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21.09.2012

Monatsbericht

Spa­ren und In­ves­tie­ren vor dem Hin­ter­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels

Ergebnisse des Forschungsprojekts „Sparen und Investieren vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“ des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Zusammenarbeit mit der Universität Ulm im Auftrag des BMF 1

  • Der unaufhaltsame Alterungsprozess der Gesellschaft in Deutschland wird langfristig zu einem Rückgang der Ersparnisse führen.
  • Die Auswirkungen des Ersparnisrückgangs auf die Investitionen sind in einer offenen, durch freien Kapitalverkehr gekennzeichneten Volkswirtschaft theoretisch hingegen nicht eindeutig.

  • Modellrechnungen projizieren eine ab 2030 einsetzende demografisch bedingte Wende in der deutschen Leistungsbilanz.

  • Die Sensitivität der Modellrechnungen hängt insbesondere von der Verzinsung von Kapitalanlagen sowie der Abschreibung darauf ab.

1 Einleitung

Deutschland sieht sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten einem grundlegenden demografischen Wandel gegenüber, welcher durch einen Rückgang der Bevölkerungszahl und dramatische Veränderungen in der Altersstruktur gekennzeichnet ist. Demografische und wirtschaftliche Entwicklungen stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander. In der Literatur und in der öffentlichen Debatte über die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen steht dabei meist eine Betrachtung im Vordergrund, die sich auf die künftige Entwicklung des Arbeitskräfteangebots und die damit verbundenen dämpfenden Wirkungen auf das Produktionspotenzial und das Wachstum sowie die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme bezieht. Seltener werden die Folgen für das Spar- und Investitionsverhalten sowie die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden, etwa im Rahmen von Tragfähigkeitsanalysen, betrachtet.

Ziel dieser Studie ist es, die Auswirkungen der demografisch bedingten Alterung in Deutschland auf die Ersparnisbildung und Investitionen und die damit verbundenen gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen, insbesondere auf die Entwicklung des Kapitalbestands als wichtige Determinante der Produktionsmöglichkeiten, zu untersuchen. Dieser Beitrag stellt zunächst die Bevölkerungsentwicklung sowie die zentralen Elemente des Sparverhaltens in Deutschland dar und gibt die wichtigsten Erkenntnisse der Fachliteratur wieder. Darauf aufbauend wird der Zusammenhang zwischen Sparen und Investieren diskutiert. Abschließend werden Ergebnisse eigener Berechnungen auf Grundlage eines speziell an die deutschen Gegebenheiten angepassten Simulationsmodells überlappender Generationen durchgeführt, da für Deutschland bisher aktuelle Modellrechnungen über die Effekte einer alternden Gesellschaft auf die Kapitalbildung und Leistungsbilanzsalden fehlen.

2 Bevölkerungsentwicklung und Auswirkungen auf das Sparverhalten

Der demografische Wandel und die damit verbundene Alterung der Gesellschaft ist ein relativ langsam verlaufender Prozess. Anhand verschiedener Szenarien projiziert die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts die Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands bis 2060. Die zentralen Einflussfaktoren der demografischen Entwicklung sind die Lebenserwartung, die Geburtenhäufigkeit sowie der Wanderungssaldo. Der Bevölkerungsrückgang bis zum Jahr 2060 wird von der 12. koordinierten Vorausberechnung des Statistischen Bundesamts für Deutschland auf 65 Millionen Personen ausgehend von 82 Millionen Personen (2008) beziffert. Diese Berechnung bezieht sich auf Variante 1-W1 „mittlere Bevölkerung, Untergrenze“ der 12. Bevölkerungsvorausberechnung. Das heißt: Basisannahme an die Lebenserwartung (Anstieg bei Jungen um acht Jahre und bei Mädchen um sieben Jahre), annähernde Konstanz der Geburtenhäufigkeit bei 1,4 Kindern pro Frau sowie ein Wanderungssaldo von 100 000 Personen pro Jahr ab 2014. Wird ein Wanderungssaldo von 200 000 Personen pro Jahr ab dem Jahr 2014 angenommen, geht die Bevölkerung weniger stark auf 70 Millionen Personen zuück. Zusammenfassend aber heißt es: „Deutschlands Bevölkerung nimmt ab, seine Einwohner werden älter, und es werden – auch wenn eine leicht steigende Geburtenhäufigkeit unterstellt wird – noch weniger Kinder geboren als heute.“

Um die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Ersparnis und Investitionen zu analysieren, bietet die Lebenszyklushypothese nach Franco Modigliani (Ando und Modigliani, 1963) einen adäquaten Ausgangspunkt. In ihrer reinen Form besagt sie, dass private Haushalte ihren Konsum über den Lebenszyklus glätten, um ihren daraus gezogenen Nutzen über den gesamten Lebensverlauf zu maximieren. In Abhängigkeit von der typischen Einkommensentwicklung lässt sich daraus ein zyklisches Sparverhalten ableiten. In frühen Phasen des Lebenszyklus mit niedrigen Einkommen müssten demnach typischerweise Kredite aufgenommen werden, in mittleren Phasen des Lebenszyklus müsste gespart und in der Rentenbezugsphase wieder entspart werden.

Der theoretische Leitfaden für die Analyse des demografischen Wandels begreift den Wunsch der Haushalte nach intertemporalem Konsumausgleich als den zentralen Mechanismus des (lebens-)zyklischen Sparverhaltens. Jedoch ist das Lebenszyklusprofil in vielen Ländern schwächer ausgeprägt, als es grundlegende Lebenszyklusüberlegungen erwarten lassen. Geringen und im Durchschnitt positiven Sparquoten im jungen und hohen Alter stehen weit höhere Sparquoten im mittleren Alter gegenüber, sodass sich zwar qualitativ der gleiche Verlauf ergibt, aber quantitativ deutliche Unterschiede bestehen (modifizierte Lebenszyklushypothese). Speziell für Deutschland lässt sich dieses modifizierte, altersspezifische Sparprofil anhand der Haushaltsbefragungen im Rahmen der SAVE-Studien des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) sowie der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts gut belegen und begründen.

Seit 2003 erhebt das MEA jährlich umfassend Daten mit dem Schwerpunkt Sparen und Zukunftsvorsorge von deutschen Haushalten. Dabei werden die Haushalte u. a. nach ihren Sparmotiven und deren Bedeutung für sie befragt. Anhand dieser Daten und zahlreicher empirischer Studien kann generell festgehalten werden, dass Altersvorsorge und Vorsichtssparen die beiden dominierenden Sparmotive in Deutschland darstellen, wohingegen Vererbung und Immobilienerwerb tendenziell von untergeordneter Bedeutung sind. Die Wichtigkeit der Sparmotive verändert sich jedoch über den Lebenszyklus. Bei Jüngeren stehen Altersvorsorge und Immobilienkauf im Vordergrund, wohingegen die Sparmotive Vorsichtssparen und Vererbung primär für Ältere wesentlich sind.

Weiterhin ist die Ausprägung der Sparmotive nicht nur altersabhängig, sondern wird auch von exogenen Faktoren beeinflusst. Dabei kristallisieren sich demografische Entwicklungen, Geburtskohorten-Effekte und Sozialversicherungssysteme als die zentralen exogenen Einflussfaktoren für das Sparverhalten heraus. Durch Interaktion verschiedener Faktoren sowie Überlagerung von unterschiedlichen Motiven ist jedoch der Gesamteffekt auf die Sparquote nicht eindeutig bestimmt. Um den (Gesamt-)Effekt auf Ersparnis und Investitionen zu identifizieren, sind empirische Analysen und Simulationsstudien von zentraler Bedeutung. Eigene Berechnungen auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe der Wellen 1993 bis 2008 zeigen, dass die Sparquote in Deutschland mit dem Verlauf der modifizierten Lebenszyklushypothese in Einklang steht (siehe Abbildung 1). Dabei determinieren Sparmotive und exogene Einflussfaktoren die Diskrepanz zwischen klassischer und modifizierter Lebenszyklushypothese in Deutschland.

Abbildung 1:Durchschnittliche Sparquote nach Alterskohorten

Zu einer positiven Sparquote im Alter tragen u. a. die ausgeprägten Sozialversicherungssysteme, eine hohe Bedeutung des Vorsichtssparens sowie kohortenspezifische Effekte bei, sodass kein vollständiges Aufbrauchen der Ersparnisse zur Konsumfinanzierung im Alter stattfindet. Zudem nehmen in Deutschland jüngere Menschen in der frühen Phase des Berufslebens in der Regel kaum Kredite auf. Dies kann u. a. auf ein primär staatlich finanziertes Schulsystem, vergleichsweise geringe Wohneigentumsquoten gegenüber anderen Ländern sowie Erbschaften zurückgeführt werden. Dennoch: Auch wenn die klassische Lebenszyklushypothese durch Berücksichtigung weiterer Sparmotive modifiziert werden muss, um Aussagen der Theorie mit dem tatsächlichen Sparverhalten in Einklang zu bringen, bleibt ein dominierender Effekt das Entsparen im Alter. Sowohl theoretische als auch empirische Studien zeigen einen Rückgang der Sparquote bei einer alternden Bevölkerung. Deshalb muss in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten mit einem deutlichen Rückgang der aggregierten Sparquote aufgrund der absehbaren Alterung der Gesellschaft gerechnet werden.

3 Zusammenhang zwischen Sparen und Investieren

Ob dieser Rückgang der Ersparnisse auch zu einer vergleichbaren Reduzierung der Investitionen führen wird, ist allerdings alles andere als eindeutig. In einer offenen Volkswirtschaft mit freier Kapitalmobilität und Einbettung in das internationale Finanzsystem sollten sich Investitions- und Sparvolumina unabhängig voneinander entwickeln können. Dennoch stellen empirische Studien im internationalen Querschnitt regelmäßig eine hohe Korrelation zwischen Spar- und Investitionsquoten fest. Eine positive Korrelation zwischen Spar- und Investitionsquote bei gleichzeitig hoher Mobilität auf den internationalen Kapitalmärkten lässt sich auf unterschiedliche Einflussfaktoren zurückführen. Insbesondere demografische Veränderungen können eine gleichgerichtete Veränderung der beiden Quoten bewirken. Eine Abnahme des Arbeitskräftepotenzials, durch die sich der Anteil der Bevölkerung mit hoher Sparquote reduziert, kann zu einer Verringerung der gesamtwirtschaftlichen Sparquote führen. Gleichzeitig ist auch ein Rückgang der Investitionen zu erwarten, da die geringere Anzahl an Erwerbspersonen eine Anpassung des Kapitalbestands erfordert. Eine Reihe weiterer Erklärungen wird im zugrunde liegenden Gutachten angeführt, die darauf schließen lassen, dass die Investitionen zumindest teilweise der Sparquote folgen müssen. Insofern ist auch mit einem demografisch getriebenen Rückgang der künftigen Investitionsquote zu rechnen, der aber geringer ausfallen dürfte als der Rückgang der Sparquote.

Eine weitere wichtige Determinante der privaten Investitionen neben der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage sind Kapitalgüterpreise und -renditen. Basierend auf der einfachen Lebenszyklushypothese entstand die These (bekannt unter dem Begriff „Asset-Meltdown“-Theorie), dass mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung und dem Eintritt großer Kohorten ins Rentenalter ein rapider Verfall der Vermögenspreise einhergehen würde. Auf Grundlage von ökonometrischen Studien mit historischen Daten sowie zukunftsbezogenen Simulationsstudien konnte ein starker Zusammenhang zwischen Asset-Preisen und demografischer Veränderung aber nicht bestätigt werden. Vielmehr legen die Ergebnisse nur einen leichten Rückgang der Kapitalgüterrenditen und -preise nahe.

Von großer Bedeutung für zukünftige Kapitalströme und -renditen und damit für die Leistungsbilanz ist das internationale Umfeld. Relevant sind insbesondere die demografische Entwicklung im Ausland und die sich daraus ergebende ausländische Kapitalnachfrage beziehungsweise das -angebot. Befinden sich überdurchschnittlich große Jahrgänge eines Landes in der Phase des Kapitalaufbaus, erzeugen sie ein relativ großes Kapitalangebot bei niedrigen Renditen. Dies führt zu einem Kapitalexport ins Ausland, vor allem in jüngere Volkswirtschaften, die relativen Kapitalmangel und daher hohe Renditen aufweisen. In der Folge ist ein Leistungsbilanzüberschuss zu erwarten. Erreichen die geburtenstarken Kohorten dann das Rentenalter und beginnen ihre Ersparnisse aufzubrauchen (oder nach der modifizierten Lebenszyklushypothese ihre Sparquote zu senken), schrumpft das Kapitalangebot. Unter der Annahme, dass nun im Ausland geringere Kapitalknappheit, eventuell sogar ein Überfluss herrscht, wird nun Kapital importiert und sich dementsprechend ein Leistungsbilanzdefizit ergeben. Die empirische Literatur rechnet daher mit einem Rückgang des Leistungsbilanzsaldos in Europa in den nächsten 20 Jahren.

Bei der Durchführung von Reformen der Altersvorsorge spielt das Ausland ebenfalls eine wichtige Rolle. Ein Übergang von einem umlagebasierten auf ein teilweise oder komplett kapitalgedecktes Verfahren löst eine Erhöhung der privaten Sparneigung aus und schmälert über diese Ausweitung des Kapitalangebots langfristig die Kapitalrenditen. Der Effekt auf die Renditen fällt umso geringer aus, je freier der Kapitalmarktzugang und je größer die Kapitalnachfrage im Ausland ist.

4 Modellsimulationen für Deutschland

Da sich der demografische Übergang dem Erfahrungs- und Datenbereich für Deutschland und andere vergleichbare Länder entzieht, werden die Auswirkungen auf Ersparnis, Investitionen, Leistungsbilanz und weitere gesamtwirtschaftliche Kennziffern mittels eines rechenbaren allgemeinen Gleichgewichtsmodells mit überlappenden Generationen ermittelt. Das Modell ist auf die deutsche Situation mit seiner spezifischen Ausgestaltung der Sozialversicherungssysteme angepasst und implementiert ein detailliertes Bevölkerungsmodell für die demografischen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland entlang der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts. Den Ausgangspunkt der Simulationen und Sensitivitätsanalysen stellt ein Referenzpfad dar, welcher die mittlere Bevölkerungsvariante (W1) der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung implementiert, Deutschland als kleine offene Volkswirtschaft betrachtet und eine realistische Abbildung der gesamtwirtschaftlichen Größen und Kennziffern des Steuer- und Sozialversicherungssystems im Ausgangsjahr 2010 generiert.

Modellrechnungen projizieren eine demografisch bedingte Wende in der deutschen Leistungsbilanz

Die Simulationsergebnisse des Referenzpfads bis zum Jahr 2060 lassen sich wie folgt zusammenfassen (siehe Abbildung 2): Bis zum Anfang der 2030er Jahre übersteigen die inländischen Ersparnisse die inländischen Investitionen, weshalb sich bis zu diesem Zeitraum stets ein Leistungsbilanzüberschuss ergibt. Dadurch entsteht gegenüber dem Ausland eine immense Vermögensposition, die Ansprüche auf die zukünftige Produktion der Ausländer entstehen lässt. Anschließend überwiegt der negative Ersparniseffekt den Investitionseffekt, und der Leistungsbilanzsaldo verläuft ab dem Jahr 2033 negativ und pendelt sich bei einem Defizit von circa 2 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ein.

Abbildung 2: Investitions-und Sparquote in % des BIP (Referenzszenario)

Im Rahmen einer Sensitivitätsanalyse werden zunächst unterschiedliche Verläufe der Bevölkerungsparameter und veränderte Annahmen im Rentensystem sowie bei der Entwicklung der Staatsverschuldung berücksichtigt. Vor dem Hintergrund der noch nicht gelösten Finanz- und Weltwirtschaftskrise ist davon auszugehen, dass auch längerfristig der Zinssatz auf einem niedrigen Niveau verharrt. Des Weiteren ist nicht auszuschließen, dass in den folgenden Jahren höhere Abschreibungsraten der Vermögenswerte auf Unternehmen und private Haushalte zukommen. Daher wird in zwei abschließenden Szenarien untersucht, wie sich niedrigere Zinssätze und höhere Abschreibungsraten auf den Kapitalbestand gegenüber dem Referenzpfad auf die Ergebnisse auswirken.

Zinsen und Kapitalabschreibungen beeinflussen Modellsimulation deutlich

Insgesamt zeigt sich in den unterschiedlichen Szenarien, dass die grundlegende qualitative Entwicklung des Referenzpfades in allen Simulationen bestätigt wird (siehe Tabelle 1). Allerdings ergeben sich für einzelne Parametervariationen durchaus quantitative Veränderungen. In den Bevölkerungsszenarien (Szenarien 1a und 1b), die unterschiedliche Annahmen über die künftige Entwicklung der Geburtenrate unterstellen, zeigen sich kaum Veränderungen gegenüber der Ausgangssituation, in welcher bis zum Jahr 2060 eine konstante Geburtenziffer in der Höhe des derzeitigen Wertes von 1,4 Kindern pro Frau unterstellt wird. Das Szenario 1a lehnt sich an die Variante 3-W1 der Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamts (2009) an und unterstellt einen linearen Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer von 1,4 Kindern pro Frau im Jahr 2010 auf 1,6 Kinder pro Frau bis zum Jahr 2025. Danach verharrt die Geburtenziffer auf dem Wert von 1,6 Kindern pro Frau. Szenario 1b hingegen unterstellt einen Rückgang der Geburtenziffer von 1,4 Kindern pro Frau im Jahr 2010 auf 1,2 Kinder im Jahr 2060 entsprechend der Variante 5-W1 der Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts. Die Veränderungen in der Geburtenrate wirken sich erst mittel- bis längerfristig auf die Bevölkerungsvariablen aus. Allerdings kann der Trend einer sinkenden Bevölkerung nicht aufgehalten werden, sodass sich nur geringe Unterschiede gegenüber dem Referenzpfad ergeben.

Sehr deutliche Abweichungen vom Referenzpfad ergeben sich jedoch in den Szenarien, die eine veränderte Lebenserwartung unterstellen. Im Ausgangspfad nimmt im Zeitraum der nächsten 50 Jahre die Lebenserwartung bei Geburt von gegenwärtig 80,8 Jahren auf 87,4 Jahre zu. Bleibt die Lebenserwartung jedoch über den Zeitverlauf konstant (Szenario 2a), sinkt die gesamtwirtschaftliche Sparquote deutlich gegenüber dem Referenzszenario (- 4,9 Prozentpunkte im Jahr 2030), während die Investitionsquote kaum reagiert (+ 0,6 Prozentpunkte im Jahr 2020). In der Folge baut sich der Leistungsbilanzüberschuss ebenfalls sofort deutlich ab, während längerfristig das Leistungsbilanzdefizit dafür stärker ausfällt. Genau umgekehrte Effekte ergeben sich bei einem stärkeren Anstieg der Lebenserwartung bis zum Jahr 2060 auf durchschnittlich 89,5 Jahre (Szenario 2b).

Unterschiedliche Annahmen zur Zuwanderung (Szenario 3a und Szenario 3b) haben bis zum Jahr 2030 eher geringe Abweichungen der Sparquote, aber durchaus spürbare Effekte auf die Investitionsquote gegenüber dem Basisszenario zur Folge. Bis zum Jahr 2060 ergeben sich jedoch in beiden Szenarien quantitativ vergleichbare, deutliche Effekte sowohl auf Spar- als auch auf Investitionsquote. Im Referenzpfad wird bezüglich der Nettomigration zunächst von einem jährlichen Einwanderungsüberschuss von 10 000 Personen ausgegangen, welcher anschließend auf 100 000 Personen pro Jahr ab dem Jahr 2014 ansteigt. Szenario 3a unterstellt hingegen, dass der Wanderungssaldo über den gesamten Zeitverlauf Null beträgt. In Szenario 3b erhöht sich die Nettozuwanderung auf 200 000 Personen bis zum Jahr 2020. Danach bleibt der Wanderungssaldo konstant bei 200 000 Personen pro Jahr.

Die Abweichungen der makroökonomischen Variablen in den Rentenszenarien sind eher moderat (Szenario 4a bis Szenario 4c). Im Referenzpfad ist ein Anstieg des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre bis zum Jahr 2029 implementiert. Unterschiedliche Annahmen zum gesetzlichen Renteneintrittsalter wirken sich im Wesentlichen auf den Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung aus. Dieser erhöht sich deutlich gegenüber dem Referenzpfad, wenn das gesetzliche Renteneintrittsalter auf 65 Jahre fixiert wird (anstatt auf 67 Jahre anzusteigen). Vergleichbare Effekte sind auch bei Aussetzung des Nachhaltigkeitsfaktors in der Rentenformel zu beobachten. Dadurch wird die private Sparquote deutlich gesenkt. Umgekehrt sinken die Beitragssätze und erhöht sich die Sparquote, wenn das Renteneintrittsalter sogar auf 69 Jahre erhöht wird. Die Veränderungen der Sparquoten wirken sich im Modell im Wesentlichen auf das im Ausland gehaltene Vermögen und die Leistungsbilanz aus.

Auch die alternativen Annahmen zu den Verläufen des Schuldenstands zeigen nur sehr geringe Unterschiede im Verlauf der Spar- und Investitionsquote im Vergleich zum Referenzpfad (Szenario 5a und Szenario 5b). Der Referenzpfad des Modells unterstellt eine endogene Entwicklung des Schuldenstands, die sich aus der Anwendung der Schuldenregel für das strukturelle Defizit ergibt. Bis zum Jahr 2016 wird die Defizitquote auf 0,35 % des BIP reduziert und verbleibt danach auf diesem Wert. Szenario 5a hält die Defizitquote von 1,5 % des BIP über den Zeitverlauf konstant, während Szenario 5b einen deutlich stärkeren Abbau des Schuldenstands auf 60 % des BIP bis zum Jahr 2030 unterstellt.

Eine starke Wirkung auf die Modellergebnisse, insbesondere auf die Investitionsquote, geht von den veränderten Annahmen zu den makroökonomischen Parametern aus. Niedrigere Zinssätze im Vergleich zum Referenzpfad führen einerseits zu starken Erhöhungen der Investitionsquoten und andererseits zu einer deutlich gedämpften privaten Ersparnisbildung (Szenario 6a und Szenario 6b). Der ursprüngliche Leistungsbilanzüberschuss wird hierdurch stark vermindert und die späteren Defizite verstärkt. Im Referenzszenario wurde der reale Zinssatz auf 6,6 % festgelegt, da dieser die richtige Größenordnung für die Handelsbilanz im Basisjahr 2010 liefert.

Ganz ähnliche Effekte können bei höheren Abschreibungsraten beobachtet werden. Die Abschreibungsrate wurde im Referenzszenario auf 5,2 % festgelegt, um einen realistischen Wert für die Investitionsquote im Basisjahr 2010 zu generieren. Insgesamt sind die quantitativen Veränderungen zum Referenzpfad in den Szenarien 6a bis 6e stärker als in allen übrigen.

Tabelle 1: Veränderung der Spar- und Investitionsquote in verschiedenen Szenarien gegenüber dem Referenzpfad

Szenarien

Gesamtwirtschaftliche Sparquote 1

Investitionsquote 1

2030

2060

2030

2060

Referenzpfad

18,6 %

14,9 %

15,0 %

16,8 %

1a: Leichter Anstieg der Geburtenziffer

0

-0,2

-0,9

1

1b: Langfristiger Rückgang der Geburtenziffer

-0,2

0,4

0,1

-0,5

2a: Konstante Lebenserwartung

-4,9

-0,5

0,6

-0,1

2b: Starker Anstieg der Lebenserwartung

1,9

0,3

0,5

0,2

3a: Keine Zuwanderung

0,3

-1,2

-1,6

-1,4

3b: Höhere Zuwanderung

-0,5

0,8

1,4

0,9

4a: Konstantes gesetzliches Renteneintrittsalter von 65 Jahren

-0,5

-0,3

0,5

-0,2

4b: Anhebung des gesetzlichen Rentenalters auf 69 Jahre

0,3

0,4

0,5

0

4c: Keine Berücksichtigung des Nachhaltigkeitsfaktors in der Rentenformel

-0,8

-0,5

0,2

0,2

5a: Konstante Defizitquote von 1,5 % des BIP

-0,8

-1,1

0,3

0

5b: Abbau des Schuldenstandes auf 60 % des BIP bis 2030

0,3

0

0,7

-0,1

6a: Konstanter Zinssatz bei 5,6 %

-0,9

0,7

2

1,6

6b: Konstanter Zinssatz bei 5,0 %

-1,2

1,2

3,1

2,7

6c: Temporär höhere Abschreibungsrate von 6,0 %

-0,3

-0,1

0,7

0

6d: Permanente Erhöhung der Abschreibungsrate auf 6,0 %

0,4

0,9

0,9

1

6e: Permanente Erhöhung der Abschreibungsrate auf 7,5 %

1

2,2

4,1

2,6

5 Schlussfolgerung

Wie die Simulationsergebnisse deutlich gemacht haben, führt der Alterungsprozess der deutschen Bevölkerung künftig zu einer veränderten Wirtschaftsdynamik. Dies ist einerseits dadurch bedingt, dass die Anzahl der Erwerbspersonen deutlich zurückgehen wird. Andererseits führen die Belastungen durch steigende Beitragssätze in den Sozialversicherungssystemen zu einem starken Rückgang der privaten Sparquote. Zudem wurde deutlich, dass im Falle der kleinen offenen Volkswirtschaft in der kommenden Dekade die Handels- und Leistungsbilanz hohe Überschüsse aufweisen werden, die aber mit dem zunehmenden Alterungsprozess in ein deutliches Defizit übergehen.

Die Entwicklungen und insbesondere die quantitativen Effekte im Referenzpfad werden zum einen von den Annahmen über die zukünftige Bevölkerungsentwicklung beeinflusst. Zum anderen haben auch die Annahmen zu den Entwicklungen in den Sozialversicherungssystemen, zur Finanzierung der öffentlichen Ausgaben mithilfe der Staatsverschuldung und zu den makroökonomischen Parametern, d. h. zum Zinssatz und zur Abschreibungsrate, Einfluss auf die quantitativen Ergebnisse. Um die Empfindlichkeit der Simulationsergebnisse zu analysieren, wurden unterschiedliche Sensitivitätsanalysen durchgeführt. Diese haben unterschiedliche Verläufe der Bevölkerungsparameter, veränderte Annahmen im Rentensystem und bei der Entwicklung der Staatsverschuldung sowie alternative Annahmen zum Zinssatz und der Abschreibungsrate berücksichtigt.

Trotz dieser unterschiedlichen Annahmen bestätigen die Ergebnisse in allen Simulationen die grundlegende qualitative Entwicklung des Referenzpfades. Es zeigen sich jedoch durchaus quantitative Abweichungen gegenüber dem Ausgangsszenario. Kaum Veränderungen gegenüber dem Referenzpfad zeigen sich in den Bevölkerungsszenarien, die unterschiedliche künftige Entwicklungen der Geburtenrate unterstellen. Auch verschiedene Annahmen zur Zuwanderung hatten – insbesondere bis zum Jahr 2030 – eher geringe Effekte zur Folge, was vor allem an den moderaten Annahmen zur Entwicklung des Wanderungssaldos liegt. Die Abweichungen der makroökonomischen Variablen in den Rentenszenarien fallen ebenfalls mäßig aus. Verändert man die Annahmen bezüglich der Lebenserwartung gegenüber dem Referenzszenario, so ergeben sich jedoch sehr deutliche Abweichungen. Bleibt die Lebenserwartung über den Zeitverlauf konstant, so reagieren die Haushalte sofort mit einem Rückgang der Ersparnisbildung und einem Anstieg der Konsumwünsche. Folglich fällt der Leistungsbilanzüberschuss bis zum Jahr 2030 deutlich geringer aus als im Referenzszenario, während längerfristig ein stärkeres Leistungsbilanzdefizit zu verzeichnen ist. Spiegelbildliche Effekte zeigen sich bei einem stärkeren Anstieg der Lebenserwartung gegenüber der Ausgangssituation.

Von den veränderten Annahmen zu den makroökonomischen Parametern gehen starke Wirkungen auf die Modellergebnisse aus. Niedrigere Zinssätze im Vergleich zum Referenzpfad führen erwartungsgemäß zum einen zu starken Erhöhungen der Investitionsquoten und zum anderen zu einer deutlich gedämpften privaten Ersparnisbildung. Somit resultieren zunächst ein geringerer Leistungsbilanzüberschuss und später ein stärkeres Defizit als in der Ausgangsituation. Vergleichbare Effekte können bei höheren Abschreibungsraten beobachtet werden. In den zuvor beschriebenen Szenarien fallen die quantitativen Veränderungen gegenüber dem Referenzpfad – insbesondere für die Investitionsquote – deutlicher aus als in den übrigen.

Fußnoten

1 Der vorliegende Artikel wurde von Claudia Busl, Jun.-Prof. Dr. Sabine Jokisch, Dr. Marcus Kappler und Frauke Schleer verfasst. Rückfragen bitte an Dr. Marcus Kappler (kappler@zew.de).