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25.04.2013

Ar­min Spi­ta­ler: Steu­ern in Theo­rie und Pra­xis

Band 1 der Biografie erschienen 

Armin Spitaler: Steuern in Theorie und Praxis - Bucheinband, Blick auf die Bundesfinanzakademie & Armin Spitaler

Am 10. April 1938, heute vor 75 Jahren, bejahten mehr als 99 % der Wählerinnen und Wähler in Österreich und im Deutschen Reich die Frage:

Bist Du mit der Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich
einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?

Auch die Wahlbeteiligung lag nur geringfügig unter 100 %. Damit erhielt der Einmarsch deutscher Truppen, der Anschluss Österreichs, Mitte März 1938 einen Anschein von Legitimation.

1938 war das Vorspiel zum zweiten Weltkrieg. Als Folge des Münchener Abkommens besetzten deutsche Truppen im Oktober 1938 das Sudetenland, im März 1939 wurde "die Rest-Tschechei zerschlagen."

Seit 1933 ritt Hitler vermeintlich auf einer Welle von Erfolg zu Erfolg, obwohl oder weil er ständig Regeln missachtete. Alles, was er anpackte, schien mühelos zu gelingen - andere hatten ihm wenig entgegen zu setzen. Deutschland war wieder wer. Nicht wenige Beobachter vermuteten dahinter Übermenschliches, nur wenige sahen Unmenschliches.

Armin Spitaler: Steuern in Theorie und Praxis - Hitler auf dem Rhein bei Bonn 1934; einige Tage vor dem Münchener Abkommen konferierte er hier mit dem britischen Premier Chamberlain im Hotel Dreesen und auf dem Petersberg über die Sudetenkrise.

Armin Spitaler war in dieser Zeit Hochschullehrer an der Deutschen Universität Prag. Zugleich arbeitete er bei der Industrie- und Handelskammer in Reichenberg im Sudetenland. Nach dem zweiten Weltkrieg lehrte er Steuerrecht an der Universität zu Köln. 2013 jährt sich sein Todestag zum 50. Mal.

All diese "Jubiläen" sind der Anlass für eine eingehendere Betrachtung der Biografie von Armin Spitaler - eingebettet in die seinerzeitigen Zeitläufte.

Die Bundesfinanzakademie besitzt Spitalers beruflichen Nachlass. Der beginnt allerdings bis auf wenige Ausnahmen erst nach 1945. Mitte der 1950er Jahre gab es eine kurze, unscheinbare Korrespondenz von Spitaler mit ehemaligen Kollegen aus Prag, die lose in einer Umlaufmappe abgelegt ist. Die Ereignisse, die dort Revue passieren und nochmals analysiert werden, hatten eine historische Bedeutung. Es ging um die skandalösen Begleitumstände der Berufung von Hans Kelsen nach Prag, den die Universität Köln gleich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten entlassen hatte. Beschrieben werden auch die unmittelbaren und mittelbaren Konsequenzen für diejenigen, die sich an der Prager Universität für Kelsen stark gemacht hatten. Vor allem um diesen Briefwechsel und um die Vorlesungsverzeichnisse der Deutschen Universität Prag gruppiert sich die Betrachtung.

Hans Kelsen war schon damals weltweit ein renommierter Rechtsgelehrter. Mit ihm ist der Rechtspositivismus verbunden. Positivistisch ist auch der Ansatz dieser Untersuchung. Sie wertet Vorträge, Aufsätze und Abhandlungen insbesondere von Hochschullehrern in Prag sowie die Jahresberichte der Deutschen Universität aus. Es handelt sich überwiegend um Material, das Universitätsbibliotheken, Seminarbüchereien oder Bibliotheken von Behörden der Steuerverwaltung ausgesondert haben und nun über das Internet vermarktet, in der Regel verramscht wurde - sozusagen der Bodensatz der Geschichte oder "trash history". Ziel ist es, ein möglichst lebendiges, facettenreiches, durchaus auch widersprüchliches Abbild jener Jahre in Prag entstehen zu lassen, ein Gespür für die damaligen Themen, Strömungen und Ideen zu vermitteln.

Die Deutsche Universität Prag ist nicht nur Geschichte, sondern im Orkus der Geschichte auf immer verschwunden. Was die Hochschule ausgemacht hat, ist vertraut und fremd zugleich. Fremd, weil es keinen Anschluss, keine Mitnahme in die Gegenwart gegeben hat, vertraut, weil herausragende wissenschaftliche Leistungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die der ganz spezifische, anregende Mikrokosmos Prag begünstigt hat, vielfach als Vorarbeiten, als Grundlagen in das aufgegangen sind, was heute als verbindlich gilt. Die Spannungen im deutsch-tschechischen Verhältnis führten oft zu destruktiver Auseinandersetzung und Streit. Sie boten aber mitunter Anregung für Wissenschaft und Lehre.

Es geht also auch um eine Geschichte des Verlustes. Die Trauer über diesen tiefer gehenden Verlust wird zugedeckt durch die Erleichterung über den Verlust der nationalsozialistisch ausgerichteten Deutschen Universität im Jahre 1945.

Armin Spitaler: Steuern in Theorie und Praxis - Auszug aus "Prager Presse" von Mai 1938: "Gratulation des Präsidenten der Republik an Reichskanzler Hitler" & "Der Dank des Reichskanzlers"

Im Zentrum der ersten, auf drei Teillieferungen angelegten kleinen Reihe stehen die Rektoren der Deutschen Universität Prag nach dem ersten Weltkrieg. Der zweite Band wird sich mit der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Deutschen Universität vor und nach der deutschen Besatzung beschäftigen, mit den Gewinnern und Verlierern. Im dritten Band geht es um die Anfänge des Steuerrechts an der Kölner Universität - um Ottmar Bühler und Armin Spitaler. Durch die Universitäten in Prag und Köln geht es auch immer wieder um Geschichte(n) zwischen und in Ost und West.

Das Steuerrecht an den deutschen Hochschulen hat durch Armin Spitaler einige Wurzeln in der Tschechoslowakei. An der Universität in Prag hat Spitaler im Umfeld von Oskar Engländer, Franz Xaver Weiss und Rudolf Schranil gearbeitet. Wie tief ihn diese Kollegen geprägt haben, kann nicht mehr festgestellt werden - waren sie nur ältere Kollegen oder bestand ein Lehrer-Schüler-Verhältnis?

Engländer und Weiss waren Juden. Engländer starb kurze Zeit vor dem Einmarsch der Deutschen in die Tschechoslowakei. Weiss musste nach London emigrieren - als Jude, aber auch als Freund und Fürsprecher von Kelsen. Schranil war ein Hochschullehrer mit schwejkschen Zügen, den die Zeit jedoch unvermittelt zu einem Bewohner von Kafkas Schloss gemacht hat. Sein Leben war weniger ironisch-amüsant als anrührend unvollkommen und melancholisch. Schranils Hochschullaufbahn führte wegen seines Einsatzes für Kelsen, aber auch wegen seiner unorthodoxen Originalität weg von Prag. Die Nationalsozialisten schoben ihn nach Halle an der Saale ab. Nach dem zweiten Weltkrieg waren Hamburg und Saarbrücken die letzten Stationen. Schranil stand auf der Schattenseite: Im Nazi-Prag, in Ostdeutschland und in Westdeutschland.

Rudolf Schranil und die Bundesfinanzakademie sind sich räumlich am nächsten gekommen. Auf dem Südfriedhof in Brühl befindet sich eine Grabplatte, die an ihn erinnert. Es lohnt jedoch nicht, über etwaige Wechselbeziehungen zwischen Schranil und der Bundesfinanzakademie nachzudenken, da diese Fährte in die Irre führt. Mehr über Schranil, Weiss, Engländer und Kelsen in Band 2.

Armin Spitaler: Steuern in Theorie und Praxis - Einbände der Folgebände 2 & 3
Quelle:  Bundesfinanzakademie