- Datum 07.10.2025
-
Ort
Humboldt-Carré Berlin
- Redner/in Lars Klingbeil
Es gilt das gesprochene Wort
[Anrede]
Vielen Dank für die Einladung, hier bei dieser wichtigen Konferenz sprechen zu dürfen. Und, liebe Reem Alabali Radovan, vielen Dank, dass Du die Initiative ergriffen hast. Und mit dem Aktionsplan vorangehst und deutlich machst, was für die Bundesregierung wichtig ist: nämlich strategische Partnerschaften. Und ich bin fest davon überzeugt, dass der Aufbau von strategischen Partnerschaften in diesen Zeiten wichtiger denn je ist. Und auch für mich persönlich kann ich das nur sagen, dass es Herzensangelegenheit ist, heute hier zu sein. Und den Aktionsplan, der dahintersteht, zu unterstützen.
Alle, die mich kennen, wissen, dass ich in den letzten Jahren sehr viel Arbeit darangesetzt habe, Beziehungen zum Globalen Süden zu stärken. Das liegt in unserem ureigenen Interesse. Ich glaube, dass es in unserem Interesse ist, wenn wir nachhaltigen Wohlstand sichern wollen, wenn wir Sicherheit schaffen wollen, wenn wir Frieden auf der Welt wollen, wenn wer eine intakte Umwelt wollen. Dann brauchen wir diese Partnerschaften auf der Welt. Sie gehen über Europa und die transatlantische Partnerschaft weit hinaus. Wir müssen uns stärker im Globalen Süden engagieren.
Und, sehr geehrte Damen und Herren, wir brauchen eine Veränderung im Mindset. Häufig genug merke ich in den Debatten hier in Deutschland, dass wir davon ausgehen, alle wollten mit uns zusammenarbeiten. Aber ich merke ich in vielen Gesprächen: Es hat sich etwas verändert. Die Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft und die Kräfteverhältnisse in den internationalen politischen Beziehungen haben sich verschoben. Wir leben heute in einem multipolaren Zeitalter. Wir erleben heute, dass es regionale Kraftzentren gibt. Das es Akteure gibt, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise Macht ausüben. Und welchen Zentren man sich zuwendet, das entscheiden die Länder nach Überzeugungen oder auch nach aktuellen Interessen. Einige dieser neuen Machtzentren erscheinen gerade für viele Länder im Globalen Süden attraktiv, weil sie neue Möglichkeiten der Kooperation anbieten – und, weil sie in diesen Ländern als Alternativen gesehen werden, um Abhängigkeiten zu mindern, sich neu aufzustellen und sich zu diversifizieren.
Was folgt daraus? Was folgt für uns? Die Multipolarität zwingt uns, Kooperation neu zu denken. Wir müssen begreifen, dass Verhandlungen zwischen Staaten noch wichtiger werden. Und dass es dabei genau um belastbare und vertrauensvolle Beziehungen geht. Für viele Menschen und Regierungen, vor allem in den Ländern des Globalen Südens, ist die multipolare Welt von heute sogar ein emanzipatorisches Versprechen. Lange Zeit gab es eine massive Abhängigkeit vom Westen. Und jetzt eröffnen sich vielseitige Möglichkeiten. Chinesische Investitionen in Infrastruktur und die chinesischen Kredite, die dafür zur Verfügung gestellt werden, erscheinen manchen Ländern des Globalen Südens als attraktives Angebot, das wir mit unserer Entwicklungszusammenarbeit zu lange nicht gemacht haben. Das gehört auch dazu, wenn wir heute über dieses Thema reden.
Wir sollten prüfen, wie wir unsere Angebote in der entwicklungspolitischen und wirtschaftlichen Kooperation weiter verbessern können. Wir sollten dabei unsere Stärken in den Vordergrund stellen: Deutschland steht für globale Kooperation, geprägt vom partnerschaftlichen Dialog und einem fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten. Und unser Land hat große Stärken in der Technologie, in der Wissenschaft und mit dem Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft. Diese Vorteile müssen wir auch international viel selbstbewusster vertreten. Und gleichzeitig müssen wir die bestehenden multilateralen Institutionen – allen voran die Vereinten Nationen, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank und die Foren von G20 – nutzen, um zuzuhören und zusammen mit unseren Partnern auch an teils sehr komplexen und schwierigen Fragen zu arbeiten.
Auf der Agenda der Finanzministerien stehen solche schwierigen und technisch oftmals sehr detaillierten Fragen wie etwa die Wahrung der globalen Finanzstabilität. Schuldenrestrukturierungen. Steuerpolitische Zusammenarbeit. Die Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Aber natürlich auch Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels. Bei all dem müssen wir die Sorgen und Ambitionen vor allem der einkommensschwachen Länder des Globalen Südens ernst nehmen. Sehr ernst. Denn nur so können wir nachhaltige Unterstützung für die globale Finanz- und Wirtschaftsordnung mobilisieren. Wir alle wissen, dass wir in entscheidenden Fragen auf dieser Welt nur gemeinsam vorankommen.
Und deswegen ist es wichtig, dass wir immer diese Dialoge führen. Immer mit dem Ziel, die strategischen Partnerschaften auf- und auszubauen. Dass die Welt sich geändert hat, das zeigt sich übrigens auch ein Blick auf die wirtschaftlichen Machtverhältnisse. Während die Europäischen und die USA 1990 mit zusammen über 44 Prozent der globalen Wirtschaftskraft ausmachten und das wirtschaftliche Zentrum der Welt darstellten, ist der Anteil heute auf knapp ein Drittel gesunken. Und die Tendenz ist weiter fallend. Im gleichen Zeitraum hat China seine Wirtschaftskraft von vier auf 19 Prozent der globalen Wirtschaftskraft fast verfünffacht. Tendenz weiter steigend. Fast 60 Prozent der globalen Wirtschaftskraft und Bevölkerung entfällt heute auf Asien. Auch hier Tendenz weiter steigend. Ab 2050 wird zudem ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika leben. Wenn wir auf die Fakten schauen, stellen wir fest: Die westliche Hegemonie ist lange vorbei.
Und während sich das wirtschaftliche Gewicht des Globalen Südens steigt, gibt es angesichts dieser Umbrüche und anderer Faktoren Unsicherheiten in Deutschland und Europa. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat die europäische Friedensordnung der letzten Jahrzehnte zutiefst erschüttert und belastet die ganze Region wirtschaftlich und politisch. Und wir spüren jeden Tag die hybride Kriegsführung, die auch hier im Land gerade stattfindet. Grundpfeiler unseres Erfolgsmodells der letzten Jahrzehnte – eine regelbasierte globale Werteordnung und der freie Welthandel – werden in Frage gestellt. Die von der Vereinigten Staaten global ausgetragene Zollpolitik stellt insbesondere das exportorientierte deutsche Wirtschaftsmodell vor massive Herausforderungen. Um unsere nationalen und europäischen Interessen wahren zu können und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, benötigen Deutschland und Europa also neue strategische Partnerschaften. Und wir brauchen sie insbesondere mit dem Globalen Süden, weil diese Länder an geopolitischer und geoökonomischer Relevanz gewinnen – zum Beispiel im Energiesektor, bei digitaler Innovation, bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen oder bei der Fachkräftemigration.
Das erfordert ein Umdenken in Deutschland und Europa. Und vielleicht steht an vorderster Stelle, dass wir nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern durch den gemeinsamen Dialog in der Welt vorankommen. Wir müssen uns dafür einsetzen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Globalen Süden zu stärken, neue Absatzmärkte zu erschließen, dass wir Lieferketten diversifizieren und die Rahmenbedingungen für private Investitionen verbessern. Dabei ist es wichtig, dass auch Wertschöpfung vor Ort im Globalen Süden aufgebaut wird, dass Länder im Globalen Süden nicht nur Rohstoffe liefern, sondern sich aktiv Chancen erarbeiten, um sich an der Produktion, Innovation und Vermarktung zu beteiligen. Damit gute Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und gesichert werden. Dass lokale Talente gefördert werden und faire Löhne bezahlt werden. Ich habe in den letzten Jahren auf meinen Reisen und in Delegationen etwa in Brasilien, Chile, Ghana, der Mongolei, Namibia und Südafrika, immer wieder über diese Themen geredet. Und dieser Ansatz, das will ich hier sagen, unterscheidet uns deutlich von China, das für Infrastrukturprojekte chinesische Arbeiter einsetzt und vor allem fertige Produkte exportiert und wenig auf Wertschöpfung in den Ländern selbst setzt. Die große Mehrheit der deutschen Unternehmen auf der Welt investiert in gute Arbeitsplätze, in Ausbildung, hält sich an Klima- und Umweltstandards, an Menschenrechte und trägt somit zum Wohlstand vor Ort mit bei. Das deutsche Ausbildungsmodell ist längst auch in Afrika, Lateinamerika und Asien ein Exportschlager. Diesen Vorteil sollten wir auch politisch in Verhandlungen nutzen und aufzeigen, welchen Mehrwert eine engere Kooperation mit der deutschen Wirtschaft hat.
Wie können wir also mehr Partnerschaften aufbauen, die gemeinsamen Interessen dienen? Ich sage: Ich habe nicht alle Antworten und es wäre auch vermessen, wenn ich sie alleine gebe. Denn diese müssen wir gemeinsam mit unseren Partnern entwickeln. Genau deswegen haben wir in der Bundesregierung verabredet, eine neue Nord-Süd-Kommission zu gründen. Diese Initiative ist mir persönlich auch sehr wichtig, daher habe ich sie auch in die Koalitionsverhandlungen eingebracht und dort vorangetrieben. Und liebe Reem, bei Dir im Ministerium wird sie verantwortet. Die Inspiration dafür ist die 1977 gegründete Unabhängige Kommission für Internationale Entwicklungsfragen. Ihr Vorsitzender war der ehemalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt.
In der Einleitung zum Abschlussbericht dieser sogenannten Nord-Süd-Kommission schrieb Brandt im Dezember 1979, ich zitiere:
„Die Aufgabe besteht darin, die Menschheit von Abhängigkeit und Unterdrückung sowie von Hunger und Not zu befreien. Neue Bande müssen geknüpft werde, welche die Aussichten auf Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität für alle entscheidend verbessern. Dies ist eine große Aufgabe für die jetzige Generation und für die, die ihr folgt.“ (Willy Brand)
Willy Brandt war mit seiner Forderung nach einer respektvollen und solidarischen Art der Zusammenarbeit mit dem Globalen Süden seiner Zeit weit voraus.
Und fast ein halbes Jahrhundert später können wir immer noch von seiner Vision profitieren, um die globalen Herausforderungen anzugehen. Mit unserer neuen Nord-Süd-Kommission wollen wir ein internationales Forum schaffen, in dem sich Expertinnen und Experten aus Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Forschung beraten, um für gemeinsame Herausforderungen, gemeinsame Lösungsansätze zu definieren, die die sowohl die Interessen des Nordens als auch des Südens widerspiegeln. Dabei sollen vor allem auch junge Menschen an der Arbeit beteiligt werden, um neue Perspektiven einzubringen, denn es geht um die gemeinsame Zukunft.
Neben neuen Ansätzen gilt es auch bestehende Initiativen zu stärken, auf denen wir aufbauen können und strategische Partnerschaften weiter voranzubringen. Reem Alabali-Radovan hat gerade den Compact with Africa angesprochen. Das ist etwas, was wir in Deutschland 2017 innerhalb der G20-Präsidentschaft ins Leben gerufen haben. Eine wichtige Plattform für unsere gemeinsamen Bemühungen, um private Investitionen und nachhaltiges Wirtschaftswachstum in afrikanischen Ländern zu fördern. Eine Mitgliedschaft im Compact erhöht die Attraktivität für ausländische Direktinvestitionen. Aber das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft. Daher wollen wir diesen Ansatz weiter ausbauen und stärken. Wir brauchen ein breiteres und vertieftes Engagement der G20-Mitglieder. Und wir wollen Verbindungen zwischen dem Compact with Africa und dem Privatsektor festigen. Wir wollen Privatunternehmen, insbesondere aus den G20-Staaten, ermutigen, sich aktiver in den Compact-Ländern vor Ort zu beteiligen. Ihr Engagement selbst ist entscheidend dafür, dass Wachstumspotenziale erschlossen werden, dass Innovationen gefördert werden und gute Arbeitsplätze in den afrikanischen Partnerländern geschaffen werden. Dass neue Handelsbeziehungen aufgebaut werden. Dass Lieferketten diversifiziert werden. Davon profitieren alle.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Schon in einer Generation, im Jahr 2050, werden in Afrika mehr als 2,5 Milliarden Menschen leben. Vieles wird nötig sein und muss folgen: Schulen, Krankenhäuser, Häfen, Straßen, Fabriken – und vor allem Jobs, Ausbildung und Investitionen. Es gibt also viel tun. Allerdings, das will ich auch sagen, ist die deutsche Wirtschaft eher zurückhaltend und weit weniger engagiert, als es unserer Rolle als weltweit drittgrößter Volkswirtschaft gerecht werden würde. Daher werden wir in der Bundesregierung das Ziel verfolgen, unsere Wirtschaft zu begleiten und sie zu stärken, wenn es darum geht, die Chancen auf unserem Nachbarkontinent noch viel intensiver zu nutzen. Ich versichere Ihnen, dass Deutschland sein Engagement steigern wird. Ich freue mich daher besonders, gemeinsam mit der Entwicklungsministerin bei der kommenden Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im Oktober, in der kommenden Woche, für mehr Kooperation, für den Compact with Africa und für eine neue Nord-Süd-Politik zu werben.
Zum Ende, meine Damen und Herren: Auf der globalen Agenda stehen viele Aufgaben, die wir gemeinsam anpacken können und müssen – als Deutschland, als Europäische Union und zusammen mit unseren Partnern im Globalen Süden. Es braucht mehr Miteinander und Kooperation statt Konfrontation. Auch wenn wir unterschiedliche Perspektiven auf Konflikte und Krisen und prioritäre Handlungsfelder haben, gibt es immer Interessen und Werte, die uns zusammenbringen. Davon bin ich fest überzeugt. Um dieses gemeinsame Interesse herauszuarbeiten, ist wichtiger denn je. Gerade in Zeiten, in denen sich rechtsextreme und populistische Kräfte global vernetzen, um ihre zerstörerische, völkische Ideologie zu verbreiten. Gerade in diesen Zeiten sollten wir darauf vertrauen, dass wir in diesem Sinne gut zusammenarbeiten werden – als Globaler Norden und als Globaler Süden. Das ist die Aufgabe, vor der wir stehen.
Ich bin dankbar, dass es diese Konferenz gibt. Dass es wichtige Impulse gibt. Und ich kann Ihnen versichern, ich werde es mit Tatkraft begleiten. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche dieser Konferenz viel Erfolg.
Herzlichen Dank!