Presse14.02.2012  

Wir wollen alles tun, um Griechenland zu helfen - Wolfgang Schäuble im Interview mit dem ZDF

ZDF: Glauben Sie wirklich, dass es Griechenland auf die Beine hilft, wenn man den Leuten, die auf Mindestlohn [Glossar] oder Arbeitslosengeld [Glossar] oder Hilfe aus der Krankenkasse angewiesen sind, jetzt noch ein paar hundert Euro [Glossar] weniger gibt?

Schäuble: Man muss zunächst einmal sagen, man muss ja für die Not der Menschen in Griechenland Verständnis haben und auch dafür, dass sie das (als) ungerecht empfinden. Denn es gibt welche, die haben die Krise verursacht und die tragen wenig zur Lösung bei. Das ist wahr.

Aber wahr ist eben auch, dass Griechenland lange über seine Verhältnisse gelebt hat. Und dass Griechenland dringend eine wettbewerbsfähige Wirtschaft entwickeln muss. Und Griechenland ist zu teuer in seinen Produkten. Griechenland hat beispielsweise bis zu der Entscheidung einen wesentlich höheren gesetzlichen Mindestlohn gehabt als der Durchschnitt aller Eurostaaten. Der Mindestlohn in Griechenland ist beispielsweise viel höher als in Spanien. Und dann ist man zu teuer, dann verkauft man nichts und dann wächst die Arbeitslosigkeit.

Und deswegen müssen wir auf einen Weg kommen, wo die griechische Wirtschaft wieder Geld verdienen kann

ZDF: Die Leute, die zum Teil mit mafiösen Strukturen das Land abgesahnt haben, die werden irgendwann mal - angeblich - drankommen... Aber die Kürzungen für die kleinen Leute, die greifen jetzt über Nacht. Wie will man das verkaufen?

Schäuble: Wir arbeiten sehr intensiv daran, die Europäische Kommission, alle Institutionen der Europäischen Union, alles zu tun, was wir können, um Griechenland zu helfen, wirtschaftlich voran zu kommen. Wir bieten Griechenland jede Hilfe, jede Form von Beratung und Unterstützung an.

Griechenland muss das selber natürlich wollen. Wenn man immer sagt, nein, wir wollen nicht etwa unter eine Art Vormundschaft gestellt werden, wir haben unseren eigenen Stolz, das respektieren wir.

Aber wenn sie es allein nicht schaffen, weil die politische Klasse vielleicht Schwierigkeiten hat, als fair anerkannt zu werden, dann wäre es besser, sie würden mehr Unterstützung durch die EU akzeptieren. Wir machen das, um Griechenland zu helfen - zu keinem anderen Zweck.

ZDF: Im April sind Wahlen... Was machen Sie, wenn Ihre Partner, mit denen Sie jetzt Dinge aushandeln, im April ... weggefegt werden? ...

Schäuble: Das ist eine der großen Fragen. Wir müssen von jedem Land natürlich erwarten, dass das, was vereinbart wird, auch nach Wahlen gilt.

In Italien hat man sich dafür entschieden, das normale politische Spiel für eine bestimmte Zeit außer Kraft zu setzen. Man hat eine Regierung von Fachleuten unter ... Monti ins Amt gesetzt - und Italien macht große Fortschritte. Sie lösen die Probleme.

Und ich glaube, dass das wichtiger ist, als das übliche parteipolitische Spiel, das wir in Griechenland kennen, jetzt fortzusetzen. Deswegen finde ich, Griechenland müsste ein wenig darüber nachdenken, ob das der klügste Weg ist.

ZDF: Als die Griechenland-Hilfen losgingen, hat man uns in Deutschland gesagt, das müssen wir irgendwie verhindern, dass Griechenland bankrott geht, weil Europa nicht einen Bankrott Griechenlands überstehen kann. Haben sich die Gewichte seitdem verschoben?

Schäuble: Zunächst einmal tun wir ja weiterhin alles, was wir irgendwie tun können.

ZDF: Aber wenn es scheitern würde?

Schäuble: ...sind wir besser vorbereitet als vor zwei Jahren. Das ist auch unsere Verantwortung.

Aber nichtsdestoweniger: Es bleibt dabei, wir wollen alles tun, um Griechenland zu helfen, die Krise zu meistern. Und das, was wir jetzt erleben, wäre wahrscheinlich wesentlich weniger schlimm als das, was Griechenland drohen würde, wenn die Bemühungen um das Verbleiben Griechenlands in der Eurozone [Glossar] scheitern würde.

Das Interview führte Claus Kleber

Alle Rechte: ZDF.

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