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21.10.2010

Monatsbericht

Wirt­schafts- und Fi­nanz­la­ge in aus­ge­wähl­ten Schwel­len­län­dern

  • Die weltwirtschaftliche Erholung hält an, der Aufschwung ist aber noch fragil.
  • Asien, insbesondere China und Indien, führt die globale Erholung an. In vielen Ländern der Region konnte durch steigenden inländischen Konsum der Rückgang der Exporte kompensiert werden.
  • Die wirtschaftliche Erholung in Russland und der Ukraine wird insbesondere durch hohe Rohstoffpreise sowie die Normalisierung der Handels- und Kapitalflüsse unterstützt.
  • Lateinamerika hat die Krise schneller als erwartet überwunden. Dies reflektiert die guten makroökonomischen Fundamentaldaten, beträchtliche wirtschaftspolitische Stützungsmaßnahmen sowie hohe Rohstoffeinnahmen.

1 Überblick

Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die weltwirtschaftliche Erholung anhalten. Allerdings ist der Aufschwung laut dem IWF noch fragil: Im 1. Halbjahr 2010 habe das globale Wachstum bei 5 ¼ % gelegen, für das gesamte Jahr erwartet der IWF ein Wachstum von 4,8 %. Die Erholung verlaufe zwischen den Gruppen der Industrie- und Schwellenländer aber unterschiedlich. Die weitere Entwicklung der Industrieländer werde eher verhalten ausfallen, hier könne nur mit einem Wachstum von 2,7 % gerechnet werden. Getrieben werde das Wachstum durch einen starken Aufschwung in der verarbeitenden Industrie und im Handel. Die Schwellen- und Entwicklungsländer hingegen könnten nach der IWF-Prognose ein Wachstum von 7,1 % erreichen, insbesondere sei die Erholung in Asien deutlich ausgeprägt; hier stiegen Konsumausgaben und auch Beschäftigung in vielen Ländern an. Allerdings bestehe nach wie vor eine hohe Abhängigkeit von der Nachfrageentwicklung in den Industriestaaten.1

Auch die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Asien in diesem Jahr stärker ausfallen wird als erwartet. Die asiatischen Staaten - ohne Japan - dürften 2010 zusammengenommen um 8,2 % wachsen. Das Wachstum in Asien basiere auf einer starken Erholung der Exporte, einer robusten Binnennachfrage und den anhaltenden Auswirkungen der Konjunkturprogramme. Für China, mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, geht die ADB von einem Wachstum von 9,6 % aus, für Indien von 8,5 % – sie bleiben damit die Wachstumsmotoren der Region. Auch Hongkong (+ 5,8 %), Südkorea (+ 6 %) und Taiwan (+ 7,7 %) gehören demnach zu den rapide wachsenden Wirtschaftsmächten. Für den Stadtstaat Singapur hat die ADB ihre Prognose gar von 6,3 % auf 14 % Wachstum erhöht. Eine erneute Rezession in den Industriestaaten stelle zwar eine potenzielle Bedrohung der asiatischen Wirtschaft dar, diese Gefahr werde aber nicht als allzu hoch eingeschätzt.

Sowohl Russland als auch die Ukraine dürften in diesem Jahr positive Wachstumsraten des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufweisen können. Allerdings ist die Rohstoffabhängigkeit Russlands nach wie vor groß, die notwendige Diversifizierung der Wirtschaft ist bisher nicht vorangekommen. Die Banken halten sich mit Kreditvergaben an die Realwirtschaft noch zurück. Die ukrainische Regierung will mit einem Reformplan das Land voranbringen. Durch eine neue Stand-by-Vereinbarung mit dem IWF konnte die außenwirtschaftliche Position des Landes stabilisiert werden.

Die fünf Jahre bis 2008 können als die besten Jahre Lateinamerikas seit den 60er Jahren angesehen werden, mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 5,5 % und einer Inflation im einstelligen Bereich. Vielleicht noch wichtiger ist, dass die Region, die früher ein Synonym für finanzielle Instabilität war, die letzte Krise recht gut durchschiffen konnte. Nach einem kurzen Rückgang Ende 2008 und dann erneut Anfang 2009 ist nun eine rasche Erholung auf dem Wege, wobei der IWF beispielsweise für die gesamte Region von einem Wachstum von 5,7 % für dieses Jahr ausgeht. Brasilien gilt als Musterökonomie in der Region. Von einem hochverschuldeten Land mit hoher Inflation und schwacher Währung hat es sich hin zu einer stabil wachsenden Volkswirtschaft mit niedriger Staatsverschuldung, moderater Inflation und relativ hohen Devisenreserven gewandelt. Der positive Trend zeigt sich aber nicht nur in Brasilien, sondern auch Mexiko und Chile warten mit einer soliden Wirtschaftspolitik und niedriger Staatsverschuldung auf. Die Inflation konnte in diesen Ländern durch eine restriktive Geldpolitik eingedämmt werden. Auch Argentinien kann hohe Wachstumsraten sowie eine erträgliche Staatsverschuldung aufweisen.

Nachdem bereits 2008 ein Rückgang der globalen ausländischen Direktinvestitionen um 16 % zu verzeichnen war, brachen diese 2009 nach Angaben der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) nochmals um 37 % auf 1 114 Mrd. US-Dollar ein. Fast die Hälfte der globalen Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen und ein Viertel der Abflüsse entfällt auf Entwicklungs- und Transformationsländer. Während die Zuflüsse in Industrieländer um 44 % sanken, gingen die Zuflüsse in Entwicklungsländer um 24 % und in Transformationsländer um 43 % zurück. Seit Ende 2009 gab aber eine deutliche Erholung bei den globalen Investitionen, die sich im 1. Halbjahr 2010 maßvoll fortsetzte. Die UNCTAD erwartet daher einen Anstieg auf mehr als 1 200 Mrd. US-Dollar für 2010 und einen weiteren Anstieg auf 1 300 Mrd. US-Dollar bis 1 500 Mrd. US-Dollar im Jahr 2011. Die Entwicklungs- und Transformationsländer stehen an der Spitze der Erholung bei den ausländischen Direktinvestitionen und werden auch in Zukunft deren bevorzugte Empfänger bleiben.

Abbildung 1: Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen nach Regionen 2005 bis 2009
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

2 China

Die wirtschaftliche Entwicklung in China verläuft weiter rasant. Im 1. Halbjahr 2010 konnte die Volksrepublik eine BIP-Wachstumsrate von 11,1 % aufweisen. Außerdem wurde die Wachstumsrate für 2009 nachträglich auf 9,1 % nach oben korrigiert. Für 2010 erwartet der IWF insbesondere dank einer starken Inlandsnachfrage einen Zuwachs beim realen BIP von 10,5 % und 9,6 % für 2011.

Die chinesischen Verbraucherpreise sind im August aufgrund steigender Lebensmittelpreise mit der höchsten Rate seit fast zwei Jahren gestiegen – sie erhöhten sich im August auf 3,5 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Eine Zinserhöhung durch die Zentralbank (People's Bank of China – PBoC) erfolgte aber bisher nicht, da der Preisdruck lediglich aufgrund temporärer Faktoren zugenommen hat (u. a. Überflutungen und ungünstiger Wetterverhältnisse). In den nächsten Monaten wird ein Abflauen des Preisdrucks erwartet. Die durchschnittliche Inflation liegt in diesem Jahr (Januar bis August) bei 2,8 %.

Die PBoC hat am 19. Juni 2010 angekündigt, die feste Anbindung des Yuan an den US-Dollar aufzugeben und eine stärkere Flexibilisierung des Wechselkurses mit sofortiger Wirkung zuzulassen. Die PBoC begründete ihre Entscheidung mit Entwicklungen an den heimischen und internationalen Finanzmärkten sowie der chinesischen Zahlungsbilanzsituation. Der Wechselkurs des Yuan soll künftig in einem vorgegebenen Band (tägliche Schwankungsbreite des Yuan ± 0,5 %) gegenüber einem Währungskorb, dessen Zusammensetzung nicht bekannt ist, schwanken. Der Yuan hat gegenüber dem US-Dollar seither um knapp 2 % aufgewertet. Eine weitergehende Aufwertung von 20 % bis 30 % - wie von den Industrieländern gewünscht - wird von der chinesischen Regierung abgelehnt. Sie verweist darauf, dass dies zum Bankrott vieler Unternehmen und stark steigender Arbeitslosigkeit führen würde. Des Weiteren sei der Handelsbilanzüberschuss 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 24 % und im 1. Halbjahr 2010 um 42,5 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gefallen. Der Anstieg der chinesischen Devisenreserven auf 2 454 Mrd. US-Dollar Ende Juni fiel bisher eher gemäßigt aus.

Der chinesische Aktienmarkt kam 2010 bisher nicht aus der Verlustzone. Seit Anfang dieses Jahres bis Ende September musste der Shanghai Composite Index Verluste von rund 19 % verzeichnen. Gründe hierfür dürften unter anderem die Regulierungsmaßnahmen der Regierung für den Immobiliensektor zur Bekämpfung von Spekulation und die Einschränkung des Kreditvolumens sein. In diesem Jahr wurden bis Ende August von den Banken Kredite von insgesamt 5 700 Mrd. Yuan vergeben. Damit liegt das Volumen deutlich unter dem des vergleichbaren Vorjahreszeitraums (- 30 %), und die angestrebte Zielmarke von nur 7 500 Mrd. Yuan dürfte aufgrund der bisherigen Entwicklung durchaus im Bereich des Möglichen liegen.

Im Juli 2010 erfolgte der Börsengang der nach Aktiva drittgrößten chinesischen Staatsbank, der Agricultural Bank of China (ABC), parallel in Hongkong und Shanghai. Bei dem dualen Börsengang hat die Bank zunächst 19 Mrd. US-Dollar eingesammelt. Im Zuge der Mehrzuteilungsoption (Greenshoe-Option – d. h. Aufstockung des Aktienangebots um 15 %), die die Bank in Hongkong bereits Ende Juli und in Shanghai im August gezogen hat, konnte sie insgesamt einen Emissionserlös von 22,1 Mrd. US-Dollar erzielen – dies war der bisher größte Börsengang weltweit. Damit sind nun alle großen chinesischen Staatsbanken an der Börse notiert. Größter Anteilseigner der Banken ist aber nach wie vor der chinesische Staat.

Der chinesische Staatsfonds China Investment Corporation (CIC) konnte 2009 seine Gewinne nahezu verdoppeln. Sein Nettogewinn aus den Aktivitäten im In- und Ausland stieg auf 42 Mrd. US-Dollar (Vorjahr: 23 Mrd. US-Dollar). Zu dem guten Ergebnis im vergangenen Jahr hätten - anders als im Vorjahr - auch wieder die Überseeinvestitionen beigetragen. Danach erhöhten sich 2009 die Erträge bei Auslandsinvestitionen um knapp 12 % (Vorjahr: - 2 %). Damit und aufgrund einer Reihe größerer Akquisitionen beliefen sich die Assets des CIC zum Jahresende auf rund 332 Mrd. US-Dollar. Der Staatsfonds hat sich zum Ziel gesetzt, etwas mehr als die Hälfte des registrierten Kapitals von 200 Mrd. US-Dollar im Ausland anzulegen. Die restlichen Mittel sollen in den inländischen Markt fließen.

Der Außenhandel Chinas verläuft weiterhin sehr dynamisch. Die Exporte lagen seit Jahresbeginn bis einschließlich August mehr als 35 % über dem Vorjahresniveau. Auch die Importe erhöhten sich aufgrund der steigenden Inlandsnachfrage erheblich (+ 45 %). Allerdings werden nach März 2010, als erstmals seit mehreren Jahren ein Handelsbilanzdefizit verbucht wurde, wieder deutliche Handelsüberschüsse vermeldet. Das Handelsvolumen erreichte in diesem Jahr bis August rund 1 875 Mrd. US-Dollar und könnte – anhaltend gute Entwicklung vorausgesetzt – wieder das Rekordniveau von 2008 erreichen oder übersteigen.

Auch in diesem Jahr kann China weiterhin hohe Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen verzeichnen. Von Januar bis August flossen knapp 66 Mrd. US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen nach China (+ 18 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum). Damit dürfte in diesem Jahr ein neues Rekordergebnis möglich sein. Die chinesischen Auslandsinvestitionen entwickeln sich ebenfalls dynamisch. Nach offiziellen Angaben haben chinesische Unternehmen 2010 bis einschließlich Juli Investitionen von knapp 27 Mrd. US-Dollar (einschließlich Finanzsektor) im Ausland vorgenommen.

Abbildung 2: Entwicklung der chinesischen Handelsbilanz seit Januar 2008
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

3 Indien

Aufgrund der relativ geringen Exportabhängigkeit und der geringen internationalen Verflechtung seines Bankensystems ist Indien von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise weniger stark als andere Länder getroffen worden. Allerdings gab es eine Wachstumsdelle. Nach vielen Jahren mit einem Wirtschaftswachstum um 9 % jährlich betrug das Wachstum im Fiskaljahr 2008/2009 nur 6,7 %. Im abgelaufenen Haushaltsjahr 2009/2010 war Indien aber eine der weltweit am stärksten expandierenden Volkswirtschaften mit einem realen Wirtschaftswachstum von 7,4 %. Für das seit April laufende Haushaltsjahr 2010/2011 erwartet die indische Regierung ein etwas höheres Wachstum von 7,5 % bis 8,0 %. Im Quartal von April bis Juni konnte mit 8,8 % das höchste Wachstum seit Dezember 2007 erzielt werden. Das indische Wachstum wird insbesondere von der Binnennachfrage getragen.

Die hohe Wachstumsdynamik geht allerdings einher mit einer Preisentwicklung, die die Zentralbank des Landes zum Handeln zwingt. Indiens Inflation, gemessen auf Basis der Großhandelspreise (WPI), ist im August zwar leicht zurückgegangen, hat aber mit 8,5 % (im Juli 9,8 %) noch immer ein relativ hohes Niveau. Erstmalig nutzte die Regierung bei der Veröffentlichung der Inflationsdaten im August einen neuen WPI-Index, der mehr Rohstoffe, eine andere Gewichtung und ein neues Basisjahr 2004/2005 beinhaltet, um das Konsummuster zeitgemäß zu reflektieren. Nach dem bisher gebräuchlichen Index (mit dem Basisjahr 1993/1994) wäre die Inflation um 9,5 % im August im Jahresvergleich gestiegen.

Aufgrund des hohen Inflationsniveaus hat die Zentralbank nach zwei Zinserhöhungen im Juli im September ein weiteres Mal die Zinsen erhöht. Der Ausleihzinssatz (Reposatz) wurde zuletzt um 25 Basispunkte auf nunmehr 6 % und der Einlagensatz (Satz für reverse Repogeschäfte) unerwartet stark um 50 Basispunkte auf 5 % angehoben. Mit der Verengung des Zinskorridors zwischen beiden Sätzen solle die Volatilität der kurzfristigen Zinsen verringert werden. Der Notenbank zufolge liegen die realen Zinssätze ungeachtet der jüngsten Erhöhungen noch nicht auf einem der starken wirtschaftlichen Entwicklung angemessenen Niveau; die Normalisierung des Zinsniveaus müsse fortgesetzt werden.

Die Rupiah hat seit Jahresbeginn gegenüber dem US-Dollar um knapp 5 % aufgewertet, gegenüber dem Euro beträgt die Aufwertung in diesem Jahr gut 10 %. Der indische Aktienmarkt konnte im Laufe des Jahres nach einer bis April dauernden Stagnationsphase bis Ende September weitere Kursgewinne auf knapp 20 000 Punkte (+ 14 % gemessen am Bombay Stock Exchange Sensitive Index – SENEX) verzeichnen, sodass er von seinem Höchststand im Januar 2008 von über 21 000 Punkten nicht mehr allzu weit entfernt ist.

Das Handelsdefizit ist im Juli auf das höchste Niveau seit fast zwei Jahren angestiegen. Dies verursacht weiteren Druck auf die indische Leistungsbilanz und erhöht die Notwendigkeit, ausländische Kapitalzuflüsse zu attrahieren, um Druck auf die Währung zu vermeiden. Die indische Regierung rechnet für das gesamte Fiskaljahr mit einem Handelsdefizit von 135 Mrd. US-Dollar (mehr als 10 % des BIP). Allein im Zeitraum von April bis Juli 2010 stiegen die Exporte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 30 % (auf knapp 69 Mrd. US-Dollar), wohingegen sich die Importe noch stärker, nämlich um 33 % auf 112 Mrd. US-Dollar erhöhten.

Im Fiskaljahr 2009/2010 flossen ausländische Direktinvestitionen von über 37 Mrd. US-Dollar nach Indien und übertrafen damit das Vorjahresniveau um knapp 6 %. Im Fiskaljahr 2010/2011 konnten im Zeitraum von April bis Juli 2010 allerdings nur knapp 6 Mrd. US-Dollar angezogen werden, dies ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Rückgang von fast 30 %. Auch indische Unternehmen haben in den vergangenen Jahren verstärkt im Ausland investiert. Allerdings war aufgrund der globalen Krise ein Rückgang indischer Auslandsinvestitionen zu verzeichnen, sodass 2009 nur rund 15 Mrd. US-Dollar im Ausland investiert wurden, ein Rückgang um 20 %.

Die indische Auslandsverschuldung ist im Fiskaljahr 2009/2010 gestiegen. Ende März 2010 betrug sie über 261 Mrd. US-Dollar – ein Anstieg um 16,5 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bezogen auf das BIP ist die Rate der externen Verschuldung allerdings rückläufig und liegt nun nur noch bei 18,5 % (Vorjahr: 20,5 %). Die Struktur der Verschuldung im Ausland ist relativ günstig, da der Anteil der kurzfristigen Verschuldung an der Auslandsverschuldung lediglich bei gut 20 % liegt, ein Anstieg um 0,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Anteil der staatlichen Auslandsverschuldung beträgt 25,7 % der gesamten Auslandsverschuldung.

Abbildung 3: Entwicklung der indischen Direktinvestitionen seit 2000
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

4 Indonesien

Es ist Indonesien bisher gelungen, die Auswirkungen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise gut zu meistern. Nach einem Wachstum von real 4,5 % im Jahr 2009 hat sich das Wirtschaftswachstum in Indonesien in diesem Jahr wieder beschleunigt. Nach 5,7 % im 1. Quartal 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wuchs die gesamtwirtschaftliche Leistung im 2. Quartal 2010 um 6,2 %. Für dass Gesamtjahr erwartet der IWF ein reales Wirtschaftswachstum von 6 %.

Ein noch stärkeres Wachstum wird allerdings aufgrund der während eines ganzen Jahrzehnts – seit der Wirtschaftskrise 1997/98 – vernachlässigten Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen gebremst. Daher sollen die Engpässe im Rahmen eines 140 Mrd. US-Dollar umfassenden Infrastrukturprogramms im Bereich Transport/Verkehr, Energie- und Agrarwirtschaft sowie durch Ausbau des Mikro-Finanzsektors für Einpersonen-Unternehmen und Kleinstbetriebe bis 2014 in den nächsten Jahren behoben werden. Zur Umsetzung der verschiedenen Infrastrukturprojekte wird dabei auf die die Beteiligung der Privatwirtschaft gesetzt. Projekte nach dem Private-Public-Partnership-Modell werden gezielt forciert. Das Investitionsförderungsprogramm sieht eine intensive Zusammenarbeit mit dem Privatsektor vor. Allerdings steht dem entgegen, dass die indonesische Regierung u. a. die Beteiligung ausländischer Investoren an indonesischen Unternehmen mittels einer Negativliste beschränkt. Außerdem verfolgt sie eine restriktive Importpolitik, die den Devisenabfluss zum Schutz der lokalen Industrie gegen ausländische Wettbewerber einschränkt. Durch eine Vielzahl nichttarifärer Handelshemmnisse wird versucht, die Einfuhren zu kontrollieren und die lokale Industrie, und damit einheimische Arbeitsplätze, zu schützen. Zur Flankierung wurde 2010 der Indonesia Infrastructure Guarantee Fund aufgelegt. Derzeit bietet Indonesien die Beteiligung an 100 PPP-Projekten in einer Größenordnung von 44 Mrd. US-Dollar an.

Der Inflationsdruck ist zuletzt gestiegen. Nachdem die Inflationsrate im August 6,4% betrug – sie erreichte damit ein 16-Monatshoch – und damit auch über dem Zielkorridor der Zentralbank von 5 % (± 1 %) lag, hat die Zentralbank zwar den Leitzins bei 6,5 % (seit August 2009) belassen, aber eine Anhebung der Mindestreserveverpflichtung für die Geschäftsbanken von 5 % auf 8 % verfügt. Mit dieser Maßnahme sollte überschüssige Liquidität im Umfang von 5,6 Mrd. US-Dollar dem Markt entzogen werden.

Der indonesische Aktienmarkt hat sich seit Jahresbeginn sehr positiv entwickelt. Der Jakarta-Composite-Aktienindex erreichte mit knapp 3 500 Punkten ein neues Allzeithoch. Er war damit mehr als 2,5 mal höher als Ende 2008.

Die indonesische Rupiah (IDR) hat seit Anfang dieses Jahres bis Ende September gegenüber dem US-Dollar um fast 6 % aufgewertet (Ende September unter 9 000 IDR/US-Dollar), gegenüber dem Euro um fast 12 %. Grund hierfür dürften u. a. hohe Portfolio-Kapitalzuflüsse sein, die die Devisenreserven seit einigen Monaten – sie erreichten Ende August 81 Mrd. US-Dollar – ansteigen lassen. Die Notenbank versucht seit einiger Zeit, mittels Devisenmarktinterventionen die Geschwindigkeit der Aufwertung zu bremsen. Ziel der Regierung ist ein Wechselkurs um 9 100 IDR/US-Dollar.

Der Leistungsbilanzüberschuss lag 2009 bei 2,0 % des BIP, für 2010 erwartet der IWF einen Überschuss von 0,9 %. Dies wird insbesondere durch den Handelsüberschuss mitgetragen, der im Vorjahr bei rund 6 % des BIP lag. Das Exportvolumen konnte nach starkem Einbruch bis zur Jahresmitte 2009 (Rückgang bis - 25 %) seit dem 2.Halbjahr wieder zulegen. Auch von Januar bis Juli 2010 waren weitere kräftige Steigerungen des Exports zu verzeichnen. Exporten von 85 Mrd. US-Dollar standen Importe von 76 Mrd. US-Dollar gegenüber (Zuwachs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum + 42 % respektive + 51 %). Größter Lieferant Indonesiens war China, gefolgt von Japan und Singapur.

Die Direktinvestitionen in Indonesien erreichten im 1. Halbjahr 2010 nach Angaben der Investitionsbehörde BKPM einen Wert von knapp 8 Mrd. US-Dollar, ein Anstieg gegenüber dem vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres um knapp 49 %. Damit wurde das Ergebnis im 1. Halbjahr 2008 von 6,5 Mrd. US-Dollar vor Ausbruch der globalen Wirtschaftskrise übertroffen. Für das Gesamtjahr 2010 erwartet die Investitionsbehörde ausländische Direktinvestitionen von 13 Mrd. US-Dollar (+ 25 % gegenüber 2009). Bei etwa 40 % der gesamten internationalen Direktinvestitionen in der 1. Jahreshälfte 2010 handelte es sich um Engagements in den Bereichen Transport und Telekommunikation.

Nachdem die verschiedenen Ratingagenturen Indonesien bereits im vergangenen Jahr heraufgestuft hatten (Moody's – September 2009, Fitch - Ende Januar 2010 und S&P – Mitte März) hob Moody's Ende Juni seinen Ausblick für Indonesien nochmals an. Damit liegt das Land zwar weiterhin (je nach genannter Ratingagentur) ein bis zwei Stufen unter investment-grade-Status. Eine Einstufung als solider Schuldner durch zumindest eine der drei großen Agenturen dürfte aber in Reichweite sein. Der Schuldenstand bezogen auf das BIP ist seit Jahren rückläufig und liegt nun bei circa 30 %.

Abbildung 4: Entwicklung des indonesischen Aktienindizes Jakarta Composite seit 1. Januar 2005
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

5 Korea

Der koreanische Premierminister Chung Un Chan trat Ende Juli zurück, nachdem er mit einem Gesetz gescheitert war, das die Verlegung mehrerer Ministerien in die Provinz vorsah. Daraufhin nominierte Präsident Lee Myung-bak Anfang August im Rahmen einer Kabinettsumbildung Kim Tae-ho zum neuen Premierminister. Nach seiner Anhörung vor dem Parlament musste dieser seine Kandidatur wegen Korruptionsvorwürfen, die er nicht ausräumen konnte, Ende August zurückziehen. Zwei Ministerkandidaten schlossen sich Kim aus denselben Gründen an. Auch Außenminister Yu Myung-hwan trat wegen des Vorwurfes der Vetternwirtschaft zurück. Präsident Lee nominierte daraufhin Mitte September Kim Hwang Sik als neuen Premierminister, dessen Bestätigung durch das Parlament Anfang Oktober erfolgte.

Die koreanische Wirtschaft befindet sich weiter im Aufwärtstrend. Im 1. Quartal 2010 wuchs das BIP real um 8,1 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum; im 2. Quartal verlangsamte sich das Wachstumstempo (+ 7,2 %), da die staatlichen Konjunkturprogramme allmählich auslaufen. Die Wirtschaft Koreas konnte in jüngster Zeit eine robuste Erholung der Exporte und des Binnenkonsums verzeichnen. In diesem Jahr dürfte die viertgrößte Volkswirtschaft in Asien danach voraussichtlich um mindestens 6 % wachsen (IWF: + 6,1 %).

Die koreanische Zentralbank (Bank of Korea - BOK) hat im Juli erstmals nach 17 Monaten als Reaktion auf die steigende Inflation den Leitzinssatz um 25 Basispunkte auf 2,25 % angehoben Die Inflationsrate, die sowohl im Juni als auch im Juli und August jeweils bei 2,6 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum lag, könnte den 3 - %-Bereich in der zweiten Hälfte des Jahres erreichen und nächstes Jahr möglicherweise noch höher ausfallen, wenn die derzeitige Geschwindigkeit des Wachstums erhalten bleibt (IWF-Prognose + 3,1 % für 2010, + 3,4 % für 2011). Der Inflationszielkorridor der BOK liegt zwischen 2 % und 4 %.

Die koreanischen Finanzmärkte konnten seit Anfang des Jahres eine moderate Verbesserung verzeichnen. Der Seoul Composite Index stieg bis Ende September um gut 11 %, ist aber noch um einiges von seinem Allzeithoch im Oktober 2007 entfernt.

Hatte die koreanische Währung gegenüber den Leitwährungen (US-Dollar, Euro, Yen) bis zum April 2010 zum Teil stark aufgewertet (gegenüber US-Dollar + 5 %, Euro + 13 %), so hat sich der Won gegenüber dem US-Dollar bis Ende September wieder auf dem Niveau des Jahresanfangs 2010 eingependelt, die Aufwertung gegenüber dem Euro beträgt nur noch knapp 8 %.

Die Währungsreserven des Landes sind 2010 weiter angestiegen. Sie erreichten im August einen Wert von 285 Mrd. US-Dollar. Die Zunahme der Währungsreserven dürfte vor allem auf den kontinuierlich gestiegenen Leistungsbilanzüberschuss (2009: 5,1 % des BIP oder knapp 43 Mrd. US-Dollar) und ausländische Investitionen zurückzuführen sein. Nach wie vor sind die koreanischen Währungsreserven die sechsthöchsten der Welt.

Infolge stark gestiegener Ausfuhren verzeichnete Korea im Juli einen Leistungsbilanzüberschuss von knapp 6 Mrd. US-Dollar. Der kumulierte Leistungsbilanzüberschuss bis zum Juli belief sich auf etwa 3 % des BIP (fast 18 Mrd. US-Dollar). Der Export stieg im Juli um fast 30 % auf 41 Mrd. US-Dollar, der Import um 29 % auf knapp 36 Mrd. US-Dollar. Damit betrug der Handelsbilanzüberschuss in diesem Jahr gut 23 Mrd. US-Dollar. Dabei stieg insbesondere der innerkoreanische Handel im 1. Halbjahr 2010 stark an – das Handelsvolumen erreichte knapp eine 1 Mrd. US-Dollar. Allerdings dürfte dieses im 2. Halbjahr sinken, da der Süden nach dem Cheonan-Vorfall ein Handelsembargo verhängt hat – dies umfasst aber nicht den gemeinsamen Industriekomplex Kaesong.

Nach Angaben der World Trade Organisation (WTO) gelang es Korea 2009 erstmalig, unter die 10 größten Exportnationen aufzusteigen. Auf der Importseite lag Korea auf dem 12. Rang mit 323 Mrd. US-Dollar und einem Anteil von 2,6 % an den Weltimporten.

Abbildung 5: Die TOP-10-Länder bei den Weltexporten von Gütern und Dienstleistungen im Jahr 2009
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Im September verständigten sich die EU-Staaten darauf, das 2009 paraphierte Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit Korea zu unterzeichnen. Die Unterzeichnung fand am 6. Oktober 2010 anlässlich des Gipfeltreffens zwischen Korea und der EU in Brüssel statt. Auf Drängen Italiens wird das Abkommen aber erst ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant am 1. Juli 2011 vorläufig in Kraft treten. Endgültig wird es erst nach Abschluss der Ratifizierungsverfahren in den 27 EU-Mitgliedstaaten in Kraft gesetzt.

Im 1. Halbjahr 2010 haben koreanische Unternehmen knapp 11,5 Mrd. US-Dollar an Direktinvestitionen im Ausland getätigt – ein Anstieg um 37 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Es handelte sich hauptsächlich um Investitionen in Ressourcenentwicklung sowie Grundstücke und Immobilien.

6 Russland

Nach dem tiefen Einbruch im Jahr 2009 (BIP - 7,9 %) befindet sich die russische Wirtschaft in diesem Jahr auf Erholungskurs. Angestoßen durch wieder anziehende Rohstoffpreise, aber mittlerweile auch von steigender Industrieproduktion und wachsender Beschäftigung getragen, stieg das BIP im 2. Quartal 2010 um 5,2 %. Für das Gesamtjahr wird mit einem Wachstum von 4 % bis 5 % gerechnet. Hohe Rohstoffpreise sind für die russische Volkswirtschaft weiterhin von zentraler Bedeutung.

Aufgrund der wirtschaftlichen Erholung entwickelt sich der russische Staatshaushalt besser als geplant. Hierzu trugen auch die Mittel des Reservefonds und des Nationalen Wohlfahrtsfonds bei, auf die zur Finanzierung des Stimulusprogramms in den Jahren 2008/09 zurückgegriffen wurde. Das Haushaltsdefizit für 2010 wird vom russischen Finanzministerium auf Basis eines Ölpreises von nun 75 US-Dollar/Barrel auf 5 % geschätzt, der IWF gab die Defizitschätzung mit zuletzt 5,9 % an. In den nächsten zwei Jahren soll das Defizit nach den Plänen des russischen Finanzministeriums auf 3,6 % beziehungsweise 3,1 % sinken. Dazu sollen auch die Einnahmen der Privatisierungsinitiative mit dem Schwerpunkt Verkehrsinfrastruktur beitragen. Die Rohstoffabhängigkeit des Staatshaushalts ist nach wie vor groß (47 % der Einnahmen). Das sogenannte Non-Oil Deficit (ohne Öl- und Gaseinnahmen) lag 2009 bei 13,8 %, mit steigender Tendenz.

Der russische Staat ist mit weniger als 10 % des BIP verschuldet. Die Risikoaufschläge im Verhältnis zu US-Staatsanleihen liegen nach ganz erheblichen Aufschlägen von um die 900 Basispunkte auf dem Höhepunkt der Krise derzeit bei etwa 240 Basispunkten. Die Auslandsverschuldung Russlands beruht nach wie vor in erster Linie auf kurzfristigen Verbindlichkeiten von Banken und Unternehmen. Sie ist aber weiterhin begrenzt und betrug im Jahr 2009 nur 38 % des BIP.

Die Inflationsrate ist im Zeitraum Januar bis August 2010 auf 5,4 % gesunken. Für den Jahresdurchschnitt 2010 wird sie vom IWF bei 6,6 % erwartet; allerdings ergeben sich wegen der nach den Sommerbränden steigenden Lebensmittelpreise gewisse Inflationsrisiken für die 2. Jahreshälfte. Das erreichte Leitzinsniveau unterstützt die Realwirtschaft; dennoch ist die Volatilität der Zinssätze nach wie vor ein Hindernis für langfristige Rubelfinanzierungen und damit für die Entwicklung des russischen Finanzsektors geblieben.

In der Krise fiel der Rubel gegenüber dem US-Dollar um über 40 %. Erneut steigende Rohstoffpreise wie auch frische Kapitalzuflüsse haben den Rubel wieder etwas stabilisiert. Derzeit müssen knapp 31 Rubel für einen US-Dollar bezahlt werden. Die Abwertung gegenüber dem US-Dollar beträgt seit Jahresbeginn damit gut 1 %, die Aufwertung gegenüber dem Euro liegt bei 4 %. Der Leitzins der russischen Zentralbank liegt seit Juni 2010 bei aktuell 7,75 %. Der Bankensektor hat die Krise - auch dank massiver Liquiditätshilfen und der Ausreichung von nachrangigen Krediten – ohne größere Verwerfungen überstanden und befindet sich wieder auf Wachstumskurs. Ungeachtet zeitweise massiver Umsatzrückgänge in Teilen des Realsektors, z. B. in der Automobilindustrie, und des Anstiegs notleidender Kredite konnten sich die wichtigen Banken behaupten. Der Finanzsektor ist aber nach wie vor unterentwickelt und die Kreditvergabe an die Realwirtschaft zurückhaltend.

Der Saldo beim Außenhandelsumsatz lag im 1. Halbjahr 2010 bei + 85,6 Mrd. US-Dollar. Die Entwicklung zeigt aber, dass die Abhängigkeit des Außenhandels von den Energieexporten in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Die Zollunion mit Belarus und Kasachstan steht weiter auf der Agenda. Der nächste Integrationsschritt, die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes, soll bis zum Jahr 2012 vollzogen werden.

Abbildung 6: Außenhandel und Währungsreserven Russlands
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Die Währungsreserven Russlands, die bis 2008 anwuchsen und danach krisenbedingt zurückgingen, sind nach wie vor die drittgrößten Reserven weltweit (nach China und Japan). Seit der Abwertung des Rubel im Winter 2009 erfolgt mit den zunehmenden Kapitalzuflüssen ein neuerlicher, kontinuierlicher Aufbau der Reserven auf derzeit mehr als 475 Mrd. US-Dollar. Davon befinden sich etwa 30 % im staatlichen Reserve- beziehungsweise Nationalen Wohlfahrtsfonds.

Russland steht vor der Herausforderung, die Wirtschaft des Landes modernisieren und wettbewerbsfähig machen zu müssen. Die Abhängigkeit vom Öl soll reduziert und die Wirtschaft diversifiziert werden. Die Rahmenbedingungen für Innovationen sollen verbessert werden. Ein echter Strukturwandel ist allerdings bisher noch nicht erkennbar. Die Antikrisenprogramme haben die bisherigen ineffizienten Strukturen jedoch eher noch verfestigt. Das Land bleibt weiterhin anfällig für externe Schocks und stark von der Weltkonjunktur abhängig. Russland hat seinen technologischen Rückstand anerkannt; die Regierung ist sich bewusst, dass für die Weiterentwicklung ausländisches Know-how und Technik gebraucht werden. Dies bedeutet jedoch bisher keinen besseren Zugang ausländischer Investoren zu strategischen Branchen. Die Rezession 2009 ist auch der Abschottung des russischen Marktes durch protektionistische Maßnahmen geschuldet. Russland wird seine eigenen Entwicklungsziele nur durch eine Fortsetzung der Reformen sowie die weitere Integration des Landes in die globale Wirtschaft erreichen können.

7 Ukraine

Die Ukraine war im vergangenen Jahr von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise stark betroffen. In diesem Jahr zeigt sich bisher allerdings eine recht positive Entwicklung. Der IWF erwartet für das laufende Jahr ein BIP-Wachstum von 3,7 %, im nächsten Jahr sollen es 4,5 % sein. Verschiedene Indikatoren, wie z. B. die Geschäftserwartungen oder die Einzelhandelsumsätze, sind aufwärtsgerichtet. Die Industrieproduktion ist im laufenden Jahr von Januar bis Juli zweistellig gewachsen.

Durch die Krise gerieten die Staatsfinanzen immer mehr unter Druck. Das Defizit belief sich 2009, je nachdem, welche Ausgaben mitgerechnet werden, auf zwischen 5,4 % und 10,6 %. Nicht nur die wegbrechenden Exporteinnahmen und Kapitalzuflüsse sind hierfür verantwortlich. Erheblich wird der Haushalt auch durch das Defizit des staatlichen Energieunternehmens Naftogas belastet, das das importierte Gas an private Endverbraucher und kommunale Endversorgungsunternehmen unter dem Einkaufspreis weitergibt. Die Staatsverschuldung (2009 bei 34,6 % des BIP) wird gemäß IWF-Prognosen in diesem Jahr auf knapp 40 % ansteigen. Die gesamte Auslandsverschuldung der Ukraine lag Ende 2009 bei 88 % des BIP und reduziert sich nur allmählich.

Das Leistungsbilanzdefizit wurde seit 2009 deutlich reduziert (von  - 7,1 % im Jahr 2008 über - 1,5 % im Jahr 2009 auf vom IWF erwartete - 0,4 % für 2010). Die Kapitalverkehrsbilanz verschlechterte sich aber deutlich. Die entstandenen Finanzierungsengpässe fing die Ukraine teilweise auch durch die Reserven der Zentralbank auf. Der Rückgang der Reserven schwächte die externe Liquiditätsposition der Ukraine, was zu einer starken Abwertung der Landeswährung gegenüber dem US-Dollar führte. Ende September 2010 bekam man für einen US-Dollar etwa 8 Hrywnja, Anfang 2008 waren es noch 5 Hrywnja. Diese Abwertung führte zu höheren Importpreisen, speziell für Gas. In der Folge blieb die Inflationsrate in der Ukraine sehr hoch bei 15,9 % im Jahresdurchschnitt 2009. Für 2010 erwartet der IWF einen Rückgang auf 9,8 %.

Der Exportrückgang hat die Deviseneinnahmen verringert, während sich die Belastung der Außenverschuldung durch die Abwertung der inländischen Währung vergrößert hat. Angesichts dieser Entwicklung hat die Ukraine am 28. Juli 2010 ein neues Stand-by-Arrangement mit dem IWF abgeschlossen. Das aktuelle Stand-by-Abkommen hat einen Umfang von 10 Mrd. Sonderziehungsrechten (15,1 Mrd. US-Dollar, Laufzeit 2 ½ Jahre) und läuft über 29 Monate (Juli 2010 bis Dezember 2012). Die Ukraine hat beantragt, dass 2 Mrd. US-Dollar in den Haushalt 2010 fließen. Die vom IWF geforderten Vorab-Maßnahmen (Prior Actions) sind weitgehend umgesetzt: Es wurden Haushaltskürzungen vorgenommen, die das Defizit auf knapp unter 5 % des BIP drücken sollen, die Gaspreise für die Verbraucher wurden stark angehoben, um das Defizit der Naftogas zu reduzieren, gesetzliche Regelungen zur Stärkung der Unabhängigkeit der Zentralbank eingeführt und die Grundlagen für die Schaffung einer Regulierungsbehörde mit Zuständigkeit für die Preispolitik bei Monopolen gelegt. Internationale Rating-Agenturen haben die Ukraine inzwischen wieder hochgestuft (Fitch auf B-/Prognose "stabil"). Die Spreads von ukrainischen Staatsanleihen gegenüber US-Treasuries sind seit Jahresanfang deutlich zurückgegangen.

Abbildung 7: Veränderung der Spreads ausgewählter Schwellenländer gegenüber US-Treasuries von Jahresbeginn bis Ende September 2010
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Da das Land von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise auch hinsichtlich der Staatsfinanzen besonders stark betroffen war, sind westliche Investoren nach wie vor besonders vorsichtig. Im 1. Quartal dieses Jahres betrugen die ausländischen Direktinvestitionen 717 Mio. US-Dollar (- 39 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum). Getätigt werden in erster Linie kurzfristige, risikoarme Investitionen. Gleichzeitig drängen Investoren aus Russland, teilweise unterstützt durch flankierende staatliche Einflussnahme, in die ukrainische Wirtschaft. Der erwartete Nettozufluss ausländischer Direktinvestitionen für 2010 wird von Wirtschaftsinstituten auf 5 Mrd. US-Dollar beziffert, befördert auch durch die Vorbereitungen der Fußball-EM 2012.

Alles in allem geht die Transformation der ukrainischen Wirtschaft nur schleppend voran. Wichtige Reformen stehen noch aus, wie z. B. die Reform des Bodenmarktes in der Landwirtschaft, Rentenreform, Justizreform, Reform der öffentlichen Verwaltung. Die Restrukturierung des Bankensektors ist noch nicht abgeschlossen. Die Qualität der Bankenaktiva hat sich weiter verschlechtert, die Rekapitalisierung der Banken bleibt aus Sicht des IWF eine Priorität.

8 Argentinien

In Argentinien werden 2011 Präsidentschaftswahlen stattfinden. Es ist relativ wahrscheinlich, dass die amtierende Staatspräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner oder ihr Amtsvorgänger und Ehemann Néstor Kirchner 2011 erneut kandidieren werden.

Argentinien konnte im 2. Quartal 2010 ein kräftiges Wirtschaftswachstum von 11 % verzeichnen. Demzufolge erhöhte die Zentralbank ihre BIP-Prognose für 2010 von 2,5 % auf 9,1 %; der IWF rechnet mit 7,5 %. Bereits in den ersten drei Monaten des Jahres konnte die Wirtschaft um 6,8 % im Vergleich zum Vorjahr zulegen. Auch für das kommende Jahr erwartet man in Argentinien einen konjunkturellen Aufschwung, wobei die Wachstumsraten jedoch wohl etwas geringer ausfallen dürften (IWF-Prognose: 4,0 %).

Durch das rapide Wirtschaftswachstum, vermehrte Staatsausgaben und hohe Lohnabschlüsse droht sich allerdings das Problem der hohen Inflation in Argentinien weiter zu verfestigen. Die aktuelle Jahresrate lag, nach Angaben der argentinischen Statistikbehörde Indec, im August bei 11,1 %. Die Behörde steht aber schon seit längerem in der Kritik, die Inflationsraten stets zu niedrig auszuweisen, und genießt daher eine geringe Glaubwürdigkeit. Der Senat brachte erst kürzlich eine Reform der Statistikbehörde auf den Weg, die deren Unabhängigkeit von der Regierung regeln soll. Die mögliche Umsetzung der Reform bleibt jedoch abzuwarten. Momentan wird die Inflationsrate von privaten Instituten auf deutlich über 20 % geschätzt. Die Notenbank erhöhte zudem das Wachstum der Geldmenge (M2) für das laufende Jahr von 18,9 % auf 29,4 % mit der Begründung, das Wirtschaftswachstum nicht behindern zu wollen. Präsidentin Kirchner und Zentralbankpräsidentin Mercedes Marcó del Pont äußerten sich erst kürzlich, dass sie die Aufgaben der Notenbank nicht nur in der Sicherung der Währungsstabilität sehen. Sie solle zudem zur Förderung von Wirtschaft und Arbeit beitragen. Erst Anfang des Jahres hatte Kirchner den damaligen Zentralbankpräsidenten Martin Retrado entlassen und den Posten mit ihrer engen Vertrauten Marcó del Pont besetzt.

Die Haushaltslage des Landes hat sich aufgrund steigender Steuereinnahmen leicht verbessert. Die Regierung erwartet für dieses Jahr einen Haushaltsüberschuss von 3,8 Mrd. US-Dollar. Dennoch beläuft sich der Finanzierungsbedarf für 2010 auf knapp 14 Mrd. US-Dollar. Er soll vorwiegend durch Devisenreserven und Zentralbankgewinne gedeckt werden. So ist vorgesehen, dass der Großteil des Zentralbankgewinns des vergangenen Jahres in Höhe von knapp 6 Mrd. US-Dollar an das Finanz- und Wirtschaftsministerium fließt. Damit entwickelt sich die Zentralbank zum Hauptfinanzierer der argentinischen Regierung. Für das Jahr 2011 wird allerdings, aufgrund der steigenden Staatsausgaben, ein noch höherer Finanzierungsbedarf erwartet. Zur Schließung der Finanzierungslücken scheint eine baldige Rückkehr auf die internationalen Kapitalmärkte als unausweichlich.

Im Juni endete die zweite Umschuldungsaktion Argentiniens zur Lösung des Holdout-Problems. Die Regierung konnte ihr Ziel einer Annahmequote von mindestens 60 % erreichen. Obwohl es zwischenzeitlich, auch bedingt durch die Schuldenkrise Griechenlands, so aussah, als würde die Vorgabe nicht erreicht werden, konnten am Ende 66 % des restlichen Gläubigerkapitals (rund 12 Mrd. US-Dollar) umgeschuldet werden. Somit hat das Land nunmehr 92 % der Zahlungsausfälle seit dem Staatsbankrott von 2001/2002 geregelt.

Der Zins der zur Bedienung der alten Schulden aufgelegten Staatsanleihe Global 2017 bewegte sich Anfang August unter die 10 - % -Marke. Damit hat Argentiniens Wirtschaftsminister Amado Boudou erstmalig das Ziel eines einstelligen Zinssatzes erreicht. Einer internationalen Emission stehen, neben den drohenden Forderungspfändungen von noch nicht bedienten Altgläubigern, jedoch noch weitere Hürden im Weg. So ist beispielsweise eine Annäherung an den IWF weiterhin nicht in Sicht, obwohl es Argentinien den Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten erleichtern würde.

Bei den Im- und Exporten wird für dieses Jahr ein deutliches Wachstum erwartet. Bis einschließlich August stiegen die Exporte im Laufe des Jahres um 19 %; die Importe legten um 43 % zu. Der große Anstieg der Importe ist vor allem auf das Wirtschaftswachstum und die damit verbundene stärkere inländische Nachfrage zurückzuführen. Folglich erwartet die Zentralbank, dass sich der Handelsbilanzüberschuss 2010 mit knapp 15 Mrd. US-Dollar unter dem Vorjahreswert bewegen wird. Danach würde der Leistungsbilanzüberschuss am Jahresende voraussichtlich bei rund 2 % (IWF-Schätzung: 1,7 %) des BIP liegen.

Der Peso (ARS) wird von der Zentralbank nach wie vor niedrig gehalten, um die Wettbewerbsfähigkeit des argentinischen Exportsektors weiter zu gewährleisten. Der Wechselkurs lag Ende September bei 3,97 ARS/US-Dollar, was einer Abwertung seit Jahresbeginn von 3,6 % entspricht. Der argentinische Aktienindex Buenos Aires Merval ist 2010 bis einschließlich Ende September um knapp 14 % gestiegen.

Die Währungsreserven befinden sich in Argentinien auf einem Rekordhoch von 51 Mrd. US-Dollar. Dies ist vor allem auf die Rekordernte im Jahr 2010, die momentan hohen Rohstoffpreise und den aktuellen Exportboom zurückzuführen. Des Weiteren gelten seit Anfang Juni neue, strengere Regeln für den Ankauf von Devisen. So erfolgt nun unter anderem eine Vermögensüberprüfung beim Kauf von mehr als 250 000 US-Dollar pro Jahr. Mit diesen Regeln sollen laut der Zentralbank Geldwäsche und Steuerhinterziehung eingedämmt werden.

Abbildung 8: Entwicklung der argentinischen Währungsreserven
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

9 Brasilien

Die vergangenen Monate standen vorwiegend im Licht der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Die Präsidentschaftswahlen am 3. Oktober konnte die Kandidatin der Regierungspartei Dilma Roussef zwar mit rund 47 % der abgegebenen Stimmen gewinnen, sie verfehlte allerdings die absolute Mehrheit. Daher wird am 31. Oktober eine Stichwahl zwischen Roussef und dem zweitplazierten Kandidaten José Serra stattfinden.

Die robuste Entwicklung der brasilianischen Wirtschaft setzte sich im Laufe dieses Jahres fort. Im 2. Quartal wuchs das BIP real um 8,8 % im Vergleich zum Vorjahr. Der IWF erhöhte seine Prognose für das jährliche BIP-Wachstum auf 7,5 %. Dies wäre der höchste Wert der letzten 20 Jahre. Das Wachstum dürfte mittelfristig jedoch etwas an Fahrt verlieren. Für das kommende Jahr wird erwartet, dass sich die Wachstumsrate dem Potentialwachstum von4 % bis 4,5 % annähert.

In Brasilien besteht ein breiter Konsens, die Investitionen in den nächsten Jahren weiter voranzutreiben. Momentan liegen die Investitionen bei 17 % bis 18 % des BIP. So plant das staatlich dominierte Energieunternehmen Petrobras, bis 2014 Investitionen in Höhe von 224 Mrd. US-Dollar zu tätigen. Um dies umsetzen zu können, führte das Unternehmen Ende September mit rund 70 Mrd. US-Dollar die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten durch – der Anteil der Regierung am Unternehmen stieg hierbei von 40 % auf 48 %. Hiermit soll der Aufstieg Brasiliens zu einem wichtigen Ölexporteur vorangetrieben werden. Zur Steigerung der Investitionstätigkeit verabschiedete die Regierung des Weiteren ein Maßnahmenpaket von Steueränderungen, das unter anderem steuerliche Erleichterungen bei wichtigen Infrastrukturprojekten, wie beispielsweise dem Stadionbau für die Fußball-WM 2014, vorsieht.

Das Haushaltsziel eines Primärüberschusses (Haushaltssaldo ohne Zinsausgaben) von 3,3 % in diesem Jahr droht verfehlt zu werden. Aufgrund von wachsenden Ausgaben blieb der Primärüberschuss der Regierung in den vergangenen Monaten mit jeweils unter 1 Mrd. Real auf sehr niedrigem Niveau. Die Behörden wollen in den kommenden Monaten die Ausgaben um etwa 0,3 % des BIP zurückfahren, um das Haushaltsziel noch zu erreichen.

Der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik zur Vermeidung einer Überhitzung der Wirtschaft zeigt erste Wirkungen. Nach einem leichten Anstieg in den ersten Monaten dieses Jahres ist die Inflationsrate bis Mitte September wieder auf 4,6 % gesunken. Sie liegt somit leicht über dem Mittelwert des Inflationsziels der Zentralbank von 4,5 % (± 2 %). Nachdem die brasilianische Zentralbank zur Inflationsbekämpfung und Vermeidung einer Überhitzung der Wirtschaft bereits im April den Leitzins SELIC um 75 Basispunkte angehoben hatte, folgten weitere Zinserhöhungen im Juni und Juli mit 75 Basispunkten beziehungsweise 50 Basispunkten auf nunmehr 10,75 %. Weitere Zinserhöhungen sind nicht auszuschließen.

Die brasilianische Währung Real (BRL) konnte sich weiter festigen. Ende September lag der Real bei 1,70 BRL/US-Dollar. Im bisherigen Jahresverlauf konnte er um fast 2,5 % zulegen. Durch die Kapitalerhöhung von Petrobras wird mit einem größeren Zufluss von ausländischem Kapital gerechnet, was den Real zusätzlich stärken würde. Der brasilianische Aktienmarkt hat sich nach den starken Schwankungen im Laufe der Finanz- und Weltwirtschaftskrise stabilisiert. Der Aktienindex lag Ende September in etwa auf dem gleichen Niveau wie zu Beginn des Jahres.

Das Leistungsbilanzdefizit Brasiliens wächst weiter. Bereits Ende Juli betrug es rund 28 Mrd. US-Dollar und überstieg damit das Defizit des gesamten Jahres 2009 um 4 Mrd. US-Dollar. Prognosen sehen das Defizit zum Jahresende bei knapp 3 % des BIP. Die Gründe liegen allerdings nicht im Handel, sondern im Dienstleistungsbereich. Brasilien konnte von Jahresbeginn bis Ende Juli mit rund 9 Mrd. US-Dollar eine positive Handelsbilanz vorweisen, wobei der Außenhandelsüberschuss von Januar bis August dieses Jahres um 40 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen ist. Die Regierung stellte im Mai ein Exportförderpaket vor, mit dem die strukturellen Probleme des Exportsektors behoben werden sollen. Ziel ist es, die Ausfuhren von Industrieprodukten zu steigern. Brasilien will nicht auf dem Niveau eines Rohstoffexporteurs verharren. Wie sich das Paket auf die Exportstruktur Brasiliens auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Abbildung 9: Entwicklung der brasilianischen Leistungsbilanz
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Die ausländischen Direktinvestitionen belaufen sich von Januar bis Juli 2010 auf rund 14 Mrd. US-Dollar. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind sie damit nur um rund 1 Mrd. US-Dollar angestiegen. Im vergangenen Jahr waren die Direktinvestitionen um 42 % eingebrochen. In diesem Jahr sollte wieder das Niveau des Jahres 2008 von 45 Mrd. US-Dollar erreicht werden.

Die Währungsreserven Brasiliens haben mit 262 Mrd. US-Dollar Anfang September einen neuen Höchststand erreicht. Sie haben sich seit 2005 fast verfünffacht. Nachdem sich die großen Reserven besonders in der Krise als nützlich erwiesen, ist deren adäquate Höhe nach Einschätzung des IWF mittlerweile mehr als erreicht.

10 Mexiko

Am 15. September hat Mexiko seine 200-jährige Unabhängigkeit gefeiert. Das von den spanischen Konquistadoren seit Mitte des 16. Jahrhunderts kolonialisierte Land hatte sich im Jahre 1810 gegen die Besetzer erhoben und schließlich die Unabhängigkeit errungen.

Das mexikanische BIP, das 2009 noch um 6,5 % gegenüber dem Vorjahr geschrumpft war, dürfte 2010 nach Einschätzung des IWF eine positive Entwicklung von 5 % aufweisen. Positiv für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung erscheint zunächst die Steigerung des BIP von 4,3 % im 1. Quartal auf immerhin 7,7 % im 2. Quartal. Für 2011 rechnet die mexikanische Regierung aufgrund der geringeren Nachfrage aus den USA jedoch erneut mit einem Abflauen des Wirtschaftswachstums auf 3,8 %, der IWF geht von 3,9 % aus.

Die mexikanische Wirtschaft kann sich von ihrem durch die Finanzkrise ausgelösten Einbruch insgesamt nur langsam erholen; die Arbeitslosenquote befindet sich derzeit auf einem historischen Höchststand, auch wenn der IWF für 2010 eine leichte Entspannung erwartet. Im März dieses Jahres wurde daher ein Entwurf für eine Arbeitsmarktreform in den Kongress eingebracht. Hauptschwerpunkte sind neben einer Verbesserung der Arbeitsvermittlung sowie der Arbeitsproduktivität die Beschleunigung der Klärung bei arbeitsgerichtlichen Fällen sowie die Erhöhung der Transparenz in den Gewerkschaften.

Abbildung 10: Entwicklung von Arbeitslosenquote und Wirtschaftswachstum in Mexiko von 2000 bis 2010
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Die durchschnittliche Preissteigerungsrate für das laufende Jahr 2010 erwartet der IWF bei 4,2 %. Dies bedeutet eine gewisse Entspannung im Vergleich zum Vorjahr, in dem die Preissteigerungsrate noch 5,3 % betragen hat. Im 1. Quartal 2010 lag die Rate bei 4,8 %, im 2. Quartal sank sie auf 4 %. Unter Berücksichtigung dieser Entwicklung hat die mexikanische Zentralbank den Leitzins unverändert bei 4,5 % belassen.

Mexikos Leistungsbilanzdefizit lag 2009 bei 0,6 % des BIP, nachdem es 2008 mit 1,5 % mehr als doppelt so hoch war. Für 2010 rechnet der IWF wieder mit einem Defizit von 1,2 % des BIP, für 2011 sogar mit einem Defizit von 1,4 %. Maßgeblich für dieses Ungleichgewicht dürfte die ebenfalls ungünstige Entwicklung der Handelsbilanz sein. Während im 1. Quartal noch ein Überschuss von circa 370 Mio. US-Dollar erzielt wurde, wies die Handelsbilanz im 2. Quartal bereits wieder ein Defizit in Höhe von 60 Mio. US-Dollar aus, für die Monate Juli und August 2010 wurde bislang ein Defizit von zusammen 1,7 Mrd. US-Dollar gemeldet.

Der Peso konnte im Jahresverlauf 2010 bislang um knapp 4 % gegenüber dem US-Dollar aufwerten, gilt damit aber nach wie vor als unterbewertet. Der mexikanische Aktienmarkt hatte nach einem Einbruch im Zuge der Krise bis zum Ende 2009 wieder stark aufholen können, im laufenden Jahr bis Ende September hat er dagegen bisher mit gut 3 % nur leicht zugelegt.

Im Jahr 2012 übernimmt Mexiko den G20-Vorsitz. Es bleibt abzuwarten, inwieweit es dem Land bis dahin gelingen wird, eine Lösung für die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme anzugehen. Neben erforderlichen Reformen u. a. auf dem Gebiet der Arbeitsmarktpolitik besteht eine Hauptaufgabe darin, die nach wie vor herrschende hohe Ungleichverteilung des Vermögens zu bekämpfen.

11 Südafrika

Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise hat den bereits zuvor einsetzenden moderaten Abschwung in Südafrika noch verstärkt und zur ersten Rezession seit Ende des Apartheidregimes in 1994 geführt. Die Regierung hat jedoch durch entschiedene geld- und fiskalpolitische Maßnahmen einen noch stärkeren Einbruch verhindern können. Mittlerweile zeigt sich im Zuge des weltwirtschaftlichen Aufschwungs und mit dem Rückenwind der Fußballweltmeisterschaft auch in Südafrika eine Erholung. Der erforderliche Abbau der hohen Arbeitslosigkeit bei gleichzeitiger Rückführung der Krisenmaßnahmen scheint ein schwieriger Spagat zu sein; strukturpolitische Reformen sollten angesichts des unsicheren externen Umfeldes bei grundsätzlicher Fortführung der makroökonomischen Ausrichtung erfolgen.

Das reale BIP ging 2009 um 1,8 % zurück. Belastend für die südafrikanische Wirtschaft haben sich insbesondere der Preisverfall bei Rohstoffen, die stärkere Risikoaversion internationaler Investoren gegenüber Schwellenländern sowie der Einbruch beim internationalen Handel ausgewirkt. Ein stark stützendes Element waren aber die öffentlichen Investitionen, die sich über das gesamte Jahr 2009 positiv entwickelten. Auch der stabile Bankensektor hat mit dazu beigetragen, dass der Rückgang der Wirtschaftsleistung noch relativ moderat ausfiel. Seit Ende 2009 ist eine deutliche Wiederbelebung des Wachstums zu beobachten. Für 2010 erwartet der IWF eine BIP-Zunahme von 3,0 %, für 2011 rechnet er mit 3,5 %.

Abbildung 11: Wachstumsraten des realen BIP seit 1994
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Während die öffentlichen Haushalte zwischen 2005 und 2007 noch Überschüsse aufwiesen, hat sich die Lage seit 2008 eingetrübt, das Budgetdefizit im Verhältnis zum BIP lag 2009 bei 5,3 %. Verantwortlich dafür waren der konjunkturbedingte Einbruch der Einnahmen unter Beibehaltung der während der Boomjahre geplanten Ausgaben, insbesondere im Bereich der öffentlichen Infrastrukturinvestitionen, sowie relativ hohe Lohnabschlüsse im öffentlichen Sektor. Die aktuelle fiskalpolitische Ausrichtung, die eine Rückführung der expansiven Maßnahmen durch eine Begrenzung des Ausgabenwachstums anstrebt, erscheint daher angemessen. Die Ausgabenbegrenzung sollte auch bei besser als erwartet ausfallenden Steuereinnahmen aufrechterhalten werden, ohne jedoch notwendige Investitionsvorhaben zu gefährden. So ließe sich nach Ansicht des IWF auch das Budgetdefizit, das für 2010 mit 5,9 % des BIP prognostiziert wird, auf 4,4 % im Jahre 2011 zurückführen.

Die aktuelle Geldpolitik ist nach Ansicht des IWF nach mehreren Zinssenkungsschritten angemessen ausgerichtet. Der Leitzins wurde von der Zentralbank seit Dezember 2008 in mehreren Schritten auf derzeit 6,0 % gesenkt. Für 2010 wird mit einem Rückgang der Inflationsrate auf 5,6 % (nach 7,1 % im Jahr 2009) gerechnet (2011: 5,8 %); diese liegt damit am oberen Rand des Inflationszielkorridors der Zentralbank (3,0 % bis 6,0 %).

Der südafrikanische Bankensektor erwies sich angesichts der Krise aufgrund seiner recht guten Kapital- und Ertragslage, einem nur leichtem Anstieg der Kreditausfallraten, der geringen Belastung der Bankbilanzen mit problematischen US-Papieren sowie eines generell vorsichtigen Ansatzes im Bankgeschäft als stabil. Daher waren seitens der südafrikanischen Zentralbank keine unkonventionellen Maßnahmen zur Stützung des Bankensystems notwendig. An der Johannesburger Börse machte sich dies aber nicht nachhaltig bemerkbar; seit Jahresbeginn ist deren Index (bis Ende September) lediglich um knapp 5 % gestiegen.

Der südafrikanische Rand ist nach Ansicht des IWF aufgrund zuletzt wieder hoher Portfoliokapitalzuflüsse leicht überbewertet. Seit Jahresbeginn stieg der Wert gegenüber dem US-Dollar um gut 5 %, gegenüber dem Euro sogar um gut 13 %.

Der südafrikanische Außenhandel ging 2009 um knapp 25 % zurück. Die Exporte verringerten sich um 21 % und die Importe um 28 %. Das Leistungsbilanzdefizit sank 2009 auf 4 % des BIP von 7,1 % im Jahre 2008. Ein Grund für den viel stärkeren Rückgang bei den Importen liegt in der verringerten südafrikanischen Industrieproduktion, durch die auch weniger Vorprodukte eingeführt werden mussten (insbesondere im Automobilbereich). Aber auch die aufgrund der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise rückläufige Kaufkraft bei großen Teilen der südafrikanischen Bevölkerung – auch aus der gehobenen Mittelschicht – mag eine wichtige Rolle dabei gespielt haben. Für 2010 rechnet der IWF aufgrund der wieder anziehenden Importnachfrage mit einem leichten Anstieg des Leistungsbilanzdefizits auf 4,3 %, für 2011 sogar auf 5,8 % des BIP.

Die ausländischen Direktinvestitionen sind 2009 auf knapp 4 Mrd. US-Dollar stark zurückgegangen. 2008 hatten sie noch bei fast 12 Mrd. US-Dollar gelegen. Für 2010 wird mit einem weiteren Rückgang auf gut 3 Mrd. US-Dollar gerechnet.

Die Auslandverschuldung Südafrikas lag 2009 bei 27,5 % des BIP. Für 2010 und 2011 geht der IWF von einer weitgehenden Konstanz dieses Wertes aus. Die Nettowährungsreserven beliefen sich 2009 auf 5,2 Importmonate. Auch hier ist nach Projektionen des IWF von weitgehender Konstanz auszugehen.

Die größte Herausforderung für Südafrika bleibt die schwierige Lage am Arbeitsmarkt, die sich in einer geringen Erwerbsquote (2009: 55,8 %) und einer hohen Arbeitslosigkeit (2009: 24 %) manifestiert. Das Wachstum der Boomjahre hat die Situation am Arbeitsmarkt nicht nachhaltig gebessert. Besonders schwierig ist die Situation für Jugendliche, insbesondere für junge Schwarzafrikaner, von denen mehr als jeder Zweite arbeitslos ist. Daneben herrscht Handlungsbedarf auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten. Es bestehen insbesondere vergleichsweise hohe Markteintrittsbarrieren, die eine erhebliche Unternehmenskonzentration in einigen Sektoren bedingen und einen funktionsfähigen Wettbewerb behindern. Eine Vereinfachung der administrativen Prozeduren sowie ein erleichterter Finanzierungszugang für kleine und mittlere Unternehmen könnten hier Verbesserungen ermöglichen. Die südafrikanische Regierung sieht insbesondere in den Netzwerkindustrien, wie im Energie-, Transport- und Telekommunikationssektor, einen Schwerpunkt.

Südafrika ist aufgrund seiner reichhaltigen Kohlevorräte sowie seiner Industriestruktur (hohe Wertschöpfungsbeiträge energieintensiver Sektoren wie Bergbau, Energieerzeugung und Metallerzeugung und -verarbeitung) der weltweit fünftgrößte Emittent von Treibhausgasen pro Produktionseinheit. Vergleichsweise günstige Elektrizitätstarife sowie eine geringe Energiebesteuerung tragen zur geringen Energieeffizienz der Produktion bei. Vermehrte Anstrengungen im Bereich der Klimapolitik sind daher notwendig. Dies könnte sich auch vorteilhaft auf andere Politikbereiche wie die Haushaltskonsolidierung (z. B. durch Einführung einer CO2-Steuer) oder die Bewältigung der nach wie vor bestehenden Kapazitätsengpässe im Energiesektor auswirken.

Fußnoten

1Alle Angaben zu IWF-Prognosen beruhen auf dem World Economic Outlook, Oktober 2010.

Vertiefend siehe auch Statistiken und Dokumentationen, „Reales Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise und Leistungsbilanz in ausgewählten Schwellenländern“.

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