- Datum 24.01.2026
SPIEGEL: Trump hat in einer teils aggressiven, teils konfusen Rede in Davos seinen Anspruch auf Grönland bekräftigt – und dann nur Stunden später einen Deal verkündet. Kommen Sie da noch mit?
Lars Klingbeil: Es ist gut, dass eine weitere Eskalation vorerst abgewendet werden konnte und dass der Dialog mit den USA weitergeht. Aber zu früh freuen sollten wir uns nicht.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Lars Klingbeil: Ich will die Vereinbarung jetzt erst einmal schwarz auf weiß sehen, es geht da um die Details. Wir sind bereit, gemeinsam als NATO die Sicherheit in der Arktis zu stärken. Und vor allem gibt es jetzt keinerlei Grund, sich zurückzulehnen. Ich will, dass wir Europa jetzt stärker machen.
SPIEGEL: Was hat zu der Kehrtwende geführt?
Lars Klingbeil: Bei Grönland sind wir Europäer völlig einig, dass territoriale Integrität und Souveränität nicht verhandelbar sind. Auf Trumps Zoll-Drohung haben wir unmissverständlich geantwortet, dass wir uns nicht erpressen lassen. Und wir haben klar gemacht, dass wir mit deutlichen Gegenmaßnahmen reagieren würden. Diese Klarheit und Geschlossenheit war wichtig. Gleichzeitig ist die Kritik in den USA an Trumps Kurs gewachsen. Ich glaube, dass beides zu einem ersten Einlenken geführt hat.
SPIEGEL: Herr Klingbeil, Sie haben während des Studiums einige Zeit in den USA verbracht. Würden Sie das jungen Menschen heute noch empfehlen?
Lars Klingbeil: Definitiv. Ich mag die USA sehr. Ich habe dort auch nach dem Studium viele Urlaube verbracht, Roadtrips gemacht, das Land kennen- und schätzen gelernt. Die USA sind viel mehr als Donald Trump. Und ich gebe den Glauben nicht auf, dass wieder bessere Zeiten kommen. Deshalb lohnt es sich, weiterhin in die USA zu reisen und den Austausch zu suchen.
SPIEGEL: Wie sehr schmerzen Sie die aktuellen Entwicklungen?
Lars Klingbeil: Schmerz ist nicht das richtige Wort. Aber die Entwicklungen lassen mich nicht kalt. Ich bin auch privat mit vielen Amerikanern im Gespräch und sehe, wie es dieses Land gerade zerreißt. Ich habe kürzlich mit jemandem geredet, der wegen Donald Trump aus den USA nach Berlin gezogen ist. Weil er nicht mehr ertragen hat, was dort passiert. Die Spaltung ist so tief, dass Menschen inzwischen das Land verlassen.
SPIEGEL: Sind die USA noch Verbündete oder schon Gegner?
Lars Klingbeil: Die USA sind keine Gegner. Wir werden deshalb weiter in das transatlantische Verhältnis investieren. Aber wir dürfen auch nicht naiv sein. Da findet gerade eine massive Lossagung der Trump-Administration von uns Europäern statt. Wir sehen das im Zollstreit, in der neuen US-Sicherheitsstrategie und natürlich auch in der Auseinandersetzung um Grönland. Damit stellt die amerikanische Seite das transatlantische Bündnis massiv infrage. Entscheidend ist jetzt, wie Europa darauf reagiert.
SPIEGEL: Und, wie reagieren wir?
Lars Klingbeil: Ich will, dass wir das selbstbewusst tun. Klar und deutlich. Deutschland wird gemeinsam mit Frankreich und anderen Partnern vorangehen, um Europa stärker und unabhängiger zu machen. Ich habe keine Lust, mich schmollend in die Ecke zu stellen und nur zu sagen, wie gefährlich Trumps Politik ist und wie furchtbar alles wird. Die EU ist mit 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern und 27 Ländern ein Machtfaktor. Diese Stärke werden wir einbringen, auch gegenüber Trump. Jeder in Europa sollte jetzt endlich den Schuss gehört haben.
SPIEGEL: Hat ihn denn jeder gehört?
Lars Klingbeil: Ich habe leider große Zweifel daran, dass das überall in Brüssel angekommen ist. Ein Stück weit hält Donald Trump uns gerade den Spiegel vor. Diese Trägheit, mit der in Europa Politik gemacht wird, ist den Umbrüchen in der Welt kaum gewachsen.
SPIEGEL: Ist das eine Kritik an der EU-Kommission?
Lars Klingbeil: Jedenfalls reichen die Trippelschritte nicht aus, in denen wir uns als EU bisher bewegt haben. Ich will, dass wir das Tempo deutlich erhöhen und unsere wirtschaftliche Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Nur dann kann Europa einem Donald Trump selbstbewusst gegenübertreten.
SPIEGEL: Trump will Strafzölle gegen europäische Länder verhängen, die Grönland unterstützen. Die EU droht mit Gegenzöllen im Umfang von 93 Milliarden Euro und legt einen Handelsdeal mit den USA vorerst auf Eis. Ist das selbstbewusst genug?
Lars Klingbeil: Unsere unmissverständliche Antwort auf Trumps Drohung lautet: Wir lassen uns nicht erpressen. Wir bereiten konsequente Gegenmaßnahmen vor – für den Fall, dass dieser weitere Zollkonflikt nicht bis zum 1. Februar noch abgewendet wird. Unsere Hand bleibt ausgestreckt, wir suchen gemeinsame Lösungen. Aber es gibt Grenzen und die werden hier überschritten.
SPIEGEL: Sowohl Sie als auch Außenminister Johann Wadephul waren gerade erst für Gespräche in den USA. Am Wochenende danach hat Trump Strafzölle angekündigt und den Konflikt um Grönland damit weiter eskaliert. Ist die Politik der ausgestreckten Hand nicht längst gescheitert?
Lars Klingbeil: Nein. Es ist richtig, dass Friedrich Merz jede Gelegenheit nutzt, mit Donald Trump zu reden und auf die Amerikaner Einfluss zu nehmen. Im Hinblick auf den russischen Angriffskrieg gibt es belastbare Gespräche zwischen der Ukraine, den USA und den Europäern – das ist ein Verdienst des Kanzlers. Und wenn jetzt im US-Kongress die Widerstände gegen eine Eskalation in Grönland wachsen, hat das auch mit den Gesprächen zu tun, die wir dort mit Politikern führen.
SPIEGEL: Frankreich hat vorgeschlagen, als Antwort auf Trumps Zölle die sogenannte „Handels-Bazooka“ der EU einzusetzen. Damit könnte die EU zum Beispiel zielgerichtet gegen einzelne US-Konzerne vorgehen. Unterstützen Sie das?
Lars Klingbeil: Für den Fall, dass Donald Trump die Strafzölle gegen uns umsetzt, werden wir mit Gegenmaßnahmen reagieren. Dabei darf man kein Instrument vom Tisch nehmen, sollte es aber auch nicht voreilig scharf schalten.
SPIEGEL: War das jetzt ein Ja oder ein Nein?
Lars Klingbeil: Europa hat die rechtlichen Instrumente, um auf wirtschaftliche Erpressung mit empfindlichen Maßnahmen zu reagieren. Wir sollten jetzt deren Einsatz prüfen. Das habe ich Anfang der Woche gemeinsam mit meinem französischen Kollegen betont. Wir sind uns hier einig.
SPIEGEL: Sollten die Strafzölle tatsächlich kommen – worauf müssen sich die Menschen in Deutschland dann einstellen?
Lars Klingbeil: Wenn das passiert, werden die Menschen in den USA und in Europa und die Unternehmen das natürlich spüren. Deshalb wollen wir die Zölle verhindern. Der Ball liegt jetzt aber nicht bei uns, sondern bei der Trump-Regierung.
SPIEGEL: Ihr Amtsvorgänger Christian Lindner sagte mal: „Der Ukrainekrieg macht uns alle ärmer.“ Lässt sich das auch über die Auseinandersetzung mit den USA sagen?
Lars Klingbeil: Wir müssen als Europa stärker werden. Und ja, das wird uns einiges abverlangen.
SPIEGEL: Was heißt das?
Lars Klingbeil: Wir sehen, wie Handel immer stärker als Waffe eingesetzt wird. Wir müssen verlässliche Lieferketten sicherstellen. Das wirkt sich auch auf Preise aus. Nehmen wir das Beispiel kritische Rohstoffe: Das sind Materialien, die eine hohe wirtschaftliche Bedeutung haben, weil wir sie etwa für elektronische Geräte oder Autos brauchen. Viel davon wird aus Drittländern importiert. Wir müssen deshalb in Europa dringend eine Notfallreserve aufbauen. Sonst sind wir verwundbar. Das wird Geld kosten. Es ist aber notwendig, um den Kontinent insgesamt stärker und unabhängiger zu machen.
SPIEGEL: Sie sprechen häufiger davon, dass Deutschland und die EU stärker und unabhängiger werden müssen. Was genau können wir uns darunter vorstellen?
Lars Klingbeil: Neben den Rohstoffen ist die digitale Souveränität zentral. Die Monopolmacht der großen amerikanischen Plattformen ist schädlich für die Wettbewerbsfähigkeit, für Verbraucher und für unser demokratisches System. Die Macht solcher Plattformen müssen wir bändigen. Dafür gibt es europäische Regeln, die konsequenter angewendet werden müssen. Wir müssen außerdem eigene Fähigkeiten aufbauen, zum Beispiel im Bereich Künstliche Intelligenz. Beim Thema Verteidigung müssen wir uns innerhalb der EU besser koordinieren. Wir bestellen immer noch zu viele Rüstungsgüter außerhalb der EU, das sollten wir ändern und mehr gemeinsam beschaffen.
SPIEGEL: Forderungen nach einer gemeinsamen Beschaffungspolitik gibt es seit Jahrzehnten. Bisher scheitern Deutschland und Frankreich aber sogar daran, ein gemeinsames Kampfflugzeug zu entwickeln. Wie soll sich das ändern?
Lars Klingbeil: Indem wir jetzt handeln. Wir erleben gerade einen sehr europäischen Moment. Europas Regierungen haben versucht, einen Umgang mit der Trump-Regierung zu finden, und diese Versuche gehen richtigerweise weiter. Gleichzeitig sind aber viele an dem Punkt, wo sie sagen: Es reicht! Ich habe dieses Gefühl am Wochenende artikuliert, und mich haben viele europäische Kollegen angerufen, um „danke“ zu sagen. Europa wird diese Herausforderung nur gemeinsam bestehen.
SPIEGEL: Die Frage bleibt, wie Sie für mehr Gemeinsamkeit sorgen wollen.
Lars Klingbeil: Deutschland muss in Europa eine Führungsmacht sein. Das habe ich bereits nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gesagt. Jetzt geht es darum, dass wir diese Führungsrolle annehmen und ausfüllen. Dass wir vorangehen. Führung heißt nicht, dass wir kleinere EU-Staaten übergehen. Aber wir müssen diejenigen sein, die Verantwortung übernehmen, Prozesse anstoßen, Tempo machen und Brücken bauen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie europäische Autonomie in der Techbranche organisieren? Ein europäisches Amazon, Tiktok oder Instagram ist nicht mal im Ansatz zu erkennen.
Lars Klingbeil: Es gibt Bereiche, in denen europäische Unternehmen stark sind, Cloud-Dienste zum Beispiel. Firmen wie SAP oder die Schwarz-Gruppe sind schon heute international konkurrenzfähig. Darauf sollten wir aufbauen. Unsere Strategie muss es sein, europäische Champions in zentralen Zukunftsmärkten zu entwickeln. Öffentliche Aufträge können dabei eine wichtige Rolle spielen.
SPIEGEL: Die öffentliche Hand soll nur noch bei europäischen Firmen bestellen?
Lars Klingbeil: In der aktuellen Welt sehe ich kaum eine Alternative dazu, stärker in diese Richtung zu gehen. Wenn im internationalen Handel niemand mehr nach den Regeln spielt, werden wir unsere Wirtschaft stärker schützen. Ich bin überzeugt, dass wir Buy-European-Klauseln brauchen. Und wir setzen sie auch um: zum Beispiel, indem in europäischen Autos europäischer Stahl verbaut wird.
SPIEGEL: Was ist mit der Finanzbranche? Dort geht ohne die USA ebenfalls nichts.
Lars Klingbeil: Auch dort wollen wir unabhängiger werden. Ich rede mit meinen europäischen Kollegen intensiv über mögliche Lösungen. Wir sehen gerade, dass sich viele Investoren aus den USA zurückziehen wollen, weil sie Vertrauen verlieren. Für deren Kapital kann Europa ein sicherer Hafen sein, aber dafür brauchen wir einen gemeinsamen Finanzmarkt. Beim privaten Zahlungsverkehr gilt das übrigens auch. Statt uns von US-Dienstleistern abhängig zu machen, stärken wir unsere europäischen Angebote.
SPIEGEL: Sie wollen in Europa mehr Tempo machen, aber hat Deutschland schon die richtige Geschwindigkeit? Der Bundestag hat gerade einen freiwilligen Wehrdienst beschlossen, aber keine Reaktivierung der Wehrpflicht – weil die SPD auf der Bremse stand. Wird Ihre Partei gerade von der Realität überholt?
Lars Klingbeil: Die Bundeswehr wächst. Wenn ich mit jungen Leuten rede, erlebe ich ein Interesse an unserer Armee wie nie zuvor, und angesichts der außenpolitischen Lage wird das eher noch steigen. Das Konzept, das Boris Pistorius auf den Weg gebracht hat, ist richtig – auch weil die Bundeswehr derzeit nicht über die Kapazitäten für flächendeckende Musterung und Ausbildung von Wehrpflichtigen verfügt. Die bauen wir gerade auf.
SPIEGEL: Bislang verlässt sich Deutschland auf den nuklearen Schutzschirm der Amerikaner. Müssen wir die atomare Abschreckung europäisch organisieren?
Lars Klingbeil: Die nukleare Abschreckung durch die NATO und die deutsche Teilhabe stelle ich nicht infrage. Ich will diesen transatlantischen Pfeiler unserer Sicherheit bewahren. Zugleich gibt es das Angebot Frankreichs, den französischen Nuklearschirm stärker für die europäische Sicherheit nutzbar zu machen. Auf diese Diskussion sollten wir uns einlassen.
SPIEGEL: Gehört dazu ein deutscher Zugriff auf französische Atombomben?
Lars Klingbeil: Wir haben uns im Atomwaffensperrvertrag verpflichtet, keine eigenen nuklearen Waffen zu besitzen. Diese völkerrechtliche Zusage gilt. Trotzdem sollten wir das französische Gesprächsangebot jetzt annehmen. Ein solcher strategischer Dialog zwischen Deutschland und Frankreich ist in diesen Zeiten angemessen.
SPIEGEL: Fast 40.000 US-Soldaten sind aktuell in Deutschland stationiert. Können Sie sich vorstellen, sie eines Tages zum Abzug aufzufordern?
Lars Klingbeil: Klares Nein! Wir machen keine Politik gegen die USA.
SPIEGEL: Die USA machen aber Politik gegen uns.
Lars Klingbeil: Ich werde nicht zu denjenigen gehören, die die Gräben zwischen den USA und Europa weiter vertiefen. Ich mache seit Jahren transatlantische Politik und treffe viele Amerikaner, die uns wohlgesonnen sind, die ein stärkeres Europa wollen. Daran arbeite ich – nicht gegen die USA.
SPIEGEL: Uns ist aufgefallen, dass Sie einen schärferen Ton gegenüber Donald Trump anschlagen als Friedrich Merz. Ist das jetzt die Rollenverteilung in der Bundesregierung: Merz der Zugewandte, Sie der harte Hund?
Lars Klingbeil: Wir sind in der Bundesregierung eng abgestimmt. Es gibt keine Differenzen zwischen Friedrich Merz und mir.
SPIEGEL: Unionsfraktionschef Jens Spahn hat mit Blick auf die geographische Lage Grönlands von „nachvollziehbaren Fragen“ gesprochen, die Trump stelle. Ein Fehler?
Lars Klingbeil: Er hat das später eingeordnet. Diese Einordnung fand ich hilfreich.
SPIEGEL: Andere Politiker probieren es mit Schmeichelei: Trump hat eine SMS des NATO-Generalsekretärs Mark Rutte veröffentlicht, in der Rutte schrieb, er könne ein Treffen mit Trump kaum erwarten. Empfinden Sie angesichts solcher Unterwürfigkeit Fremdscham?
Lars Klingbeil: Jeder hat seinen Stil. Ich halte es für wichtig, in dieser Lage Klartext mit den Amerikanern zu reden.
SPIEGEL: Wenn Sie eine SMS an Donald Trump schreiben müssten, wie ginge die?
Lars Klingbeil: Daran habe ich noch nicht gedacht. So viel kann ich sagen: Mein US-Amtskollege Scott Bessent und ich schreiben uns sehr nüchtern, ohne Emojis und ohne Show.