- Datum 25.02.2026
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Ort
Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin
[Es gilt das gesprochene Wort]
Lieber Joachim Gauck, liebe Franziska [Giffey], lieber Martin [Schulz], liebe Sabine [Fandrych], sehr geehrte Damen und Herren.
Das ist für mich schon ein sehr besonderer Moment, für Hans-Jochen Vogel hier das Sonderpostwertzeichen präsentieren zu können. Ich erinnere mich dran, als ich noch nicht zu lange Generalsekretär war, kriegte mein Büro den Anruf, dass Hans-Jochen mich treffen möchte. Das war etwas sehr Besonderes für mich damals nach München zu reisen, er hat damals schon im Augustinum gelebt. Ich habe vorher mit einigen gesprochen und gefragt: Was muss ich beachten? Sie sagten: Sei pünktlich! Und sei vorbereitet!
Ich weiß, wie ich dann in diesem Zimmer wartete, ich war fünf Minuten zu früh da. Hans-Jochen kam pünktlich auf die Minute rein, setzte sich an den Tisch und sagte: „Ich habe zwölf Tagesordnungspunkte. Wie viele hast Du?“ Gott sei Dank war ich vorbereitet. Wir hatten dann zusammen knapp zwanzig, die wir Punkt für Punkt durchgegangen sind. Danach ging es noch mit der Frau zum Essen, im Augustinum mit den Freunden dort und man hat gemerkt: Er ist die zentrale Person. Wer ihn erlebt hat – und ich hatte dieses Privileg –, der weiß auch, warum er so ein Menschenfänger war und warum er so beliebt war.
Er wäre in diesem Monat 100 Jahre alt geworden. Ich freue mich wirklich, dass wir heute hier sind, um ihn und sein Lebenswerk zu würdigen. Diese Sonderbriefmarke ist ein schöner Anlass dafür. Mein Dank gilt an dieser Stelle dem Kunstbeirat, der das Motiv vorgeschlagen hat. Frau Professorin Daniela Haufe und Professor Detlef Fiedler, die diese Marke gestaltet haben.
Sehr geehrte Damen und Herren, Hans-Jochen Vogel war kein Mensch für halbe Sachen. Er war weitsichtig und kämpfte für den Zusammenhalt. Unvergessen – und bis heute gültig – ist sein Satz, ich zitiere: „Wer wegsieht oder nur die Achseln zuckt, schwächt die Demokratie. Wer widerspricht und sich einbringt, stärkt sie.“
Als eine Antwort auf die rassistischen und fremdenfeindlichen Anschläge Anfang der neunziger Jahre hat er mit vielen anderen den Verein „Gegen Vergessen für Demokratie“ gegründet. Er hat Deutschland über Jahrzehnte geprägt, mit einem klaren moralischen Kompass, mit seiner Menschlichkeit und Freundlichkeit, aber auch einer großen Hartnäckigkeit, und immer mit einer konsequenten Überzeugung, die er sowohl mit Wort als auch mit Tat verfolgt hat.
Deswegen ist es richtig, dass auf dieser Sonderbriefmarke steht: „Glaubwürdig bleiben – Reden und Handeln müssen übereinstimmen“.
Sein ganzes Leben lang hat Hans-Jochen Vogel Antworten auf die Fragen unserer Zeit gesucht – und er hat sie meistens auch gefunden. Und auch wenn er nicht mehr da ist, seine Ideen bleiben. Denn unabhängig von seinem Amt und seinen Aufgaben, die er wahrgenommen hat, ging es ihm vor allem um eins: „Mehr Gerechtigkeit“. Das war der Titel seines letzten Buches, das er 2019, also ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlicht hat. Er schrieb darin über eines der wichtigsten Themen unserer Zeit – und vor allem über sein politisches Lebensthema: Nämlich was wir tun können und tun müssen, um Wohnen bezahlbar zu gestalten. Hans-Jochen hat das so formuliert, und ich zitiere wieder: „Boden kann man nicht vermehren und man kann nicht auf ihn verzichten. Deshalb dürfen wir ihn nicht dem freien Spiel des Marktes überlassen.“
Als Bundesbauminister hat Hans-Jochen Vogel das Thema schon in den siebziger Jahren als eine „öffentliche Angelegenheit“ vorangetrieben – er hat es erkannt, als er junger Oberbürgermeister in München war. Denn er war ein absoluter Zahlen-Mensch und die Zahlen sprachen schon damals eine sehr deutliche Sprache. Er hat damals viele gute Vorschläge erarbeitet. Dass Städte ihre Grundstücke künftig nicht mehr verkaufen, sondern nur noch verpachten sollen. So machen es mittlerweile viele Kommunen in unserem Land. Er hat strukturelle Fragen geklärt und damit wesentlich dazu beigetragen, dass Wohnungen gebaut wurden und der Mietenanstieg begrenzt wurde.
Das ist auch das Ziel der Bundesregierung, das wir uns vorgenommen haben für bezahlbares Wohnen zu sorgen. Ich will das hier erwähnen: Allein in diesem Jahr 2026 geben wir vier Milliarden Euro an Programmmitteln aus, um den sozialen Wohnungsbau zu stärken. Hinzu kommt eine Milliarde Euro, die wir in diesem Jahr ausgeben, um die Städtebauförderung zu unterstützen. Wir haben den Bauturbo beschlossen und auf den Weg gebracht, damit in Städten nachverdichtet werden kann, damit Gebäude aufgestockt und erweitert werden können. Mit dem Gebäudetyp E machen wir das Bauen ohne viel Schnickschnack möglich, damit es schneller geht.
Jetzt liegen die Vorschläge für eine Mietrechtsreform vor, die unsere Justizministerin Stefanie Hubig auf den Weg bringt und die natürlich auch von der Debatte geprägt sind, die Hans-Jochen Vogel in unserer Partei gestartet hat: Der Zuschlag für das möbliert Wohnen wird begrenzt. Mietverträge mit sehr kurzer Laufzeit sind nur noch ausnahmsweise möglich und die Indexmieten werden gedeckelt. Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit. Franziska, in Berlin ist es das Top-Thema und auch ich merke bei mir im ländlichen Rau, den ich vertrete im Deutschen Bundestag: das Mieten; das Eigenheim; die Frage, kann man sich das alles noch leisten – das ist eines der großen Themen. Wir müssen Mieterinnen und Mieter schützen, wir müssen rechtliche Lücken schließen, wir müssen Kostenschocks vermeiden. Ich finde, dass jede und jeder das Recht auf die eigenen vier Wände hat und dass auch der Traum vom Eigenheim in unserem Land weiter gelebt werden soll.
Für alles das stand Hans-Jochen Vogel. Das wichtige bei ihm war, dass man ihm die Dinge geglaubt hat, die er gesagt hat, er hat die Ämter, die er innehatte, immer mit Würde gefüllt. Er ist glaubwürdig geblieben über einen ganzen politischen Weg. Und das ist auch eine Mahnung, das will ich deutlich sagen, an die jetzige politische Generation, die Verantwortung trägt: dass wir wahrhaftig reden und handeln müssen. Das ist gerade in diesen Zeiten der Polarisierung und der Auseinandersetzung wichtig und ich habe das bei meinen zwei Begegnungen, die ich am Ende mit Hans-Jochen Vogel hatte, immer als sehr ernst wahrgenommen. Er war jemand, von dem die junge Generation viel lernen konnte und deswegen bin ich auch dankbar für diese persönlichen Begegnungen. Ich habe sehr viel Kraft aus diesen Gesprächen gezogen und kann nur sagen, für mich ist es eine große Ehre heute als Vizekanzler und Bundesfinanzminister diese Sonderbriefmarke überreichen zu dürfen. Vielen Dank.