- Datum 25.11.2025
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Ort
Bundesministerium der Finanzen, Matthias-Erzberger-Saal
- Redner/in Lars Klingbeil
[Es gilt das gesprochene Wort]
Sehr geehrter Herr Professor Dreinhöfer, liebe Schülerinnen und Schüler, meine Damen und Herren.
Margot Friedländer war eine beeindruckende und eine außergewöhnliche Frau. Ich durfte Margot Friedländer zwei Mal bei großen Veranstaltungen treffen und beide Begegnungen haben mich bewegt.
Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, uns – den Deutschen – zu helfen. Wir sollten verstehen, damit wir aus eigenem Antrieb heraus verhindern, was ihr, ihrer Familie sowie Millionen Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa angetan wurde. Um es in ihren eigenen Worten zu sagen: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war. Aber verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht.“
Wie geht das? Wie können wir ihrem Auftrag gerecht werden? Auch das gab sie uns mit auf den Weg: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen, seid vernünftig.“
Als Bundesregierung und als Bürgerinnen und Bürger von Deutschland tragen wir eine besondere Verantwortung für das jüdische Leben in Deutschland. Es ist ein unverzichtbarer Teil unserer Kultur und Geschichte. Wir wollen es sichtbar machen, Organisationen und Initiativen fördern; und auch den Wiederaufbau von Synagogen unterstützen.
Denn Gebäude spielen eine Rolle. Man sieht sie und sie bieten die Gelegenheit, sich zu Erinnern. Das gilt auch für dieses Haus. Es wurde 1935/36 als Sitz des Reichsluftfahrtministeriums errichtet. Die Architektur ist eine Machtdemonstration der Nationalsozialisten. Bauherr Hermann Göring wollte mit der düsteren Eingangshalle Menschen einschüchtern und z. B. mit diesem „Großen Festsaal“, in dem wir gerade sind, wollte er sie in Staunen versetzen.
Es gibt noch den „Kleinen Festsaal“, der heute „Eurosaal“ heißt. Dort trafen sich 1938, direkt nach der Reichsprogromnacht, Göring, Goebbels und Heydrich. Sie beschlossen hier die Entrechtung und Enteignung der Jüdinnen und Juden.
Margot Friedländer hätte allen Grund gehabt, dieses Gebäude niemals zu betreten. Und doch las sie 2023 hier aus ihrer Biografie. Die Entscheidungen, die hier in diesem Haus getroffen wurden, haben ihr Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ geteilt. Sie hat das wieder und wieder erzählt. In Schulklassen, in Fernsehinterviews, auf Bühnen.
Die Nazis haben ihre Familie ermordet. Sie selbst musste sich zunächst verstecken, wurde verraten, kam ins Konzentrationslager Theresienstadt – dessen Befreiung sie erlebte. Mit ihrem Mann wanderte sie schließlich in die USA aus und kehrte nach dessen Tod schließlich 2010 nach Berlin zurück und nahm erneut die deutsche Staatsbürgerschaft an.
Trotz der Grausamkeit, trotz des Schreckens und der brutalen Gewalt, die sie hier ertragen musste, ist den Nazis eines nicht gelungen: Diese Frau zu brechen.
Margot Friedländer ist Ehrenbürgerin der Stadt Berlin und erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Am 9. Mai dieses Jahres, als Bundespräsident Steinmeier ihr das Große Verdienstkreuz aushändigen wollte, starb sie – aber ihre Worte hallen nach.
Mit ihrer persönlichen Geschichte und ihrem eindringlichen Aufruf zur Menschlichkeit berührt und bewegt sie uns alle.
Meine Damen und Herren, und insbesondere liebe Schülerinnen und Schüler,
aus dem, was die Opfer erleben mussten, entsteht unsere – und auch eure – Verantwortung, dass so etwas nie wieder geschieht.
Wir erleben gerade, wie die Polarisierung wieder einzieht in unsere Gesellschaft. Debatten nach dem Schema: Ja/Nein, 1/0, Schwarz/Weiß oder „Bist Du nicht zu 100 Prozent meiner Meinung, bist Du mein Gegner“. Das macht unser Land kaputt, wenn wir [wieder] nur nach Freund und Feind einteilen. Diese Spaltung führt zu Ausgrenzung und zu Hass.
Unsere Aufgabe als Demokraten ist es, für eine offene und gerechte Gesellschaft zu kämpfen. einsetzen. Es geht um Respekt. Es geht um Zusammenhalt. Es geht um Menschlichkeit. Dafür müssen wir uns jeden Tag einsetzen.
Deutschland ist heute ein Land der Vielfalt. Und diese Vielfalt ist eine Stärke. Es ist deshalb wichtig, dass wir einander stets mit Menschlichkeit und Respekt begegnen. Margot Friedländer ist ein leuchtendes Beispiel dafür.
Und deshalb ehren wir sie mit einer Sonderbriefmarke. Wir ehren ihr Leben und ihre Größe, diesem Land zu verzeihen und den Deutschen zu helfen, aus der Geschichte zu lernen.
Wir werden gleich darüber diskutieren, was Margot Friedländer uns mit auf den Weg gegeben hat. Deshalb möchte ich enden mit ihrer eindrucksvollsten Botschaft, die auch für mich persönlich besonders wichtig ist – gerade in dieser Zeit:
„Seid Menschen, respektiert Menschen.“
So war Margot Friedländer.
Vielen Dank.