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22.04.2010

Monatsbericht

Eco­no­mics of Hap­pi­ness – ein neu­es Pa­ra­dig­ma für die Fi­nanz­po­li­tik?

  • Einkommen spielt eine große Rolle für die Lebenszufriedenheit der Menschen. Allerdings wird dieser Effekt vor allem durch Einkommensvergleiche mit anderen Menschen und mit der eigenen Vergangenheit erzeugt.
  • Die Lebenszufriedenheit von Arbeitslosen ist deutlich geringer als die von Beschäftigten. Dies gilt selbst dann, wenn der Einkommensverlust der Arbeitslosen vollständig kompensiert würde. Auch die Arbeitslosigkeit anderer Menschen, Inflation und Umweltverschmutzung wirken sich negativ auf die Lebenszufriedenheit aus. Positive Effekte entstehen hingegen durch enge soziale Kontakte.
  • Glück ist ein mehrdimensionales Konzept. Daher sollte die Wohlfahrtsmessung durch das Bruttoinlandsprodukt um andere objektive und subjektive Indikatoren der Lebensqualität und des Wohlbefindens ergänzt werden. Neben der Lebenszufriedenheit existieren noch andere Maße des Glücks, deren Bestimmungsfaktoren sich von denen der Lebenszufriedenheit unterscheiden können.
  • Eine aus der Glücksforschung abgeleitete Rechtfertigung progressiver Einkommensteuern kann nicht bestätigt werden, da eine gesamtwirtschaftliche Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichzeitiger Ausweitung der Freizeit, selbst bei hypothetischer Konstanz des individuellen Haushaltseinkommens, die durchschnittliche Lebenszufriedenheit nicht erhöht.
  • Die Lebenszufriedenheitsforschung kann bei der Bestimmung einer optimalen Wirtschafts- und Finanzpolitik hilfreich sein. Bei dem gegenwärtigen Wissensstand ist es aber noch zu früh, gesicherte Empfehlungen für eine Abkehr von den mit den bekannten Methoden der Wirtschaftswissenschaft abgeleiteten Politikempfehlungen zu geben.

1 Einleitung

Die Ökonomie hat das Thema Glück wiederentdeckt. Die Lebenszufriedenheitsforschung – im Englischen oft prägnanter mit „Happiness Economics“ bezeichnet – hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der produktivsten Forschungszweige der Ökonomie entwickelt. Die Zahl der in diesem Bereich erschienenen Beiträge ist gleichzeitig exponentiell angewachsen.2.Das zentrale Interesse der überwiegend empirisch ausgerichteten Forschungsrichtung liegt in der Erforschung des Einflusses sozio-ökonomischer und politischer Faktoren auf die individuelle Lebenszufriedenheit. Sie greift dabei auf umfangreiche Befragungen zurück, in denen Menschen direkt nach ihrem Wohlbefinden und ihrer Lebenszufriedenheit befragt werden. Die Basis der ökonomischen Lebenszufriedenheitsforschung ist die Idee, das individuelle Glück und Wohlbefinden messen zu können (z. B. anhand einer Skala, bei der ,0’ ganz und gar unzufrieden und ,10’ ganz und gar zufrieden bedeutet) und als Approximation des ökonomischen „Nutzens“ zu verwenden. Die gewonnenen Informationen erlauben es unter Einsatz empirischer Schätzverfahren, den Einfluss von Veränderungen der unabhängigen Variablen (z. B. Einkommen, Beziehungsstatus oder Arbeitslosigkeit) auf die abhängige Variable (Lebenszufriedenheit) zu bestimmen. Ziel dieser Analysen ist es, Einblicke in die Motivation menschlichen Handelns und die Bestimmungsfaktoren des Wohlbefindens zu gewinnen, die der traditionellen Volkswirtschaftslehre bisher verschlossen blieben.

Die zunehmende Popularität dieses Forschungsansatzes führte im Laufe der vergangenen Jahre dazu, dass die Glücksforschung auch in der wirtschaftspolitischen Diskussion verstärkt wahrgenommen wird. Vorreiter ist in dieser Beziehung Großbritannien, wo unter Federführung des renommierten britischen Ökonomen Richard Layard und seiner Arbeitsgruppe in den zurückliegenden Jahren wirtschaftspolitische Ansätze erarbeitet wurden, die auf den Ergebnissen der Lebenszufriedenheitsforschung beruhen. Besonderes Interesse ziehen die Ideen auf sich, die konträr zu den ökonomischen Standardtheorien stehen.

In dem vorliegenden Forschungsprojekt wird der Versuch unternommen, mit einer kritischen Literaturanalyse und mithilfe eigener empirischer Schätzungen die Möglichkeiten und Grenzen der Lebenszufriedenheitsforschung aufzudecken. Dabei geht es auch um die Frage, wie die Methode zu beurteilen ist, derer sich diese Forschung bedient, und wie diese gegebenenfalls weiterentwickelt werden muss. Erst die Diskussion solcher grundlegenden Fragen erlaubt es, die tatsächlichen Erkenntnisgewinne der Lebenszufriedenheitsforschung im Hinblick auf ihre Relevanz für die Wirtschafts- und Finanzpolitik zu beurteilen.

2 Determinanten des Glücks

2.1 Einkommen, Wachstum und Lebenszufriedenheit

Macht mehr Einkommen glücklicher? Die ökonomische Standardlehre würde diese Frage eindeutig mit ja beantworten. Die Lebenszufriedenheitsforschung stellt diesen positiven Zusammenhang in Frage. Die von uns untersuchten Daten für Deutschland zeigen, dass es langfristig keinen Zusammenhang zwischen dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf und der Lebenszufriedenheit der Menschen gibt. Gleichzeitig sind zu einem gegebenen Zeitpunkt Menschen mit höherem Einkommen zufriedener als Individuen mit niedrigerem Einkommen. Auch die Beobachtung einer einzelnen Person über mehrere Jahre zeigt, dass diese Person in den Zeiten glücklicher ist, in denen sie auch über ein höheres Einkommen verfügen kann. Während Zuwächse des persönlichen Einkommens also einen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit der Menschen ausüben, spielen Erhöhungen des gesamtwirtschaftlichen Einkommens keine Rolle für die Zufriedenheit der Menschen. Der scheinbare Widerspruch zwischen diesen beiden Ergebnissen ist in der Zufriedenheitsforschung als das Easterlin-Paradoxon (nach seinem Entdecker Richard Easterlin) bekannt.

Für das Easterlin-Paradoxon gibt es zwei Erklärungen. Die erste Erklärung basiert auf der Erkenntnis, dass externe Vergleiche mit anderen Personen, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden, einen entscheidenden Einfluss besitzen. Wie zufrieden Menschen mit ihrem Einkommen, und davon abgeleitet mit ihrem Leben sind, hängt davon ab, ob sie mehr oder weniger verdienen als die Menschen in ihrer Vergleichsgruppe. Eine Einkommenserhöhung führt zwar zu einer höheren Lebenszufriedenheit, der Anstieg fällt aber deutlich geringer aus, wenn auch die Einkommen aller anderen Vergleichspersonen steigen. Die zweite Erklärung für das Easterlin-Paradox beruht auf der Feststellung, dass sich die Menschen an die meisten Änderungen ihrer Lebensumstände gewöhnen. Das gilt auch für das Einkommen. Ähnlich wie bei dem eben angeführten Vergleich mit anderen, vergleichen Menschen ihr tatsächliches Einkommen auch mit ihrem früheren Einkommen. Bei einer Einkommenserhöhung stellen sich die Individuen nur kurzfristig besser. Langfristig passt sich ihr Anspruch an das neue Niveau an, und die Menschen gewöhnen sich an das höhere Einkommen.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einkommensvergleiche mit anderen und mit der eigenen Vergangenheit einen starken Einfluss auf die Lebenszufriedenheit haben. Allerdings finden wir bei der Schätzung der kurz- und mittelfristigen Determinanten der Lebenszufriedenheit dennoch einen zusätzlichen positiven Einfluss absoluter Einkommenserhöhungen. Damit ist der Widerspruch zwischen den Vertretern des Easterlin-Paradoxons und denen, die meinen, dass Einkommen doch glücklich macht, letztlich nicht sehr groß.

2.2 Arbeit und Arbeitslosigkeit

Menschen definieren sich zu einem erheblichen Teil durch die Arbeit, der sie nachgehen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Lebenszufriedenheitsforschung die Frage intensiv untersucht hat, wie sich die eigene Beschäftigungssituation und die Lage auf dem Arbeitsmarkt insgesamt auf die Lebenszufriedenheit auswirken. Praktisch alle Studien, die sich dieser Frage widmen, kommen zu dem Ergebnis, dass die Lebenszufriedenheit von Arbeitslosen deutlich geringer ist als die von Beschäftigten. Dies ist insbesondere deswegen bemerkenswert, da dieser Effekt unabhängig von dem mit der Arbeitslosigkeit verbundenen Einkommensverlust ist. Empirische Studien zeigen, dass sich die Lebenszufriedenheit des Individuums selbst dann reduziert, wenn man den Einkommensunterschied vollständig kompensiert. Das heißt, ein Vergleich von zwei identischen Individuen, die ein äquivalentes Einkommen erhalten, von denen aber einer arbeitslos ist, führt zu dem Ergebnis, dass der Arbeitslose ein geringeres Nutzenniveau besitzt als der Beschäftigte.

Im Gegensatz zum Einkommen können sich Menschen nur sehr schlecht an die Arbeitslosigkeit gewöhnen. Weder Männer noch Frauen „erholen“ sich von dem Schock, arbeitslos zu werden: Die Lebenszufriedenheit bleibt auf einem niedrigen Stand und nimmt in der Tendenz sogar in den folgenden Jahren der Arbeitslosigkeit noch weiter ab. Verschiedene Studien belegen außerdem, dass Phasen der Arbeitslosigkeit auch dann noch negative Spuren hinterlassen, wenn die Betroffenen bereits wieder Arbeit gefunden haben. Die Lebenszufriedenheit ehemaliger Arbeitsloser ist im Durchschnitt geringer als die der durchgängig Beschäftigten. Diese Beobachtung scheint jedoch nicht vorrangig auf die vergangene Arbeitslosigkeit zurückzuführen zu sein, sondern auf die durch die Arbeitslosigkeit bedingten verschlechterten Zukunftsaussichten hinsichtlich der eigenen weiteren Erwerbsbiografie.

2.3 Arbeitslosenrate und Inflation

Neben individuellen Einflussfaktoren, wie dem Einkommen und dem persönlichen Beschäftigungszustand, können auch gesamtwirtschaftliche Größen, wie die Arbeitslosenquote oder die Inflationsrate, eine Wirkung auf die individuelle Lebenszufriedenheit haben. So erzeugt Arbeitslosigkeit negative externe Effekte. Je höher die Arbeitslosenquote, desto geringer ist die Chance, als Arbeitsloser wieder eine Arbeit zu finden, und desto größer ist das Risiko für Beschäftigte, ihre Arbeit zu verlieren. Diese Wirkung findet sich auch in der Lebenszufriedenheit der Menschen wieder. In den USA ebenso wie in Europa zeigt sich, dass ein negativer Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Lebenszufriedenheit besteht, wobei dieser Zusammenhang besonders für ärmere Haushalte gilt. Offenbar spielt hier vor allem die Angst eine entscheidende Rolle, bei steigender Arbeitslosigkeit selbst vom Verlust der Arbeit bedroht zu sein. Untersuchungen zeigen zudem, dass die Angst vor Entlassung mindestens ebenso bedrückend sein kann wie die tatsächlich erlebte Arbeitslosigkeit.

Allerdings führt steigende Arbeitslosigkeit auch zu einem gegenläufigen Effekt. Der Verlust an Status, den eine Person erfährt, die von Arbeitslosigkeit betroffen ist, reduziert sich, wenn Arbeitslosigkeit eine größere Anzahl von Menschen in der eigenen Umgebung betrifft. Einer der Hauptgründe dafür dürfte sein, dass eine hohe regionale Arbeitslosigkeit von den Arbeitslosen als ein Indiz dafür interpretiert werden kann, dass sie die eigene Arbeitslosigkeit nicht selbst zu verantworten haben. Die Frage, ob ein Anstieg der Arbeitslosigkeit tatsächlich externe Effekte in nennenswerter Größenordnung zur Folge hat, ist wirtschaftspolitisch von Bedeutung, denn solche Effekte würden die tatsächlichen Kosten der Arbeitslosigkeit unter Umständen deutlich erhöhen und damit Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung noch lohnender machen, als sie ohnehin schon sind.

Die Verwendung von Lebenszufriedenheitsdaten erlaubt es zumindest theoretisch, eine Austauschrate zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation zu bestimmen, bei der sich die Lebenszufriedenheit nicht ändern würde. Vorsichtige Schätzungen für Europa gelangen zu einem Austauschverhältnis zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit von 1,66 : 1. Eine Zunahme der Inflation in Höhe von 1,66 Prozentpunkten wäre demnach gerade noch zu rechtfertigen, wenn dadurch die Arbeitslosenrate um einen Prozentpunkt fallen würde. Andere Schätzungen hingegen kommen zu Verhältnissen von bis zu 5 : 1. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Grenzrate der Substitution zwischen Inflation und Arbeitslosenquote deutlich über 1 : 1 liegt. Das ist ein relevantes Argument gegen den immer wieder verwendeten „Misery-Index“, der die Summe aus Arbeitslosenquote und Inflation als Indikator für den Zustand einer Ökonomie heranzieht. Fällt die Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt, während die Inflationsrate um einen Prozentpunkt ansteigt, so ändert dies nichts an dem Misery-Index, erhöht aber die Lebenszufriedenheit.

2.4 Soziales Kapital und Familie

Die Auswirkungen des sozialen Kapitals sind vielfältig. So konnte gezeigt werden, dass ein höheres Sozialkapital das Gemeindeleben verbessert. Netzwerke und wohltätiges Engagement fördern soziale Normen und verstärken das soziale Vertrauen. Dies führt zu besseren Resultaten bei kollektiven Entscheidungen und erhöht das Wohlbefinden der Beteiligten. Starke soziale Netzwerke reduzieren Korruption, Steuerbetrug und Kriminalität und verbessern zusätzlich die Bildung und Kinderfürsorge. Neben diesen positiven Einflüssen, die indirekt auf die Zufriedenheit wirken, gibt es mittlerweile eine Reihe von Studien, die den direkten Einfluss von Sozialkapital, sozialen Kontakten und Beziehungen auf das individuelle Wohlbefinden untersuchen. Diese Studien zeigen, dass eine positive Korrelation zwischen einem „Sozialkapitalindex“ und dem Wohlbefinden der Individuen besteht. Die Familie scheint dabei der bedeutendste Faktor des Sozialkapitals zu sein, gefolgt von Freunden und Nachbarn. Das Sozialkapital, gemessen durch die Bindung der Familie, der Nachbarschaft, Religion und Gemeinden, verbessert sowohl die physische Gesundheit als auch das subjektive Wohlbefinden. Je häufiger man Kontakt mit Menschen in diesen Gruppen hat, umso höher ist die eigene Lebenszufriedenheit. Die Ehe, als die wohl engste Form des sozialen Kontaktes, erhöht ebenfalls die individuelle Zufriedenheit.

Eine Erhöhung des Sozialkapitals generiert offenbar deutlich positive Wohlfahrtseffekte. Dies spricht für eine gezielte Förderung sozialer Kontakte. Dies könnte durch eine verstärkte Förderung von Familien, des Vereinslebens, gesellschaftlicher Veranstaltungen oder wohltätiger Gemeinschaften geschehen. Das positive Potenzial scheint beträchtlich zu sein und kann unter Umständen mit vergleichsweise geringen Kosten ausgeschöpft werden.

2.5 Bildung

Der Einfluss der Bildung auf die Lebenszufriedenheit ist wegen erheblicher methodischer Probleme nur sehr schwer festzustellen. Vielfach hat Bildung vor allem instrumentellen Charakter. Sie dient dazu, bessere Berufschancen zu erhalten und das Einkommen zu steigern. Dieser instrumentelle Charakter der Bildung erschwert es, einen direkten Bildungseffekt zu messen, der darin besteht, dass Menschen ausschließlich deshalb, weil sie besser gebildet sind, zufriedener sind. Hält man die wichtigsten indirekten Einflüsse (Gesundheit, Einkommen, Status) konstant, verschwinden die Bildungseffekte in der Regel. Es ergibt sich daher aus den bisher vorliegenden Untersuchungen kein eindeutiges Bild, und die Stärke der direkten Bildungseffekte ist bislang unklar, so dass sich beim derzeitigen Stand der Forschung für Deutschland im Hinblick auf die direkten Effekte von Bildung auf die Lebenszufriedenheit keine Aussagen treffen lassen.

2.6 Umwelt

Die Daten zur Lebenszufriedenheit bieten einen völlig neuen Ansatz bei der Bewertung von Umweltgütern. Die Beantwortung der Frage, welchen Wert Umweltgüter besitzen, ist ausgesprochen schwierig, und die bisher dabei verwendeten traditionellen Methoden weisen erhebliche Schwächen auf. Die Bewertung von Umweltgütern mit Hilfe von Lebenszufriedenheitsdaten ist methodisch vergleichsweise einfach. Indem die Lebenszufriedenheit als Funktion des Umweltzustandes und des Einkommens geschätzt wird, eröffnet sich die Möglichkeit, die Grenzrate der Substitution zwischen Einkommen und Umwelt zu berechnen und so ein unmittelbares Maß für die Bewertung von Umweltgütern zu erhalten. Der Vorteil des so konstruierten Maßes besteht vor allem darin, dass es universell anwendbar ist und jegliche Form von Verzerrung vermeidet.

Es konnte nachgewiesen werden, dass ein Anstieg der Tiefsttemperatur in einem Land die Lebenszufriedenheit deutlich anhebt, während ein Anstieg der Höchsttemperatur den gegenteiligen Effekt hat. Weitere Studien zeigen, dass die Schäden, die durch extreme Wetterverhältnisse ausgelöst werden, deutlich über den materiellen Schäden liegen, wenn man den Einfluss auf die Lebensqualität mit berücksichtigt. Die Verbesserung der Wasserqualität sowie die Reduzierung von Blei- und Stickstoffdioxidbelastungen in einem Land führen zu einem deutlichen Anstieg der Lebenszufriedenheit. Hingegen zeigt sich, dass die Feinstaubbelastung keinen signifikanten Einfluss hat – angesichts der intensiven Diskussion über dieses Thema ein durchaus überraschendes Resulat. Alle diese Ergebnisse resultieren nicht aus bewussten Bewertungen einzelner Umweltgüter und hängen deshalb auch nicht davon ab, wie gut die Probanden über diese informiert sind. Gerade das zeigt die Stärke der Lebenszufriedenheitsforschung als neue und vielversprechende Methode zu Bewertung von Umweltgütern.

3 Glücksforschung auf dem Prüfstand

3.1 Zur Verlässlichkeit der Lebenszufriedenheitsmessung

Psychologen bescheinigen den Daten zur subjektiven Lebenszufriedenheit wesentliche Vorzüge gegenüber dem Konzept der offenbarten Präferenzen und gehen davon aus, dass sie ein durchaus geeigneter Wohlfahrtsindikator sind. Dieser verspricht insbesondere dort wertvolle Erkenntnisse, wo beobachtbare Entscheidungen systematisch verzerrt sind und daher nur beschränkt Aussagen über die wahren Präferenzen der Individuen zulassen. Dabei lässt sich der Nutzenbegriff in zwei Dimensionen verstehen: zum einen als Entscheidungsnutzen, der die Rangordnung von Alternativen, zwischen denen sich eine Person entscheiden kann, angibt, zum anderen aber als Erfahrungsnutzen, d. h. als Stärke der tatsächlich empfundenen Zufriedenheit beim Erleben einer dieser Alternativen. Offenbarte Präferenzen spiegeln nur den Entscheidungsnutzen wider, der aber im Wesentlichen aus der – möglicherweise verzerrten – Erinnerung des Erfahrungsnutzens abgeleitet wird. Unklar bleibt damit, was genau mit dem Maß des „subjektiven Wohlbefindens“ eigentlich gemessen werden soll. In der vorliegenden Studie geht es im Wesentlichen um die allgemeine Lebenszufriedenheit, die Ausdruck der Grundstimmung ist, in der sich ein Mensch befindet, und die gewissermaßen eine zusammenfassende Beurteilung aller Lebensumstände enthält. Diese Lebenszufriedenheit ist nicht unbedingt die Grundlage für Entscheidungen, vielmehr beschreibt sie das Ergebnis, zu dem die Summe der Entscheidungen führt, die der betreffende Mensch getroffen hat. Die Diskussion um die Validität der erhobenen Lebenszufriedenheitsdaten zeigt, dass die aus Befragungen gewonnenen Ergebnisse kompatibel mit anderen aus der Psychologie bekannten Messmethoden sind. Dessen ungeachtet wird auch bezüglich dieser Daten auf systematische Verzerrungen hingewiesen, so beispielsweise auf die geringe Korrelation der Antworten, wenn dieselbe Frage nach der Lebenszufriedenheit innerhalb einer Stunde zweimal gestellt wurde, und auf die sogenannte “focusing illusion”, wonach Menschen nicht fortwährend ihre allgemeinen Lebensumstände bewerten, sondern vielmehr entsprechend den Umständen antworten, die ihnen zuallererst bewusst werden, wenn sie nach ihrer Lebenszufriedenheit befragt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Betonung der Bedeutung relativer Positionen. Man kann versuchen, die Ergebnisse der Lebenszufriedenheitsforschung in die traditionelle neoklassische Theorie einzubauen. Zwar geht diese zunächst einmal davon aus, dass für die Menschen vor allem ihre absoluten Lebensumstände wichtig sind – mehr Einkommen, mehr Freizeit, bessere Gesundheit, höhere Bildung usw. Die Bedeutung relativer Vergleiche lässt sich jedoch prinzipiell integrieren, wenn man diese um einen biologisch-evolutionären Erklärungsansatz erweitert, nach der die Maximierung der Lebenszufriedenheit nicht das Ziel eines evolutionären Prozesses ist, sondern ein Mittel, dessen sich der menschliche Organismus bedient, um die Wahrscheinlichkeit des Überlebens und der Weitergabe des eigenen Erbguts zu erhöhen. Der Ansatz unterstellt, dass sich das Glück im Prinzip nur durch die Differenz zwischen dem eigenen Einkommen und dem Referenzeinkommen bestimmt. Wie glücklich ein Mensch sich in einer Situation fühlt, in die er durch eigene Entscheidungen gelangt ist, wird immer durch einen Vergleich mit einem Referenzzustand bestimmt. Dieser Referenzzustand wird dabei so gewählt, dass er dem eigenen Potenzial möglichst nahekommt. Wenn sich Glück aber immer durch den Vergleich mit dem eigenen Potenzial bestimmt und die Einschätzung des Potenzials nicht verzerrt ist, dann wird keine Politikmaßnahme, die das Potenzial der Menschen beeinflusst, ihr gefühltes Glück steigern können, denn dies würde nur zu einer Anpassung des Referenzrahmens führen. Letztlich bedeutet dieser Ansatz, dass die subjektiv empfundene Lebenszufriedenheit grundsätzlich nicht als normatives Kriterium zur Bewertung individueller Wohlfahrt geeignet ist, sondern dass sie nur ein Hilfsmittel sein kann, das es einem Menschen erlaubt, zu einem gegebenen Zeitpunkt die für ihn besten Entscheidungen zu treffen. Entsprechend formuliert diese Theorie eine klare Absage an eine an der Lebenszufriedenheit orientierte Wirtschaftspolitik, da sie niemals in der Lage sein könne, die Lebenszufriedenheit der Menschen dauerhaft zu steigern.

3.2 Ein alternatives Konzept des subjektiven Wohlbefindens

Infolge der Entwicklung der Lebenszufriedenheitsforschung und der aufkommenden Kritikpunkte hat sich ein komplementäres Konzept zur Messung des subjektiven Wohlbefindens etabliert. Dieses Maß misst im Gegensatz zur generellen Lebenszufriedenheit die momentanen emotionalen, affektiven Zufriedenheitskomponenten. Mit der von der Arbeitsgruppe um den Ökonomienobelpreisträger Daniel Kahneman im Jahr 2004 entwickelten „Day Reconstruction Method“ (DRM) existiert dabei eine neue Befragungsmethode, die eine valide Erfassung des tatsächlich erfahrenen Nutzens ermöglicht. Dies ist realisierbar, weil die Bewertung mit der DRM zeitnah zu den erlebten Aktivitäten stattfindet und die Befragungstechnik so angelegt ist, dass der Nutzen einzelner Erfahrungen abgefragt wird. Im Gegensatz zu den Lebenszufriedenheitsbefragungen, die sich auf das allgemeine Wohlbefinden beziehen, werden die Befragten gebeten, ein Tagebuch mit sämtlichen Tätigkeiten, die sie während des Vortages ausgeübt haben, zu erstellen. Hierzu werden dann detaillierte Fragen beantwortet, d. h. die Befragten geben an, was sie genau getan haben, mit wem sie dabei Kontakt hatten und welche positiven und negativen Gefühle sie dabei hatten. Das Ziel der Befragung ist eine approximative, multidimensionale Messung des kontinuierlichen, tatsächlich erlebten Erfahrungsnutzens in jeder Periode beziehungsweise bei jeder Tagesaktivität. Abstraktes, wie z. B. der transzendentale Sinn des Lebens oder sozialer Status, spielen für das so gemessene momentane hedonische Wohlbefinden, den sogenannten Erfahrungsnutzen, eine wesentlich kleinere Rolle als für die allgemeine Lebenszufriedenheit.

Bislang gibt es nur wenige Arbeiten, die die allgemeine Lebenszufriedenheit und den mit Hilfe der DRM gemessenen Erfahrungsnutzen miteinander vergleichen. In einer DRM-Studie haben wir untersucht, ob die von Arbeitslosen empfundene Minderung der Lebenszufriedenheit sich auch im täglichen Erfahrungsnutzen widerspiegelt oder ob Arbeitslose ihren Tagesablauf an die veränderte Lebenssituation anpassen können und ihre Gefühlslage vergleichbar mit den Beschäftigten ist. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse der DRM-Studie getrennt nach Beschäftigten und Arbeitslosen. Die verwendeten Maße zur Messung des Erfahrungsnutzens während der einzelnen Aktivitäten sind der Nettoaffekt und die Episodenzufriedenheit. Der Nettoaffekt ist ein Maß, das angibt, wie stark die positiven Empfindungen die negativen übersteigen (Skala: - 10 bis + 10). Die Episodenzufriedenheit entspricht der generellen Zufriedenheit des Individuums während der Tätigkeit (Skala: 0 bis + 10). Höhere Werte bedeuten bei beiden Konzepten ein höheres Wohlbefinden. Wie die Ergebnisse zeigen, generieren Freizeitaktivitäten den höchsten Erfahrungsnutzen für die Menschen. Sowohl der Nettoaffekt als auch die Episodenzufriedenheit ergeben bei diesen Tätigkeiten die höchsten Werte. Fernsehen erbringt dagegen den geringsten Erfahrungsnutzen aller Freizeitaktivitäten, obwohl die Individuen die meiste Zeit mit dieser Aktivität verbringen. Die am negativsten bewerteten Aktivitäten stehen sämtlich in Beziehung zur Arbeit. Sowohl das Pendeln zur Arbeit, als auch die Arbeitssuche und die Arbeit an sich generieren die niedrigsten Zufriedenheitswerte. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der positiven Auswirkungen der Arbeit auf die Lebenszufriedenheit.

Tabelle 1: Erfahrungsnutzen und Zeitverwendung nach Aktivität und Beschäftigungsstaus
AktivitätNettoaffektEpisodenzufriedenheitDurchschn. Stunden
pro Tag (h:min)
Anteil der Befragten
in %
 ETALETALETALETAL
Unterhaltung/Kultur9,794,979,857,191:122:3724
(0,000)(0,000)    
Hobbys/Sport7,256,158,938,502:322:572023
(0,011)(0,118)    
Gesellschafts- und Computerspiele6,734,367,837,265:052:15711
(0,002)(0,286)    
Soziale Kontakte6,716,548,588,342:162:504858
(0,550)(0,147)    
Essen6,514,928,227,191:392:069298
(0,000)(0,000)    
Lesen/Radio/Musik6,344,918,507,601:471:523628
(0,000)(0,000)    
Ehrenamtliche Tätigkeiten6,326,187,487,933:113:2115
(0,926)(0,641)    
Weiterbildung6,112,257,107,043:411:4132
(0,011)(0,944)    
Relaxen/Spaziergang5,986,048,217,991:451:262122
(0,912)(0,494)    
Erwerbstätigkeit Pausen5,30 7,85 0:33 37 
        
Fernsehen5,095,187,337,432:543:417379
(0,687)(0,501)    
Kinderbetreuung4,426,967,478,531:483:282131
(0,000)(0,000)    
Hausarbeit3,582,426,366,222:123:126078
(0,000)(0,395)    
Pendeln3,22 6,77 0:48 47 
        
Arbeiten2,68 6,72 6:32 68 
        
Arbeitssuche-1,37-0,133,144,021:161:50125
(0,709)(0,719)    
Quelle: Andreas Knabe, Steffen Rätzel, Ronnie Schöb, Joachim Weimann (2010): “Dissatisfied with Life, but Having a Good Day: Time-Use and Well-Being of the Unemployed”, erscheint in: Economic Journal.
Bemerkung: ET – Erwerbstätig, AL – Arbeitslos. Die Werte in Klammern geben die p-Werte eines t-Test wieder, der testet, ob die Werte für die Erwerbstätigen gleich den Werten für die Arbeitslosen sind.

Vergleicht man die Erwerbstätigen mit den Arbeitslosen, zeigt sich, dass der Erfahrungsnutzen der Erwerbstätigen in nahezu allen Aktivitäten höher ist als bei den Arbeitslosen. Dies wird als Traurigkeitseffekt bezeichnet: Arbeitslose fühlen sich bei gleichen Tätigkeiten schlechter als Beschäftigte. Zum Zweiten finden wir einen Zeiteinteilungseffekt: Arbeitslose können die als unangenehm eingeschätzte Arbeitszeit durch angenehmere Freizeitaktivitäten ersetzen. Gewichtet man die Erfahrungen während des Tages mit der jeweiligen Dauer jeder einzelnen Episode, so ergeben sich keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten. Während Normen bei der allgemeinen Lebenszufriedenheit eine wichtige Rolle spielen, sind sie im Alltag nicht immer präsent. Hier findet hedonische Anpassung in dem Maße statt, dass sich Arbeitslose in ihren täglichen Erfahrungen an die veränderten Lebensumstände gewöhnen, obwohl sie gleichartige Tätigkeiten weniger zufrieden machen als Beschäftigte. Die treibende Kraft für die hedonische Anpassung ist die Möglichkeit, seine Zeit mit Aktivitäten zu füllen, die mehr Freude und emotionales Wohlbefinden schaffen als Arbeit und damit verbundene Tätigkeiten. Tabelle 2 vergleicht die aggregierten Werte der unterschiedlichen Wohlbefindensmaße miteinander. Die Lebenszufriedenheit zwischen den befragten Erwerbstätigen und Arbeitslosen unterscheidet sich hoch signifikant voneinander. Die Arbeitslosen haben ein um circa 2,7 Punkte geringes Lebenszufriedenheitsniveau. Betrachtet man dagegen die Ergebnisse der DRM-Studie, zeigt sich, dass sowohl der Nettoaffekt als auch die Episodenzufriedenheit bei beiden Beschäftigungsgruppen identisch ist. Es finden sich keine signifikanten Unterschiede beim Vergleich der Erfahrungsnutzen. Dies ist ein Indiz dafür, dass die Maße unterschiedliche Konzepte des individuellen Wohlbefindens messen und bei der Konstruktion eines Wohlfahrtsindexes komplementär berücksichtigt werden sollten.

Tabelle 2: Durchschnittliche Lebenszufriedenheit, Nettoaffekt und Episodenzufriedenheit nach Erwerbsstatus
 LebenszufriedenheitNettoaffektEpisodenzufriedenheit
Erwerbstätig7,0744,4047,282
Arbeitslos4,3854,5727,181
Differenz zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen-2,689+0,168-0,102
(0,000)(0,371)(0,334)
Quelle: Siehe Tabelle 1.
Bemerkung: p-Werte für H0: Differenz = 0 in Klammern.

Eine Regressionsanalyse, in der für eine Reihe von sozio-ökonomischen Charakteristika, wie z. B. Beschäftigungsstand, Einkommen, Alter, Familienstand und Anzahl der Kinder, kontrolliert wird, bestätigt, dass Arbeitslosigkeit negativ und Einkommen positiv auf die allgemeine Lebenszufriedenheit wirken. Im Gegensatz zu den Erkenntnissen über die Determinanten der Lebenszufriedenheit stellen wir jedoch fest, dass auch in einer solchen Regressionsanalyse Arbeitslosigkeit und das individuelle Einkommen keine signifikanten Auswirkungen auf den alltäglichen Erfahrungsnutzen haben.

Das Hauptergebnis der Lebenszufriedenheitsforschung, dass arbeitslose Menschen, ungeachtet ihres Einkommensverlusts, strikt unglücklicher sind als Menschen, die Arbeit haben, widerspricht dem traditionellen neoklassischen Bild von Arbeitslosigkeit. Danach sind Menschen, die unfreiwillig arbeitslos werden, deren Einkommensverlust jedoch ausgeglichen wird, strikt besser gestellt, da sie bei gleichen Konsummöglichkeiten mehr Freizeit haben. Der Vergleich von kognitiven und affektiven Maßen des subjektiven Wohlbefindens erlaubt, die beiden Ansichten zu vereinen. Lebenszufriedenheit ist ein kognitives, wertendes Glücksgebilde. Um die Frage nach der Zufriedenheit mit ihrem Leben zu beantworten, müssen die Befragten sich einen Bezugsrahmen dessen schaffen, was ein zufriedenes Leben ausmacht. Während das Einkommen eine der Hauptdeterminanten eines solchen Bezugsrahmens bildet, scheint ein Mehr an Freizeit keine bedeutende Rolle zu spielen. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen scheint die Vernachlässigung des Zeitaspekts zu sein. Während nur die Intensität einer Erfahrung Einfluss auf den aus ihr gewonnenen Nutzen hat, betont das zeitgewichtete affektive Maß hingegen die Zeitkomponente, die sich auch in der neoklassischen Nutzenfunktion implizit findet, wenn dort Freizeit als Argument erscheint. Da für Freizeitaktivitäten ein höherer Nettoaffekt als für Arbeit und damit verbundene Tätigkeiten angegeben wird, impliziert der Zeiteinteilungseffekt, dass der Erfahrungsnutzen mit der Freizeit zunimmt. Folglich liegt die zeitgewichtete Messung von Wohlbefinden nicht im Widerspruch zur neoklassischen Theorie, sondern bestätigt vielmehr die Annahmen, die einer allgemeinen Nutzenfunktion zugrundeliegen.

Der Vergleich der verschiedenen Maße des Wohlbefindens macht deutlich, dass es sowohl die ungelöste normative Frage gibt, was wir genau als Ziel einer an den Bedürfnissen der Menschen orientierten Wirtschaftspolitik verfolgen sollten, als auch noch viele offene methodische Fragen. Die Ergebnisse der Lebenszufriedenheitsforschung sind daher noch nicht als so robust zu interpretieren, als dass man sie als entscheidende Indikatoren für die Wirtschaftspolitik verwenden sollte. Ungeachtet dessen liefern sie bereits heute sehr wertvolle ergänzende Informationen für wirtschaftspolitische Entscheider.

4 Wirtschaftspolitische Implikationen der Lebenszufriedenheitsforschung

In den folgenden Abschnitten präsentieren wir wirtschafts- und finanzpolitisch relevante Ergebnisse eigener empirischer Schätzungen. Als Datengrundlage für unsere Schätzung greifen wir auf das Sozioökonomische Panel (SOEP) zurück.

4.1 Glück als neuer Wohlstandsindikator

Eine wichtige Entwicklung, die durch die Lebenszufriedenheitsforschung neue Anstöße erhalten hat, ist die seit langem geführte Diskussion darüber, ob das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein geeigneter Indikator für die Messung der Wohlfahrt einer Gesellschaft ist oder nicht. So wird häufig argumentiert, dass die Existenz des Easterlin-Paradoxons dagegen spricht. Dies führt zu sehr weitreichenden wirtschaftspolitischen Forderungen, da das Easterlin-Paradoxon letztlich impliziert, dass die Erzielung von Einkommen und der private Konsum negative Effekte auf die Lebenszufriedenheit haben. Wählt man diese Implikation als Ausgangspunkt für wirtschaftspolitische Empfehlungen, so gelangt man beispielsweise zu der Forderung, die Einkommenserzielung durch Besteuerung zu reduzieren, den Staatskonsum auszuweiten oder Zusatzlasten der Besteuerung zu ignorieren und die Effizienzforderung aufzugeben. Diese sehr weitreichenden Forderungen sind nach unserer Auffassung nicht zu rechtfertigen, weil ihnen die dafür notwendige solide empirische Basis ebenso fehlt wie der gesellschaftliche Konsens, der notwendig wäre, um die weitreichenden Eingriffe in die persönlichen Freiheitsrechte zu rechtfertigen, die mit der Umsetzung der Forderungen verbunden wären.

Sehr viel bedeutsamer erscheint uns ein zweiter Ansatzpunkt, der die Diskussion auf eine deutlich breitere Basis stellt und zunächst ergebnisoffen der Frage nachgeht, ob es Möglichkeiten gibt, die eindimensionale Messung von Wohlstand durch ein mehrdimensionales Maß zu ersetzen, das objektive und subjektive Indikatoren miteinander kombiniert. In diese Richtung zielen die Initiativen, die das Königreich Bhutan und der französische Präsident Nicolas Sarkozy angestoßen haben. In Bhutan wird ein mehrdimensionales Maß, die sogenannte Gross National Happiness zur Messung der Wohlfahrt verwendet. Die von Sarkozy eingesetzte Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission hat sich mit der Frage befasst, welche Defizite das BIP als Indikator aufweist und welche komplementären Maße diese beheben könnten. Im Ergebnis stellt die Kommission fest, dass das BIP weder die qualitative Komponente des Wirtschaftswachstums abbildet, noch externe Effekte erfasst und den öffentlichen Sektor systematisch falsch abbildet. Weitere objektive Maße sind notwendig und sollten von subjektiven ergänzt werden. Allerdings stellt die Kommission auch fest, dass die im Gebrauch befindlichen subjektiven Maße bisher zu wenig erforscht sind. Diese Einschätzung wird von vielen Ökonomen geteilt, die sich intensiv mit der Lebenszufriedenheitsforschung befasst haben. Es besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass das BIP erhebliche Schwächen aufweist und ergänzt werden sollte. Allerdings ist eine starke Mehrheit der Ökonomen der Auffassung, dass weder die objektiven Indikatoren, die man als Komplemente heranziehen kann, noch die subjektiven Lebenszufriedenheitsmaße bisher geeignet sind, allein die Wohlfahrt sinnvoll abzubilden. Es zeichnet sich ab, dass die Entwicklung hin zu einem System komplementärer subjektiver und objektiver Indikatoren gehen wird.

4.2 Lebenszufriedenheit und Einkommensbesteuerung

Die vermutlich wichtigste und am heftigsten diskutierte Schlussfolgerung, die aus der Lebenszufriedenheitsforschung bisher gezogen wurde, besteht in der Forderung und Rechtfertigung einer progressiven Einkommensbesteuerung. Richard Layard gehört zu den Ökonomen, die besonders vehement eine progressive Besteuerung mit dem Verweis auf die Zufriedenheitsstudien fordern. Begründet wird dies mit der Existenz von zwei Effekten, die beide nahelegen, die individuelle Arbeitsangebotsentscheidung mit einer korrigierenden Steuer zu belegen.

Erstens führt die hohe Bedeutung der relativen Einkommensposition dazu, dass Menschen Vergleiche mit dem Einkommen anderer anstellen. Aus diesem Grund verursachen eigene Einkommenssteigerungen einen negativen externen Effekt, da sie die relative Position der anderen verschlechtert. Derjenige, der sein eigenes Einkommen steigert, berücksichtigt diesen Effekt nicht, und deshalb fällt seine Arbeitsangebotsentscheidung zu hoch aus. Da im Aggregat die relativen Positionen aller Menschen gleich bleiben, sind die Versuche, die relative Position zu verbessern, ohne Wirkung auf die Lebenszufriedenheit der Gesellschaft. Deshalb werden insgesamt zu viele Ressourcen in die Einkommenserzielung investiert, und diese Ineffizienz kann durch eine progressive Einkommensbesteuerung korrigiert werden.

Zweitens passen sich Menschen an eigene Einkommenszuwächse an und ziehen deshalb keine zusätzliche Lebenszufriedenheit daraus. Das allein muss noch keine Ineffizienz erzeugen, denn die Menschen könnten die Adaption ja richtig antizipieren und ihre Einkommenserzielungsanstrengungen entsprechend anpassen. Es spricht jedoch sehr viel dafür, dass Menschen dazu neigen, die Adaption zu unterschätzen. Das führt dazu, dass sie zu viele Ressourcen investieren, um zukünftig mehr Einkommen zu erzielen. Sie überschätzen gewissermaßen den Wert zukünftiger Einkommenszuwächse systematisch. Deshalb kommt es zu einer ineffizienten Ressourcenallokation. Man kann leicht zeigen, dass beide Verzerrungen durch eine Einkommensbesteuerung korrigiert werden können. Damit ergibt sich eine völlig neue Begründung progressiver Besteuerung. Anstatt mit dem Leistungsfähigkeitsprinzip lässt sie sich nunmehr mit dem Verweis auf negative externe Effekte begründen. Es sei allerdings ausdrücklich darauf hingewiesen, dass damit keineswegs gesagt ist, dass die gegenwärtig zu beobachtende Einkommensbesteuerung zu niedrig ausfällt. Es ändert sich lediglich die Art der Begründung für die Besteuerung, nicht notwendig deren Schärfe.

Allerdings werden in der Literatur auch Einwände gegen eine solche Besteuerung formuliert. So wird das Easterlin-Paradoxon in seiner strengen Form mittlerweile von vielen Forschern abgelehnt, denn es zeigt sich, dass auch absolute Einkommenszuwächse eine positive Wirkung haben. Allerdings ändert das nichts an der Existenz des oben beschriebenen externen Effekts; dies legt nur tendenziell niedrigere Internalisierungssteuern nahe. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob durch eine Einkommensbesteuerung tatsächlich die gewünschte Korrektur erfolgt, denn eine progressive Besteuerung beeinflusst nur die Konsum-Freizeit-Entscheidung. Es wird weder zwischen demonstrativem und nicht-demonstrativem Konsum unterschieden, noch werden Verzerrungen zwischen Freizeit und nicht-marktlichen Gütern beachtet. Beispielsweise sind die Umwelt oder das Gesundheitswesen superiore Güter, die die Lebenszufriedenheit stark positiv beeinflussen. Wenn eine Einkommensbesteuerung die Einkommen absenkt, kommt es insgesamt auch zu einer schlechteren Versorgung mit öffentlichen Gütern. Ein weiterer, gewichtiger Einwand besteht darin, dass die Präferenzen der Menschen unter Umständen nicht statisch sind. Wenn das Einkommen aufgrund hoher Besteuerung nicht mehr geeignet ist, Status zu begründen, dann wird sich die Statussuche auf andere Felder verlagern, da es Menschen ein grundlegendes Bedürfnis ist, sich zu vergleichen.

Ein Einwand, der in der Literatur bisher vernachlässigt wurde, ist in diesem Bericht intensiv untersucht worden. Es geht um die Frage, ob die stillschweigende Annahme, dass ein höherer Freizeitkonsum die Lebenszufriedenheit tatsächlich steigert, berechtigt ist. Ist sie es nicht, würde die Verzerrung der Konsum-Freizeit-Entscheidung, die durch eine Einkommensbesteuerung erzeugt wird, nicht notwendig zu einer Steigerung der Lebenszufriedenheit führen. Auf der Grundlage der Daten des SOEP wurde eine ökonometrische Schätzung der Arbeitszeit- und Freizeiteffekte durchgeführt, die die Wirkung einer progressiven Einkommensteuer als Internalisierungssteuer grundlegend in Frage stellt. Die empirische Untersuchung hat keine statistisch belastbare Evidenz dafür ergeben, dass eine individuelle Verkürzung der Arbeitszeit zugunsten von mehr Freizeit – unter ansonsten gleichen Bedingungen – die Lebenszufriedenheit erhöhen kann. Die Zufriedenheitswirkung fällt umso stärker negativ aus, je mehr die Verkürzung der Arbeitszeit mit einer Ausweitung der Hausarbeitszeit statt mit zusätzlicher Freizeit einhergeht. Darüber hinaus kann a priori nicht ausgeschlossen werden, dass es ebenso wie beim Einkommen auch bei der Zeitverwendung zu Adaptions- und Referenzeffekten kommt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die positive Wirkung der Arbeits- und Freizeit bei Männern in der langen Frist verstärkt. Somit können keine Adaptionseffekte festgestellt werden. Referenzeffekte spielen für die Wirkung der Zeitverwendung bei Männern keine Rolle. Bei Frauen unterscheidet sich die Wirkung der Zeitverwendung nicht zwischen der kurzen und der langen Frist. Es findet sich aber Evidenz für positive externe Effekte der Arbeitszeit und negative externe Effekte der Freizeit.

Nimmt man diese beiden Ergebnisse zusammen, so erscheint die Forderung nach einer progressiven Einkommensbesteuerung in einem neuen Licht. Letztlich kommen wir zu dem Schluss, dass sie sich mit dem Hinweis auf die Ergebnisse der Lebenszufriedenheitsforschung nicht begründen lässt, da unsere empirische Analyse starke Zweifel weckt, ob eine gesamtwirtschaftliche Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichzeitiger Ausweitung der Freizeit, selbst bei hypothetischer Konstanz des individuellen Haushaltseinkommens, die durchschnittliche Lebenszufriedenheit erhöhen kann.

4.3 Weitere steuerpolitische Implikationen

Wie wirken sich Steuern und Abgaben auf die Lebenszufriedenheit aus? Es liegt nahe, dass ein Anstieg zu einem Rückgang der Zufriedenheit führt. Dafür könnten zwei Effekte verantwortlich sein. Erstens könnte die Besteuerung als solche negative Wirkungen haben, da die Menschen das Gefühl haben, dass ihnen etwas von der Wertschöpfung weggenommen wird, die sie leisten. Wir bezeichnen dies als den Expropriationseffekt. Zweitens reduzieren Steuern und Abgaben das Nettoeinkommen und damit die Konsummöglichkeiten, was wiederum die Lebenszufriedenheit senken könnte. Dies wird als der Konsumeffekt bezeichnet. Im Rahmen der Studie wurden beide Effekte auf der Basis des SOEP-Datensatzes getrennt untersucht.

Der Expropriationseffekt einer zusätzlichen Abgabenerhöhung ist vernachlässigbar und hat keine statistisch signifikante Wirkung auf die Lebenszufriedenheit. Allerdings wirkt der Konsumeffekt. Eine Verringerung des Einkommens infolge einer Abgabenerhöhung führt zu signifikanten Lebenszufriedenheitsverlusten. An diesem Ergebnis ändert sich nichts, wenn zwischen Steuern und Sozialabgaben explizit unterschieden wird. Für die Menschen ist es gleichgültig, ob das eine oder das andere steigt. Der Konsumeffekt ist in beiden Fällen vorhanden, der Expropriationseffekt nicht. Für die Lebenszufriedenheit ist damit ausschließlich das verfügbare Nettoeinkommen bedeutsam.

Des Weiteren wurde der Zusammenhang zwischen Pendlerverhalten und Lebenszufriedenheit untersucht. Es zeigt sich, dass tägliches Pendeln keine Auswirkungen auf das Wohlbefinden hat, wöchentliches oder noch selteneres Pendeln dagegen die Lebenszufriedenheit deutlich senkt. Dieser Effekt ist für Menschen, die in festen Beziehungen leben, ausgeprägter und am stärksten bei denen, die Kinder haben. Die Mineralölsteuer wirkt sich erst dann negativ auf die Lebenszufriedenheit der Pendler aus, wenn die wöchentliche Pendelstrecke über 250 km liegt. Ist die Strecke kürzer, ist der Einkommenseffekt der Mineralölsteuer offenbar zu klein, um zu spürbaren Einbußen bei der Lebenszufriedenheit zu führen. Insgesamt zeigt die Analyse, dass die Last, die Pendler zu tragen haben, vor allem in der Trennung vom sozialen Umfeld besteht und weniger in der finanziellen Belastung durch die Mineralölsteuer.

4.4 Sozialstaat und soziale Teilhabe

Nicht nur das eigene absolute oder relative Einkommen kann die Lebenszufriedenheit beeinflussen, auch die Einkommensverteilung kann potentiell eine Rolle spielen. Beispielsweise ist es durchaus vorstellbar, dass eine größere Ungleichheit der Einkommensverteilung negative Auswirkungen auf die Zufriedenheit hat. Um den Effekt der Einkommensverteilung zu untersuchen, wurde die Gleichmäßigkeit der Verteilung für die Zeit von 1984 bis 2007 mit dem Gini-Koeffizienten gemessen, der von 0 (vollständige Gleichverteilung) bis 1 (vollständige Ungleichheit) definiert ist. Die Einkommensverteilung in Deutschland ist seit Mitte der 90er Jahre ungleichmäßiger geworden, d. h. die Einkommensunterschiede sind größer geworden. Die von uns durchgeführte Schätzung, die für die Arbeitslosenquote, das BIP-Pro-Kopf und einen allgemeinen Zeittrend korrigiert, zeigt, dass ein Anstieg des Gini-Koeffizienten tatsächlich zu einem Rückgang der Lebenszufriedenheit führt. Allerdings ist dieser Effekt klein und statistisch nicht signifikant und damit auch als nicht sehr robust einzuschätzen.

Die Auswirkungen von Vermögen auf die Lebenszufriedenheit sind bislang kaum untersucht worden. Aus diesem Grund haben wir auf der Grundlage der Vermögensmodule des SOEP diesen Einfluss analysiert. Hervorzuheben ist dabei, dass erstmals Paneldaten verwendet wurden, was den erheblichen Vorteil hat, dass für persönliche Charakteristika kontrolliert werden kann. Unsere Regressionsanalyse zeigt, dass Vermögen einen eindeutigen und signifikant positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit hat, der sich von dem ebenfalls positiven Einkommenseffekt unterscheidet. Ein positives Nettovermögen erhöht unabhängig von dem daraus resultierenden Einkommen die Zufriedenheit. Die Stärke dieses Effekts ist mit der vergleichbar, die das absolute Einkommen aufweist. Geld spielt für die Lebenszufriedenheit durchaus eine wichtige Rolle (wenn auch keine dominante), und es wirkt sowohl als Einkommensstrom als auch als Vermögensbestand. Allerdings hängt die Stärke des Zusammenhangs davon ab, ob es sich bei dem Vermögen um Guthaben oder Schulden handelt. Schulden senken das Wohlbefinden stärker, als entsprechende Guthaben die Lebenszufriedenheit erhöhen. Allein die Tatsache, Schulden zu haben, führt bereits zu einer sprunghaften Verringerung der Zufriedenheit. Vergleicht man zwei Menschen mit gleichem Nettovermögen, aber unterschiedlicher Verteilung von Schulden und Guthaben, so weist im Mittel der mit den geringeren Schulden die höhere Lebenszufriedenheit auf.

Sozialtransfers sind weitere Bestandteile des Einkommens von besonderer Art. Sie unterscheiden sich von dem Arbeitseinkommen dadurch, dass sie nicht mit „Arbeitsleid“ verbunden sind, aber auch keinen positiven Statuseffekt auslösen können. Im Gegenteil, der Bezug staatlicher Unterstützungsleistungen kann sogar stigmatisierend wirken und damit den Status des Empfängers verschlechtern. Um diesen Aspekten Rechnung zu tragen, wurde in der ökonometrischen Untersuchung zwischen solchen Transfers, die nicht im Verdacht stehen, stigmatisierend zu wirken, und solchen unterschieden, die eine solche Wirkung mit hoher Wahrscheinlichkeit entfalten. Zur ersten Gruppe gehören das Kindergeld, Elterngeld, Arbeitslosengeld sowie Unterhalts- und Übergangsgeld. Zur zweiten Gruppe gehören das Arbeitslosengeld II (beziehungsweise die frühere Arbeitslosen- und Sozialhilfe), Wohngeld und sonstige Sozialtransfers. Es zeigt sich, dass zwischen den beiden Gruppen deutliche Unterschiede bestehen. Während ein Anstieg der nicht stigmatisierenden Transfers zu einem signifikanten Zuwachs der Lebenszufriedenheit führt, ist der Effekt der stigmatisierenden Transfers zunächst signifikant negativ. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es nicht der Bezug der Geldleistung ist, der negative Effekte auslöst, sondern das Ereignis, das dazu geführt hat, dass der Leistungsanspruch entstand. Dies zeigt sich daran, dass der negative Effekt verschwindet, wenn nur Personen betrachtet werden, die bereits mindestens ein Jahr den Transfer erhalten.

Unsere Ergebnisse unterstützen damit in der Tendenz die Auffassung, dass oberstes Ziel der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Hilfe zur Selbsthilfe statt staatlicher Alimentation sein muss. Ergänzendes Arbeitslosengeld II führt, so unser Ergebnis, zu einem Gefühl der Stigmatisierung. Die Verrechnung über das Steuersystem oder durch Lohnsubventionen, die direkt an den Arbeitgeber gezahlt werden, könnten bei gleichen finanziellen Zuschüssen höhere Zufriedenheitswerte generieren.

4.5 Wie viel Staat?

Wirkt sich eine höhere Staatsquote positiv oder negativ auf die Lebenszufriedenheit aus? Wenn man lediglich den Zusammenhang zwischen beiden Größen betrachtet, ohne für weitere Variablen zu kontrollieren, ergibt sich ein eindeutig negativer Zusammenhang. Allerdings zeigt eine multiple Regressionsanalyse, bei der für das BIP und die Arbeitslosenquote kontrolliert wird, dass dieser Zusammenhang nur deshalb besteht, weil die Lebenszufriedenheit kurzfristig positiv mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängt, das wiederum negativ mit der Staatsquote korreliert ist. Da die Staatsausgaben vergleichsweise konstant sind, führt ein sinkendes BIP zu einem Anstieg der Staatsquote. Dieser Effekt erklärt einen großen Teil des negativen Zusammenhangs zwischen Staatsquote und Lebenszufriedenheit.

Der öffentliche Dienst übt in zweierlei Hinsicht einen potentiellen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit aus. Einerseits stellt er Dienstleistungen bereit, die tendenziell eine höhere Lebenszufriedenheit begründen können, zum anderen sind in ihm über 4 Millionen Menschen beschäftigt. Zwischen 1995 und 2005 ist die Beschäftigung bei den Ländern und den Gemeinden von 3,5 Millionen Personen auf 2,8 Millionen Menschen reduziert worden, d. h. die öffentlichen Dienstleistungen sind in diesem Zeitraum erheblich beschränkt worden. Unsere ökonometrische Analyse ergibt allerdings, dass dies einen geringfügig positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit hatte, denn für die Gesamtbevölkerung zeigt sich ein (nicht signifikanter) negativer Zusammenhang zwischen dem Umfang der Beschäftigung und der Lebenszufriedenheit. Für die Frauen ist dieser negative Zusammenhang auch statistisch signifikant.

Die Staatsverschuldung hat dagegen keinen messbaren Einfluss auf die Lebenszufriedenheit der Menschen. Alle Koeffizienten der entsprechenden Schätzung sind nahe Null, und keiner ist signifikant. Damit bestätigen die deutschen Daten ein Ergebnis, das auch schon für andere Länder gefunden wurde.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die analysierten makroökonomischen Variablen des Staatseinflusses nur einen schwachen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit haben und die Unsicherheiten bei den Schätzungen aufgrund der nur geringen Variation dieser Variablen über die Zeit wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen im Prinzip nicht zulassen.

5 Lebenszufriedenheitsforschung: überflüssig oder revolutionär?

Eine abschließende Beurteilung der Lebenszufriedenheitsforschung ist bei dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht möglich. Nach wie vor sind viele methodische Probleme ungelöst. So ist insbesondere festzustellen, dass nahezu die gesamte ökonomische Lebenszufriedenheitsforschung auf Daten basiert, die aus einer einzigen Frage gewonnen werden. Es ist eine offene Frage, inwieweit man davon ausgehen kann, dass der Zustand, in dem sich ein Mensch befindet, und die Bewertung, die dieser Zustand durch den betreffenden Menschen erfährt, mit einer einzigen Frage abgerufen werden können. Gewichtet der Einzelne die verschiedenen Determinanten der Lebenszufriedenheit und addiert dann die gewichteten Maße? Oder kommt es zur „focusing illusion“, bei der ein Bereich als der die Lebenszufriedenheit dominierende herausgegriffen wird? Die Antworten auf diese Fragen sind für die Beurteilung der Lebenszufriedenheitsforschung essentiell, da sie die Qualität und die grundlegende Beschaffenheit der einzigen Information betreffen, auf die sich diese Forschung stützen kann.

Was wir bisher erfahren, ist gewissermaßen die Essenz aus allen Überlegungen und Empfindungen, die die Lebenszufriedenheit beeinflussen, d. h. wir beobachten in den Daten nicht direkt die Zufriedenheit, sondern nur das, was bei der erzwungenen Reduktion der Bewertung auf eine Zahl offenbart wird. Wir wissen nicht, was hinter dieser Offenbarung steckt. Diese Unkenntnis relativiert die Bedeutung der Daten erheblich, die sich mit den bisher üblichen Befragungen zur Lebenszufriedenheit gewinnen lassen. Allein diese Einschränkung lässt es angeraten erscheinen, politische Schlussfolgerungen aus Lebenszufriedenheitsforschungen nur mit allergrößter Vorsicht zu ziehen.

Ungeachtet dieser grundlegenden methodischen Einwände halten wir es für angebracht, die zur Verfügung stehenden Daten ergänzend zur Analyse wirtschaftspolitischer Fragestellungen heranzuziehen. Wir haben daher in diesem Bericht zum einen bereits bekannte Resultate dieser Forschungsrichtung dargestellt und gemäß ihrer politischen Relevanz eingeordnet, zum anderen haben wir uns auch neuen Fragen zugewandt. Im Ergebnis hat sich dabei gezeigt, dass nicht alle Resultate, die intensiv in der Literatur diskutiert werden und die teilweise zu sehr drastischen Politikempfehlungen geführt haben, bestätigt werden konnten. Im Hinblick auf die aus dem Easterlin-Paradoxon abgeleiteten Vorschläge zur progressiven Einkommensbesteuerung konnten wir beispielsweise zeigen, dass die Daten für Deutschland nicht den Schluss zulassen, dass durch eine solche Politik die Lebenszufriedenheit gesteigert werden kann.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Lebenszufriedenheitsforschung bei der Bestimmung einer optimalen Wirtschafts- und Finanzpolitik zwar helfen kann, die Motivation menschlichen Handelns und die Bestimmungsfaktoren des subjektiven Wohlbefindens besser zu verstehen. In diesem Sinne ist diese Forschung wichtig und keineswegs „überflüssig“. Bei dem gegenwärtigen Wissensstand ist es verfehlt, eine „Revolution“ in der Wirtschafts- und Finanzpolitik auszurufen. Die bisher erzielten Fortschritte erlauben es nicht, gesicherte Empfehlungen für eine Abkehr von den mit den bekannten Methoden der Wirtschaftswissenschaft abgeleiteten Politikempfehlungen zu geben. Stattdessen sollte sich die Forschung in Zukunft darauf konzentrieren, (a) die Multidimensionalität des Wohlbefindens-Konzepts zu berücksichtigen, indem sie alternative Zufriedenheitsmaße stärker berücksichtigt, (b) subjektive Wohlbefindensmaße mit objektiven Wohlfahrtsindikatoren zu verbinden und (c) die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Lebensbereichen und vor allem zwischen politischen Maßnahmen und den Bestimmungsfaktoren der Lebenszufriedenheit eingehender zu untersuchen. Eine solche Forschungsagenda verspricht, umfassendere Daten und ein systematischeres Verständnis des subjektiven Wohlbefindens zu schaffen – beides Voraussetzungen, ohne die die Zufriedenheitsforschung nicht bei der Ableitung von Politikempfehlungen überzeugen kann.

Fußnoten


1 Der vorliegende Beitrag zu einem Forschungsgutachten des Instituts für Standortforschung und Steuerpolitik Magdeburg im Auftrag des BMF wurde von Prof. Dr. Andreas Knabe (Freie Universität Berlin), Steffen Rätzel (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), Prof. Dr. Ronnie Schöb (Freie Universität Berlin) und Prof. Dr. Joachim Weimann (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg) verfasst.


2 Wir verzichten in diesem Beitrag auf Quellenangaben. Eine ausführliche Darstellung der zugrundeliegenden Literatur findet sich in der Langfassung des Gutachtens.

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