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22.10.2009

Monatsbericht

Wirt­schafts- und Fi­nanz­la­ge in den G20-Schwel­len­län­dern

  •   Die asiatischen G20-Schwellenländer mussten zwar aufgrund der weltweiten Krise auch Wachstumseinbußen hinnehmen, konnten aber insgesamt der Krise recht erfolgreich trotzen.

  •   Ungeachtet zum Teil deutlicher Wachstumsrückgänge in den lateinamerikanischen G20-Ländern und eines schwachen Starts zu Jahresbeginn gibt es inzwischen sehr positive Entwicklungen auf deren Finanzmärkten.

  •   Einige G20-Schwellenländer (Korea, Russland, Südafrika oder auch die Türkei) befinden sich derzeit in einer Rezession, aber es gibt erste Anzeichen einer deutlichen Erholung.

  •   Die Weltwirtschaft hat nach Einschätzung des IWF die Rezession überwunden. Größte Wachstumsimpulse für die weltwirtschaftliche Erholung kommen aus China und Indien.

1   Überblick

Bei den G20-Gipfeln im April (London) und September (Pittsburgh) waren nicht nur die größten Industrieländer, sondern auch die wichtigsten Schwellenländer vertreten. Das G20-Format 1 hat sich als zentrales Forum für die globale Zusammenarbeit in internationalen Wirtschaftsfragen erwiesen. Die wichtigen Schwellenländer gewinnen zunehmend an Bedeutung für die Weltwirtschaft. Dies zeigt sich auch in ihrem selbstbewussten Auftreten bei den G20. Allerdings sind diese Länder sehr heterogen. Daher wird in diesem Artikel die Wirtschafts- und Finanzlage der einzelnen G20-Schwellenländer näher betrachtet.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht im jüngsten World Economic Outlook 2 davon aus, dass die globale Rezession überwunden sein dürfte. Die Weltwirtschaft verzeichne wieder positive Wachstumsraten, vor allem bedingt durch eine starke Entwicklung in Asien und eine Stabilisierung oder moderate Erholung in anderen Regionen. Dabei sei allerdings die Geschwindigkeit der weltwirtschaftlichen Erholung gering und die wirtschaftliche Aktivität liege unter dem Vorkrisenniveau. Zwar erwartet der IWF für dieses Jahr noch einen Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung um 1,1 %, für 2010 sieht er aber bereits wieder ein Wachstum von 3,1 %. Die Schwellen- und Entwicklungsländer könnten sogar um 5,1 % expandieren. Der größte Wachstumsimpuls für die globale Wirtschaft dürfte dem IWF zufolge mit einem Zuwachs von 8,5 % im laufenden Jahr und 9 % im nächsten Jahr erneut aus China kommen.

Die wesentlichen Gründe für die gegenwärtige Erholung seien die expansiven Geld- und Fiskalpolitiken, insbesondere auch der G20-Schwellenländer, sowie in vielen Ländern die Bankenrettungsprogramme. Gleichzeitig sei die Entwicklung geprägt von niedrigen Inflationsraten. Um die Abwärtsrisiken nicht zum Tragen kommen zu lassen, warnt der IWF vor einem vorzeitigen Ausstieg aus den sehr expansiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen.

Die asiatischen G20-Länder haben bis auf Korea den weltwirtschaftlichen Abschwung relativ gut verkraftet. Bedingt durch umfangreiche Konjunkturprogramme, konnte die Inlandsnachfrage positiv beeinflusst werden. Die Aktienmärkte in China, Indien, Korea und Indonesien weisen alle zwischen Jahresbeginn und Ende September ein deutliches Plus aus, wobei insbesondere Indonesien mit einem Zuwachs von über 80 % stark auftrumpft, während Korea mit Kurssteigerungen von 48 % noch etwas hinterherhinkt.

Obwohl die lateinamerikanischen G20-Länder aufgrund der Finanzkrise 2009 zum Teil starke Wachstumsrückgänge verbuchen müssen, haben sich die betreffenden Finanzmärkte nach einem schwachen Start im Jahresverlauf zunehmend positiv entwickelt. Die Aktienmärkte Argentiniens und Brasiliens verzeichneten mit einem Plus von 92 % beziehungsweise 65 % bis Ende September besonders deutliche Gewinne. In Brasilien ist es gelungen, die Inlandsnachfrage durch geld- und fiskalpolitische Maßnahmen schnell zu stimulieren. Ungeachtet kräftiger Leitzinssenkungen hat die brasilianische Währung stark aufgewertet. Die robuste Binnennachfrage könnte dazu beitragen, dass Brasilien als eines der ersten Länder der Region die Krise überwindet und wieder auf einen Pfad mit dauerhaft positiven Wachstumsraten zurückfindet.

Russland, Südafrika und die Türkei befinden sich derzeit in einer ausgeprägten Rezession. Allerdings lässt die Entwicklung in den vergangenen Monaten eine Trendwende vermuten, da sich eine deutliche Verbesserung der Wirtschaftsindikatoren zeigt.


2   China

Im 1. Halbjahr 2009 konnte China nach offiziellen Angaben ein Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 7,1 % erzielen, wobei das Wachstum nicht zuletzt vom Binnenkonsum getragen wurde. China ist von der weltweiten Krise zwar betroffen, aber die Auswirkungen konnten durch schnelles und effektives Handeln der Regierung, u. a. durch ein rund 586 Mrd. US-Dollar umfassendes Konjunkturpaket, eingegrenzt werden. Das Land gehört nach wie vor zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Der IWF erwartet für 2009 ein Wirtschaftswachstum von 8,5 % und für 2010 von 9,0 %.

Seit Februar 2009, als die Inflationsrate zum ersten Mal in sechs Jahren um 1,6 % gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum gesunken war, verzeichnet China negative Inflationsraten. Im August 2009 lag die auf das Jahr bezogene Inflationsrate bei -1,2 %. Für das laufende Jahr rechnet der IWF mit einer durchschnittlichen Preissteigerungsrate von -0,1 % und für 2010 von 1,2 %. Das Inflationsziel der Regierung liegt bei jahresdurchschnittlich 4 %. Angesichts der weltweiten Krise haben die staatlichen chinesischen Banken ihre Kreditvergabe in diesem Jahr stark ausgedehnt. Zur Stimulierung der wirtschaftlichen Entwicklung haben sie im Zeitraum Januar bis Juli bisher insgesamt Kredite von 1,13 Bio. US-Dollar vergeben.

Der chinesische Aktienmarkt konnte – nach dem starken Einbruch im Jahr 2008 (-65%) – seit Anfang 2009 wieder deutlich an Wert zulegen. Der Shanghai Composite Index konnte von Beginn des Jahres bis Anfang August einen rasanten Anstieg verzeichnen, musste aber insbesondere Ende August und im September relativ starke Einbußen hinnehmen. Allein am 31. August verlor der Shanghai Composite 6,7 %, weil Anleger befürchteten, dass China zu einer strafferen Geldpolitik übergehen könnte. Bis Ende September konnte der Aktienindex gegenüber dem Jahresanfang aber immerhin noch einen Zugewinn um über 50 % ausweisen.

Im September 2008 hatte die chinesische Wertpapieraufsichtsbehörde (China Securities Regulatory Commission - CSRC) aufgrund der Finanzkrise und der dadurch verursachten schwachen Entwicklung am Aktienmarkt einen de-facto-Stopp für Börsengänge (IPO – initial public offering) von Unternehmen an den chinesischen Börsen verfügt. Seit Anfang Juni 2009 erlaubt die CSRC nun wieder IPOs. Außerdem sind seit Anfang Juni auch neue Regeln für Börsengänge in Kraft. Der Ausgabepreis der Aktien soll stärker vom Markt bestimmt, der Einfluss der Staatsbürokratie begrenzt werden. Auch soll es durch technische Änderungen für Privatpersonen leichter werden, Aktien zu kaufen. Anfang Juni fiel somit der Startschuss für eine Vielzahl von Börsengängen, u. a. ging Ende Juli das chinesische Bauunternehmen China State Construction Engineering mit den bisher weltgrößten IPO in diesem Jahr (7,3 Mrd. US-Dollar) in Shanghai an die Börse.

Die Risikoaufschläge für chinesische Staatsanleihen im Vergleich zu US-Treasuries lagen Ende September bei 86 Punkten – sie sind damit seit Jahresbeginn um mehr als 60 % zurückgegangen. Sie weisen nach wie vor das geringste Niveau der G20-Schwellenländer auf. Der Yuan wurde von der chinesischen Zentralbank auch im September gegenüber dem US-Dollar weitgehend stabil gehalten. Von Jahresbeginn bis Ende September hat er gegenüber dem US-Dollar marginal um 0,3 % aufgewertet. Gegenüber dem Euro erfolgte in diesem Zeitraum eine Abwertung um knapp 3,7 %. Die chinesischen Währungsreserven haben erstmals das Volumen von 2 Bio. US-Dollar überschritten. Sie sind im 2. Quartal 2009 um 178 Mrd. US-Dollar auf jetzt 2,13 Bio. US-Dollar gewachsen, ein Anstieg um 17,8 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Im laufenden Jahr gehen nach offiziellen Angaben die Exporte und Importe bisher jeweils mit zweistelligen Raten zurück. Von Januar bis August konnte bei Exporten von knapp 731 Mrd. US-Dollar und Importen von gut 607 Mrd. US-Dollar ein Handelsüberschuss von rund 122,8 Mrd. US-Dollar erzielt werden – ein Rückgang um 22,4 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Nach wie vor größter Handelspartner Chinas ist die EU mit einem Handelsvolumen (Januar bis August 2009) von 225 Mrd. US-Dollar. Bedingt durch den sinkenden Handelsüberschuss, ist von Januar und Juni dieses Jahres der Überschuss in der chinesischen Leistungsbilanz erstmals seit dem 1. Halbjahr 2004 wieder gesunken. Nach offiziellen Angaben belief sich der Leistungsbilanzüberschuss auf 130 Mrd. US-Dollar – ein Rückgang um 32 % gegenüber dem Vorjahresniveau. Der IWF rechnet für 2009 mit einem Leistungsbilanzüberschuss von 7,8 % des BIP und für 2010 mit 8,6 %.

Auch in China hatte sich die Zurückhaltung ausländischer Investoren in den vergangenen Monaten bemerkbar gemacht. Allerdings konnte China bei den ausländischen Direktinvestitionen (FDI--Foreign Direct Investment) im August erstmals seit zehn Monaten wieder einen Anstieg (um 7 %) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnen. Insgesamt konnte China seit Jahresbeginn (bis August) Zuflüsse an FDI in Höhe von 55,9 Mrd. US-Dollar erzielen; dies sind fast 12 Mrd. US-Dollar (oder 17,5 %) weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Abbildung 1: Ausländische Direktinvestitionen in China
Auslaendische-Direktinvestitionen-in-China Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

3   Indien

Die Kongresspartei unter Führung von Sonia Gandhi und Ministerpräsident Manmohan Singh konnte die Parlamentswahlen in Indien im Mai 2009 deutlich für sich entscheiden. Mit 262 Sitzen verfehlte die von der Kongresspartei angeführte „Vereinte Fortschrittsallianz“ (UPA) die absolute Mehrheit im Parlament lediglich um zehn Sitze. Unter Beteiligung kleinerer Regionalparteien gelang eine schnelle Regierungsbildung.

Indien bekam in diesem Jahr zwar die Auswirkungen der Finanzkrise mehr und mehr zu spüren, konnte sich aber dennoch relativ gut behaupten. Zwar konnten im Fiskaljahr 2008/2009 (April 2008 bis März 2009) nicht mehr die hohen Wachstumsraten von 9 % wie in den vergangenen Jahren erreicht werden. Im letzten Quartal des Fiskaljahres 2008/2009 ist Indiens Wirtschaft mit 5,8 % (gegenüber Vorjahreszeitraum) aber stärker als allgemein erwartet gewachsen. Das Wirtschaftswachstum lag im Fiskaljahr 2008/2009 insgesamt bei 6,7 %. Allerdings dürfte es sich nach Einschätzung des IWF weiter abschwächen. Indien sei aber aufgrund der bislang hohen Wachstumsraten gut aufgestellt, um den Auswirkungen der Finanzkrise auf die inländische Wirtschaft zu widerstehen. Für 2009 rechnet der IWF mit einem Anstieg des realen BIP um 5,4 %, für 2010 um 6,4 %.

Anfang Juli wurde der neue Haushalt für das Fiskaljahr 2009/2010 im Parlament vorgestellt. Die Ausgaben sollen um 36 % gegenüber dem Haushaltsplan 2008/2009 erhöht werden. Das Haushaltsdefizit der Zentralregierung dürfte demnach auf 6,8 % ansteigen. Im Haushaltsplan für 2008/2009 war noch ein Defizit von 2,5 % eingeplant, das tatsächliche Defizit lag aber bei 6,2 %. Im Rahmen der mittelfristigen Planung ist eine Rückführung des Defizits der Zentralregierung auf 5,5 % (2010/2011) beziehungsweise 4,0 % (2011/2012) vorgesehen. Bei der Haushaltsvorstellung wurde angekündigt, dass die Regierung für das laufende Haushaltsjahr ein BIP-Wachstum von 9 % anstrebe. Die Reaktion der indischen Wirtschaft auf den Haushalt war eher verhalten. Der Aktienindex Bombay BSE brach allein am Tag der Haushaltsvorstellung um 6 % ein. Allerdings konnte der indische Aktienmarkt – nur unterbrochen von kurzen Konsolidierungsphasen – bis Ende September einen beeindruckenden Wertzuwachs erzielen. Der indische Aktienindex Bombay BSE lag Ende September um mehr als 70 % über dem Wert zu Jahresbeginn.

Von Jahresbeginn bis Ende September hat die Rupie gegenüber dem US-Dollar um 1,6 % aufgewertet. Gegenüber dem Euro betrug die Abwertung der Rupie in diesem Zeitraum rund 2,5 %.

Im Fiskaljahr 2008/2009 ist das Handelsdefizit weiter auf 119 Mrd. US-Dollar angestiegen. Dabei beliefen sich die Exporte auf knapp 169 Mrd. US-Dollar, während die Importe knapp 288 Mrd. US-Dollar betrugen. Die indischen Exporte gingen 2008/2009 hauptsächlich in die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), nach China und Singapur, in die Niederlande und nach Großbritannien. Die Importe stammten überwiegend aus China, Saudi-Arabien, den VAE, den USA, dem Iran und Deutschland. Im Zeitraum April bis Juni 2009 erreichten die Exporte gut 35 Mrd. US-Dollar, die Importe lagen bei knapp 51 Mrd. US-Dollar. Damit fiel das Handelsdefizit um 13 Mrd. US-Dollar beziehungsweise fast 46 % niedriger aus als im Vorjahreszeitraum. Der Anstieg des Handelsbilanzdefizits aufgrund starker Exportrückgänge hat das Leistungsbilanzdefizit im Fiskaljahr 2008/2009 auf 29 Mrd. US-Dollar beziehungsweise 2,2 % des BIP steigen lassen. Im 1. Quartal 2009/2010 fiel das Defizit in der Leistungsbilanz für indische Verhältnisse mit 5,8 Mrd. US-Dollar relativ moderat aus. Der IWF erwartet für 2009 ein Leistungsbilanzdefizit von 2,2 % des BIP und 2010 von 2,5 %.

Die FDI in Indien sind auch im Fiskaljahr 2008/2009 leicht gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Die Zuflüsse lagen bei 35 Mrd. US-Dollar (Vorjahr: 34,4 Mrd. US-Dollar). Während von April bis September 2008 noch hohe FDI erfolgten, kam im Oktober der Einbruch. Seit Dezember war wieder – ein zunächst leichter – Anstieg an FDI zu verzeichnen. Betrugen die FDI im Dezember noch 1,3 Mrd. US Dollar, stiegen sie im Januar auf 2,7 Mrd. US-Dollar an. Im 1. Quartal des laufenden Fiskaljahres (April bis Juni 2009) flossen FDI in Höhe von 7 Mrd. US-Dollar nach Indien. Auch dies zeigt die deutlich positive Erwartung hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes.

Die Auslandsverschuldung hat bis Ende März 2009 (Ende des Fiskaljahres 2008/2009) ein Volumen von fast 224 Mrd. US-Dollar (oder 22 % des BIP) erreicht – sie lag damit nur leicht über dem Niveau des Vorjahres. Bis Ende Juni dieses Jahres stieg die Auslandsverschuldung auf knapp 228 Mrd. US-Dollar an. Der Anteil der kurzfristigen Verschuldung ging dabei von 19,5 % Ende März 2009 auf 17,8 % Ende Juni zurück und betrug 40,6 Mrd. US-Dollar. Der Anteil des Staates an der Auslandsverschuldung ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken und lag im Juni 2009 bei gut 25 %. Die Auslandsverschuldung war 2004 erstmals geringer als der Bestand an Währungsreserven der indischen Zentralbank. Diese Entwicklung konnte bis Juni 2009 – ungeachtet des zwischenzeitlichen Abschmelzens der Währungsreserven und des Anstiegs der Auslandsverschuldung – beibehalten werden. Ende September lagen die Währungsreserven wieder bei knapp 280 Mrd. US-Dollar.

4   Indonesien

Präsident Susilo Bambang Yudhoyono wurde bei den Präsidentschaftswahlen im Juli für weitere fünf Jahre mit über 60 % der abgegebenen Stimmen in seinem Amt bestätigt. Seine Konkurrenten, die ehemalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri und der bisherige Vizepräsident Jusuf Kalla, unterlagen mit 26,8 % beziehungsweise 12,4 % der Stimmen. Für seine zweite fünfjährige Amtszeit verfolgt Präsident Yudhoyono ehrgeizige Ziele. So strebt er für den Zeitraum 2010-2014 ein durchschnittliches reales BIP-Wachstum von 7 % pro Jahr an. Die jährliche Inflation soll unter 6 % gehalten werden.

Das indonesische Wirtschaftswachstum betrug im 2. Quartal 2009 insgesamt 4 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Damit ist die indonesische Wirtschaft in diesem Quartal so langsam wie seit nahezu sechs Jahren nicht mehr gewachsen. Noch im 1. Quartal 2009 war das BIP Indonesiens um 4,4 % gestiegen. Das reale BIP-Wachstum in Indonesien im 1. Halbjahr 2009 wurde im Wesentlichen vom privaten Konsum getragen. Für das Gesamtjahr hält die Regierung ein Wirtschaftswachstum von 4,5 % für möglich. Der IWF erwartet 4,0 % für 2009 und 4,8 % für 2010 – er hat seine Prognose gegenüber April somit deutlich angehoben, als er noch von 2,5 % beziehungsweise 3,5 % Wachstum ausging.

Anfang August legte der indonesische Präsident dem Parlament den Staatshaushalt 2010 mit einem Ausgabenvolumen von insgesamt 1 010 Bio. Rupiah (rund 100 Mrd. US-Dollar) vor. Der Haushaltsentwurf sieht vor, dass im Jahr 2010 Infrastrukturprojekte für rund 94 Bio. Rupiah (rund 9,3 Mrd. US-Dollar) durchgeführt werden. Die Verbesserung der indonesischen Infrastruktur, wie Straßen- und Brückenbau und der Hafenausbau, ist Voraussetzung für ein weiterhin starkes Wirtschaftswachstum des Landes. Weitere 29 Bio. Rupiah (knapp 2,9 Mrd. US-Dollar) sollen dazu verwendet werden, strategisch bedeutsame Industriezweige zu fördern.

Die Inflation stieg im September im Vergleich zum Vorjahr auf 2,8 %. Die indonesische Notenbank (Bank Indonesia) erwartet mittlerweile, dass die Inflationsrate für das Jahr 2009 unter 4 % fallen wird. Sie hat ihre Geldpolitik angesichts des nachlassenden Preisdrucks zuletzt im August gelockert und den Leitzins um 25 Basispunkte auf 6,5 % reduziert. Die Bank Indonesia signalisierte jedoch, dass damit das Ende im Lockerungszyklus erreicht sein könnte. Seit dessen Beginn im Dezember 2008 ist der Leitzins in neun Schritten um insgesamt 300 Basispunkte gefallen. Der IWF erwartet eine Inflationsrate von 5 % in diesem und von 6,2 % im nächsten Jahr.

Wie in anderen asiatischen Schwellenländern konnte auch der indonesische Aktienmarkt seit März deutlich an Wert zulegen. Der Jakarta Composite Index ist von Anfang des Jahres bis Ende September um über 80 % gestiegen. Die Ende 2008 stark unter Druck geratene indonesische Landeswährung Rupiah hat in den vergangenen Monaten wieder Auftrieb bekommen. Von Beginn des Jahres bis Ende September verzeichnete die Rupiah gegenüber dem US-Dollar eine Aufwertung um fast 15 %, gegenüber dem Euro betrug die Aufwertung mehr als 9 %. Neben den Devisenswapabkommen mit Japan, China, Korea und den ASEAN-Partnern erhielt die Landeswährung auch positive Impulse durch die Entscheidung des Präsidenten, in seiner zweiten Amtsperiode den bisherigen erfolgreichen Zentralbankpräsidenten Boediono ab Oktober 2009 zum Vizepräsidenten der Republik Indonesien zu ernennen. Die Währungsreserven betrugen Ende September 62 Mrd. US-Dollar, also rund 12 % des BIP.

Das Außenhandelsvolumen Indonesiens war aufgrund der globalen Rezession von Januar bis Juli 2009 stark rückläufig. Nach offiziellen Angaben sanken die Importe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 36 % auf 50 Mrd. US-Dollar. Die Exporte Indonesiens, die zu 66,5 % aus Erzeugnissen der verarbeitenden Industrie bestanden, gingen um knapp 28 % auf fast 60 Mrd. US-Dollar zurück.

Im 1. Halbjahr 2009 sanken die FDI in Indonesien gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres deutlich um 48 % auf 5,4 Mrd. US-Dollar. Für das Gesamtjahr 2009 rechnet die Regierung mit einer Halbierung des Volumens der FDI gegenüber dem Vorjahr (15 Mrd. US-Dollar). Ausländische Investitionen werden vor allem für Infrastrukturprojekte benötigt.

5   Korea

Südkorea befindet sich derzeit in einer Rezession. Das BIP schrumpfte im 1. Quartal 2009 um 4,2 % gegenüber dem Vorjahr, im 2. Quartal 2009 aber nur noch um 2,5 %. Zugleich konnte die koreanische Wirtschaft im 2. Quartal das stärkste Quartalswachstum seit fast sechs Jahren verzeichnen. Danach stieg das BIP gegenüber dem Vorquartal um 2,6 %. Der IWF geht für 2009 von einer Schrumpfung des BIP um 1,0 % aus, für 2010 schätzt er ein Wachstum von 3,6 %. Die koreanische Regierung erwartet hingegen ein Wirtschaftswachstum von 1,5 % für 2009 und für 2010 von 4,0 %.

Die Entwicklung der Inflation verläuft in Korea in diesem Jahr moderat. Die Inflation betrug im Juli 1,6 %, noch im März 2009 hatte sie bei 3,9 % gelegen. Im August ist der Verbraucherpreisindex erstmals seit sechs Monaten im Jahresvergleich wieder angestiegen, auf 2,2 %. Der IWF sieht die Inflationsrate in Korea 2009 bei 2,6 % und 2010 bei 2,5 %.

Der koreanische Aktienmarkt konnte seit März deutlich an Wert gewinnen. Der Seoul Composite verbuchte bis zum 30. September einen Zuwachs von fast 49 % gegenüber Anfang des Jahres. Mit über 1 600 Punkten hat er in etwa das Niveau von Juni 2008 erreicht. Hier spielten insbesondere die Erwartungen im Hinblick auf eine rasche wirtschaftliche Erholung ebenso eine Rolle wie die verbesserten inländischen Wirtschaftsindikatoren. Der koreanische Won wertet seit März gegenüber dem US-Dollar relativ stark auf. Betrug die Abwertung des Won gegenüber dem US-Dollar Anfang März im Vergleich zu Jahresbeginn rund 20 %, so lag der Won Ende September um knapp 7 % über dem Wert zu Jahresbeginn. Gegenüber dem Euro fällt die Aufwertung mit 2,6 % etwas geringer aus.

Die Rating-Agentur Fitch hat Anfang September die Kreditwürdigkeit Koreas von "negativ" auf "stabil" heraufgesetzt. Die koreanische Kreditwürdigkeit liegt damit bei A+. Als Gründe für diesen Schritt wurden insbesondere die Verbesserung der makroökonomischen Daten und der Anstieg der Währungsreserven auf 254 Mrd. US-Dollar in den vergangenen sechs Monaten genannt.

Von Januar bis Juli 2009 stiegen die FDI gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres um 32 % auf 6,8 Mrd. US-Dollar – das höchste Niveau seit 2000. Die starke Zunahme der FDI dürfte auf die gestiegene Erwartung im Hinblick auf eine wirtschaftliche Erholung zurückzuführen sein. Ausländische Investoren haben wieder größeres Zutrauen in das wirtschaftliche Potential Koreas. Insbesondere im 2. Quartal sind die FDI im Vorjahresvergleich um 62 % rasant gestiegen. Noch im 1. Quartal war ein massiver Einbruch um gut 38 % zu verzeichnen. Während die FDI aus den USA und Europa um fast 13 % beziehungsweise 16 % sanken, stiegen die Investitionen aus Japan um 82,6 % auf 1,18 Mrd. US-Dollar. Diese Bewegung bei den FDI ist besonders erwähnenswert, da die weltwirtschaftliche Rezession ansonsten zu einem starken Rückgang der FDI in Industrie- und Schwellenländern geführt hat.

Im Zeitraum von Januar bis Juli 2009 konnte Korea einen Leistungsbilanzüberschuss von gut 26 Mrd. US-Dollar erzielen. Allein im Juli erreichte der Überschuss in der Leistungsbilanz 4,4 Mrd. US-Dollar. Nach dem schlechten Ergebnis von 2008 mit einem Defizit von 0,7 % des BIP hat sich hier also eine deutliche Verbesserung eingestellt. Der IWF geht davon aus, dass Korea in diesem Jahr einen Leistungsbilanzüberschuss von 3,4 % des BIP erzielen wird, für 2010 werden 2,2 % erwartet. Allerdings fielen im August die Exporte um mehr als 20 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 29 Mrd. US-Dollar. Auch die Importe sanken im August um 32 % im Jahresvergleich auf 27,4 Mrd. US-Dollar. Der Handelsüberschuss lag im August bei knapp 1,7 Mrd. US-Dollar. Somit kann Korea seit Februar 2009 monatlich wieder Handelsüberschüsse ausweisen, was sich auch in der Leistungsbilanz deutlich niederschlägt.

Abbildung 2: Entwicklung der G20-Schwellenländer Aktienindizees (1. Januar 2009 = 100)
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

6   Russland

Russland befindet sich in einer schweren Rezession, ausgelöst durch die Finanzkrise und den im Verhältnis zu 2008 stark gesunkenen Rohstoff-, insbesondere Ölpreisen. Nach zehn Jahren kräftigen Wachstums (1998 bis 2007 durchschnittlich 6,9 %, auch 2008 noch 5,6 %) ging das BIP im 1. Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 10,2 % zurück. Noch stärker eingebrochen ist die Industrieproduktion, allen voran der Automobilbau und die Bauwirtschaft. Die steigende Arbeitslosigkeit, verschärft durch die monolithische Industriestruktur einiger Regionen, führt zu sozialen Spannungen. Allerdings scheint die Talsohle durchschritten zu sein: In den Monaten Juni, Juli und August wurden positive BIP-Wachstumszahlen zwischen 0,4 % und 1,5 % gemeldet. Der IWF erwartet für das Gesamtjahr 2009 noch einen BIP-Rückgang von 7,5 %, dem 2010 ein mäßiges Wachstum von 1,5 % folgen soll. Dabei dürften die Entwicklung der globalen Konjunktur und der Rohstoffpreise eine maßgebliche Rolle spielen.

Die Inflation verharrt trotz der Krise im zweistelligen Bereich, wenn auch in jüngerer Zeit ein leichtes Absinken auf zuletzt etwa 11 % zu verzeichnen war. Aufgrund dieser leichten Entspannung und zur Förderung der Kreditvergabe senkte die Zentralbank in den zurückliegenden Monaten schrittweise die Refinanzierungsrate auf zuletzt 10 %. Der IWF erwartet für dieses Jahr mit 12,3 % noch eine Inflation im zweistelligen Bereich, bevor 2010 mit 9,9 % der einstellige Bereich erreicht wird.

Von dem massiven Einsatz von Haushalts- und Reservemitteln zur Erhöhung der Liquidität und zur Stützung der Wirtschaft ist Russland inzwischen abgerückt, da die Regierung auch für die nächsten drei Jahre von einem schwierigeren wirtschaftlichen Umfeld und niedrigeren Ölpreisen ausgeht. Sie setzte in dieser Lage Akzente für finanzpolitische Solidität. Sowohl der überarbeitete Haushalt 2009 als auch die Haushaltsplanungen für die kommenden Jahre gehen von der konservativen Annahme eines Ölpreises von 41 US-Dollar/Barrel für 2009 aus, der in den Folgejahren nur langsam steigt. In dieser Projektion würden die Haushaltseinnahmen drastisch zurückgehen, was sich mit der Erfahrung des 1. Halbjahres 2009 deckt, in dem die Einnahmen um 33 % unter denen des Vorjahreszeitraums lagen. Ungeachtet der Ausgabenstreichungen in den Bereichen Verwaltung, innere Sicherheit, Militär und Infrastruktur wird es daher – auch wegen der steigenden Sozialausgaben und Transfers an besonders getroffene Regionen – 2009 zu einem Haushaltsdefizit von 7 % bis 10 % kommen. Maßnahmen zur Konjunkturstützung sind in der von der russischen Regierung als „Modernisierungshaushalt“ dargestellten Planung nicht flächendeckend, sondern nur für ausgewählte „strategische“ Unternehmen und Sektoren vorgesehen. Erklärte Absicht der Regierung ist es, die Krise auch als Impuls zur Modernisierung und Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur zu nutzen.

Der Erholungstrend der russischen Finanzmärkte nach schwerwiegenden krisenbedingten Verlusten hatte schon im Februar 2009 begonnen und setzte sich ungeachtet eines zeitweiligen Rückschlags im Juni bis Ende September stetig fort. Die Abhängigkeit von der Ölpreisentwicklung veranschaulicht dabei insbesondere der Verlauf des führenden Aktienindex RTS, der zur Hälfte aus Unternehmen der Öl- und Gasindustrie besteht, die zudem vier der fünf größten russischen Konzerne stellen. Weitgehend parallel zur Entwicklung des Ölpreises verzeichnete der Index zwischen Mai 2008 und Februar 2009 einen Wertverlust von 79 %. In der anschließenden Phase der von 41 US-Dollar/Barrel auf etwa 65 US-Dollar/Barrel wieder anziehenden Ölpreise stiegen die Aktien um 146 % und haben bereits wieder den Stand vom September 2008 erreicht.

Russland verfügt derzeit mit 410 Mrd. US-Dollar nach wie vor über die dritthöchsten Devisenreserven weltweit. In den dadurch erweiterten Handlungsmöglichkeiten des Staates besteht ein entscheidender Unterschied sowohl zur Russlandkrise 1998 als auch zur Situation der benachbarten GUS-Staaten Ukraine und Weißrussland. Etwa die Hälfte der Reserven befindet sich in den Reserve- und Wohlstandsfonds, deren Zweckbestimmung erweitert wurde, um zum Ausgleich der krisenbedingt rückläufigen Staatseinnahmen beitragen zu können. Die Regierung setzt zur Finanzierung des Haushaltsdefizits vorrangig auf diese Reserven und kalkulierte deswegen deren Abschmelzen auf etwa 335 Mrd. US-Dollar bis Ende 2009 ein. Zur Erhaltung von Handlungsspielräumen ist beabsichtigt, ergänzend auf Kredite der internationalen Finanzinstitutionen und neue Auslandsanleihen zurückzugreifen.

Durch die Kapitalabflüsse in der Finanzkrise und die sinkenden Rohstoffpreise musste die Zentralbank trotz Unterstützung des Rubels an den Devisenmärkten zwischen November 2008 und Januar 2009 insgesamt vierzehnmal den Interventionskorridor gegenüber US-Dollar und Euro erhöhen. Der Rubel fiel gegenüber dem US-Dollar um bis zu 46 %. Die Währungsreserven verringerten sich von ursprünglich rund 600 Mrd. US-Dollar auf etwa 380 Mrd. US-Dollar im Februar 2009. Für die dann einsetzende Wende war neben der Ankündigung der Regierung, keinen weiteren Rubelverfall zuzulassen, und der zeitweiligen Anhebung der Zinssätze durch die Zentralbank wiederum in erster Linie der anziehende Ölpreis verantwortlich. Der Rubel stabilisierte sich zunächst und konnte sich sodann bis Ende September um 21 % auf etwa 30 Rubel/US-Dollar verbessern. Er hat damit aber immer noch innerhalb eines Jahres 16 % beziehungsweise 17 % gegenüber dem US-Dollar und dem Euro verloren.

Ungeachtet der im Verhältnis zum Vorjahr drastisch niedrigeren Öl- und Rohstoffpreise hat Russland nach wie vor eine positive Leistungsbilanz. Der Überschuss wird von 6,1 % im Jahr 2008 laut IWF-Prognose in diesem Jahr auf 3,6 % zurückgehen und schon 2010 wieder auf 4,5 % steigen.

Ungeachtet der leichten Erholungstendenzen der jüngsten Zeit wird die Wirtschaftskrise voraussichtlich zu einem deutlichen Anstieg der Kreditausfälle der russischen Banken führen. Auch die großen Industriekonglomerate sind in Umschuldungsverhandlungen mit ihren Gläubigerbanken eingetreten. Demnächst werden zahlreiche in Fremdwährungen aufgenommene Unternehmenskredite fällig. Die Schätzungen des Anteils der Problemkredite gehen zwar weit auseinander, doch ist das Problem als solches unbestritten. Die russische Regierung hält Mittel zur Rekapitalisierung von privaten Banken bereit.

7   Argentinien

Am 28. Juni 2009 fanden in Argentinien Wahlen statt, bei denen die Hälfte der Abgeordneten des Parlaments und ein Drittel des Senates neu gewählt wurden. Dabei verlor die Regierungsfraktion der peronistischen Partei PJ (Partido Justicialista) ihre Mehrheit. In der Folge trat Ex-Präsident Néstor Kirchner vom Vorsitz der PJ zurück. Zu seinem Nachfolger wurde der Gouverneur der Provinz Buenos Aires, Daniel Scioli, ernannt. Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner reagierte auf die Niederlage mit einer Kabinettsumbildung; u. a. ernannte sie Amado Boudou, der bis zu diesem Zeitpunkt die Nationale Behörde für Soziale Sicherheit (Anses) geleitet hatte, zum neuen Wirtschafts- und Finanzminister.

Die Finanzierung des argentinischen Staatshaushaltes wurde im Jahresverlauf 2009 zunehmend schwieriger. Dies zeigt sich u. a. in der Entwicklung des Primärüberschusses (Budgetsaldo ohne Zinszahlungen), der von Januar bis Juli dieses Jahres kumuliert rund 2 Mrd. US-Dollar und damit rund 67 % weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum betrug. Wesentliche Ursache dieser Entwicklung ist, dass die Staatsausgaben bislang schneller als die Steuereinnahmen stiegen. Für die argentinische Regierung wird es damit sehr schwer, dieses Jahr das selbstgesteckte Ziel eines Primärüberschusses in Höhe von knapp 3,3 % des BIP zu erreichen.

Die offizielle Jahresinflationsrate ist im August 2009 auf 5,9 % nach 5,5 % im Juli gestiegen. Inoffizielle Schätzungen lokaler Analysten gehen jedoch für August von einer deutlich stärkeren Zunahme der Konsumentenpreise auf Jahresbasis von rund 14 % aus. Sie werfen der argentinischen Statistikbehörde Indec schon seit längerer Zeit vor, die Inflationsrate durch die Herausnahme wichtiger Segmente nicht korrekt zu berechnen. Die Prognose des IWF für die Inflationsrate beläuft sich für das Gesamtjahr 2009 auf 5,6 % und für 2010 auf 5,0 %.

Die argentinische Aktienbörse profitierte eindrucksvoll von der positiven Stimmungslage der weltweiten Finanzmärkte in den vergangenen Monaten. Von Anfang Januar bis Ende September dieses Jahres verbuchte der MERVAL-Aktienindex einen Zuwachs von über 90 %. Ebenso sank der Risikoaufschlag auf argentinische Staatsanleihen seit Jahresbeginn um 940 Basispunkte auf rund 800 Basispunkte bis zum Ende des Monats September. Damit weist Argentinien von allen G20-Ländern jedoch immer noch den mit Abstand höchsten Risikoaufschlag auf. Darin zeigt sich weiterhin, dass das Land die Problematik im Zusammenhang mit Inhabern argentinischer Altanleihen (Holdouts) noch nicht gelöst und keinen geregelten Zugang zu den internationalen Finanzmärkten hat. Auch der argentinische Peso hat in diesem Jahr bis Ende September rund 10 % seines Wertes gegenüber dem US-Dollar und rund 14 % gegenüber dem Euro eingebüßt.

Argentinien zählt neben Mexiko zu den lateinamerikanischen Ländern mit der schlechtesten Wirtschaftsentwicklung 2009. Der IWF geht für dieses Jahr von einem Rückgang des realen Wirtschaftswachstums in Argentinien um 2,5 % aus. Betrachtet man das Gesamtjahr, ist dies die erste Kontraktion der Wirtschaftsleistung seit den Jahren 1999 bis 2002, als die Wirtschaft infolge der argentinischen Wirtschafts- und Währungskrise ebenfalls deutlich schrumpfte. Die Verschlechterung der Wirtschaftslage im Jahr 2009 ist vor allem auf einen starken Rückgang der Exporte und der Binnennachfrage zurückzuführen. 2010 dürfte die wirtschaftliche Expansion aus Sicht des IWF dagegen wieder leicht um 1,5 % zunehmen.

Von Januar bis Juli 2009 verringerten sich die Exporte Argentiniens gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum um 21 % auf rund 32 Mrd. US-Dollar. Da die Importe noch stärker abnahmen, und zwar um 39 % auf 21 Mrd. US-Dollar, stieg der Handelsbilanzüberschuss im Betrachtungszeitraum auf 11,2 Mrd. US-Dollar (Vorjahreszeitraum: +6,3 Mrd. US-Dollar). Schätzungen von Bankanalysten gehen für das Gesamtjahr 2009 von einem Exportrückgang um 23 % und einer Abnahme der Importe um 29 % aus. Der Handelsbilanzüberschuss dürfte dann im Jahr 2009 rund 12 Mrd. US-Dollar beziehungsweise 5,5 % des BIP betragen.

8   Brasilien

Im bisherigen Jahresverlauf kam Brasiliens Wirtschaft vergleichsweise glimpflich durch die Finanzkrise. Die amtliche Statistik weist für das reale Wirtschaftswachstum im 2. Quartal 2009 eine Zunahme von 1,9 % gegenüber dem Vorquartal aus und belegt damit das Ende der Rezession. Schon im 1. Vierteljahr stellte die brasilianische Wirtschaft mit einem überraschend geringen Rückgang von 1 % gegenüber dem Vorquartal ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis. Die Konjunkturerholung ist zu einem wesentlichen Teil auf die zunehmende Inlandsnachfrage zurückzuführen: Die Konsumausgaben stiegen im 2. Vierteljahr um 2,1 % gegenüber dem Vorquartal an. Die Erwartungen des IWF für das reale BIP-Wachstum Brasiliens belaufen sich für 2009 auf -0,7 % und für 2010 bereits wieder auf 3,5 %. Andere Schätzungen halten für das Gesamtjahr 2009 sogar ein geringes Wachstum für möglich.

Auch die brasilianische Regierung versuchte, durch vielfältige fiskalpolitische Maßnahmen die wirtschaftliche Kontraktion abzumildern. Zu den Stützungsmaßnahmen zählen Steuererleichterungen, Investitionsanreize, zinssubventionierte Förderbankkredite, Anhebung von Sozialleistungen und Mindestlöhnen sowie von Gehältern und Renten im Staatsdienst. Hinzu kommt die Aufstockung bereits laufender wirtschaftspolitischer Maßnahmen wie das mehrjährige Infrastrukturprogramm PAC (Programa de Aceleração do Crescimento, Programm zur Beschleunigung des Wachstums) auf insgesamt rund 350 Mrd. US-Dollar.

 

Die brasilianische Notenbank hat die Leitzinsen von Januar bis September dieses Jahres um insgesamt fünf Prozentpunkte auf ein historisch niedriges Niveau von 8,75 % gesenkt und damit zur Belebung der Konjunktur beigetragen. Die sich verringernden Teuerungsraten und Inflationserwartungen erleichterten dabei die geldpolitische Lockerung. Auf Jahresbasis ging die Inflationsrate von 6,3 % im 3. Quartal 2008 auf 4,8 % im 2. Quartal dieses Jahres zurück. Wegen des Konjunktureinbruchs infolge der Finanzkrise erwartet der IWF in diesem Jahr einen Rückgang der Inflation auf durchschnittlich 4,8 % nach 5,7 % im Jahr 2008.

Obwohl auch Brasilien aufgrund der Finanzkrise deutliche Wachstumseinbußen hinnehmen musste, hat sich sein Finanzmarkt sehr positiv entwickelt. Der Bovespa-Index der brasilianischen Börse stieg im bisherigen Jahresverlauf bis Ende September um rund 65 %, der Risikoaufschlag auf brasilianische Staatsanleihen ging im gleichen Zeitraum um 190 Basispunkte auf 240 Basispunkte zurück. Zu dieser positiven Entwicklung hat auch die Stabilität des brasilianischen Bankensektors beigetragen, der von der Finanzkrise kaum in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dies kommt auch in den von der brasilianischen Zentralbank veröffentlichten Stresstests zum Ausdruck, die dem brasilianischen Bankensystem eine hohe Widerstandsfähigkeit attestieren.

Der IWF geht davon aus, dass sich der Leistungsbilanzsaldo 2009 mit -1,3 % des BIP gegenüber dem Vorjahr (-1,8 % des BIP) zwar etwas verbessern, aber weiterhin im negativen Bereich bleiben wird. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass mittlerweile wieder hohe Auslandsinvestitionen das Leistungsbilanzdefizit kompensieren: Für den Zeitraum von Januar bis Juli 2009 stehen einem Fehlbetrag in der Leistungsbilanz von 8,7 Mrd. US-Dollar Kapitalzuflüsse von rund 40 Mrd. US-Dollar gegenüber. So nutzen zum Beispiel brasilianische Unternehmen die günstige Finanzmarktsituation für neue Emissionen, die bei ausländischen Investoren auf hohe Nachfrage treffen. Die Kapitalzuflüsse tragen in Verbindung mit wieder steigenden Rohstoffpreisen sowie der positiven Einschätzung der makroökonomischen Entwicklung des Landes durch viele Marktteilnehmer dazu bei, dass die brasilianische Währung kräftig aufwertet. Von Jahresbeginn bis Ende September hat der Real gegenüber dem US-Dollar um rund 33 % sowie gegenüber dem Euro um rund 28 % zugelegt.

Abbildung 3: Wachstum des realen BIP in Brasilien seit 2001
Wachstum-des-realen-BIP-Brasilien Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

9   Mexiko

Am 5. Juli 2009 haben in Mexiko Zwischenwahlen zum Parlament stattgefunden. Sie werden jeweils in der Mitte der auf sechs Jahre terminierten Legislaturperiode angesetzt. Die regierende Partei der nationalen Aktion (PAN) des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón verlor kräftig und kam nur noch auf knapp 28 % der abgegebenen Stimmen. Die oppositionelle Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die bis zu Ihrer Wahlniederlage im Jahr 2000 Mexiko rund 70 Jahre lang ununterbrochen regiert hatte, erreichte 37 % der Stimmen und stellt damit die stärkste Fraktion in der Abgeordnetenkammer. Der Stimmenanteil der linksorientierten Partei der Demokratischen Revolution (PRD) brach von 29 % auf 12 % ein. Externe Beobachter befürchten, dass es aufgrund der Stimmenverluste für die Regierung schwieriger wird, erforderliche Reformen, wie zum Beispiel die Verringerung der Abhängigkeit der öffentlichen Einnahmen vom Ölsektor, durchzusetzen.

Mexikos Wirtschaft wurde durch die Finanzkrise sehr hart getroffen und steckt in einer tiefen Rezession. Das reale Wirtschaftswachstum gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum betrug 2009 im 2. Quartal -10,3 % nach -8,0 % im 1. Quartal. Die Prognose des IWF sieht das reale BIP-Wachstum im Gesamtjahr 2009 bei -7,3 %. Der IWF geht jedoch davon aus, dass sich die Kontraktion der Wirtschaft allmählich verringert und das Wachstum im nächsten Jahr mit +3,3 % wieder in den positiven Bereich dreht. In den derzeit schlechten Wirtschaftsdaten Mexikos spiegelt sich unter anderem die starke Abhängigkeit der Konjunktur vom US-amerikanischen Markt wieder. Rund 80 % aller mexikanischen Exporte gehen in die USA. Zu der schweren Rezession tragen auch der Rückgang der mexikanischen Binnennachfrage sowie die Auswirkungen der sogenannten Schweinegrippe bei.

Das Virus infizierte im April 2009 zunächst in Mexiko zahlreiche Menschen und forderte eine Reihe von Todesopfern. Insbesondere der Tourismussektor, die drittwichtigste Devisenquelle Mexikos, hat unter dem Ausbruch der Infektion stark gelitten. Darüber hinaus verstärkte die Reduzierung wirtschaftlicher Aktivitäten aus Gründen des Gesundheitsschutzes, wie zum Beispiel die Absage öffentlicher Veranstaltungen und der daraus resultierende Nachfragerückgang, den konjunkturellen Abschwung zusätzlich. Schätzungen zufolge könnte der Ausbruch der Schweinegrippe das mexikanische BIP 2009 insgesamt um 2,2 Prozentpunkte verringern.

Im Gegensatz zu früheren Rezessionen befindet sich die Inflation in Mexiko unter Kontrolle. Dies ist vor allem der Stabilisierung der mexikanischen Finanzpolitik der vergangenen Jahre zu verdanken. Im August 2009 ist die auf das Jahr bezogene Inflationsrate auf 5,1 % nach 5,4 % im Juli zurückgegangen. Für das laufende Jahr rechnet der IWF mit einer durchschnittlichen Preissteigerungsrate von 5,4 % und für 2010 mit 3,5 %. Wegen des nachlassenden Inflationsdrucks und zur Stabilisierung der Kreditmärkte hat die mexikanische Notenbank im Jahresverlauf ihre Geldpolitik deutlich gelockert. Mittels schnell aufeinanderfolgender Leitzinssenkungen hat sie den Leitzins von 8,25 % Anfang dieses Jahres bis auf 4,5 % bis September gesenkt.

Angesichts des sehr starken Wachstumseinbruchs verwundert es nicht, dass sich der mexikanische Aktienmarkt schlechter als in den meisten anderen G20-Schwellenländern entwickelt hat. Gleichwohl konnte der mexikanische IPC – aufgrund der im Jahrsverlauf gewachsenen Zuversicht an den weltweiten Finanzmärkten – zwischen Januar und Ende September dieses Jahres immerhin ein Plus von rund 31 % verzeichnen (zum Vergleich Emerging-Markets-Index: +64%). Auch der Außenwert des mexikanischen Peso hat sich im gleichen Zeitraum mit +1 % gegenüber dem US-Dollar beziehungsweise -3 % gegenüber dem Euro nur wenig verändert. Die Währungen anderer Schwellenländer werteten in der gleichen Zeitspanne dagegen deutlich auf. Der Risikoaufschlag mexikanischer Staatsanleihen ging seit Anfang 2009 um 190 Basispunkte auf 250 Basispunkte bis Ende des Monats September zurück. Mexiko zählt damit weiterhin zu den Schwellenländern mit vergleichsweise niedrigen Spreads.

Im 1. Halbjahr 2009 kam es in Mexiko zum stärksten Rückgang der Exporte seit 1980. Insgesamt brachen die Ausfuhren um rund 30 % gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum ein. Dazu trugen vor allem Rückgänge bei den Erdöleinnahmen von rund 55 % und beim verarbeitenden Gewerbe von rund 25 % bei. Da sich zugleich auch die Importe stark verringerten, ging das Handelsbilanzdefizit im 1. Halbjahr 2009 um rund 50 % auf 1,2 Mrd. US-Dollar zurück. Der Prognose des IWF zufolge dürfte sich der mexikanische Leistungsbilanzsaldo mit voraussichtlich -1,2 % des BIP 2009 im Vergleich zum Vorjahr, als das Leistungsbilanzdefizit bei 1,4 % des BIP lag, nur leicht verbessern.

10   Saudi-Arabien

Das Königreich Saudi-Arabien kann ungeachtet der weltweiten Finanz- und Wirtschaftkrise mit relativ guten makroökonomischen Daten aufwarten. Der Finanzsektor, der relativ gering mit den Weltfinanzmärkten verknüpft ist, wird weitgehend staatlich gelenkt und ist daher von den Turbulenzen kaum betroffen. Die Auswirkungen der Krise beschränken sich auf einen erwarteten Rückgang des BIP um 0,9 % im Jahre 2009 (nach +4,4 % im Jahr 2008), hervorgerufen vor allem durch gesunkene Erlöse aus dem Erdölexport, die alleine das BIP um 10,3 % senken. Der Leistungsbilanzüberschuss wird nach Erwartung des IWF von 28,6 % im Jahr 2008 auf 4,1 % des BIP in diesem Jahr sinken. 2010 wird bei einem Anziehen der Weltkonjunktur und damit verbundener höherer Ölnachfrage wieder ein Überschuss der Leistungsbilanz von 11,4 % des BIP erwartet. Der Nicht-Öl-Sektor wird in diesem Jahr voraussichtlich um 3,3 % wachsen, was vor allem den konjunkturellen Stabilisierungsmaßnahmen der Regierung geschuldet ist. Für das Jahr 2010 rechnet der IWF mit einem positiven Wachstum des BIP von 4,0 %.

Saudi-Arabien gelingt es offensichtlich durch die konsequente Umsetzung seines Konjunkturprogramms im Umfang von 100 Mrd. US-Dollar für 2009, die Auswirkungen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gut abzufedern. Das Bankensystem blieb dank der in der Vergangenheit kontinuierlich strengen Aufsicht durch die Zentralbank über den gesamten Verlauf der Krise stabil. Der Anteil der toxischen Wertpapiere beziehungsweise fauler Kredite wird auf nur 1,5 % geschätzt. Angesichts der Finanzkrise erleidet allerdings der zuletzt boomende Bereich der nach islamischem Recht konzipierten Anlageprodukte („Islamic Banking“) einen Einbruch. Darüber hinaus hat Saudi-Arabien beträchtliche Verluste seiner Staatsfonds zu verzeichnen, Gleiches gilt für private saudi-arabische Investoren in Bezug auf Anlagen in weltweite Unternehmensbeteiligungen; über genaue Zahlen wird jedoch traditionell nichts verlautet.

Die Vergabe von Krediten durch die Geschäftsbanken war zwar bis zur Jahreshälfte 2009 deutlich rückläufig, es ist jedoch derzeit eine Bodenbildung zu erkennen. Einer befürchteten schwerwiegenden Kreditklemme ist die Zentralbank durch eine starke Absenkung des Einlagenzinssatzes für heimische Geschäftsbanken auf 0,25 % zuvorgekommen. Seit dem 4. Quartal 2008 hat die Zentralbank zusätzlich 8,5 Mrd. US-Dollar bei Geschäftsbanken angelegt, um diesen mehr Liquiditätsspielraum zur Vergabe von Krediten zu verschaffen.

Die Inflation fiel im August dieses Jahres auf 4,1 %. Der IWF erwartet für das Gesamtjahr 2009 eine Preissteigerungsrate von 4,5 % und für 2010 von 4,0 %. Im Jahr 2008 hatte die Inflation noch bei 9,9 % gelegen. Die Zentralbank senkte angesichts dieser Entwicklung den Mindestreservesatz ab, von zunächst 13 % auf 10 % und im 1. Quartal 2009 noch einmal von 10 % auf 7%.

Der Ausblick für Saudi-Arabien ist grundsätzlich positiv. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s bescheinigt dem Land (bei einem Rating von AA-) eine sehr starke externe und finanzielle Position, die der Regierung Spielräume schafft für entsprechende Gegenmaßnahmen bei etwaigen konjunkturellen Herausforderungen. Die Erholung der Weltwirtschaft wird voraussichtlich mit steigenden Ölpreisen einhergehen, was es Saudi-Arabien ermöglichen wird, durch entsprechende Investitionen die Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur voranzutreiben. Der Ölpreis von derzeit rund 70 US-Dollar wird von der Regierung auch als ausreichend angesehen, um notwendige Investitionen im Ölsektor zu tätigen, weitere Haushaltsüberschüsse zu erzielen und die seit Ende 2008 verbrauchten Rücklagen in Höhe von 50 Mrd. US-Dollar (von Gesamtrücklagen in Höhe von 442 Mrd. US-Dollar) wieder aufzufüllen.

Anfang Dezember stimmte das Kabinett der Einrichtung einer Währungsunion der Staaten des Golfkooperationsrates zu, die diese Ende vergangenen Jahres in Oman beschlossen hatten. Mitglieder im Gulf Cooperation Council (GCC) neben Saudi-Arabien sind Kuwait, Katar, Bahrain, die VAE und Oman; Jemen ist assoziiertes Mitglied. Sitz der gemeinsamen Zentralbank soll Riad werden. Das tatsächliche Inkrafttreten der Währungsunion setzt aber noch die Zustimmung der anderen Mitgliedstaaten voraus. Die VAE hatten im Mai, wie zuvor bereits Oman, Abstand von einer eigenen Mitgliedschaft signalisiert. Ein tatsächliches Zustandekommen erscheint daher weiter fraglich.

11   Südafrika

Die neue Regierung um Jacob Zuma, der im April dieses Jahres zum Präsidenten Südafrikas gewählt worden war, hat mittlerweile ihre Arbeit aufgenommen. Die Herausforderungen, denen sie gegenübersteht, sind beträchtlich. Auch wenn Südafrika aufgrund eines stark regulierten Bankensektors kaum direkt von der Finanzkrise getroffen wurde, sind die konjunkturellen Auswirkungen der weltweiten Rezession deutlich zu spüren. Verschärfend kommt die seit einiger Zeit zu beobachtende Aufwertung der Landeswährung Rand hinzu.

Das BIP sank zwar im 2. Quartal dieses Jahres um 3 %. Das Tempo der Talfahrt hat sich allerdings verlangsamt. Im 1. Quartal war es noch um 6,4 % bergab gegangen (nach 3,1 % Wachstum im Jahr 2008). Für das Gesamtjahr 2009 erwartet der IWF einen Rückgang des BIP um 2,2 %. Für 2010 geht er aber wieder von einer positiven Wachstumsrate von 1,7 % aus. Angesichts der konjunkturellen Belastungen hat die Regierung kürzlich ihre Erwartung für das Defizit des Haushalts 2009/2010 auf 6 % nach unten revidiert.

Die Inflationsrate ist nach Angaben der Zentralbank im August auf 6,4 % gesunken, verglichen mit den noch im August 2008 gemessenen 11,5 % ein deutlicher Rückgang. Insgesamt bewegt sie sich aber noch immer auf einem relativ hohen Niveau. Die südafrikanische Notenbank wird die weitere Entwicklung daher aufmerksam beobachten müssen, will sie ihren Zielkorridor von 3 % bis 6 % für das Gesamtjahr erreichen. Die Aussichten sind angesichts einer signifikanten Lücke bei der Kapazitätsauslastung der Industrie, sinkender Nahrungsmittelpreise und der Stärke des Rand positiv. Über den zukünftigen Kurs der Zentralbank, die den Leitzins seit Mitte August auf 7 % hält, wird derzeit spekuliert, da der bisherige Gouverneur Tito Mboweni im November aus dem Amt ausscheiden wird. Seine Nachfolgerin Gill Marcus, die aus Sicht der Finanzmärkte eine gute Wahl darstellt, wird sich möglicherweise Forderungen der Regierung nach einer laxeren Geldpolitik ausgesetzt sehen. Der IWF erwartet für dieses Jahr eine Preissteigerung von 7,2 % und für 2010 von 6,2 %.

Auch die künftige Wechselkurspolitik bietet Anlass zur Spekulation. Denn schon seit einigen Wochen bereitet Südafrika der hohe Kurs seiner Landeswährung Sorge. Zwischen Beginn dieses Jahres und Ende September ist dieser gegenüber dem US-Dollar um knapp 28 % auf 7,4 Rand gestiegen. Gegenüber dem Euro reichte es zu einer Verbesserung um knapp 23 % auf knapp 11 Rand. Dies entspricht nahezu dem Kurs vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Zwar spiegelt diese Entwicklung auch ein gestiegenes Vertrauen internationaler Anleger wider, was sich auch in deutlich gesunkenen Spreads südafrikanischer Staatsanleihen gegenüber US-Bonds ablesen lässt (Rückgang seit Jahresbeginn um 329 Basispunkte auf 197 Basispunkte). Auch am Aktienmarkt geht es wieder bergauf: knapp 18 % Zuwachs verzeichnet der Johannesburg All-Share seit Jahresbeginn. Aber hinter der Aufwertung des Rand stehen nach Ansicht von Marktbeobachtern vor allem so genannte „Carry Trades“, bei denen Anleger sich in US-Dollar zu niedrigen Zinsen verschulden und den entsprechenden Betrag in Rand zu derzeit deutlich höheren Zinsen investieren. Dieses zwar grundsätzlich unproblematische Phänomen bedeutet für Südafrika eine Verteuerung seiner Exporte, die insbesondere die heimische Autoindustrie schwächt. Daneben werden höhere Gewinne aufgrund der zuletzt gestiegenen Preise für Rohstoffe Platin und Gold abgeschmolzen.

Ungeachtet dieser Entwicklungen hat sich das Defizit in der Leistungsbilanz zuletzt verbessert (vor allem aufgrund geringerer Zinszahlungen und privater Nachfrage), und zwar von -7 % im 1. Quartal auf -3,2 % im 2. Quartal (nach -7,4 % im Gesamtjahr 2008). Für 2009 erwartet der IWF ein Leistungsbilanzdefizit in Höhe von 5,0 % des BIP (2010: 6,5 %). Die Finanzierung stellt aufgrund der stetigen Zuflüsse an Portfoliokapital und Direktinvestitionen kein Problem dar. Gleichwohl ist das Rating von Standard & Poor’s (BBB+) weiter mit einem negativen Ausblick versehen.

Der Gesamtausblick für Südafrika für 2010 ist auch aufgrund der Fußballweltmeisterschaft tendenziell positiv. Im 3. Quartal dieses Jahres dürfte die Rezession überwunden sein. Antrieb für die Konjunktur dürfte zunächst vor allem vom verarbeitenden Gewerbe und aus dem Bergbausektor kommen, bevor dann die stimulierenden Effekte insbesondere durch die ausländischen Besucher der Weltmeisterschaft (300 000 bis 400 000 Menschen werden erwartet) die Oberhand gewinnen. Bereits seit 2007 wirken sich die öffentlichen Investitionen in Stadien und Verkehrsinfrastruktur positiv aus. Negative Preiseffekte (zusätzliche 0,2 Prozentpunkte) dürften sich dabei im Rahmen halten, gleichwohl bleibt die Inflation ein Sorgenkind in Südafrika. Haupttreiber für die Preise dürften hohe Lohnabschlüsse sowie steigende Energiepreise sein.

12   Türkei

Bereits im Mai hatte der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan sein Kabinett umgebildet. Stellvertretender Ministerpräsident und Staatsminister für Wirtschaft, Finanzen und Zentralbank wurde Ali Babacan, der seit dem 30. August 2007 Außenminister der Türkei war. Den Posten des Wirtschaftsministers hatte Babacan bereits von 2002 bis 2007 erfolgreich ausgefüllt. Babacan wird in dem neuen Kabinett Erdogan die Funktion eines wirtschaftlichen Koordinators übernehmen. In dieser Funktion soll sich Babacan auch um die Kapitalmärkte und die (Staats-)Banken kümmern.

Ungeachtet eines robusten Bankensektors wurde die Türkei stärker als erwartet und aufgrund ihrer seit 2001 zu beobachtenden Öffnung und zunehmenden Integration in die Weltwirtschaft härter als andere Schwellenländer von der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise getroffen. Bereits 2008 war der Zuwachs des BIP der Türkei geringer ausgefallen als erwartet (1,1 %). Im 1. Quartal dieses Jahres reduzierte sich das BIP dann um 14,3 % (im Vorjahresvergleich). Nach Angaben des türkischen Statistikinstituts schrumpfte im 2. Quartal 2009 das BIP im Vorjahresvergleich um „nur noch“ 7 %. Dies ist im Wesentlichen auf den Rückgang der privaten Nachfrage (um 5,7 %) und dabei insbesondere der privaten Investitionen (um 31,6 %) aufgrund der hohen Realzinsen zurückzuführen. Der IWF rechnet für 2009 insgesamt mit einem Rückgang des BIP um 6,5 %. Für 2010 wird dann wieder ein deutliches Anziehen der Konjunktur mit einer positiven BIP-Wachstumsrate von 3,7 % erwartet. Die türkische Regierung geht für dieses Jahr von einer Kontraktion der Wirtschaftsleistung um 6 % aus; für 2010 wird wieder mit einem positiven BIP Wachstum von 3,5 % gerechnet. Die Rating-Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s haben daher bereits den Ausblick für ihre Ratings für die Türkei (BB- beziehungsweise Ba3) Mitte September auf stabil beziehungsweise positiv angehoben.

Die Inflationsrate hatte bereits im Mai dieses Jahres ein 40-Jahres-Tief in Höhe von 5,2 % markiert. 2008 hatte die Inflationsrate noch bei 10,4 % gelegen. Die letzten verfügbaren Daten der türkischen Zentralbank liefern für August eine annualisierte Rate von 5,3 %. Angesichts dieser Entwicklung hat die Zentralbank den Leitzins seit Oktober 2008, ausgehend von 16,75 %, um insgesamt 950 Basispunkte auf jetzt historisch niedrige 7,25 % gesenkt; weitere expansive geldpolitische Schritte in diesem Jahr sind angesichts der Rhetorik der Zentralbank wahrscheinlich. Der IWF erwartet für 2009 eine Preissteigerungsrate von 6,2 % und für 2010 von 6,8 %.

Der türkische Aktienmarkt verzeichnet weiter deutliche Gewinne. Am 30. September notierte der türkische Aktienindex Istanbul SE 100 mit über 48 400 Punkten mehr als 80 % über dem Wert zu Jahresbeginn. Die Risikoaufschläge für türkische Staatsanleihen lagen bei 290 Punkten und damit insgesamt 244 Basispunkte unter dem Wert zu Jahresbeginn. Seit Ausbruch der globalen Krise verlor die türkische Lira um über 30 % ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar und um rund 25 % gegenüber dem Euro und hat sich inzwischen auf einem relativ stabilen Niveau eingependelt. Die Abwertung der Lira wird auch dazu beitragen, dass das seit Jahren existierende chronische Leistungsbilanzdefizit deutlich abgebaut werden kann. Für die Leistungsbilanz rechnet der IWF für 2009 mit einem Defizit von 1,9 % des BIP (nach 5,7 % im Jahr 2008) und für 2010 mit einem Defizit von 3,7 % des BIP.

Mit Babacan als Verhandlungsführer auf türkischer Seite dürften auch die Chancen auf den Abschluss eines neuen IWF-Programms wieder gestiegen sein. Im Gespräch ist ein 3-jähriges Stand-By-Arrangement in Höhe von 45 Mrd. US-Dollar. Eine IWF-Mission lobte in diesem Zusammenhang den gerade vorgelegten mittelfristigen Finanzplan. Die Regierung sieht darin auch vor, das Primärdefizit in Höhe von 2,1 % des BIP in diesem auf 0,3 % des BIP im nächsten Jahr zurückzuführen. Die türkische Regierung hat aber weiter deutliche Vorbehalte gegenüber der Forderung des IWF nach Schaffung einer unabhängigen Steuerbehörde. Der Abschluss eines IWF-Programms könnte sich also noch länger hinziehen.

Der weitere Ausblick für die Türkei ist tendenziell positiv: Bei einer Aufhellung der internationalen Wirtschafts- und Finanzlage steigen über eine erhöhte Exportnachfrage auch die Chancen einer wirtschaftlichen Erholung in der Türkei. Dabei wirken sich die konsequente Diversifizierung der Exportbasis sowie die weitgehend konstanten Einnahmen aus dem Tourismus aus. Noch wichtiger erscheinen aber interne Faktoren wie politische Stabilität und konsequente Fortsetzung der wirtschaftlichen Reformen, vor allem im Steuer- und Wettbewerbsbereich. Die Vereinbarung eines IWF-Programms böte einen wichtigen Politikanker und ein Gütesiegel für den Kurs der AKP-Regierung sowie eine Unterstützung privater Kapitalimporte. Vor allem ließe sich durch eine Zuführung von IWF-Mitteln das andernfalls befürchtete „Crowding Out“ privater Investitionen vermeiden, das durch die Überwälzung staatlicher Anleihen entstünde. Die heimischen Banken könnten dann die zugeführte Liquidität zu einer Ausweitung ihrer Kreditvergabe nutzen. Analysten erwarten in diesem Fall ein deutliches Anziehen der Konjunktur mit einer Wachstumsrate von 5 % im kommenden Jahr.

Abbildung 4: Veränderung der Spreads ausgewählter G20-Schwellenländer ggü. US-Treasuries von Jahresbeginn bis Ende September 2009
Veraenderung-der-Spreads Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

 

 

 

Reales Bruttoinlandsprodukt

Verbraucherpreise

Leistungsbilanz

Veränderung gegenüber Vorjahr
in %

Veränderung gegenüber Vorjahr
in %

in % des normalen Bruttoinlandsprodukts

2007

2008

20091

20101

2007

2008

20091

20101

2007

2008

20091

20101

China

13,0

9,0

8,5

9,0

4,8

5,9

-0,1

0,6

11,0

9,8

7,8

8,6

Indien

9,4

7,3

5,4

6,4

6,4

8,3

8,7

8,4

-1,0

-2,2

-2,2

-2,5

Indonesien

6,3

6,1

4,0

4,8

6,0

9,8

5,0

6,2

2,4

0,1

0,9

0,5

Korea

5,1

2,2

-1,0

3,6

2,5

4,7

2,6

2,5

0,6

-0,7

3,4

2,2

Russland

8,1

5,6

-7,5

1,5

9,0

14,1

12,3

9,9

5,9

6,1

3,6

4,5

Argentinien

8,7

6,8

-2,5

1,0

8,8

8,6

5,6

5,0

1,6

1,4

4,4

4,9

Brasilien

5,7

5,1

-0,7

3,5

3,6

5,7

4,8

4,1

0,1

-1,8

-1,3

-1,9

Mexiko

3,3

1,3

-7,3

3,3

4,0

5,1

5,4

3,5

-0,8

-1,4

-1,2

-1,3

Saudi-Arabien

3,3

4,4

-0,9

4,0

4,1

9,9

4,5

4,0

24,3

28,6

4,1

11,4

Südafrika

5,1

3,1

-2,2

1,7

7,1

11,5

7,2

6,2

-7,3

-7,4

-5,0

-6,5

Türkei

4,7

0,9

-6,5

3,7

8,8

10,4

6,2

6,8

-5,8

-5,7

-1,9

-3,7

Fußnoten

1 G20-Länder: Australien, Argentinien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Korea, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Türkei, USA plus Europäische Union.

2 Alle Angaben zu IWF-Prognosen beruhen auf dem World Economic Outlook, Oktober 2009.