- Datum 12.02.2026
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Ort
Allianz Forum, Berlin
- Redner/in Lars Klingbeil
[Es gilt das gesprochene Wort]
Sehr geehrte Frau Dr. Reinhart,
meine Damen und Herren,
vielen Dank für die Einladung, über die ich mich sehr gefreut habe.
Wenn ich mir Ihre Charta anschaue, dann betrachte ich das Treffen hier als „Safe Space“ für mich. Denn: Wir haben viel gemeinsam: Sie verstehen sich als „Verantwortungsgemeinschaft“. Ich als Mitglied der Bundesregierung gehöre auch einer Verantwortungsgemeinschaft an. Sie nehmen als Allianz den „Blickwinkel der Beschäftigten“ ein. Als Sozialdemokrat habe ich dafür eine hohe Sympathie. Und sie wollen die „Transformation von Arbeit in Arbeit“ aktiv gestalten. Auch das haben wir gemeinsam. Arbeit wird heute begleitet von Unsicherheit unter den Beschäftigten. Was früher als sicher galt (z.B. Schulabschluss, Ausbildung, 40 Jahre arbeiten, Rente) ist heute kaum noch möglich.
Das hat mit den so genannten Megatrends zu tun: Klimawandel, Digitalisierung, Demographie.
Unsere Industrie passt Produktionsprozesse an, um umweltfreundlicher zu werden. Digitalisierung und KI beschleunigen die Transformation in fast allen Branchen. Und eine immer älter werdende und gesünder bleibende Gesellschaft sorgt für Anpassungen der Sozialsysteme.
Alle spüren: da ist richtig viel in Bewegung. Ich trage hier Eulen nach Athen. Aber ich möchte gern einleitend deutlich sagen:
Transformation ist für mich der „Motor für Veränderungen“. Und dieser Motor bringt uns voran.
Überall ist längst spürbar: Wir brauchen Veränderungen. Ich habe mal formuliert: „Der Status Quo ist unser Gegner.“ – Und daraus folgt:
Ich möchte, dass wir den ohnehin stattfindenden Wandel nutzen, um unser Land nach vorn zu bringen. Ich bin nicht in die Politik gegangen, um Entwicklungen einfach hinzunehmen.
Und mich freut: Ihre Allianz will das auch nicht hinnehmen. Die Unternehmen und Initiativen Ihrer Allianz haben sich zum Ziel gesetzt, „Rahmenbedingungen an die neuen Herausforderungen anzupassen und innovative Ansätze für eine neue Arbeitswelt zu entwickeln“.
Sie sorgen dafür, dass Beschäftigte innerhalb Ihres Netzwerkes neue Jobs finden – über Qualifizierung oder passgenaues Matching. Ihre Allianz baut also „Brücken in neue Beschäftigung“.
Und das geschieht aus dem Blickwinkel der Beschäftigten heraus, weil sie um den Wert qualifizierter und erfahrener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen.
Was besonders auffällt: Ihre Charta, Ihre Internetseite – schon die ersten kurzen Worte zur Begrüßung – machen deutlich: Sie sind zuversichtlich unterwegs.
Das ist der Spirit, den wir brauchen: Probleme ohne Schaum vorm Mund benennen, damit wir gemeinsam Lösungen finden – und sie mit Zuversicht zusammen umsetzen.
Wir als Politik müssen einen Handlungsrahmen vorgeben, der es Ihnen ermöglich, die Transformation von Arbeit in Arbeit so auszugestalten, dass die Beschäftigten davon profitieren – und die Unternehmen, und die Wirtschaft, und unser Land.
Dazu gehört, dass wir mit Reformen den Arbeitsmarkt stärken, dem Fachkräftemangel entgegenwirken und die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest machen.
Vorbemerkung: Diejenigen, die behaupten, mit weniger Sozialstaat kriegen wir automatisch mehr Wirtschaftswachstum, liegen falsch. Richtig ist, dass unsere Sozialsysteme gerechter werden müssen. Deshalb wollen wir sie reformieren und wir werden sie zukunftsfest machen. Aber nicht mit den Rezepten der neunziger Jahre und nicht, indem wir die Gesellschaft spalten.
Und damit komme ich zum konstruktiven Teil:
Wir hier im Raum wissen, dass Vertrauen das wichtigste Gut ist, um Menschen am Wandel teilhaben zu lassen und sie in Transformationsprozesse einzubinden. Dafür brauchen wir motivierte Beschäftigte. Motivation hängt mit Wertschätzung zusammen – und mit Identifikation.
In den USA liegt die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von Beschäftigten bei knapp 5 Jahren - in Deutschland ist es etwa doppelt so hoch. Das zeigt, dass wir in unserem Land eine deutlich engere Beziehung zwischen den Beschäftigten und ihrem Unternehmen haben. Wenn wir über Fachkräftemangel sprechen, sehe ich darin einen Standortvorteil. Und diesen Vorteil sollten noch mehr Unternehmen nutzen.
Wir wissen: Mitbestimmte Unternehmen kommen besser durch schwierige Zeiten und sind wirtschaftlich erfolgreicher. Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft sind deshalb Standortvorteile unseres Landes und keine -nachteile.
Unsere Aufgabe als Politik ist es deshalb, die Handlungsmöglichkeiten für das Zusammenspiel der Sozialpartner zu gewährleisten. Es geht um die richtige Balance.
Und da kommen auch die anstehenden Reformen ins Spiel, die den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme berühren werden. Ich denke da an bessere Rahmenbedingungen – und nicht an Kürzungen.
Erstens: Mir ist wichtig, dass wir Anreize für mehr Beschäftigung schaffen. Die Kommission zur Sozialstaatsreform hat da interessante Vorschläge gemacht. Ein Beispiel: Transferentzugsrate. Sperriges Wort, aber dahinter steckt die Frage, wie es gelingt, dass durch „mehr Arbeit“ auch „mehr Einkommen“ entsteht – ohne Sozialleistungen. Alle sollten von ihrer Arbeit leben können.
Zweitens: Viele Frauen arbeiten in Teilzeit, weil sie es ihnen anders nicht möglich ist. Das liegt auch daran, dass immer noch vor allem die Frauen in unserer Gesellschaft den Großteil der Care-Arbeit leisten. Wir müssen also endlich die Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen verbessern.
Da denke ich nicht nur an mehr Kita- und Hort-Plätze oder Anerkennung von Care-Arbeit. Ich denke auch an Gender Pay Gap.
Ein dritter Punkt: Mit der Aktivrente können Menschen freiwillig länger arbeiten. Bis zu 2.000 EUR kann man sich zur Rente hinzuverdienen. Davon profitieren auch die Kollegen, denn das Know-how von erfahrenen Beschäftigten steht länger zur Verfügung. Welche weiteren Anreize gibt es, erfahrene Fachkräfte in Unternehmen zu halten – können sie zum Beispiel als Lotsinnen und Lotsen beim Onboarding neuer Beschäftigter helfen, Fachwissen im Unternehmen zu halten?
Ein vierter Punkt: Zuwanderung. Mit der Work-and-Stay-Agentur erleichtern wir Fachkräften aus Drittstaaten den Einwanderungsprozess nach Deutschland. Damit unterstützen wir Arbeitgeber. Denn: Alle Institute betonen immer wieder: Wir brauchen Zuwanderung in unseren Arbeitsmarkt, weil wir Fachkräfte verlieren … in manchen Branchen sprechen wir sogar schon von einem Kräftemangel.
Wir sollten deshalb auch die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse noch einmal konstruktiv in den Blick nehmen. Viel zu viele Fachkräfte aus Drittstaaten landen in prekären Arbeitsverhältnissen, weil ihre im Heimatland erworbenen Berufsabschlüsse hier nicht anerkannt werden. Das müssen wir ändern.
Über solche Maßnahmen würde ich gern diskutieren, weil sie den Arbeitsmarkt, die Wirtschaft und die Menschen stärken.
Meine Damen und Herren,
Wir alle spüren, dass sich gerade vieles neu sortiert. Und viele machen sich Sorgen. Einige nutzen das aus, um unser Land oder Europa schlechtzureden und klein zu machen – oder zu spalten.
Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir zusammen und zuversichtlich bleiben sollten.
Persönliche Gespräche, Erfahrungsaustausch und sachliche Diskussion über Best Practice Beispiele sind ein guter Weg. So gehört sich das in einer stabilen Demokratie, für die Sie und ich uns ja stark machen.
Insofern bedanke ich mich für Ihre bisherige Arbeit, für Ihre Aufmerksamkeit heute Abend und freue mich jetzt sehr auf Ihre Fragen und die Diskussion.