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20.06.2014

Monatsbericht

Ak­tu­el­le Ent­wick­lung der Eu­ro­päi­schen Ban­kenu­ni­on Plä­doy­er für ein glaub­wür­di­ges Bail-in

Kurzfassung einer Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen1

  • Der Beirat konzentriert sich in seiner Stellungnahme vor allem auf den seiner Einschätzung nach bisher vernachlässigten Aspekt der Glaubwürdigkeit und der tatsächlichen Realisierbarkeit der Gläubigerbeteiligung. Dabei bezieht er sich insbesondere auf sogenannte Bail-in-Anleihen, d. h. nachrangiges Fremdkapital als unterste und zuerst haftende Fremdkapitalschicht.

  • Der Beirat postuliert zwei notwendige Bedingungen dafür, dass die Haftung von nachrangigem Fremdkapital glaubwürdig ist. Zum einen dürfe das für ein Bail-in vorgesehene Fremdkapital seinerseits nicht von Banken gehalten werden. Zum anderen dürften Banken auch keine derivativen Finanzprodukte erwerben, durch die sie das mit den Bail-in-Anleihen verbundene Risiko indirekt übernehmen würden, obwohl sie die Bail-in-Anleihen nicht direkt erworben haben.

Ein zentrales Anliegen der aktuellen Reformen der Bankenregulierung in der Europäischen Union liegt darin, die quasi-automatische Staatsgarantie für Bankverbindlichkeiten jeder Art zu beenden. Die Haftung privater Kapitalgeber ist ein wesentliches Element sowohl der Europäischen Restrukturierungsrichtlinie als auch des Vorschlags für eine Europäische Restrukturierungsagentur (Barnier-Vorschlag). Die vorliegende Stellungnahme konzentriert sich auf die Frage des aus der Sicht des Beirats schwerwiegenden und ungelösten Problems der Glaubwürdigkeit von Bail-in-Maßnahmen.

1 Einleitung

Derzeit treibt die europäische Politik die Errichtung einer Bankenunion in der Europäischen Union voran, die vier Elemente umfasst: eine gemeinsame Bankenaufsicht, ein einheitliches Vorgehen zur vorinsolvenzlichen Restrukturierung von Banken mit finanziellen Problemen, eine gemeinsame Sanierungs- und Abwicklungsbehörde einschließlich deren Finanzierung sowie eine gemeinsame Einlagensicherung. Während über die Struktur der gemeinsamen Aufsicht (SSM) bereits 2012 weitgehende Einigkeit erzielt worden war, hat sich im Verlauf des Jahres 2013 auf der Ebene des ECOFIN-Rats auch Einigung bezüglich der Sanierungs- und Abwicklungsrichtlinie (BRRD) und – im Dezember 2013 – auch hinsichtlich der Sanierungs- und Abwicklungsbehörde (SRM) herstellen lassen.

Hinsichtlich der längere Zeit umstrittenen Frage des Entscheidungsprozesses bei Banksanierungen und -abwicklungen hat sich der Europäische Rat am 18. Dezember 2013 auf einen Single Resolution Board geeinigt. Die Ausführung der Beschlüsse des Board wird an die nationalen Aufsichtsbehörden delegiert. Diese Regelungen sollen zum 1. Januar 2015 in Kraft treten; die Regelungen zum Bail-in sollen ab 1. Januar 2016 Gültigkeit haben.2

Zu diesen vier Bausteinen der Bankenunion kommen zwei weitere Vorhaben hinzu: eine novellierte Kapitaladäquanzrichtlinie (Capital Requirement Directive, CRD IV) und das darin umgesetzte erweiterte Baseler Regelbuch (Basel III), welches eine Mindestkapitalausstattung, neue Liquiditätsmindeststandards und die Einhaltung einer risikoungewichteten Verschuldungsgrenze, der sogenannten Leverage Ratio, verlangt.

Mit der Errichtung der Bankenunion wird das Ziel verfolgt, die Währungsunion zu stabilisieren, Fehlanreize im Finanzsektor abzubauen und künftig zu verhindern, dass Verluste einzelner Banken auf die Steuerzahler abgewälzt werden. Um diese Ziele erreichen zu können, ist es von zentraler Bedeutung, über ein glaubwürdiges Verfahren zum Umgang mit Krisen einzelner oder mehrerer Banken zu verfügen und vor allem für hinreichend privates Kapital zu sorgen, welches in Bankenkrisen haftet und sicherstellt, dass sich die Aufsicht in Krisenmomenten nicht unmittelbar aufgefordert sieht, eine vermutete systemische Ansteckung zwischen Instituten des Bankensektors mit Steuergeldern abzuwehren. Auf diesen letzten Punkt, der das gesamte soeben aufgelistete Regulierungspaket gedanklich durchzieht, konzentriert sich die vorliegende Stellungnahme.

2 Bankinsolvenzen und systemische Risiken

Insolvenzen haben negative Folgen für Eigentümer, Gläubiger, Beschäftigte, Lieferanten und Kunden eines Unternehmens. Diese negativen, vermögensvernichtenden Folgen für die verschiedenen Stakeholder der Unternehmen schaffen zugleich den Anreiz, sich dem Wettbewerb zu stellen und Insolvenzen zu vermeiden. Aus diesem Grunde können Vermögensverluste infolge einer Insolvenz für das Wirtschaftssystem als Ganzes positive Konsequenzen haben, indem sie dessen Leistungsfähigkeit auf längere Sicht steigern und dessen Stabilität erhöhen. Den direkten Kosten einer Insolvenz sind deshalb die indirekten Erträge einer erhöhten Stabilität und einer gestärkten wirtschaftlichen Erneuerung gegenüberzustellen. So ist die Möglichkeit des einzelwirtschaftlichen Scheiterns eine Voraussetzung für gesamtwirtschaftliches Gelingen.

Die insgesamt positiven Wirkungen der Insolvenzfähigkeit von Unternehmen lassen sich nicht ohne Weiteres auf Unternehmen des Finanzsektors übertragen. Vor allem bei Banken können Insolvenzen einzelner Institute systemweite Risiken im Sinne eines Schaltersturms auf Banken auslösen, etwa wenn mangels ausreichender Transparenz eine ähnliche Problemlage für andere Institute befürchtet wird und viele Einleger dann ihre Einlagen gleichzeitig abheben wollen. Systemische Risiken gefährden also das Funktionieren der Volkswirtschaft insgesamt, weil diese ein funktionierendes Zahlungsverkehrs- und Kreditsystem benötigt.

Das Entstehen systemischer Risiken hat mehrere Gründe. Erstens hängt das Bankgeschäft aufgrund der Fristen- und Risikotransformation besonders stark vom Vertrauen der Anleger in die Stabilität der jeweiligen Bank ab. Zweitens sind Banken durch Forderungen und Verbindlichkeiten oft direkt oder indirekt miteinander verbunden. Drittens stellen Banken in ihrer Gesamtheit für Unternehmen und Haushalte Leistungen bereit, die für das Funktionieren der Realwirtschaft nicht einmal für kurze Momente unterbrochen sein dürfen. All dies hat zur Folge, dass Krisen einzelner Institute, ja sogar schon Gerüchte über finanzielle Probleme einer Bank, zu einem Kollaps des Vertrauens und zu einem Banken-Run führen können.

Eine viele Banken erfassende Krisenübertragung kann den Staat zu einer Rettungsaktion des Finanzsektors veranlassen – um eine unmittelbare empfindliche Beeinträchtigung des Realsektors abzuwenden. Der Staat übernimmt damit unfreiwillig – über die übliche Einlagenversicherung hinaus – eine implizite Garantie für das gesamte Bankensystem. Sofern ein systemisches Risiko auftritt, übernimmt er daher indirekt auch eine Garantie für jedes einzelne Bankinstitut.

Aus diesem Systemrisiko ergeben sich falsche Verhaltensanreize, die sich in überhöhter Risikoübernahme seitens der Banken und einer überhöhten Garantieleistung seitens des Staates ausdrücken können – „können“, weil die geschilderte Ineffizienz nur dann auftritt, wenn eine private Haftung durch die Gläubiger der Bank ausgeschaltet oder wesentlich reduziert ist, z. B. weil der zu Hilfe gerufene Staat nicht ausschließen kann, dass die Haftungsübernahme letztlich andere Banken existenziell bedroht und der Staat deshalb den Gesamtschaden aus Steuergeldern abdeckt (Bail-out). Dies tritt in einem hochgradig vernetzten Bankenmarkt typischerweise auf, wodurch die Gläubigerrettung bei Bankenkrisen zum Normalfall werden kann.

In diesem Beitrag werden Möglichkeiten der Verhinderung von allgemeinen Banken-Bail-outs zu Lasten der Steuerzahler dargestellt und zentrale Aspekte einer wirkungsvollen Umsetzung des Konzepts diskutiert. Diese Überlegungen lassen sich gut mit der aktuellen Regulierungsdebatte bezüglich einer Richtlinie des Europäischen Parlaments und der Kommission vereinbaren.3

3 Wäre mehr Eigenkapital hinreichend?

3.1 Mehr glaubwürdig haftendes Kapital ist erforderlich

Um das Problem der Bankenrettung auf Kosten der Steuerzahler zu entschärfen, müssen Banken veranlasst werden, mehr Kapital vorzuhalten, das im Krisenfall glaubwürdig haftet und Verluste absorbieren kann. Diese Funktion kommt vorrangig dem Eigenkapital zu; daran anschließend ist aber auch eine Haftung des Fremdkapitals vorzusehen. Bei beiden Finanzierungsformen ist die Haftung nur dann glaubwürdig, wenn ihre Inanspruchnahme die Finanzstabilität nicht bedroht. Wie das gesamte glaubwürdig haftende Kapital aus Eigen- und Fremdkapital zusammengesetzt sein sollte, wird in der wissenschaftlichen Literatur intensiv und kontrovers debattiert.

3.2 Zusammensetzung des glaubwürdig haftenden Kapitals: Eigen- versus Fremdkapital

Die Anforderungen an Höhe und Qualität des Eigenkapitals der Banken sind im Rahmen der Kapitaladäquanzrichtlinie CRD IV deutlich gesteigert worden. Manche Autoren fordern eine hierüber hinausgehende, deutlich höhere Eigenkapitalunterlegung (Admati/Hellwig 2013) oder eine Beschränkung der für Banken erlaubten Geschäftsfelder (im Sinne eines Narrow Banking, vergleiche etwa Pennacchi 2012).

Der Beirat hält eine Erhöhung des Mindesteigenkapitals, wie sie etwa Basel III verlangt, für gerechtfertigt und sehr sinnvoll. Er kann sich auch vorstellen, dass die regulierten Mindestanforderungen an Volumen und Qualität des Tier‑1‑Eigenkapitals noch weiter erhöht werden. Allerdings denkt der Beirat nicht, dass allein mit mehr Eigenkapital die dysfunktionalen Anreize, die gegenwärtig die Refinanzierung von Banken kennzeichnen, in ausreichendem Umfang korrigiert werden können.

Insbesondere zielt eine Erhöhung des Eigenkapitals auf die Überlebensfähigkeit eines einzelnen Bankinstituts, versucht also, die Ausfallwahrscheinlichkeit der Einzelbank zu begrenzen. Eine Stabilität des Bankensystems stellt Anforderungen, die über die Widerstandsfähigkeit einzelner Institute hinausgehen. Insbesondere die Gefahr einer Ansteckung von Banken untereinander gilt heute als das besondere systemische Risiko, dem ein Netzwerk von Banken ausgesetzt ist und gegen das eine Eigenkapitalerhöhung allein nicht schützen kann.

Drei Faktoren sind im Besonderen verantwortlich für die Gleichzeitigkeit von Vermögensverlusten einzelner Banken in einem Bankensystem und damit für das drohende systemische Risiko: ähnliche Vermögenspositionen (Asset-Correlation-Risiken), Notverkäufe von Vermögenstiteln mit negativen Preiseffekten auf dem Markt (Fire-sale-Risiken) und direkte Finanzbeziehungen zwischen Banken untereinander (Interconnection-Risiken). Das besondere Augenmerk auf Fremdkapital und dessen Fähigkeit zur Absorption von Verlusten begründet sich daher über das ordnungspolitisch Grundsätzliche hinaus aus dessen Schlüsselrolle in der Ausweitung systemischer Risiken.

Nicht nur für Eigenkapital, sondern auch für Fremdkapital von Banken muss der Grundsatz gelten, dass die Kapitalgeber haften und nicht erwarten können, mit Steuergeldern vor Verlusten bewahrt zu werden. Dass Ertragschancen und Verlustrisiken eng verbunden sind, gehört zu den Grundregeln der Marktwirtschaft. Wenn absehbar ist, dass diese Regeln in Krisensituationen nicht eingehalten werden, kommt es zu Fehlanreizen wie beispielsweise exzessiver Risikoübernahme. Das hat die Finanzkrise der vergangenen Jahre drastisch verdeutlicht. Es ist daher dringend notwendig, im Finanzsektor sicherzustellen, dass Fremdkapital zu seinen tatsächlichen Ausfallrisiken bewertet wird und dass die implizite Staatsgarantie idealerweise ganz entfällt, zumindest aber auf ein Minimum zurückgeführt ist. Nur dann können die vom Markt ausgehenden Preissignale tatsächliche Knappheiten und tatsächliche Risiken hinreichend widerspiegeln.

Vor diesem Hintergrund ist zu wünschen, dass eine Mithaftung für alle Formen des Fremdkapitals erreicht werden kann. Aus pragmatischer Sicht wird in dieser Stellungnahme im Sinne einer Mindestforderung die Wiederherstellung der privatwirtschaftlichen Haftung für die unterste, d. h. ersthaftende Fremdkapitalschicht gefordert. Diese unterste, zuerst haftende Fremdkapitalschicht bezeichnet jenes Fremdkapital, das unmittelbar im Anschluss an das Eigenkapital haftet.

Der Beirat bezeichnet diese unterste Fremdkapitalschicht in Übereinstimmung mit der Literatur als Bail-in-Anleihen. Die Vorschläge beziehen sich mit Absicht nur auf diesen vergleichsweise kleinen Teil der Bankkapitalstruktur und nicht auf alle Fremdkapitalpositionen: Es gibt bereits Ausnahmeregeln für einige Passiva, insbesondere für Spareinlagen, die über eine Einlagenversicherung gesichert sind. Für die übrigen Passiva sollen prinzipiell die Regeln der Abwicklungsrichtlinie (BRRD) zur Anwendung gelangen – und das bedeutet: Ein Bail-in soll möglich sein.

Die Halter von Bail-in-Fremdkapital könnten versuchen, Maßnahmen zu treffen, die es ihnen erlauben, die Bail-in-Risiken an Dritte weiterzureichen. Dies würde die Transparenz der Haftungsbeziehungen verschleiern und im Krisenfall die Abschätzung über das Vorliegen systemischer Risiken erschweren. Solche Maßnahmen könnten Risiken gar auf Institutionen verlagern, die im Ernstfall nicht glaubwürdig haften können. Zu den betreffenden Maßnahmen zählen Besicherungen (wie etwa bei Pfandbriefen, Covered Bonds und Repo-Transaktionen) und Formen der Absicherung, deren Inanspruchnahme andere Banken gefährden würde, wie etwa Kreditversicherungen (Credit Default Swaps, CDS). Deshalb sind Vorkehrungen zu treffen, die solche Verhaltensweisen wirkungsvoll ausschließen.

4 Konsequenzen für Regulierung und Beaufsichtigung von Banken mit Blick auf Bail-in-Kapital

Um sicherzustellen, dass eine Haftung privater Kapitalgeber von Banken glaubwürdig ist und im Ernstfall auch umgesetzt werden kann, sind besondere Vorkehrungen bereits ex ante, d. h. bei der Regulierung und Beaufsichtigung des Finanzsektors notwendig.4

4.1 Neue Instrumente zur Sicherung privater Haftung („Bail-in-able-Kapital“)

Die Restrukturierungsrichtlinie (BRRD) sieht vor, dass Bankengläubiger, insbesondere die Halter von Hybridkapital, nachrangigem Kapital und von unbesicherten Forderungen, künftig regelmäßig in die Haftung einbezogen werden sollen. Die geplanten Regelungen haben jedoch zwei Schwächen. Erstens sind sie nicht hinreichend präzise, um in der Praxis wirklich sicherzustellen, dass privates Kapital in hinreichendem Umfang in Anspruch genommen werden kann. Zweitens sind die in der Richtlinie genannten Übergangsregelungen höchst problematisch; sie setzen die falschen Anreize und können die Zielsetzung der Richtlinie insgesamt untergraben.

Damit die private Haftung im Bereich des Fremdkapitals glaubwürdig ist und in einem Krisenmoment auch tatsächlich wirksam werden kann, sind zwei Bedingungen zu erfüllen:

  1. Das für einen glaubwürdigen Bail-in vorgesehene Fremdkapital darf nicht seinerseits von Banken gehalten werden. Entstehende Verluste sollen außerhalb des Bankensektors getragen werden.

  2. Auch die Berücksichtigung von Risikotransferleistungen, wie etwa Kreditversicherungen (Credit Default Swaps, CDS), darf nicht dazu führen, dass entstandene Verluste bei der Fremdkapitalposition „Bail-in-Anleihen“ in den Bankensektor rückverlagert werden.

Die erste Bedingung soll sicherstellen, dass der Teufelskreis von systemischem Risiko, erhöhter Risikoüberahme durch einzelne Banken und anschließender vorsorglicher Bankenrettung durch den Staat durchbrochen wird. Eine „Verankerung“ der Haftung für Bankverluste außerhalb des Bankensektors räumt der privaten Haftung wieder den Stellenwert ein, den sie im Nichtbankensektor ganz selbstverständlich besitzt. Um eine tatsächliche Risikoverankerung außerhalb des Bankensektors zu sichern, ist auch der Fall eines Risikorücktransfers in den Bankensektor zu bedenken; dies ist die zweite Bedingung. Hier wäre eine Klausel im Vertragswerk des Bail-in-Bonds oder eine Auflage für das Risikobuch der Bank ein denkbarer Weg, um diesen Risikorücktransfer zu verhindern.

Beide Bedingungen, die Halteridentität und der Ausschluss des Risikorücktransfers, sind von der Aufsicht kontinuierlich zu überwachen. Auf sie kommt bezüglich Bail-in-Bonds daher eine neue Aufgabe zu: Die Sicherstellung glaubwürdiger Bail-in-Voraussetzungen („Securing Bail-in-Ability at all Times“). Zu der inhaltlichen Aufgabenstellung kommt die Frage der Zuständigkeit für eine Überwachung der Bail-in-Eigenschaften hinzu. Als pragmatische Lösung bietet sich eine Zuständigkeit der europäischen Behörden ESMA, EIOPA und EBA unter verantwortlicher und koordinierender Leitung des ESRB5 an.

4.2 Bail-in-Kapital für einen großen Markt: Anforderungen der Investoren

Unbeantwortet ist bisher die Frage nach dem Mindestvolumen von Bail-in-Anleihen bei Banken. Als Orientierungsgröße kann die schweizerische Regulierung dienen. Sie betrifft neugeschaffene Wandelanleihen, sogenannte Coco-Bonds6, eine Form von Bail-in-Anleihen. Bei diesen Anleihen kann die Aufsicht nach Vorliegen bestimmter Voraussetzungen eine Umwandlung des Fremdkapitals in Form von Coco-Bonds in Eigenkapital verfügen. Nach dem Schweizer Modell7 betragen die gesamten um Coco-Bonds erweiterten Kapitalanforderungen 19 % der risikogewichteten Aktiva. Hiervon müssen mindestens 4,5 Prozentpunkte hartes Eigenkapital sein; weitere 5,5 Prozentpunkte hartes Eigenkapital dienen als Kapitalpuffer, zu denen weitere 3 Prozentpunkte in Form von Wandelanleihen ebenfalls als Kapitalpuffer hinzukommen. Für systemrelevante Banken sind größenabhängig Wandelanleihen von bis zu 6 Prozentpunkten vorgesehen.

Ein sehr viel größerer Wert als im Falle der Schweiz veranschlagt ist zumindest in absehbarer Zukunft wenig realistisch, weil bei unterstellten 5 % der Bilanzsumme aller europäischen Banken ein Betrag von etwa 2 Bio. angesprochen ist – dies ist ein ehrgeiziger Betrag angesichts eines durchschnittlichen jährlichen Anleihemissionsvolumens von Nichtbanken in Europa von etwa 100 Mrd. €8. Der Beirat geht daher bei seinen weiteren Überlegungen zur Marktentwicklung für Wandelanleihen von einer Anforderung in Höhe von etwa 5 % der Bilanzsumme aus.

Die Folgerung für den Gesetzgeber lautet daher: Schon bei der Ausformung des Gesetzes ist sorgfältig zu überlegen, wie die Entstehung eines solchen neuen Marktes für risikotragende Bankwandelanleihen erleichtert werden kann.

Drei Überlegungen können hierbei eine besondere Rolle spielen:

  1. Dem Gesetzgeber muss klar sein, dass ein derartiges Privathaftungsvolumen primär von institutionellen Investoren übernommen werden kann, die ihrerseits aufgrund langlaufender Verbindlichkeiten nicht so schnell in Liquiditätsprobleme kommen und deshalb einen größeren Schadensfall leichter absorbieren und über mehrere Jahre strecken können. Bei den hier angesprochenen Investoren handelt es sich um Pensionsfonds, Lebensversicherungen, Sovereign Wealth Funds und möglicherweise auch spezialisierte (long-only) Hedge Funds. Folgerichtig dürfen keine weiteren Regulierungsvorgaben, wie etwa Anlagevorschriften für Investoren, eine Übernahme von Bank-Erstverlustrisiken übermäßig begrenzen. Diese Gefahr droht gegenwärtig mit Blick auf Solvency II und die dort angestrebte Abschirmung von Lebensversicherungen gegen Bankrisiken.

  2. Dem Gesetzgeber muss ferner klar sein, dass die Einzelheiten der rechtlichen Ausgestaltung von Bail-in-Bonds, einschließlich der Interventionsregeln, denen sie hoheitlich unterworfen sind, einen erheblichen Einfluss darauf haben können, ob und wie sich ein ausreichendes Investoreninteresse für Bail-in-Bonds ergeben wird. Zwei Kriterien sollen bei dem gegenwärtigen Wissensstand besonders herausgehoben werden:

    • Erstens: Der Umfang diskretionärer Eingriffsmöglichkeiten seitens der Aufsicht bei der Festlegung des Bail-in-Falles schafft für Investoren ein zusätzliches, schwer kalkulierbares Risiko. Von daher sollte der für Bail-in-Bonds vorzusehende Trigger (Auslöser) so weit wie möglich objektiviert („hart“) sein, beispielsweise durch Konditionierung auf kritische Bilanz- und/oder Ertragsrelationen oder auf Marktpreise relevanter Instrumente.

    • Zweitens: Die Verlustzuweisung sollte mögliche Besserungsoptionen9 berücksichtigen (Debtor Warrant). So könnten Fehleinschätzungen in einer Krisensituation kompensiert und temporäre Liquiditätsprobleme und Preisverzerrungen ausgeglichen werden. Diese Eigenschaft ist durch eine feste Konversionsregel zu erreichen.
  3. Um Missverständnisse bezüglich des Begriffs „Bail-in-Bonds“ zu vermeiden, ist klarzustellen, dass sich die Fähigkeit zur Haftungsübernahme durch Gläubiger keineswegs auf die sogenannten Bail-in-Bonds beschränkt. Tatsächlich gilt für jeden Fremdkapitaltitel die volle Mithaftung – in den Grenzen, die durch den tatsächlichen Wert einer eventuellen Sicherheit und die eventuell greifende Einlagensicherung gegeben sind.

Neben diesen dauerhaften Regeln ist es wichtig, den Übergang zur Einführung des Bail-In-Instruments angemessen zu gestalten. In der Vereinbarung des Rats wird die Anwendbarkeit der Bail-in-Regeln auf den 1. Januar 2016 datiert. Als Erklärung für die späte Einführung der neuen Haftungsregel werden Ergebnisse der Auswirkungsstudie („Impact Assessment“) der Kommission angeführt. Eine schnellere Einführung des Bail-In-Instruments (als 2016) könne zu einem „Deleveraging10 im Bankensektor mit negativen Konjunkturwirkungen führen.11 Dieses Argument überzeugt nicht. Erstens droht ein solches Deleveraging bei Verzögerung des Bail-in-Instruments ebenso, nur eben später. Zweitens: Um ein solches Deleveraging zu verhindern, ist das undifferenzierte Ausdehnen der Staatshaftung das falsche Instrument. Es ist sinnvoller, die Nutzung anderer Finanzierungswege als den klassischen Bankkredit zu unterstützen. Hier ist in erster Linie die Schaffung eines leistungsfähigen Anleihemarktes für Nichtbanken zu nennen.

Literatur

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Asquith, Paul and Mullins Jr., David W. (1986), „Equity Issues And Offering Dilution“, Journal of Financial Economics 15 (1986), 61-89.

Calomiris, Charles W. and Herring, Richard J. (2012), „Why and How to Design a Contingent Convertible Debt Requirement“, Working Paper.

De Marzo, Peter M. (2005), „The Pooling and Tranching of Securities: A Model of Informed Intermediation“, Review of Financial Studies, 1-35.

Diamond, Douglas W. and Dybvig, Philip H. (1983), „Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity“, Journal of Political Economy, 91, 401-419.

Diamond, Douglas W. and Rajan, Raghuram G. (2000), „A Theory of Bank Capital“, Journal of Finance 55(6), 2431-2465.

Diamond, Douglas W. and Rajan, Raghuram G. (2001), „Liquidity Risk, Liquidity Creation, and Financial Fragility: A Theory of Banking“, Journal of Political Economy, 109, 287-327.

Dübel, Achim (2013), „The Capital Structure of Banks and Practice of Bank Restructuring“, Working Paper, Center for Financial Studies 2013/04.

Expertenkommission Schweiz (2010), „Schlussbericht der Expertenkommission zur Limitierung von volkswirtschaftlichen Risiken durch Großunternehmen“, Zürich, September.
Vergleiche http://www.sif.admin.ch/dokumentation/00514/00519/00592.

Franke, Günter und Krahnen, Jan P. (2009), „The future of securitization“, in Prudent lending restored: Securitization after the mortgage meltdown, Fuchita, Y., Herring, R. und Litan, E. (Hrsg.), Brookings Institution.

Gertler, Mark and Kiyotaki, Nobuhiro (2012), „Banking, Liquidity and Bank Runs in an Infinite Horizon Economy“, Working Paper.

Kashyap, Anil K., Rajan, Raghuram G. and Stein, Jeremy C. (2002), „Banks as Liquidity Providers: An Explanation for the Coexistence of Lending and Deposit-Taking”, Journal of Finance, 57, 33-73.

Krahnen, J. P. und Schmidt, R. H. (2004), „German Financial System“, Oxford University Press.

Myers, Stuart C. and Majluf, Nicholas S. (1984), „Corporate Financing And Investment Decisions When Firms Have Information That Investors Do Not Have”, Journal of Financial Economics 13, 187-221.

Pennacchi, George (2012), „Narrow Banking“, Annual Review of Financial Economics 4, 1-36.

Fußnoten

1 Die Gutachten und Stellungnahmen des Wissenschaftlichen Beirats sind als Beitrag zum allgemeinen Diskurs zu verstehen. Sie geben nicht notwendigerweise die Meinung des Bundesministeriums der Finanzen wieder. Die Langfassung des Gutachtens wird auf der Internetseite des Bundesministeriums der Finanzen veröffentlicht und auch als Broschüre herausgegeben.

2 Vergleiche Council agrees general approach on Single Resolution Mechanism (PDF)

3 Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Festlegung eines Rahmens für die Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten und Wertpapierfirmen und zur Änderung der Richtlinien 77/91 EWG und 82/891 EG des Rates, der Richtlinien 2001/24/EG, 2002/47/EG, 2004/25/EG, 2005/56/EG, 2007/36/EG und 2011/35/EG sowie der Verordnung (EU) Nr. 1093/2010, COM(2012) 280.

4 Wie wichtig der Aspekt der Glaubwürdigkeit ist, zeigen die Erfahrungen der Finanzkrise seit 2007. Ungeachtet aller Bekenntnisse zu „no bail-out“ hat man letztlich in allen wesentlichen Einzelfällen auf ein Bail-in verzichtet (Dübel 2013).

5 ESMA: European Securities Markets Authority, Paris; EIOPA: European Insurance and Occupational Pensions Authority, Frankfurt; EBA: European Banking Authority, London; ESRB: European Systemic Risk Board, Frankfurt.

6 Contingent Convertible Bonds.

7 Expertenkommission Schweiz (2010); Schlussbericht der Expertenkommission zur Limitierung von volkswirtschaftlichen Risiken durch Großunternehmen, Zürich, September.
Vergleiche http://www.sif.admin.ch/dokumentation/00514/00519/00592.

8 DB Research, Corporate bond issuance in Europe, Where do we stand and where are we heading?, 31. Januar 2013, vergleiche PDF auf www.dbresearch.com

9 Eine Besserungsoption bezeichnet eine vertragliche Regelung, nach der ein Finanzinstrument nicht nur an eventuellen Verlusten partizipiert, sondern auch an etwaigen späteren Gewinnen. Beispiele finden sich in bedingten Wandelschuldverschreibungen (Cocos), die im Krisenfall (also beim Auftreten von Verlusten) in Eigenkapital gewandelt werden, dann aber im Falle einer Erholung des Unternehmenswerts an den Wertzuwächsen partizipieren.

10 Deleveraging kann auf zwei Weisen erreicht werden: durch die Erhöhung von Eigenkapital bei konstanter Verschuldung (wodurch die Kreditvergabekapazität insgesamt steigt) oder durch Verminderung der Verschuldung bei konstantem Eigenkapital (wodurch die Kreditvergabekapazität sinkt).

11 Commission Staff Working Document Impact Assessment Accompanying the document Proposal for a Directive of the European Parliament and of the Council establishing a framework for the recovery and resolution of credit institutions and investment firms and amending Council Directives 77/91/EEC and 82/891/EC, Directives 2001/24/EC, 2002/47/EC, 2004/25/EC, 2005/56/EC, 2007/36/EC and 2011/35/EC and Regulation (EU) No. 1093/2010, S. 49-50.

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