Navigation

zur Suche

Sie sind hier:

15.01.2026

Öffentliche Finanzen

„Wohlstand sichern: Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten des geoökonomischen Wandels“ – Lars Klingbeil bei der DIW 100 Lecture

Rede von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil am 14. Januar 2026 am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin im Rahmen einer DIW 100 Lecture

  • Datum 14.01.2026
  • Ort Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
  • Redner/in Lars Klingbeil

[Es gilt das gesprochene Wort]

Sehr geehrter Herr Professor Fratzscher, meine Damen und Herren,

seit 100 Jahren gibt das DIW Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern wirtschaftspolitische Orientierung: Ob es die Sparpolitik in der Weimarer Republik war oder Karl Schillers Konzertierte Aktion. Ob Washington-Konsens mit seinen Auswüchsen in Neo-Liberalismus und Deregulierung oder die Währungsreform nach der Deutschen Einheit – das DIW hat die großen Umwälzungen im wirtschaftspolitischen Handeln kritisch und zugleich konstruktiv begleitet. Insbesondere auch mit fundierten Analysen in Krisen, von denen es zuletzt viele gab: Finanzkrise, Eurokrise und die wirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemie, Ukraine-Krieg – oder die aktuelle weltwirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage.

Die Rede, die ich vor vier Wochen gehalten hätte, unterscheidet sich nur marginal von der Rede, die ich heute halte. Die Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, haben sich in so kurzer Zeit natürlich nicht grundsätzlich geändert. Aber ich muss schon sagen: Das, was wir Anfang des Jahres in Venezuela erlebt haben, beschäftigt mich nachhaltig. Ich weine Maduro keine Träne nach, er war ein brutaler Diktator, unter dem Millionen Menschen gelitten haben. Es wäre wünschenswert, dass die Menschen in Venezuela jetzt die Chance auf einen demokratischen Neuanfang haben.

Und ganz grundsätzlich: dass die USA militärisch in ein souveränes Land eindringt und den Präsidenten entführt, gegen alle völkerrechtlichen Grundsätze – das lässt uns aufhorchen. Wir sollten Venezuela nicht als Einzelfall sehen. Die Trump-Administration hat deutlich gemacht, dass sie die westliche Hemisphäre dominieren will. Jetzt könnten einige ja meinen: „Unschön, was die USA in Lateinamerika machen. Die Drohungen gegenüber Mexiko, Kolumbien, Kuba. Aber was geht uns das an?“. Dann schauen wir auf Trumps Aussagen zu Grönland. Dann schauen wir auf das, was die Trump-Regierung in ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie mit Blick auf Europa aufgeschrieben hat. Ich glaube – und diese Überzeugung hat sich in den letzten Tagen bei mir noch einmal verfestigt: Das transatlantische Bündnis ist noch viel tiefgreifender im Umbruch, als wir es bisher wahrhaben wollten. Das transatlantische Verhältnis, so wie wir es bisher kannten, löst sich auf.

Wir leben gerade inmitten einer historischen Umbruchsphase, wo alle Gewissheiten, auf die wir uns in Europa verlassen konnten, unter Druck stehen:

  • Es herrscht Krieg in Europa.
  • Freihandel und offene Märkte stehen unter Druck.
  • Und die regelbasierte Ordnung wird immer stärker untergraben.

Das hat sicherheitspolitische Folgen, die wir seit der russischen Invasion der Ukraine Tag für Tag in Europa erleben. Und das hat tiefgreifende wirtschaftliche Folgen, die an die Substanz gehen.

Ich will jetzt keine fatalistische Rede halten. Im Gegenteil. Ich bin davon überzeugt: Wir als Deutsche und Europäer können unsere Interessen in dieser neuen Welt durchsetzen, wenn wir die neuen Realitäten verstehen und darauf die passenden Antworten geben. Darauf will ich heute den Fokus legen. Denn mit den Rezepten der 90er Jahre kommen wir nicht weiter. Das muss der ehrliche Ausgangspunkt sein. Sonst greift jeder Antwortversuch zu kurz.

Geopolitische Konflikte, Eskalationen und Kriege belasten immer die globale Wirtschaftsentwicklung. Handelskonflikte verunsichern immer. Das war schon immer so. Und in aller Regel führt beides zu grundlegenden Verschiebungen im globalen Wirtschaftssystem. In genau so einer Phase befinden wir uns gerade. Handel und internationale Verflechtungen werden zunehmend wie eine Waffe eingesetzt. Subventionen, Überkapazitäten, Zölle und Exportkontrollen sind die Druckmittel der gegenwärtigen internationalen Wirtschaftspolitik und sie belasten unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft extrem.

Wir wurden zur Exportnation, weil wir exzellente Produkte hergestellt haben, die es nirgendwo sonst auf der Welt so gut gab. Dabei haben wir jahrzehntelang von offenen Märkten und regelbasiertem Handel profitiert, der zu beiderseitigem Nutzen der Partner stattfand. Aber einige Handelspartner entwickeln sich gerade zu Konkurrenten. China löst mit massiven Industriesubventionen, gewaltigen Überkapazitäten und Exportkontrollen weltweite Marktverzerrungen aus. Die US-Regierung setzt auf Protektionismus durch eine expansive Zollpolitik. Und wer die neue Nationale Sicherheits-Strategie der Trump-Regierung liest, erkennt, dass sich die US-Administration politisch und kulturell immer weiter von Europa abwendet. Die Strategie und das Handeln könnten fast als Kampfansage an die Europäische Union und unsere freiheitlich-demokratische Ordnung gedeutet werden. Für uns kann es in solch einer Situation nicht darum gehen, diese Entwicklung wie ein verstoßener Geliebter zu beweinen.

Die Aufgabe, die wir zu erledigen haben, ist klar: Wir müssen stärker und souveräner werden, damit wir nicht zum Spielball der Großmächte werden. Ja, wir stehen wirtschaftspolitisch und wettbewerblich unter erheblichem Druck. Aber wir stehen nicht auf verlorenem Posten. Deutschland und die EU sind stark. Wir sind 27 Nationalstaaten mit mehr als 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern. Wir müssen dieses Potenzial nutzen. Deshalb ist die zentrale Frage: Wie stärken wir unsere Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten des geoökonomischen Wandels, und wie sichern wir unseren Wohlstand?

Lieber Herr Professor Fratzscher, Sie haben mal sinngemäß gesagt: Diese geoökonomische Realität müsse der Anlass sein für mutige Reformen. Und Sie haben Recht: Wir haben in Deutschland einen Modernisierungsstau, den wir lösen müssen:

  1. sichtbar: gesperrte Brücken, unpünktliche Züge, marode Schulen, … und
  2. spürbar: viel zu lange Genehmigungsverfahren, Auflagen und Regeln, …

    Hinzukommen:
  3. Der konsequente Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Die Erreichung der Klimaziele und eine starke, zukunftsfähige Industrie gehören zusammen. Das sind keine Gegensätze. Und:
  4. Wir müssen unseren Sozialstaat fit für die Zukunft machen, auch angesichts der demographischen Entwicklung.

Das Gefährlichste wäre jetzt, wenn wir uns auf dem Status Quo ausruhen. Dann verlieren wir weiter an wirtschaftlicher Stärke, an sozialem Zusammenhalt und an politischer Legitimation.

Ich bin fest davon überzeugt: Die Probleme unseres Landes sind lösbar. Aber, und das ist auch die Verantwortung, die wir gemeinsam tragen: Es gibt keine einfache Antwort und auch nicht den einen Schalter. Es liegt eine herausfordernde Zeit vor uns. Diese Regierung packt wichtige Dinge an, damit Deutschland ein starkes und gerechtes Land bleibt. Wir haben in 2025 die größte Investitionsoffensive in der Geschichte unseres Landes gestartet. Mit 500 Milliarden Euro für die Infrastruktur und mindestens nochmal so viel für die Verteidigung setzen wir einen starken staatlichen Impuls.

Dass wir so einen starken staatlichen Impuls gesetzt haben, geht auch auf Empfehlungen Ihres Instituts zurück. Dafür sage ich an dieser Stelle einmal: vielen Dank. Das DIW – und auch andere Institute – weisen zu Recht darauf hin, dass Deutschland jetzt Tempo machen muss. Die Bagger müssen rollen. Deshalb ist es mir persönlich so wichtig, dass das Gesetz zur Beschleunigung von Infrastrukturprojekten jetzt kommt und wir gemeinsam mit den Ländern ambitioniert Bürokratie abbauen.

Aber ganz ehrlich: Unsere Investitionsoffensive ist wichtig, sie reicht allein nicht aus. Wir brauchen vor allem massive private Investitionen. Nur zusammen – von Staat und privater Wirtschaft – entstehen die Modernisierung und das Wachstum, das wir in Deutschland brauchen. Deshalb verbessern wir gerade die Rahmenbedingungen für unsere Unternehmen deutlich – der Deutschlandfonds wurde im Dezember gestartet, um nur eine weitere Maßnahme zu nennen. Mit öffentlichem Geld wollen wir ein Vielfaches an privatem Kapital hebeln, z. B. für klimafreundliche Wärmenetze der Zukunft und innovative Start-ups.

Zugleich brauchen wir weitere Strukturreformen. „Wir brauchen einen Sozialstaat, der gezielter hilft“ – Sie kennen den Satz, Herr Fratzscher. Er stammt von Ihnen. Und ich stimme zu. Ein starker Sozialstaat war und bleibt Teil des Erfolgsmodells Deutschland. Gute Arbeit, also auch Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft, führt erwiesenermaßen zu wirtschaftlichem Erfolg. Deshalb liegen diejenigen falsch, die behaupten, mit weniger Sozialstaat kriegen wir automatisch mehr Wirtschaftswachstum. Wahr ist aber auch: unsere Sozialsysteme müssen gerechter werden und deshalb wollen wir sie reformieren. Wir werden sie zukunftsfest machen.

Meine Damen und Herren, hinter diesem Modernisierungsstau, den wir gerade lösen, liegt noch ein anderes strukturelles Problem von internationaler Tragweite: Die wirtschaftlichen Verflechtungen, die wir in Zeiten freien Handels und offener Märkte eingegangen sind, werden heute gegen uns verwendet.

Diese neue weltwirtschaftliche Realität trifft uns als Exportnation besonders stark. Deutschland wird es schwer haben, diesen Realitäten alleine zu begegnen. Aber: Das müssen wir auch nicht. Wir sind eng mit unseren europäischen Partnern verzahnt. Wenn es der EU gut geht, dann geht’s uns auch gut – und umgekehrt.

Für mich ist der Auftrag klar: Wir müssen Europa stärken. Und Deutschland wird eine Führungsrolle übernehmen. Unsere Investitionsoffensive wird in ganz Europa begrüßt – auch weil alle wissen: Wenn sie erfolgreich ist, dann wirkt sich das positiv auf die ganze EU aus. Klar ist aber auch: Investitionen und Reformen einzelner Länder reichen nicht aus. Die EU als Ganzes muss bei Investitionen und Reformen vorangehen.

Dazu ein paar Gedanken:

Erstens: Wir verhandeln gerade über den künftigen mehrjährigen Finanzrahmen. Wenn wir aus jedem Euro mehr rausholen, können wir die EU robuster und unabhängiger machen. Der Auftrag lautet also: klare Prioritäten setzen. Ein Beispiel: In einigen Branchen sind wir noch Weltmarktführer und das hat hauptsächlich mit unserer exzellenten Forschung zu tun. Wenn wir nationale und EU-Gelder für Großprojekte zusammenlegen, z. B. für KI-Rechenzentren, profitieren davon innovative Start-ups und Unternehmen. Dieses Potential müssen wir viel besser nutzen, damit daraus auch Geschäftsmodelle in Europa werden. Und damit komme ich zu:

Zweitens: Öffentliche Investitionen alleine reichen nicht, sie müssen auch auf europäischer Ebene ergänzt werden durch privates Kapital. Wir brauchen eine echte Spar- und Investitionsunion, das heißt: nicht mehr 27 einzelne Kapitalmärkte, sondern ein großer europäischer, der weltweit konkurrenzfähig ist – z. B. mit den USA. Von Tag Eins an habe ich als Finanzminister dieses Thema nach vorne gestellt. Wir reden schon zu lange über die Kapitalmarktunion – jetzt müssen endlich die nächsten Schritte kommen. Ich hatte Christian Noyer und Jörg Kukies deshalb im vergangenen Jahr beauftragt, konkrete Vorschläge für bessere Rahmenbedingungen für europäische Start-ups und Scale-ups vorzulegen. Ich freue mich, dass ihre Task Force in der kommenden Woche Ergebnisse vorlegt, denn hier muss sich schnell etwas ändern.

Drittens: Wir sind der größte Binnenmarkt der Welt, verzetteln uns aber mit nationalen Alleingängen. Wir wollen doch alle, dass der europäische Binnenmarkt sein volles Potenzial entfalten kann. Dafür brauchen wir mehr gemeinsame europäische Regeln. Die Kleinstaaterei hemmt Innovationen und Investitionen – dieses Problem gehen wir an.

Und viertens: Ich will, dass Unternehmen nicht nur staatliche Fördermittel bekommen, sondern dann auch hier Standorte und Arbeitsplätze dauerhaft sichern. Wir brauchen mehr Europäischen Patriotismus. Das bedeutet auch: bei öffentlichen Investitionen nutzen wir in Europa produzierte Güter.

Meine Damen und Herren, die Zeit der klassischen Bündnispolitik ist vorbei. Wir leben in einem multipolaren Zeitalter, wo flexiblere Allianzen entlang gemeinsamer Interessen wichtiger werden. Lange Zeit hat uns mit den USA das gemeinsame Interesse an Freihandel und offenen Märkten verbunden. Dem ist heute nicht mehr so. Aber daraus folgt nicht, dass wir den Freihandel oder offene Märkte aufgeben. Europa profitiert von Freihandelsabkommen, denn sie

  • stärken das Wachstum,
  • fördern nachhaltige Entwicklung,
  • sichern die Stabilität des internationalen Finanzsystems,
  • schaffen Absatzmöglichkeiten für unsere Unternehmen und
  • ganz wichtig: sie sichern Arbeitsplätze.

Deshalb dürfen wir den regelbasierten Handel nicht aufgeben. Wir müssen diese Ordnung verteidigen – notfalls ohne unsere amerikanischen Partner.

Schauen wir auf die Zahlen: Zuletzt sind die Exporte in Länder mit Freihandelsabkommen doppelt so schnell gewachsen wie die Exporte in Länder ohne solche Abkommen. Wegen der US-Zölle fallen Exporte aus. Aber: Freihandelsabkommen mit den MERCOSUR-Staaten, Indien und Indonesien könnten zwei Drittel dieser Exportausfälle auffangen. Und hier gibt’s News, die Zuversicht geben: Wir Europäer schaffen endlich gemeinsam mit südamerikanischen Staaten die größte Freihandelszone der Welt. Und mit Indien treiben wir die Verhandlungen voran.

Klar ist aber auch: Dabei werden wir nicht stehen bleiben. Wir werden unsere Handelsbeziehungen weiter diversifizieren. Schon aus wirtschaftspolitischen Gründen dürfen wir den regelbasierten Freihandel nicht aufgeben. Wir müssen ihn stärken durch weitere, zusätzliche Partnerschaften. Brasilien, Kanada, Japan, Australien, die ASEAN-Staaten, viele Länder im Globalen Süden – das sind Partner, mit denen wir uns auch politisch enger abstimmen und gemeinsame Interessen weltweit zusammen durchsetzen sollten. Denn diese Länder und Regionen sind – wie wir – auch betroffen von unfairen Wettbewerbsregeln, sie suchen auch nach verlässlichen Partnern und sie haben sehr ähnliche politische und sicherheitspolitische Interessen wie wir.

Aber es gibt andere Themen, wo wir ähnliche Interessen wie die USA haben, z. B., wenn es um den Zugang zu seltenen Erden geht. Ich war Anfang der Woche bei einem G7-Treffen in Washington und wir haben darüber gesprochen, wie wir das Monopol Chinas bei seltenen Erden aufbrechen können. Wie abhängig wir sind, haben wir ja letztes Jahr gesehen, als China Exportbeschränkungen eingeführt hat und bei uns die Bänder stillstanden.
Und es gibt Bereiche, wo wir gemeinsame Interessen mit China haben, etwa beim Klimaschutz und der sozial-ökologischen Transformation.

Die Liste ließe sich weiter fortführen. Für uns bedeutet das: wir müssen unsere eigenen Interessen viel klarer definieren und dann mit unseren Partnern auch international durchsetzen. Das erfordert mehr internationales Engagement und nicht weniger. Ich spüre – auch in Brüssel – eine Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere gemeinsamen Wirtschaftsinteressen weltweit verteidigen. Aber „verteidigen“ ist zu wenig. Wer jetzt glaubt, wir könnten uns aus der aktuellen Situation einfach raus-exportieren – der unterschätzt die Umwälzungen, die gerade stattfinden. Unsere Konkurrenz schläft nicht – sie greift unsere Wettbewerbsfähigkeit gezielt an.

Und deshalb sage ich: Wir müssen uns stärker behaupten als bisher. Zuallererst stellen wir uns dem Wettbewerb. Deutschland produziert nach wie vor Weltklasse-Autos und -Maschinen, auch wenn wir gerade bei der E-Mobilität noch aufholen müssen. Deutschland ist Weltmarktführer bei Pharma- und Medizinprodukten – mit deutlichem Abstand zu allen anderen. Diese Position müssen wir nicht nur sichern – sondern ausbauen. Deutschland ist immer dann stark, wenn wir an der Spitze der technologischen Veränderungen stehen. Wenn wir aus Innovationen auch Wertschöpfung holen. Ich will deutlich sagen: Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern wir bleiben unter unseren Möglichkeiten. Technologieführerschaft muss der Kern unseres künftigen Geschäftsmodells sein.

Wenn wir uns mal umschauen, halte ich das in einigen Bereichen für möglich:

  • Computerchips aus Graphen oder Hochspannungs-Supraleiter sind hier in Deutschland entwickelt worden.
  • Wir haben 32 Einhörner in Deutschland – also junge Unternehmen, die was Einzigartiges auf der Welt anbieten.

Ich sehe hier großes Potenzial, aus dem wir schöpfen können. Denn wir wollen in Europa ein Umfeld schaffen, in dem innovative Unternehmen zu globalen Marktführern heranwachsen können. Und gleichzeitig müssen wir darauf schauen, dass wir Europas Wirtschaft gezielt vor unfairen Wettbewerb schützen. Das erfordert ein Umdenken von uns. Deshalb mache ich mich für die lokale Produktion und den Kauf europäischer Produkte stark, wo es strategisch sinnvoll ist. Das Thema haben wir national sowohl beim Autogipfel als auch beim Stahlgipfel auf die Agenda gesetzt und werden es weiterverfolgen – auch in Brüssel.

Und da, wo wir im Rückstand sind, sollten wir ausländische Unternehmen (auch aus konkurrierenden Wirtschaftsräumen) zu Joint Ventures in Europa verpflichten. So halten wir Wertschöpfungsketten in Europa. Ich denke da z. B. an die Batteriezellenfertigung. Dabei müssen wir selbstverständlich aufpassen, wer sich an unseren Unternehmen beteiligen kann. Ausländische Übernahmen sollten wir deshalb noch stärker als bisher nach unserem nationalen und nach dem EU-Interesse bewerten. Die EU-Verordnung zur Überprüfung ausländischer Direktinvestitionen wird zurzeit überarbeitet und wir arbeiten daran aktiv mit.

Ich komme langsam zum Ende. Vorletzter Punkt:

So lange es geht, bauen wir eine Reserve kritischer Rohstoffe auf. Hier werden uns die neuen Partnerschaften mit rohstoffreichen Regionen helfen. Aber – und damit komme ich zum Schluss – wir dürfen nicht vor härteren / weiter reichenden Maßnahmen zurückschrecken, wo wir bedrängt werden. Deshalb finde ich es richtig, dass die EU-Kommission stärker handelspolitische Schutzinstrumente einsetzt. Prominente Beispiele: Ausgleichszölle auf chinesische e-Autos aber auch die Stahlzölle. Und wir müssen den Europäischen Binnenmarkt aktiv vor Ramschware schützen. Damit haben wir begonnen – wir sollten diesen Kurs fortsetzen. Das zeigt: Wir können und müssen diese Instrumente stärker nutzen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr Professor Fratzscher, das war jetzt – wie versprochen – keine fatalistische Rede, sondern eine komprimierte Standortbestimmung. Wir alle spüren, dass sich gerade vieles neu sortiert. Und viele machen sich Sorgen. Einige nutzen das aus, um unser Land oder Europa schlechtzureden und klein zu machen – oder zu spalten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir allen Grund haben, zuversichtlich nach vorn zu schauen. Das wollte ich heute deutlich machen.

Das DIW gilt ja als das Institut, das seit Jahrzehnten immer innovative und fortschrittliche Fragestellungen mit hoher gesellschaftspolitischer Relevanz in den Vordergrund gerückt hat.
Und deshalb ist diese Veranstaltungsreihe zu Ihrem 100-jährigen Bestehen auch der richtige Ort, um mal über Dinge zu diskutieren, die von grundlegender Bedeutung sind und die sich zugleich unmittelbar auf unseren Alltag auswirken.

Als Finanzminister möchte ich unser Land mit den richtigen Entscheidungen stark machen. Mir helfen da fundierte Analysen – wie z. B. von den Expertinnen und Experten des DIW (Herzlichen Dank dafür) – aber vor allem auch das persönliche Gespräch und die Diskussion über den besten Weg. So gehört sich das in einer stabilen Demokratie, für die Sie und ich uns ja stark machen.

Insofern bedanke ich mich für Ihre bisherige Arbeit, gratuliere Ihrem Institut herzlich zum Jubiläum und freue mich auf das nun folgende Gespräch. Vielen Dank.