 2016 stiegen die staatlichen Bruttoinvestitionen deutlich an, mit jahresdurchschnittlich 4,5 %. Bis 2020 sollen die öffentlichen Investitionen durchschnittlich um 5 % pro Jahr steigen. Zu diesen positiven Aussichten tragen alle förderalen Ebenen bei. Besonders ermutigend ist, dass die Kommunen mit finanzieller Unterstützung des Bundes ebenfalls ihre Investitionskapazitäten erheblich verstärkt haben.

    Solide Lohnzuwächse und guter Arbeitsmarkt stützen Binnennachfrage

    In den vergangenen Jahren war der Lohnzuwachs solide, brachte erhebliche Reallohnsteigerungen mit sich und erfolgte schneller als in den meisten Ländern des Euroraums. Die gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung (nominales Entgelt je Arbeitnehmer) in Deutschland bewegt sich seit Anfang des laufenden Jahrzehnts im Wesentlichen im Rahmen des trendmäßigen Produktivitätswachstums.

    Diese Entwicklung und ein starkes Beschäftigungswachstum haben in Deutschland zu einer starken Binnennachfrage geführt. Dies ermöglichte eine Konvergenz der Wettbewerbsfähigkeit im Euroraum und einen erheblichen Rückgang der Ungleichgewichte innerhalb des Euroraums. Der deutsche Leistungsbilanzsaldo gegenüber dem Euroraum hat sich von 4,2 % des BIP im Jahr 2007 auf circa 1,9 % im Jahr 2016 mehr als halbiert.

    Angesichts des zunehmend engen Arbeitsmarkts (Rekordbeschäftigung, hohe Nachfrage nach Arbeitskräften, hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren) haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften in den vergangenen Jahren auf deutliche Lohn- und Gehaltssteigerungen verständigt. So sind die preisbereinigten Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer seit 2014 durchschnittlich um 1,8 % pro Jahr gestiegen. Auch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns hat zu dem Anstieg beigetragen. Laut Jahresprojektion der Bundesregierung werden sich die Effektivlöhne im Jahr 2017 um 2,5 % erhöhen.

    Die Infografik stellt die Entwicklung der Lohnstückkosten im Euroraum dar. Der Zeitraum ist 1999 bis 2017.
    Abbildung 3

    In Deutschland werden die Löhne und Gehälter frei verhandelt – in der Regel über Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, wobei die Tarifautonomie grundgesetzlich verankert ist. Daher sind Forderungen internationaler Organisationen nach stärkeren Lohnsteigerungen zum Abbau des Leistungsbilanzsaldos nicht zielführend. Die ökonomische Wirkung von Lohnsteigerungen auf den Leistungsbilanzsaldo ist nämlich nicht eindeutig. Übermäßige Lohnerhöhungen würden die Beschäftigung und die internationale Nachfrage schwächen und wären somit kontraproduktiv für Importe und das BIP. Was dies per Saldo für den Leistungsbilanzsaldo bedeutet, ist unklar und hängt in einer ex-ante Analyse von den jeweiligen Annahmen ab.

    Euro-Wechselkurs von Deutschland nicht beeinflussbar

    Die Währung Deutschlands ist der Euro. Auf globaler Ebene sollte die Beurteilung von Leistungsbilanzentwicklungen auf Ebene des Euroraums erfolgen. Der Euroraum (19 Länder) verzeichnete 2016 einen positiven Leistungsbilanzsaldo von rund 362 Mrd. € beziehungsweise 3,4 % des BIP. Innerhalb des Euroraums konnten die Ungleichgewichte aufgrund umfangreicher Strukturreformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren deutlich abgebaut werden.

    Der aktuelle geldpolitische Kurs der unabhängigen EZB ist weiterhin expansiv und der daraus resultierende relativ niedrige Wechselkurs gegenüber dem US-Dollar stärkt die preisliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer, auch deutscher Exporte auf den Weltmärkten. Die Konjunkturerholung im Euroraum setzt sich indes fort, das Wachstum liegt in vielen Mitgliedstaaten über dem gesamtwirtschaftlichen Wachstumspotenzial, die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Exporte legen zu. Somit könnte eine geldpolitische Straffung durch die EZB bald gerechtfertigt sein. Ein stärkerer Euro würde den Leistungsbilanzsaldo zusätzlich reduzieren.

    Die Infografik stellt das Leistungsbilanzsaldo Deutschlands gegenüber dem Euroraum, der USA und der Welt im Zeitraum von 2007 bis 2018 dar.
    Abbildung 4

    Fazit

    Der deutsche Leistungsbilanzsaldo ist das Ergebnis verschiedener Faktoren – sowohl struktureller als auch temporärer. Vor allem ist er das Ergebnis einer ausgesprochen wettbewerbsfähigen deutschen Volkswirtschaft. Hierfür liefert die Bundesregierung mit ihrer soliden Finanz- und Wirtschaftspolitik die erforderlichen Rahmenbedingungen. Die Leistungsbilanz wird in Deutschland nicht staatlich gesteuert; ohnehin wären die wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten hierzu sehr begrenzt.

    Aufgrund der dynamischen Binnennachfrage und der Entwicklung an den Rohstoffmärkten ist in den kommenden Jahren mit einem Rückgang des Leistungsbilanzsaldos zu rechnen. Auch eine Normalisierung der Geldpolitik des Euroraums kann dazu einen Beitrag leisten. Und auch die demografische Entwicklung in Deutschland wird zumindest mittelfristig zum Abbau des Leistungsbilanzsaldos beitragen.

    Forderungen nach aktiven wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Senkung des deutschen Leistungsbilanzsaldos gehen am Kern der internationalen Herausforderungen vorbei. Gesteigerte Staatsausgaben in Deutschland können Strukturprobleme in anderen Volkswirtschaften nicht lösen. Übermäßige Lohnsteigerungen wären kontraproduktiv für Importe und Wohlstand in Deutschland und weltweit. Gleichzeitig ist der Wechselkurs des Euros maßgeblich von der unabhängigen Geldpolitik der EZB abhängig.

    Bei aller Diskussion um den deutschen Leistungsbilanzsaldo sollte aber nicht vergessen werden: Deutschland ist nicht nur der weltweit drittgrößte Exporteur, sondern auch der drittgrößte Importeur. Vom deutschen Import profitieren insbesondere Volkswirtschaften von Partnerländern, die gut in die internationalen Wertschöpfungsketten eingebunden sind, eine starke industrielle Basis aufweisen beziehungsweise ein gutes Geschäftsklima bieten. Jede Demontage gut etablierter marktgesteuerter Handelsstrukturen ginge zulasten des Wohlstands aller Länder.

    Fußnoten

    1
    U. a. Weltbank Doing Business Report 2017.
    2
    Fries et al. 2012, „Sparen und Investieren vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“. ZEW Mannheim.
    3
    Monatsbericht März 2016 der Deutschen Bundesbank.
    4
    Measuring Trade in Value Added (www.oecd.org/trade/valueadded)

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