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22.06.2015

Monatsbericht

Die Aus­sa­ge­kraft von Net­to­in­ves­ti­tio­nen in der wirt­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on

Sind Nettoinvestitionen der geeignete Maßstab zur Beurteilung der Investitionstätigkeit in Deutschland?

  • Bruttoinvestitionen und Bruttoanlagevermögen sind die geeigneten Maßgrößen zur Analyse des durch den Kapitalstock determinierten gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft. Nettoinvestitionen und Nettoanlagevermögen sind hierfür nicht geeignet.

  • Nettoinvestitionen sind noch stärker als die entsprechende Bruttogröße durch zyklische Einflüsse geprägt. Bei einer konjunkturell bedingten Investitionsschwäche werden die Nettoinvestitionen zusätzlich durch hohe Abschreibungsniveaus belastet, die aus einem vorangegangenen Investitionsaufschwung resultieren.

  • Abschreibungen stellen in der amtlichen Statistik die Minderung im Wert des Anlagevermögens dar, nicht aber den physischen Kapitalverzehr beziehungsweise die altersbedingten Produktivitäts- und Effizienzverluste von Kapitalgütern.

  • Von alterungsbedingten Effizienzeinbußen im Verlaufe der Lebensdauer eines Anlageguts ist nicht zwingend auszugehen. Bei regelmäßiger Wartung und Instandhaltung kann auch ein bereits wertmäßig abgeschriebenes Anlageobjekt zum gesamtwirtschaftlichen Output beitragen.


1 Einleitung

Die mittel- und längerfristigen Wachstumsmöglichkeiten der deutschen Volkswirtschaft werden entscheidend durch die Ausstattung der Ökonomie mit den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sowie durch den technischen beziehungsweise technologischen Fortschritt determiniert. Derzeit steht die Investitionstätigkeit in Deutschland ganz besonders im Fokus einer nationalen und internationalen Debatte. So wird die Frage diskutiert, ob die Investitionen im hinreichenden Maße expandieren, um das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial über eine Stärkung der Kapitalausstattung der Ökonomie zu verbessern.

Deutschland wird von manchen Akteuren eine Investitionsschwäche testiert. Als Belege werden oft die in den vergangenen Jahren niedrigen Nettoinvestitionen angeführt oder es wird auf den Nettokapitalstock verwiesen. Allerdings werden bei diesen Argumentationen die konzeptionellen Eigenschaften der Nettobetrachtung bei der Interpretation der Daten nicht ausreichend gewürdigt.

In diesem Beitrag geht es daher um die Frage, welche Maßgrößen – Brutto- oder Nettokonzept – die besten Rückschlüsse darüber erlauben, ob die Investitionstätigkeit stark genug ist, um das Potenzialwachstum zu stärken. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Abschreibungen auf das Anlagevermögen zu, die beim Übergang von den Brutto- zu den Nettoangaben zu Investitionen und Kapitalstock benötigt werden.

2 Aussagegehalt von Abschreibungen

Zunächst bedarf es der Definition des Begriffs „Abschreibungen“ in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR). Zu unterscheiden sind Abschreibungen von den sogenannten Abgängen in der Anlagevermögensrechnung. Sie erfassen die aus dem Produktionsprozess ausscheidenden Anlagegüter und werden bereits im Bruttokonzept berücksichtigt. So werden bei der Berechnung des Bruttovermögens – ausgehend vom Jahresanfangsbestand – die Zugänge zum Anlagevermögen (also die Bruttoanlageinvestitionen) hinzugesetzt und die Abgänge vom Anlagevermögen abgesetzt. Es handelt sich bei den Abgängen um Anlagegüter, die physisch aus dem Kapitalstock ausgeschieden sind.

Dagegen handelt es sich bei Abschreibungen um eine Maßgröße, die „die Wertminderung des Anlagevermögens infolge von Verschleiß und wirtschaftlichem Veralten misst“1. Damit messen Abschreibungen, wie hoch die Bruttoanlageinvestitionen mindestens sein müssen, um den Wert des Anlagevermögens zu erhalten. Das Nettoanlagevermögen stellt somit den Gegenwartswert – zu Wiederbeschaffungspreisen – dar, d. h. die Höhe des Geldaufwands zur Wiederbeschaffung des Kapitalstocks.

Allerdings stellt das Nettoanlagevermögen insoweit keinen geeigneten Maßstab für die Produktionsmöglichkeiten einer Ökonomie seitens der Ausstattung mit Kapital dar. Dies wäre nur dann der Fall, wenn mit den Abschreibungen auch der physische Kapitalverzehr gemessen werden würde. In rein konzeptioneller Betrachtung sollten die Abschreibungen auch die altersbedingten Produktivitäts- und Effizienzverluste von Kapitalgütern im zeitlichen Verlauf ihrer Nutzungsdauern erfassen. Wäre dies konzeptionell und empirisch beziehungsweise statistisch sinnvoll möglich, so könnte der Nettokapitalstock in der Tat den produktionsrelevanten Kapitalstock beziehungsweise durch Abschreibungen den Verlust an Produktionskapazität zutreffend messen.

Aber gleichzeitig würde in theoretischer Betrachtung zu Buche schlagen, dass sich die altersbedingten Effizienzverluste in den Marktpreisen der entsprechenden Kapitalgüter ausdrücken müssten, die im Regelfall nicht vorliegen. Dies wiederum hätte Implikationen für die Bewertung dieser Kapitalgüter zu Wiederbeschaffungspreisen. Es müssten altersabhängige Preisprofile der Anlagegüter ermittelt werden können, auf deren Basis die Abschreibungen zu berechnen wären. Ferner müssten die jeweils spezifischen Nutzungsdauern zutreffend quantifiziert werden.

Dies sind hohe Anforderungen an eine konzeptionell einwandfreie Abschreibungsmethodik, die jedoch in der Praxis auf Grenzen des statistisch Machbaren stößt. Neben der Diskrepanz zwischen dem theoretisch beziehungsweise konzeptionell Gebotenen und dem statistisch beziehungsweise empirisch Machbaren stellt sich zudem die Frage, ob es im zeitlichen Verlauf der Nutzung der Kapitalgüter überhaupt zu Effizienzverlusten käme. In dem Maße, wie die Produktionskapazitäten in den Unternehmen regelmäßiger Wartung und Pflege unterliegen, ist es plausibel, anzunehmen, dass es im Verlaufe der Nutzung eines Anlageguts nicht zwingend zu einer Verringerung des Outputs kommen müsse.

Folgt man dieser Plausibilitätsüberlegung, dann sind für die Analyse des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials das Bruttoanlagevermögen und damit auch die Bruttoinvestitionen die geeigneten Maßgrößen zur Analyse des produktionsrelevanten Kapitalstocks der Ökonomie. Grundvoraussetzung ist allerdings, dass „im Produktionsprozess jeweils das ganze Anlagegut eingesetzt wird, egal wie alt es ist, und Jahr für Jahr in etwa den gleichen Produktionsoutput ermöglicht – regelmäßige Wartung und Reparatur vorausgesetzt“2.

Vor diesem Hintergrund ist das Konzept der Nettoinvestitionen keine geeignete Maßgröße dafür, wie sich die produktionsrelevante physische Kapitalausstattung verändert.

3 Investitionsentwicklung durch starke Konjunkturreagibilität geprägt

Die Begrenzungen in der Aussagekraft der Nettokonzepte zu Investitionen und Kapitalstock liegen – neben den oben angeführten grundsätzlichen Überlegungen zur Messung von Effizienzverlusten – auch darin, dass die Investitionsentwicklung besonders deutlichen zyklischen Schwankungen unterworfen ist (vergleiche Abbildung 1). Dies zeigt sich insbesondere bei der Entwicklung der Ausrüstungsinvestitionen. Während sie im Aufschwung typischerweise deutlich expandieren, lässt ihre Dynamik in wirtschaftlichen Schwächephasen stark nach oder sie verringern sich sogar.

Abbildung 1: Ausrüstungsinvestitionen und Abschreibungen im Zeitverlauf (preisbereinigt)

Abbildung 2 zeigt neben der starken zyklischen Volatilität, dass in kumulierter Betrachtung – auch in Nettobetrachtung – der Kapitalstock für Ausrüstungen seit Beginn der 1990er Jahre deutlich ausgeweitet wurde. So lag das Nettoausrüstungsvermögen im Jahr 2014 in kumulierter Betrachtung preisbereinigt um 34,3 % über dem jahresdurchschnittlichen Niveau des Jahres 1992, was einem durchschnittlichen Anstieg von rund 1,3 % p. a. entspricht. In Bruttobetrachtung nahm das jahresdurchschnittliche Anlagevermögen bei Ausrüstungen im gleichen Zeitraum um 40,1 % beziehungsweise 1,5 % p. a. zu. Seit Beginn dieser Dekade ist die Zunahme des Nettoausrüstungsvermögens durch zwei Jahre schwachen Wachstums (2012/2013) geprägt, die mit einer sehr verhaltenen Investitionstätigkeit einhergingen. Deswegen betrug in den Jahren 2010 bis 2014 die durchschnittliche Zunahme des Nettokapitalstocks bei Ausrüstungen nur 0,4 % p. a. (kumuliert knapp 1,9 %).

Abbildung 2: Kapitalstock (Ausrüstungen) und Abschreibungen im Zeitverlauf (preisbereinigt)

Die starke Zyklizität der Investitionsentwicklung sowie das gesamte konjunkturelle Umfeld sind bei der Interpretation der Entwicklung von Nettoinvestitionen also stets zu berücksichtigen.

4 Abschreibungsergebnisse stark modell- und prämissenabhängig

Die beschriebenen zyklischen Effekte werden im Nettokonzept durch die gleichfalls zyklische Bewegung der Abschreibungen verstärkt, die aus der unterstellten Abschreibungsverteilung nach Investitionsjahrgängen resultiert.

So legt das Statistische Bundesamt für jeden Investitionsjahrgang nach Investitionsgütern differenziert durchschnittliche Nutzungsdauern zugrunde, auf deren Basis nach den Regeln des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) linear abgeschrieben wird. Das bedeutet, dass z. B. ein Investitionsgut mit einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von acht Jahren nach zwei Jahren bereits zu rund 25 % abgeschrieben ist, nach fünf Jahren zu rund 60 % und nach zehn Jahren zu etwa 85 %.

Aufgrund der relativ hohen Abschreibungsraten in den ersten Jahren folgen daher Jahre mit konjunkturell bedingten hohen Investitionen und mit hohen Abschreibungen (vergleiche Abbildung 3). Fallen diese in eine Phase mit konjunkturell bedingt niedrigeren Investitionen, so ergeben sich rechnerisch schwache beziehungsweise sogar negative Nettoinvestitionen. Diese zyklischen Effekte dürften die schwachen beziehungsweise negativen Nettoinvestitionsquoten sowohl in der Mitte der 1990er Jahre, für die Jahre nach 2000 als auch aktuell teilweise erklären.

Abbildung 3: Abschreibungen laufen den Investitionen nach

Neben diesen zyklischen Effekten schlägt zusätzlich zu Buche, dass sich in der Tendenz die Lebensdauer von Gütern des Anlagevermögens verringert. Die durchschnittliche Gesamtnutzungsdauer neuer Ausrüstungen ist in der Vergangenheit kontinuierlich zurückgegangen und lag 2005 bei etwa 11,5 Jahren. Damit werden Investitionsgüter mit höheren Raten abgeschrieben, d. h. das jährliche Abschreibungsvolumen steigt an. Dies dürfte u. a. auf die Nutzung von Computer- und IT-Technologie sowie damit einhergehenden schnelleren technologischen Erneuerungen zurückzuführen sein.

5 Abschreibungen auch durch Preisentwicklung determiniert

Ein weiterer Einflussfaktor für die Abschreibungen in nominaler Rechnung ist die Preisentwicklung. Die Veränderung des Preisniveaus für Investitionsgüter über den Zeitablauf beeinflusst zusammen mit der Abschreibungsstruktur die Nettoinvestitionen, was die Interpretation von Investitionsquoten, die in nominaler Rechnung gebildet werden, erschwert.

So waren die Preise für Bruttoausrüstungsinvestitionen Anfang der 1990er Jahre gestiegen. Ab 1993 setzte eine bis etwa 2006 dauernde Periode mit rückläufigem Preisniveau für Ausrüstungsgüter ein, die zum einen auf den Preisverfall für Computer- und IT-Technologie aber auch auf die Restrukturierung der deutschen Wirtschaft nach dem Wiedervereinigungsboom zurückzuführen sein dürfte.

Die rückläufigen Preise von Investitionsgütern implizieren nun, dass Ersatzinvestitionen zu geringeren Kosten getätigt werden können, als dies noch für die zu ersetzenden Anlagen möglich war. Im Jahr der Ersatzinvestition basieren die Abschreibungswerte für bestehende Anlagen aber noch auf den früheren höheren Anschaffungswerten. Damit werden die Nettoinvestitionen rein rechnerisch negativ, obwohl keine wertmäßige „Desinvestition“ erfolgt und das Produktionspotenzial des Kapitalstocks konstant bleibt oder sogar steigt.

Abbildung 4: Preisentwicklung von Investitionsgütern

6 Fazit

  • Nettoinvestitionen und Nettoanlagevermögen sind kein geeigneter Maßstab für die Beurteilung der Produktionsmöglichkeiten einer Ökonomie seitens der Faktorausstattung mit Kapital.

  • Denn die hierbei implizit verwendeten VGR-Abschreibungen stellen nur die Minderung im Wert des Anlagevermögens dar, nicht aber den physischen Kapitalverzehr beziehungsweise die altersbedingten Produktivitäts- und Effizienzverluste von Kapitalgütern.

  • Zudem ist nicht zwingend von alterungsbedingten Effizienzeinbußen im Verlaufe der Lebensdauer eines Anlageguts auszugehen. Bei regelmäßiger Wartung und Instandhaltung kann auch ein bereits wertmäßig vollständig abgeschriebenes Anlageobjekt zum gesamtwirtschaftlichen Output beitragen.

  • Auch die Entwicklungsprofile von Preisen und Lebensdauern der Investitionsgüter haben einen erheblichen Einfluss auf die statistische Berechnung der VGR-Abschreibungen. Rein rechnerisch können sich in bestimmten Konstellationen negative Nettoinvestitionen ergeben, obwohl tatsächlich keine Desinvestition erfolgt.

  • Sowohl die Investitionstätigkeit als auch die Berechnungsergebnisse für Abschreibungen sind durch zyklische Einflüsse geprägt. Diese und das gesamte konjunkturelle Umfeld müssen bei der Interpretation in den Blick genommen werden.

  • Die Interpretation von Nettoinvestitionen als Maß nicht nur für den Werterhalt des Kapitalstocks, sondern auch für dessen physischen Erhalt ist daher in Frage zu stellen, zumal die empirische beziehungsweise statistische Erfassung des tatsächlichen physischen Kapitalverzehrs sehr schwierig ist.

  • Insofern sind Bruttoinvestitionen und -anlagevermögen die geeigneten Maßgrößen zur Analyse der durch den Kapitalstock bestimmten gesamtwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft.

Fußnoten

1 Siehe Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik 12/2002.

2 Siehe Wirtschaft und Statistik 11/2006.

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