Video und Audio28.11.2008  

Alternativtext zum Gebärdensprachenvideo Finanzkrise

Die Finanzkrise hält 2008 die Welt in Atem. Begonnen hatte dieses Beben, das die Märkte immer stärker erschütterte, jedoch schon früher. Das Epizentrum der Krise liegt in den USA. 

Ende 2006 geht dort eine Phase des Booms zu Ende. Immer mehr Menschen wollten den Traum vom eigenen Haus verwirklichen. Kredite dafür waren günstig. Doch die Schuldenlast wird vielen zum Verhängnis. Viele können ihre Raten nicht mehr abbezahlen. Außerdem fallen die Preise für Immobilien. Das hat Folgen: Unternehmen machen Verluste oder gehen Pleite, der Immobilienmarkt bricht zusammen. Experten sprechen von der Subprime-Krise. Subprime-Kredite sind Darlehen an Kreditnehmer mit geringer Bonität. Zu viele Menschen haben Kredite bekommen, die sie wohl niemals abbezahlen können. 

Doch die Banken, die diese „faulen Kredite“ eigentlich in ihren Büchern haben müssten, haben sie schon vorher weiterverkauft. 

Seit Mitte der neunziger Jahre entwickelten und verfeinerten Investmentbanker neue Finanzinstrumente. Eines von ihnen: Die Asset-Backed Securities. Banken bündeln viele einzelne Kredite ihrer Kunden und verkaufen sie als Pakete an eine eigens gegründete Zweckgesellschaft. Sie lagern damit Risiken aus.

Die Zweckgesellschaft macht aus den gebündelten Krediten wiederum Wertpapiere, mit denen sie handeln kann. Rating-Agenturen bewerten die Papiere dann nach ihrem Risiko.

So geht es immer weiter. Aus den Finanzprodukten werden wiederum neue zusammengefügt, die wieder bewertet und weiterverkauft werden. Am Ende sind es wieder Banken, aber auch Pensionskassen, die diese abstrakten, komplexen Papiere kaufen, um von den hohen Zinsen zu profitieren. Überall auf der Welt. Welche Risiken in ihnen stecken, ist vielen Banken und Versicherungen nicht mehr klar.

Die kleinen Beben, die von den zahlungsunfähigen Hausbesitzern in den USA ausgehen, sind im Jahr 2007 deshalb auch in anderen Ländern zu spüren; oftmals indirekt über die hochspekulativen Wertpapiere.

Im Herbst 2007 geben auch deutsche Banken bekannt, dass sie sich am US-Hypothekenmarkt verspekuliert haben. Besonders hart trifft es die Mittelstandsbank IKB, die über die bundeseigene KfW gestützt werden muss.

In den USA wird die Lage nicht besser – im Gegenteil. Die großen Banken geraten immer stärker in den Strudel der Subprime-Krise und ihrer Folgen. Sie schreiben Verluste, brechen zusammen. Die Regierung der USA muss einspringen.

Aus der Immobilienkrise ist eine Bankenkrise geworden.

Der 15. September 2008 geht als „Schwarzer Montag“ in die Geschichte ein. Die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers meldet Insolvenz [Glossar] an. Eine massive Schockwelle breitet sich über die Welt aus: Die Finanzmärkte [Glossar] reagieren panisch, der Geldfluss kommt nahezu zum Erliegen, die Banken vertrauen sich nicht mehr und leihen sich kein Geld. Mit dem 15. September nimmt die Krise ein neues Ausmaß an. Jetzt erreichen die Schockwellen mit wachsender Kraft und mit wachsendem Tiefgang auch Europa und Deutschland.

Aus der Bankenkrise wird eine globale Finanzkrise, die so gefährlich ist, wie seit 80 Jahren nicht mehr.

Ob dem Staat die Umstände gefallen oder nicht: Er muss jetzt schnell reagieren.

Die amerikanische Regierung stellt ein Rettungspaket in Höhe von 700 Mrd. US-Dollar vor, das am 3. Oktober beschlossen wird.

Auch in Deutschland ist es das Gebot der Stunde, Schaden vom Land abzuwehren. Finanzmärkte, so Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, sind ein öffentliches Gut. Es geht nicht darum, dass nun alle Bürgerinnen und Bürger für Exzesse und Fehler von Banken und Bankern bezahlen müssen. Funktionierende Finanzmärkte sind für alle unverzichtbar: Für jeden Handwerker, der einen Kredit braucht. Für Unternehmen, die investieren müssen und Arbeitsplätze schaffen. Für den Staat, der die Infrastruktur finanziert. Sie sind wichtig für alle Menschen, die für sich oder ihre Kinder sparen.

Am 5. Oktober gibt die Bundesregierung deshalb eine Erklärung für alle Sparer ab: Ihre Spareinlagen sind sicher.

Ein weiteres Ziel ist es, das verloren gegangene Vertrauen unter den Banken wieder herzustellen. Banken müssen sich wieder gegenseitig Geld leihen, vor allem der Mittelstand [Glossar] darf nicht in Folge des Finanzmarktbebens finanziell austrocknen.

Die sieben größten Industriestaaten arbeiten Anfang Oktober an einem gemeinsamen Plan, um die Finanzmärkte zu stärken. Am 11. Oktober beschließen sie in Washington internationale Richtlinien. Einen Tag später einigen sich die Länder der Europäischen Union auf ein abgestimmtes Vorgehen. Noch in der Nacht wird fieberhaft am deutschen Maßnahmenpaket weitergearbeitet, das sich an den internationalen Abmachungen orientiert. Die Bundesregierung stellt es Tags darauf am 13. Oktober vor. Bundesregierung, Bundestag und Bundesländer ziehen an einem Strang: Im Eilverfahren wird das Finanzmarkt-Stabilisierungsgesetz innerhalb einer Woche verabschiedet.

Nach erstem Zögern nehmen in der zweiten Oktoberhälfte nach und nach mehr Banken in Deutschland staatliche Hilfen in Anspruch. Sie können unterschiedliche Instrumente nutzen:

Die erste Säule des Maßnahmenpaketes: Der Staat bürgt mit seinem guten Namen, dass eine Bank, die einer anderen Bank Geld leiht, darauf vertrauen kann, es auch wieder zurück zu bekommen. 400 Mrd. Euro [Glossar] sind für solche Garantien eingeplant. Das Geld wird erst in die Hand genommen, wenn tatsächlich ein Kredit ausfällt.

Die zweite Säule des Maßnahmenpaketes: Der Staat kann notleidenden Banken mit Finanzspritzen helfen. 70 Milliarden Euro sind dafür vorerst eingeplant, die über neue Schulden finanziert werden. Der Staat hilft aber nicht kostenfrei: Keine Leistung ohne Gegenleistung – für Stützungsmaßnahmen sind Gebühren [Glossar] zu entrichten. Wenn gewünscht, beteiligt sich der Staat an den Banken. In besseren Zeiten kann er die Anteile also wieder verkaufen. Wer von staatlicher Hilfe profitiert, der muss seine Managergehälter und Bonuszahlungen beschränken. Außerdem überprüft der Staat die Geschäftspolitik der Bank: Denn der Bundesregierung ist vor allem wichtig, dass kleinere und mittlere Unternehmen der deutschen Wirtschaft Kredite bekommen. Die Werft in Kiel, das Autohaus in Bielfeld oder der Frisör in Güstrow: Sie alle brauchen Banken, die ihnen mit Krediten gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zur Seite stehen.

Die eigens eingerichtete Finanzmarkstabilisierungsanstalt verwaltet den 100 Milliarden Euro schweren Sonderfonds, aus dem die Hilfsmaßnahmen bezahlt werden. Kontrolliert wird er vom Bundesfinanzministerium.

Politiker weltweit arbeiten nun daran, den Finanzmärkten neue Regeln aufzuerlegen und die Aufsicht zu verbessern. Beim Weltfinanzgipfel Mitte November hielten die 20 größten Industriestaaten fest: Kein Markt, kein Markteilnehmer, kein Finanzprodukt darf künftig ohne Regelung oder ohne Aufsicht sein. Die ersten Schritte zu einer neuen Weltfinanzordnung sind gemacht. Deutschland und Europa, die schon lange mehr Transparenz auf den Finanzmärkten gefordert hatten, versuchen nun, die neuen Regeln in diesem Sinne zu prägen. Das Weltfinanzsystem muss so umgebaut werden, dass sich eine solch gefährliche Krise nicht mehr wiederholen kann.

Die Spuren des Bebens an den Finanzmärkten bleiben noch länger sichtbar, Nachbeben sind nicht ausgeschlossen. Im November 2008 werden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft immer deutlicher. Jetzt steht die Politik vor der nächsten großen Aufgabe: Die Wirtschaft zu stärken, die Konjunktur [Glossar] anzuregen und vor allem: einen Schutzschirm für Arbeitsplätze zu spannen.

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