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29.01.2010

Monatsbericht

Ak­tu­el­le Ar­beits­markt­ent­wick­lung in aus­ge­wähl­ten Mit­glied­staa­ten des Eu­roraums

  • Infolge der Wirtschaftskrise hat sich die Lage auf den Arbeitsmärkten im Euroraum erheblich verschlechtert. Von der Arbeitslosigkeit betroffen sind insbesondere Jugendliche, Geringqualifizierte und Migranten.
  • Die Entwicklung verläuft in den einzelnen Mitgliedstaaten sehr heterogen, was auf eine unterschiedliche Widerstandsfähigkeit der einzelnen Volkswirtschaften und Arbeitsmärkte in der Krise schließen lässt.
  • Deutschland weist im Vergleich zu den anderen Ländern bislang den geringsten Anstieg der Arbeitslosenquote auf.
  • Die weitere Arbeitsmarktentwicklung wird auch von der Ausgestaltung des Ausstiegs aus staatlichen Stützungsmaßnahmen und der konsequenten Rückkehr zu einer mittel- und langfristigen Strukturreformagenda abhängen.

1 Einleitung

Ungeachtet der Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung in der EU sind die Aussichten für die Beschäftigungssituation im Euroraum infolge der Wirtschaftskrise nach wie vor ungünstig. Vor dem Hintergrund des aktuellen Beschäftigungsberichts der Europäischen Kommission für 2009/20101 gibt der Beitrag einen Überblick über die Arbeitsmarktentwicklung in ausgewählten Ländern des Euroraums sowie über die strukturellen Hintergründe der sehr unterschiedlichen nationalen Performance.

2 Die Arbeitsmarktlage im Euroraum

Bis Mitte 2008 hat sich die Arbeitsmarktlage im Euroraum über einen längeren Zeitraum kontinuierlich verbessert, nicht zuletzt getrieben durch die Wachstumsentwicklung einiger Volkswirtschaften zu Beginn des Jahrzehnts.


Im Zuge der Wirtschaftskrise trat jedoch eine erhebliche Verschlechterung der Lage ein: Die Arbeitsnachfrage sank im Oktober/November 2009 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 30 %. Die Arbeitslosenquote im Euroraum lag im November 2009 saisonbereinigt bei 10 % und damit um 2 % höher als noch vor einem Jahr.2 Dies entsprach einer Erwerbslosenzahl von rund 15,7 Millionen Menschen und einem Rückgang der Beschäftigung gegenüber dem Vorjahr um rund 3 Millionen Personen (EU27: rund 22,9 Millionen Erwerbslose und Rückgang um rund 5 Millionen Personen). Diese Entwicklung spiegelt vor allem den konjunkturellen Einbruch in den am stärksten von der Rezession betroffenen Wirtschaftszweigen und Berufen wider, jedoch auch den immer stärkeren Rückgriff auf flexible Arbeitsregelungen.
Gleichwohl stieg die Arbeitslosigkeit nicht so stark an, wie das Ausmaß des Wirtschaftseinbruchs hätte vermuten lassen (reales BIP 2009 für Euroraum - 4,0 %). Die Entwicklung im Jahresvergleich (November 2008 bis November 2009) verlief zwischen den Euroraum-Mitgliedstaaten allerdings äußerst heterogen, was auf eine unterschiedliche Widerstandsfähigkeit der nationalen Volkswirtschaften und Arbeitsmärkte in der Krise hindeutet. Die Spanne der Arbeitslosenquoten zwischen den Mitgliedstaaten ist erheblich:

  • Mit einer Quote von 3,9 % verzeichnen die Niederlande – nach wie vor – die niedrigste Arbeitslosenquote im Euroraum.
  • In Irland und Spanien hingegen hat sich die Lage dramatisch verschlechtert: In Irland stieg die Arbeitslosenquote gegenüber November 2008 von 7,7 % auf 12,9 %, in Spanien von 14,0 % auf 19,4 %, den höchsten Wert im Euroraum.
  • Eine deutliche Verschlechterung zeigt sich auch in Frankreich: Frankreich verzeichnet auf Jahresbasis einen Anstieg der Arbeitslosenquote von 8,3 % auf 10,0 %.
  • Deutschland weist beim Vergleich mit dem Vorjahr den geringsten Arbeitslosenanstieg von 7,1 % auf 7,6% auf.

Von der Verschlechterung der Arbeitsmarktlage sind – bei allen Unterschieden zwischen einzelnen Mitgliedstaaten – insbesondere Jugendliche, Geringqualifizierte und Migranten betroffen. Aufgrund des massiven Arbeitsplatzabbaus in männerdominierten Branchen (Bau, Automobil) stieg die Arbeitslosigkeit der Männer überdurchschnittlich an. Ältere Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, stehen vor dem gravierenden Problem mangelnder Wiederbeschäftigungsmöglichkeiten.

Abbildung 1: Arbeitslosenquote im Euroraum
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

3 Ausblick und Herausforderungen

Auch wenn nach der aktuellen Prognose der EU-Kommission (KOM) für die kommenden Jahre mit einer graduellen Erholung der wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum zu rechnen ist (Reales BIP 2010: + 0,7 %, 2011: + 1,5  %), werden die positiven konjunkturellen Effekte erst mit erheblicher Zeitverzögerung auf die Arbeitsmärkte durchschlagen. So dürfte die Beschäftigung im Euroraum in diesem Jahr um weitere 1,3 % sinken; parallel wird für die nächsten Jahre mit einem permanenten Anstieg der Arbeitslosenquote von 9,5 % im Jahr 2009 auf 10,7 % im Jahr 2010 und 2011 sogar auf 10,9 % gerechnet.

Ob die wirtschaftliche Erholung mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze einhergeht oder eher mit einem „jobless growth“, wird maßgeblich von den nationalen Exit-Strategien und der Effektivität der jeweiligen Arbeitsmarktpolitiken abhängen. Soweit in der Krise Unterstützungsmaßnahmen für die Arbeitsmärkte implementiert wurden, sind für diese glaubwürdige Ausstiegszenarien zu definieren, und die Rückkehr zur mittel- und langfristigen Strukturreformagenda ist geboten. Den Analysen der Kommission folgend sollten in den Ländern des Euroraums die Segmentierung der Arbeitsmärkte, lebenslanges Lernen sowie die Durchlässigkeit und Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes durch geeignete Anreizstrukturen stärker in den Blick genommen werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Arbeitsmärkte des Euroraums zukünftig eine größere Widerstandsfähigkeit gegenüber Abschwüngen und Krisen aufweisen und der Zusammenhalt im einheitlichen Währungsraum gestärkt wird.

4 Die Entwicklung in ausgewählten Mitgliedstaaten des Euroraums

4.1 Spanien

Platzen der Immobilienblase legt Strukturprobleme des Arbeitsmarktes offen – segmentierte und starre Märkte, Lohnindexierung

Spanien verzeichnet im Jahresvergleich (November 2008 bis November 2009) einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosenquote von 14,0 % auf 19,4 %. Für die Jahre 2010 und 2011 wird ein weiterer Anstieg auf durchschnittlich rund 20 % erwartet. Im Jahr 2007 hatte die Arbeitslosenquote hingegen noch einen historischen Tiefststand von 8,3 % erreicht.

Der massive Wirtschaftseinbruch hat gerade die beschäftigungsintensiven, krisenanfälligen Branchen getroffen, allen voran den Bausektor. Da hier die Immobilienblase in der Vergangenheit zu erheblichen Überkapazitäten geführt hat, dürfte der nun stattfindende harte Konsolidierungsprozess mit einem dauerhaften Stellenabbau verbunden sein.
Ein wesentliches strukturelles Problem liegt in der hohen Segmentierung des spanischen Arbeitsmarktes. Erhebliche Diskrepanzen bestehen hinsichtlich der Beschäftigungslage in einzelnen Sektoren und zwischen verschiedenen Beschäftigungsgruppen. Einer geringen Mehrheit rigide geschützter Festangestellter steht eine große Minderheit von temporär Beschäftigten praktisch ohne jeglichen Kündigungsschutz gegenüber.

Männer haben sowohl deutlich höhere Aktivierungs- als auch Beschäftigungsraten als Frauen (jeweils + 19 %), wenngleich sich der Unterschied infolge des Einbruchs im Bausektor verkleinerte. Gleichzeitig sind geringe Aktivierungs- und Beschäftigungsraten von Jugendlichen und Älteren festzustellen. Die Arbeitslosenquote von Jugendlichen lag 2008 bei rund 25 %, im Juli 2009 betrug sie bereits rund 38 %. Insgesamt 60 % der Jugendlichen verfügen nur über zeitlich befristete Arbeitsverträge und tragen damit die höchsten Anpassungslasten beim krisenbedingten Beschäftigungsabbau.

Rigide Kündigungsschutzregeln für reguläre Beschäftigung treffen umgekehrt besonders benachteiligte Gruppen wie Frauen, Jugendliche und Migranten, die in der Regel gerade nicht von regulären Arbeitsverhältnissen profitieren.

Vor diesem Hintergrund empfehlen verschiedene Institutionen (EU, OECD, IWF), der Segmentierung des Arbeitsmarktes insbesondere durch Förderung junger Arbeitnehmer und effektive Umsetzung von Bildungsreformen entgegenzuwirken. Auch die Flexibilisierung des Kündigungsschutzes und der Abfindungsregelungen sowie die Steigerung flexibler Lohnfindungsmechanismen (versus Lohnindexierung) liefern einen Beitrag gegen zunehmend segmentierte Arbeitsmärkte.

4.2 Irland

Arbeitsmärkte stürzen in der Krise ab, dramatischer Stellenabbau mit „Age Gap“ zu Lasten junger Arbeitnehmer macht Qualifizierung und Produktivitätssteigerung unabdingbar

Die Arbeitslosigkeit ist in Irland massiv angestiegen. Im November 2009 lag die Arbeitslosenquote bei 12,9 %, im November des Vorjahres – also zu Beginn der Krise – noch bei 7,7 %. Die Dramatik der Entwicklung wird besonders deutlich im Vergleich zu 2007, als Irland noch zu den Ländern mit der niedrigsten Arbeitslosenquote im Euroraum gehörte (4,6 %). Für dieses Jahr wird mit einem weiteren deutlichen Anstieg der Quote auf 14 % gerechnet, die 2011 auch nur minimal sinken dürfte.

In der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt spiegelt sich der extreme Wirtschaftseinbruch von -7,5 % des BIP 2009 nach einer überhitzten Wachstumsphase wider. Der negative Wachstumstrend dürfte sich – im Gegensatz zu anderen Euroraumländern – auch 2010 noch fortsetzen; es wird eine Wachstumsrate von - 1,4 % des BIP erwartet. Die im europäischen Vergleich lockeren Kündigungsschutzregeln und die hohe externe Flexibilität haben den Stellenabbau parallel zum Wirtschaftseinbruch beschleunigt, könnten aber auch notwendige Umstrukturierungen erleichtern.

Im Zuge der Krise hat sich das in Irland bislang unterhalb des Euroraum-Durchschnitts liegende „Age Gap“ deutlich ausgeweitet. Während die Arbeitslosigkeit bei Älteren kaum zunahm, tragen die jüngeren Arbeitnehmer die Hauptlast des Stellenabbaus.

Der extreme wirtschaftliche Einbruch mit Konsequenzen auch für das Potenzialwachstum impliziert die Notwendigkeit der Förderung eines nachhaltigen Wachstums, der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Produktivität sowie einer adäquaten Lohnpolitik. Zudem haben hohe marginale Grenzsteuersätze in der Vergangenheit zu Inaktivierungsfallen beigetragen und die (Re)Integration in den Arbeitsmarkt behindert. Gerade für Zweitverdiener und Alleinerziehende stehen eine Verbesserung der Arbeitsanreize und der Ausbau von Kindertagesstätten im Vordergrund. Perspektivisch sind die Verbesserung des Zugangs zu vorschulischer Bildung und eine Reform des Systems der Studiengebühren auf der strukturpolitischen Agenda.

4.3 Frankreich

Moderater Anstieg der Arbeitslosigkeit verdeckt Strukturproblem einer produktiven Nutzung des Arbeitskräftepotenzials

Die Arbeitslosenquote lag in Frankreich im November 2009 bei 10,0 %. Damit verzeichnet Frankreich im Jahresvergleich einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um 1,7 Prozentpunkte. Die Arbeitslosigkeit dürfte – anders als in den meisten anderen Mitgliedstaaten – 2010 zwar kaum weiter ansteigen, allerdings auch 2011 auf diesem hohen Niveau verharren. Besonders hoch ist die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen (rund 18 %) und älteren Personen.

Vor allem die hohe Beschäftigungsrate im öffentlichen Dienst hat bislang stützend auf den Arbeitsmarkt gewirkt. Demgegenüber besteht eine wesentliche Schwäche des französischen Arbeitsmarktes in der unzureichenden Nutzung des Arbeitskräftepotenzials. Die Beschäftigungsrate liegt strukturell unterhalb des EU-Durchschnitts, ebenso die Anzahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden.

Die jüngsten Reformen zielen daher auf eine Verringerung der starken Segmentierung des Arbeitsmarktes und auf eine höhere Arbeitsmarktflexibilität. Die Kündigungsschutzregeln für zeitlich befristete Arbeitsverträge wurden gelockert, sind im EU-Vergleich aber immer noch sehr rigide. Angesichts der Inflexibilitäten bei festen Arbeitsverträgen steigt der Anteil von Zeitarbeitsverhältnissen. Die Wechselrate von Zeit- in Dauerarbeitsverhältnisse ist gering.

Die Empfehlungen von EU-Kommission, OECD und IWF konzentrieren sich daher darauf, der Segmentierung des französischen Arbeitsmarktes weiter entgegenzuwirken, u. a. durch Modernisierung des Kündigungsschutzsystems und verbesserte Eintrittsbedingungen in den Arbeitsmarkt (insbesondere für Jugendliche) sowie durch die Förderung von lebenslangem Lernen. Die Verringerung der steuerlichen Belastung von Geringverdienern und älteren Arbeitnehmern bei gleichzeitiger Begrenzung der Mindestlohnsteigerungen soll zu einer Senkung der Arbeitskosten und zu verbesserten Arbeitsanreizen beitragen. Hierzu zählt auch der Abbau von Restriktionen bei der Kombination von Renten- und Arbeitseinkommen.

4.4 Niederlande

Auch in der Krise noch arbeitsmarktpolitisches Vorbild, aber weitere Mobilisierung des Arbeitsangebots erforderlich

Die Niederlande verzeichnen ungeachtet des Wirtschaftseinbruchs (- 4 ½ % im Jahr 2009) im Jahresvergleich (November 2008 bis November 2009) einen im internationalen Vergleich nur moderaten Anstieg der Arbeitslosenquote von 2,7 % auf 3,9 %. Für dieses Jahr wird seitens der Kommission allerdings ein deutlicher Anstieg auf 6,2 % erwartet.

Die niederländische Arbeitsmarktpolitik gilt in der Europäischen Union im Allgemeinen als „best practice“. Alle Arbeitsmarktziele der Lissabon-Strategie wurden erreicht, generell funktioniert der Arbeitsmarkt reibungslos. So ist dessen Segmentierung durchweg geringer als im Durchschnitt des Euroraums: Das gilt für die Beschäftigungsquote von Männern und Frauen (Gender-Gap), von Altersgruppen und von Gruppen unterschiedlicher Qualifikationsniveaus.

Allerdings wird dieser Erfolg mit einer hohen Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat erkauft. Auch erscheint die Mobilisierung des Arbeitsangebots unzureichend, gerade auch mit Blick auf die demografische Entwicklung. Das Steuer- und Abgabensystem fördert mit hohen Grenzbelastungen Inaktivierungs-Fallen und damit negative Arbeitsanreize. Rund 47 % der Gesamtbeschäftigung beruht auf Teilzeitarbeit (rund 75 % Frauen), was den Return-of-investment in Humankapital erheblich reduziert.

Vor diesem Hintergrund liegt der Reformbedarf der Niederlande in einer Steigerung des Arbeitsangebots durch Überarbeitung der Abfindungsregelungen, Aktivierung der Langzeitarbeitslosen und Förderung der Übergänge bei Arbeitsplatzwechseln sowie in der Steigerung der geleisteten Arbeitsstunden. Konkrete Maßnahmen werden in der Kürzung der Bezugsdauer von Transfers und der Schaffung steuerlicher Arbeitsanreize für Zweitverdiener und ältere Arbeitnehmer gesehen. Auch die striktere Überprüfung und Kürzung der großzügigen staatlichen Arbeitslosentransferleistungen und Regelungen bei Berufsunfähigkeit stehen im Fokus der Reformempfehlungen.

4.5 Italien

Krise hat noch nicht auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen, allerdings Gefahr von Hysteresis bei rigiden strukturellen Rahmenbedingungen

Die Arbeitslosigkeit lag in Italien im November 2009 mit 8,3 % unterhalb des Euroraumdurchschnitts; der Anstieg im Vergleich zum Vorjahr (November 2008: 7,1 %) blieb vergleichsweise begrenzt. Damit hat der massive Wachstumseinbruch von - 4,7 % des BIP 2009 kaum auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Für dieses Jahr und für 2011 wird ein weiterer, allerdings verhaltener Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 8,7 % erwartet. Hauptursache für den moderaten Verlauf dürften die deutlich ausgeweiteten Kurzarbeiterregelungen für die von der Krise besonders betroffenen Branchen sein.

Die bisherigen Arbeitsplatzverluste treffen vor allem Selbstständige und Arbeitnehmer mit befristeten Arbeitsverträgen, für die die gesetzlichen Kündigungsvorschriften nicht greifen (im EU-Vergleich sehr hohe Selbstständigenquote von 16 % gegenüber EU-Durchschnitt von 10 %).

Die wesentlichen strukturellen Probleme des italienischen Arbeitsmarktes basieren auf tradierten gesellschaftlichen und regionalen Mustern und zeigen sich besonders in der starken Segmentierung bei den verschiedenen Altersgruppen, Beschäftigungsunterschieden von Männern und Frauen und regionalen Disparitäten. Aufgrund der rigiden strukturellen Rahmenbedingungen besteht die Gefahr von Hysteresis-Effekten, also strukturellen Verfestigungen der gestiegenen Arbeitslosigkeit nach der Krise.

Die allgemeine Erwerbstätigenquote liegt mit 59 % deutlich unter dem EU-Durchschnitt (66 %), wobei die der Frauen mit 47 % das EU-Mittel (59 %) noch erheblicher unterbietet.

Der krisenbedingte Anstieg der Arbeitslosigkeit trifft vor allem Jugendliche und Geringqualifizierte. Der hohen Beschäftigungsquote in der mittleren Altersgruppe („prime-age“) stehen sehr niedrige Beschäftigungsquoten bei Jugendlichen und Älteren gegenüber.

Die regionalen Unterschiede des italienischen Arbeitsmarktes sind erheblich: So beträgt die Beschäftigungsdiskrepanz zwischen dem Nordosten (67,6 %) und den südlichen Regionen (46,5 %) mehr als 21 Prozentpunkte. Vor diesem Hintergrund sollen die zwischen den Sozialpartnern ausgehandelten neuen Lohnfindungsmechanismen ab 2010 das bisherige zentralisierte System ablösen und eine Lohnfindung im Einklang mit der – regional sehr unterschiedlichen – Produktivität ermöglichen.

Die strukturellen Empfehlungen der großen internationalen Institutionen an Italien beziehen sich vorwiegend auf eine Reduzierung der steuerlichen Belastung von Geringverdienern, die weitere Anpassung der dezentralen Lohnfindungsmechanismen an die regionalen Produktivitäten – auch im öffentlichen Sektor –, die Lockerung des Kündigungsschutzes bei unbefristeten Arbeitsverträgen bei gleichzeitigem Ausbau des sozialen Sicherungsnetzes (Einführung eines einheitlichen Arbeitslosentransfersystems) sowie die Verbesserung des Bildungssystems und die Bekämpfung der Schwarzarbeit.

4.6 Griechenland

Ungeachtet erzielter Fortschritte ist die Arbeitsmarktperformance des Landes noch unterdurchschnittlich: hohe Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit sowie geringe Beschäftigungsmobilität

Die Auswirkungen der Krise belasten den griechischen Arbeitsmarkt erheblich. Die Arbeitslosenquote, die noch 2008 mit 7,7 % einen historischen Tiefstwert erreicht hatte, stieg 2009 auf über 9 % an und dürfte sich in diesem Jahr weiter auf 9,7 % erhöhen.

Ungeachtet erzielter Fortschritte ist die Arbeitsmarktperformance Griechenlands schlechter als der EU-Durchschnitt. Die Beschäftigungsrate liegt mit knapp 62 % deutlich unter dem Lissabon-Ziel von 70 %. Die Beschäftigungsrate von älteren Arbeitnehmern und von Frauen liegt unterhalb des Euroraum-Durchschnitts.

Strukturelle Probleme resultieren vor allem aus der starken Segmentierung und mangelnden Flexibilität des Arbeitsmarktes. Dies manifestiert sich in einer hohen Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit sowie einer geringen Beschäftigungsmobilität. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt über 22 % (bei Frauen 29 %). Da die strikte Arbeitsmarktregulierung den Zugang zum Arbeitsmarkt behindert, sind knapp 50 % aller Arbeitslosen länger als ein Jahr arbeitslos. Befristete Arbeitsverhältnisse sind noch eine Seltenheit, wenngleich der Trend steigend ist und insbesondere jüngere Arbeitnehmer betroffen sind.

Die Beschäftigungsquote ist je nach Qualifikation sehr unterschiedlich: Gut ausgebildete Arbeitnehmer haben eine um 20 % höhere Aktivierungsrate und um 30 % höhere Beschäftigungsrate als Geringqualifizierte. Der „Gender-Gap“ zählt nach wie vor zu den größten in der EU, so ist die Erwerbsquote bei Männern um 25 % höher als bei Frauen.

Zwar ist das gesetzliche Mindestlohnniveau im internationalen Vergleich eher niedrig. Allerdings verpflichtet das zentralisierte Lohnfindungssystem alle Unternehmen, die von den Sozialpartnern ausgehandelten Mindestlöhne zu übernehmen, was zu Lasten der betrieblichen Wettbewerbsfähigkeit geht. Die griechische Regierung hat das Einfrieren der Löhne im öffentlichen Dienst angekündigt, womit ein positiver Effekt für die Lohnsetzung im Privatsektor einhergehen könnte; auch die Sozialversicherungsbeiträge sollen reduziert werden.

Die Flexibilität der Arbeitsmärkte sollte nach Expertenmeinung durch eine Reform der Kündigungsschutzregelungen, eine Senkung der Lohnkosten durch Lohnsetzung unterhalb des Mindestlohns in Verbindung mit einer Reduzierung der Sozialversicherungsbeiträge im Niedriglohnbereich erhöht werden. Gleichzeitig wird empfohlen, Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

4.7 Slowakei

Die osteuropäischen Staaten sind als kleine offene Marktwirtschaften krisenanfällig – ungeachtet des Aufholprozesses in der Vergangenheit; Arbeitslosigkeit dürfte auf hohem Niveau verharren

Das erste Land aus dem osteuropäischen Raum, das dem Euro beigetreten ist, hat einen erheblichen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen. Im November 2009 lag die Arbeitslosenquote bei 13,6 % und damit um 4,6 Prozentpunkte höher als noch vor einem Jahr. Als kleine und offene Marktwirtschaft hat der dramatische Konjunktureinbruch zur Jahreswende 2008/09 (Q1/09: - 11 % des BIP gegenüber Vorquartal) massiv auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Auch wenn sich die Wirtschaft 2010 und 2011 allmählich erholen dürfte, ist zu befürchten, dass die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau verharren wird. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass das Land 2001 noch eine Arbeitslosigkeit von über 19 % verzeichnete und 2008 mit 9,5 % ein Tiefststand erreicht wurde.

Gleichwohl hat die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt der Slowakei mit dem überdurchschnittlichen Wachstumsboom der letzten Jahre (durchschnittlich 7 % reales BIP-Wachstum von 2003 bis 2008) nicht mitgehalten. Die Erwerbstätigenquote liegt mit rund 62 % deutlich unter dem EU-Mittel. Gleiches gilt für die Beschäftigung von Frauen (rund 54 %) und älteren Arbeitnehmern (rund 39 %).

Die Segmentierung des Arbeitsmarktes in Bezug auf Altersgruppen und Qualifikationsniveaus ist erheblich. Die Erwerbstätigenquoten der jüngeren und älteren Arbeitnehmer sind weit unterdurchschnittlich. Geringqualifizierte Arbeitnehmer verzeichnen die niedrigste Beschäftigungsquote innerhalb der EU, die Beschäftigungslücke zu den Hochqualifizierten hat sich in den vergangenen Jahren weiter ausgeweitet.

Gleichzeitig sind 70 % aller Arbeitsuchenden langzeitarbeitslos. Diese Quote ist die höchste in der EU und seit 2001 um 11 Prozentpunkte gestiegen, was klar auf Hysteresis-Effekte hinweist; betroffen sind insbesondere Jugendliche.

Arbeitsmarktreformen zu Beginn des Jahrzehnts haben die interne und externe Flexibilität des Arbeitsmarktes und den Anreiz zur Arbeitsaufnahme erheblich erhöht. So ist der gesetzliche Kündigungsschutz relativ gering, Transferleistungen werden nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit massiv reduziert. Befristete Arbeitsverträge und Teilzeitarbeit als flexible Arbeitsvertragsgestaltungen sind aber kaum vorhanden.

Mit Blick auf den segmentierten Arbeitsmarkt in der Slowakei empfehlen EU-Kommission, OECD und IWF die Aktivierung von Langzeitarbeitslosen und die Förderung von lebenslangem Lernen, die Vermeidung steigender, eine Lohndrift bedingende Mindestlöhne sowie die Reduzierung des Steuerkeils bei Zweitverdienern und eine steuerliche Entlastung von Geringverdienern, aber auch eine Verbesserung des Bildungssystems.

Fußnoten

1 www.europa.eu, Europa>Press Room>Press Release, Reference: IP/09/1926 Date: 15/12/2009

2 In Abgrenzung der international vergleichbaren ILO-Definition.

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