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20.06.2011

Monatsbericht

Die Be­las­tung von Ar­beit­neh­mern mit Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich

  • Im Zeitraum 2000 bis 2010 hat sich die Steuer- und Abgabenbelastung in Deutschland für alle betrachteten Haushaltstypen verringert.
  • Insbesondere im Jahr 2010 ergaben sich durch das Bürgerentlastungsgesetz und die Kindergelderhöhung erhebliche Rückgänge der Steuer- und Abgabenquoten.
  • Die Steuer- und Sozialabgabenbelastung des Arbeitslohns in Deutschland lag aber auch im Jahr 2010 noch oberhalb des OECD-Durchschnitts.

1 Einleitung

Die Belastung des Arbeitslohns mit Steuern und Sozialabgaben wird in der öffentlichen Diskussion in Deutschland häufig thematisiert, wobei meist der Vergleich mit anderen Industriestaaten im Fokus steht. Die alljährlich im Frühjahr publizierte OECD-Studie Taxing Wages1 enthält einen Vergleich der Belastung von typisierten Arbeitnehmerhaushalten mit Steuern und Sozialabgaben in den 34 OECD-Mitgliedstaaten.

Die Ermittlung der Datengrundlagen erfolgt nach einheitlichen und transparenten Vorgaben für alle OECD-Staaten. Damit werden aussagefähige internationale Vergleiche ermöglicht. Noch aussagekräftiger wären die OECD-Daten, wenn zusätzlich die Belastung durch indirekte Steuern einbezogen werden könnte. Dies stößt jedoch auf große methodische Probleme, die bisher nicht gelöst werden konnten.

2 Methodische Grundlagen

Zur Darstellung der Steuer- und Abgabenbelastung der Arbeitnehmerhaushalte werden zwei Indikatoren verwendet:

Abbildung 1: Indikatoren der Steuer- und Abgabenbelastung der Arbeitnehmerhaushalte
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Es wird sowohl die Durchschnittsbelastung als auch die Grenzbelastung (Belastung des nächsten hinzuverdienten Euro) für acht typisierte Arbeitnehmerhaushalte ermittelt. Diese Typen unterscheiden sich durch ihren Bruttoarbeitslohn (Prozentsatz des durchschnittlichen Jahresbruttoverdiensts eines Vollzeitarbeitnehmers), den Familienstand und die Anzahl der Kinder.

Der zugrundegelegte Bruttodurchschnittslohn für vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer beruht auf international standardisierten Erhebungen (International Standard Industrial Classification of all Economic Activities - ISIC) der nationalen statistischen Ämter.

Im Rahmen der Typisierung können individuelle Besonderheiten nicht berücksichtigt werden. So werden für die deutschen Arbeitnehmerhaushalte Werbungskosten nur in Höhe des Pauschbetrags angesetzt. Als Sonderausgaben werden lediglich die gesetzlichen Sozialversicherungsbeiträge berücksichtigt.

Die Berechnungen gehen außerdem davon aus, dass neben dem Arbeitslohn keine weiteren Einkünfte vorliegen. In einigen OECD-Staaten wird das Kindergeld anders als in Deutschland nicht als Steuerabzug behandelt. Die Kindergeldzahlungen werden dann als „Transferzahlungen“ in die Berechnung der Indikatoren einbezogen. Transferleistungen, die auf individuellen Voraussetzungen fußen (z. B. Wohngeld), werden nicht angesetzt.

3 Ausgewählte Ergebnisse der aktuellen Studie

Seit einigen Jahren wird in der Öffentlichkeitsarbeit der OECD auf die Abgabenbelastung der Lohnkosten abgestellt. Diese ist regelmäßig höher als die Abgabenbelastung des Bruttoarbeitslohns. Sie ermöglicht die Quantifizierung der auf den Faktor „Arbeit“ entfallenden Abgabenbelastung unabhängig von der Frage, wie hoch der Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung in den einzelnen Mitgliedstaaten ist. Allerdings entspricht dieses Konzept nicht der in Deutschland verbreiteten Vorstellung von Abgabenbelastung. In der Berichterstattung kommt es daher vielfach zu einer fehlerhaften Interpretation der Zahlen. So war in Presseberichten zur aktuellen Ausgabe der Studie zu lesen, dass alleinstehende Durchschnittsverdiener ohne Kinder 49,1 % ihres Lohns abführen müssten. Richtig jedoch ist, dass sie 39,2 % ihres Lohns als Abgaben abführen. Die in der Pressemitteilung der OECD veröffentlichte Zahl von 49,1 % bezieht sich auf die Belastung der Lohnkosten.

Die nachstehenden Ausführungen und die Abbildungen beziehen sich auf die Belastung des Bruttoarbeitslohns durch Steuern und den Arbeitnehmerbeitrag zur Sozialversicherung.

3.1 Ergebnisse im Jahr 2010

Die Belastung des Arbeitslohns mit Steuern und Sozialabgaben unter Berücksichtigung von Transferzahlungen liegt in Deutschland für alle acht von der OECD definierten Haushaltstypen über dem OECD-Durchschnitt (Abbildung2). Sowohl in Deutschland als auch im OECD-Durchschnitt sind kinderlose Alleinstehende (Haushaltstypen 1 bis 3) am höchsten belastet, gefolgt vom kinderlosen Ehepaar. Gutverdienende Ehepaare mit Kindern sind erheblich geringer belastet. Schließlich weist der alleinstehende Geringverdiener mit zwei Kindern (Haushaltstyp 4) die niedrigste Belastung auf. Die Differenz zum OECD-Durchschnitt ist für die deutschen Alleinstehenden (Haushaltstypen 1 bis 4) größer als für die Verheirateten (Haushaltstypen 5 bis 8). Hier wirkt sich das in der großen Mehrzahl der OECD-Staaten nicht vorhandene Ehegattensplitting zugunsten der Verheirateten in Deutschland aus.

Abbildung 2: Belastung des Arbeitlohns mit Steuern und Sozialabgaben unter Berücksichtigung von Transferzahlungen im Jahr 2010 in %
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Bei allen Haushaltstypen gibt es jedoch Länder, in denen die Belastung höher als in Deutschland ausfällt. Bei fünf von acht Haushaltstypen liegt Dänemark an der Spitze. Mexiko, das als Schwellenland allerdings nur bedingt mit Deutschland vergleichbar ist, weist demgegenüber fünf mal die geringste Abgabenbelastung aller OECD-Staaten auf.

Die Position Deutschlands verbessert sich erheblich, wenn nur die Steuerbelastung der Arbeitnehmer in den Blick genommen wird (Abbildung 3). Bei den Haushaltstypen ohne Kinder liegt die Belastung in Deutschland zwar noch über dem OECD-Durchschnitt, der Abstand zum Durchschnitt ist jedoch erheblich geringer als in Abbildung 2. Bei allen Haushaltstypen mit Kindern liegen die Belastungen unter dem OECD-Durchschnitt. Die Aussage für die Haushaltstypen mit Kindern unterliegt jedoch der Einschränkung, dass in Deutschland das Kindergeld als steuerliche Leistung in diesen Vergleich eingeht, während vergleichbare Zahlungen in manchen anderen Staaten als Transferleistung gelten und somit in der Darstellung der Steuerbelastung (im Gegensatz zum Vergleich der Steuer- und Abgabenbelastung insgesamt – siehe Abbildung 2) keine Berücksichtigung finden.

Abbildung 3: Belastung des Arbeitslohns mit Steuern im Jahr 2010 in %
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Alleinstehende Geringverdiener mit zwei Kindern (Haushaltstyp 4) und verheiratete Durchschnittsverdiener mit zwei Kindern (Haushaltstyp 5) werden aufgrund des die Steuerlast übersteigenden Kindergelds nicht be-, sondern sogar entlastet. Im Vergleich mit Abbildung 2 wird deutlich, dass die Belastung mit Sozialabgaben in Deutschland ein wesentlicher Faktor der Abgabenbelastung insgesamt ist.

Für einen alleinstehenden Gutverdiener (Haushaltstyp 3) ist die Sozialabgabenbelastung wesentlich niedriger als für einen ebensoviel verdienenden Doppelverdienerhaushalt (Haushaltstyp 7): Beim Alleinverdiener sorgt die Beitragsbemessungsgrenze für eine Kappung des Sozialversicherungsbeitrags. Im Doppelverdienerhaushalt ist hingegen der gesamte Arbeitslohn mit Sozialbeiträgen belastet, da jeder Arbeitnehmer diese Kappungsgrenze für sich erreichen muss.

3.2 Vergleich zum Vorjahr

Im Jahr 2010 hat die Abgabenbelastung in Deutschland gegenüber dem Vorjahr deutlich abgenommen (Abbildung 4). Für alle Haushaltstypen ist die Entwicklung wesentlich besser als im OECD-Durchschnitt. Der Rückgang der Abgabenbelastung ist vor allem auf das Bürgerentlastungsgesetz (Verbesserung der Abziehbarkeit von Krankenversicherungsbeiträgen) und die Erhöhung des Kindergelds zurückzuführen. Aufgrund der Besonderheiten des deutschen Steuerrechts verteilen sich diese Entlastungen ungleichmäßig auf die einzelnen Haushaltstypen. So ist die Entlastung für verheiratete Alleinverdiener mit zwei Kindern (Haushaltstyp 5) - trotz Kindergelderhöhung - am geringsten, da das alte Recht Ehegatten bereits einen höheren Sonderausgabenabzug über eine Verdoppelung des Höchstbetrags für Krankenversicherungsbeiträge ermöglichte.

Abbildung 4: Belastung des Arbeitlohns mit Steuern und Sozialabgaben unter Berücksichtigung von Transferzahlungen Veränderung 2010 gegenüber 2009 in Prozentpunkten
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Unter den OECD-Staaten ragt Island mit den höchsten Belastungszuwächsen für sechs Haushaltstypen hervor. Hier sind die Auswirkungen der Bankenkrise spürbar, die den Staat zwangen, zur Finanzierung der Sanierungskosten die Einnahmen kräftig zu erhöhen. Ungarn hingegen hat die Abgabenbelastung für sechs Haushaltstypen im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten am stärksten abgesenkt.

3.3 Vergleich zum Jahr 2000

Der Vergleich der Belastungsquoten der Jahre 2000 und 2010 zeigt, dass im OECD-Durchschnitt die Belastung des Arbeitslohns je nach Haushaltstyp um 1,4 Prozentpunkte bis 2,4 Prozentpunkte gesunken ist (Abbildung 5). Auch in Deutschland wurden in diesem Zeitraum sämtliche Haushaltstypen entlastet. Sowohl bei Verheirateten als auch bei Alleinstehenden steigt die Entlastung mit dem Einkommen. Die Steuerentlastung wurde zu einem großen Teil durch Tarifsenkungen erreicht, die aufgrund der progressiven Ausgestaltung des Einkommensteuertarifs Steuerpflichtige mit höherem Einkommen stärker entlasteten. Da Verheiratete wegen des Ehegattensplittings niedriger besteuert werden als Alleinstehende mit gleichem Haushaltseinkommen, war für sie die Entlastung entsprechend geringer. Die bei den Geringverdienern die Abgabenbelastung dominierenden Sozialversicherungsbeiträge blieben in der Summe im Betrachtungszeitraum nahezu unverändert.

Abbildung 5: Belastung des Arbeitlohns mit Steuern und Sozialabgaben unter Berücksichtigung von Transferzahlungen Veränderung 2010 gegenüber 2009 in Prozentpunkten
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Die Erweiterung der Betrachtung auf die Änderung der absoluten Abgabenbelastung führt zu teilweise überraschenden Ergebnissen: So ist z. B. die Belastungsquote für alleinstehende Geringverdiener ohne Kinder (Haushaltstyp 1) im Jahr 2010 gegenüber dem Jahr 2000 um 2,6 Prozentpunkte zurückgegangen, für alleinstehende Geringverdiener mit Kindern (Haushaltstyp 4) hingegen nur um 1,6 Prozentpunkte (siehe Abbildung 5). Aufgrund der - in beiden Fällen gleichen - Zunahme des Haushaltseinkommens im betrachteten Zeitraum ist aber die absolute Abgabenbelastung beim Haushaltstyp 1 um 1 088 € gestiegen, beim Haushaltstyp 4 hingegen lediglich um 422 € (Abbildung 6). Anders als die Änderung der Belastungsquoten nahelegt, hat also absolut betrachtet der Haushalt des alleinstehenden Geringverdieners mit Kindern (Typ 4) wesentlich stärker von den steuerlichen Maßnahmen zwischen 2000 und 2010 - insbesondere den Kindergelderhöhungen - profitiert als der Haushalt des alleinstehenden Geringverdieners ohne Kinder (Typ 1).

Abbildung 6: Entwicklung von Bruttolohn und Abgabenbelastung von alleinstehenden Geringverdiener ohne Kinder (Haushaltstyp 1) und alleinstehenden Geringverdienern mit 2 Kindern (Haushaltstyp 4) in Deutschland
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Die Abbildungen 7 und 8 stellen die Entwicklung von 2000 bis 2010 für alleinstehende Durchschnittsverdiener ohne Kinder und einen Doppelverdienerhaushalt (ein Ehegatte teilzeitbeschäftigt) mit zwei Kindern im Vergleich aller OECD-Mitgliedstaaten beispielhaft dar. Hieraus wird deutlich, dass sich in Deutschland im Vergleich mit anderen wichtigen Industriestaaten sowie auch mit dem OECD- und EU-Durchschnitt die Abgabenbelastung der Arbeitnehmer günstig entwickelt hat.

Abbildung 7: Abgabenbelastung bezogen auf den Arbeitslohn - Veränderung 2010 gegenüber 2000
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Abbildung 8: Abgabenbelastung bezogen auf den Arbeitslohn - Veränderung 2010 gegenüber 2000
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

4 Fazit

Für internationale Belastungsanalysen stellt die Publikation „Taxing Wages“ der OECD auch in ihrer jüngsten Ausgabe wertvolle Daten bereit. Doch für eine angemessene Beurteilung der Entwicklung sollte der Blick über die reine Betrachtung von Differenzen zwischen Belastungsquoten hinausgehen und die Änderung der absoluten Größen einbeziehen. Auch hierfür sind entsprechende Daten in den Länderkapiteln (Abschnitt III der Publikation) verfügbar.

Hinsichtlich der Steuer- und Abgabenbelastung von Arbeitnehmerhaushalten in Deutschland bleibt festzuhalten, dass sich die Situation für die meisten Haushalte seit dem Jahr 2000 signifikant verbessert hat. Insbesondere im Jahr 2010 führten das Bürgerentlastungsgesetz und die Kindergelderhöhung zu einer bemerkenswerten Entlastung aller Haushalte.

Bei einer umfassenden Bewertung derartiger Belastungsvergleiche müssen zudem die vom Gesamtstaat an die Bürger erbrachten Leistungen (etwa im Sozialversicherungsbereich) berücksichtigt werden. Zudem sind gerade für die effektive Belastung unterer Einkommensbereiche zusätzlich gewährte Transferleistungen einzubeziehen, wie z. B. Kinderzuschlag, Wohngeld und BAföG. Vor diesem Hintergrund relativieren sich Aussagen zur im OECD-Vergleich überdurchschnittlichen Steuer- und Abgabenbelastung für einzelne Haushaltstypen in Deutschland.

Fußnoten

1OECD (Hrsg.): Taxing Wages 2010, Paris 2011.

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