Navigation

zur Suche

Sie sind hier:

20.01.2026

Europa

Lars Klingbeil beim Economic Dialogue

Eröffnungsrede von Bundesfinanzminster Lars Klingbeil am 19. Januar 2026 beim Economic Dialogue „Europe invests in Innovation – Report of the FIVE Taskforce“ mit dem Finanzminister Frankreichs Roland Lescure

  • Datum 19.01.2026
  • Ort Bundesministerium der Finanzen
  • Redner/in Lars Klingbeil

[Es gilt das gesprochene Wort]

Sehr geehrter Herr Minister, lieber Roland, sehr geehrter Herr Dumont, lieber Jörg, sehr geehrte Frau Fabian-Frey, sehr geehrter Herr Tibi, liebe Gäste, meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zum Economic Dialogue und zur Vorstellung des Abschlussberichtes der FIVE Task Force. Das ist das Ergebnis einer wichtigen deutsch-französischen Initiative, die wir im vergangenen Sommer gemeinsam gestartet haben.

Ich möchte gleich zu Beginn Christian Noyer, der seine Teilnahme heute leider absagen musste, und Jörg Kukies danken. Innerhalb kurzer Zeit haben die beiden Schirmherren Wege aufgezeigt, wie wir die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern. Wie wir dafür sorgen, dass sich junge, wachsende Unternehmen in Europa zu globalen Champions entwickeln können. Und wie wir die Bedingungen schaffen, dass diese Unternehmen eben nicht in die USA oder nach China weiterziehen, weil sie dort besser an Kapital kommen. Hier zeigt sich: Der deutsch-französische Motor läuft. Frankreich und Deutschland geben gemeinsam Impulse für ein stärkeres, für ein souveränes Europa. Darüber haben wir auch vertieft heute auf unserer Klausur gesprochen.

Lassen Sie mich aus aktuellem Anlass zuerst etwas zu den Zoll-Drohungen von Präsident Trump sagen. Deutschland und Frankreich sind hier einig: Wir lassen uns nicht erpressen. Es wird eine geschlossene und deutliche Antwort Europas geben. Wir bereiten mit unseren europäischen Partnern entschlossene Gegenmaßnahmen vor – für den Fall, dass Präsident Trump seine Zoll-Drohung aufrechterhält. Dazu gehören drei Punkte: Erstens: Die bisherige Zoll-Einigung mit den USA liegt auf Eis, das hat das Europäische Parlament bereits deutlich gemacht. Zweitens: Europäische Zölle auf Importe aus den USA, die bisher ausgesetzt waren, können in Kraft gesetzt werden. Drittens: Europa hat einen Instrumentenkasten, um auf wirtschaftliche Erpressung mit empfindlichen Maßnahmen zu reagieren. Wir sollten jetzt deren Einsatz prüfen.

Gleichzeitig will ich deutlich sagen: Wir haben kein Interesse an einer Eskalation. Das geht zulasten der Wirtschaft und der Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks. Aber wir sind bereit, uns gegen die Erpressungsversuche der USA zu wehren. Genauso klar ist aber auch: Wir werden mit den Vereinigten Staaten im Gespräch bleiben, mit der US-Regierung ebenso wie mit den Vertretern aus Kongress und Senat, die Trumps Kurs ablehnen. Unsere Hand bleibt ausgestreckt. Erst letzten Montag habe ich etliche gute Gespräche in Washington geführt.

Die Zusammenarbeit Europas mit den USA bleibt zentral zur Lösung der globalen Herausforderungen. Das gilt vor allem für ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Das gilt aber auch für die Sicherheit in der Arktis, die wir gemeinsam als NATO steigern können. Aber wir erleben gerade ständige Provokationen, wir erleben ein ständiges Gegeneinander, das von Präsident Trump gesucht wird. Hier muss jetzt auch in den USA jeder merken: Die Europäer machen das nicht mit. Hier ist eine Grenze erreicht.

Meine Damen und Herren, das alles zeigt auch, dass wir in Europa ein anderes Tempo brauchen, um uns den neuen geopolitischen und weltwirtschaftlichen Realitäten zu stellen. Wir müssen unsere Interessen souveräner und robuster vertreten. Vier Punkte möchte ich kurz hervorheben: Erstens: Wir stellen uns dem internationalen Wettbewerb. Wir setzen auf Innovationen und Technologieführerschaft. Zweitens: Europa ist ein attraktiver und sicherer Hafen für Investitionen aus aller Welt. Wir stärken den europäischen Kapitalmarkt und verbessern die Finanzierungsmöglichkeiten für Wachstumsunternehmen. Für beide genannten Punkte liefert auch der heute vorgestellte Bericht wichtige Impulse. Drittens: Europa setzt weiter auf regelbasierten Handel. Mit Mercosur schaffen wir die größte Freihandelszone der Welt. Das ist ein historischer Durchbruch. Die Verhandlungen mit Indien stehen kurz vor dem Abschluss. Und viertens: Da wo andere aber nicht bereit sind, nach gemeinsamen Regeln zu spielen, stellen wir Europa robuster gegen unfairen Wettbewerb auf. Dazu gehören resiliente Lieferketten bei Rohstoffen, wo wir mehr Tempo brauchen und wo ich Frankreich dankbar bin, dass sie das in ihrer G7-Präsidentschaft vorantreiben. Dazu gehören zielgerichtete Zölle und Buy European-Vorgaben in strategischen Bereichen wie z. B. Auto und Stahl.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich nochmal kurz konkreter auf den Bericht eingehen. Europa hat 27 Nationalstaaten, 450 Mio. Menschen und den größten Binnenmarkt der Welt. Wir bleiben hinter unserem Potential zurück. Das wollen wir ändern. An anderer Stelle habe ich schon gesagt: Es braucht einen neuen europäischen Patriotismus. Wir haben ein starkes Start-up-Ökosystem. Aber zu selten gelingt es, diese Unternehmen von hier aus an die Weltspitze zu führen. Genau das wollen wir ändern. Wir wollen, dass Scale-ups, wachsende innovative Unternehmen, aus der EU heraus zu Global Champions werden können. Solche Champions „Made in Europe“ sind ein strategischer Faktor für Europas Zukunft. So sichern und fördern wir Innovation, Wertschöpfung, Know-how in Deutschland, Frankreich und der EU. Und wir stärken unsere technologische Souveränität, erhalten unsere Autonomie, erhöhen unsere globale Wettbewerbsfähigkeit. Wir sichern Arbeitsplätze von heute und schaffen Jobs von morgen. Roland und ich wollen, dass wir das Umfeld für Europas Scale-ups deutlich verbessern.

Der Bericht von Christian Noyer und Jörg Kukies zeigt auf, dass wir Finanzierungslücken für diese innovativen Wachstumsunternehmen schließen müssen, um im globalen Wettbewerb aufzuholen. Das ist eine wichtige Feststellung, weil diese Erkenntnis noch nicht überall in Europa angekommen ist. Die Argumente helfen uns in unserer weiteren Arbeit – vor allem, um die Spar- und Investitionsunion gemeinsam weiter voranzutreiben. Der Bericht gibt klare Handlungsempfehlungen, auf die es jetzt besonders ankommt, z. B.: tiefere Kapitalpools schaffen, erfolgreiche öffentliche Initiativen wie Tibi in Frankreich und WIN in Deutschland EU-weit ausrollen, sowie Börsengänge für Scale-ups in Europa weiter zu erleichtern.

Jörg Kukies und Bertrand Dumont werden dazu noch detaillierter einsteigen. Roland und ich werden auf unsere europäischen Amtskolleginnen und -kollegen zugehen und auf europäischer Ebene hier mehr Tempo machen.

Lieber Roland, vielen Dank für die gute Zusammenarbeit bis hierher. Vielen Dank an die Teams, an Christian Noyer und Jörg Kukies. Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Lasst uns das gemeinsam anpacken! Vielen Dank!