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27.11.2018

BMF im Dia­log: Olaf Scholz im Ge­spräch mit Adam Too­ze - Leh­ren aus der Fi­nanz­kri­se

Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers vor 10 Jahren markiert den Beginn der größten globalen Finanzkrise der Nachkriegszeit. Zum Auftakt von „BMF im Dialog“- diskutierte Bundesfinanzminister Olaf Scholz mit Wirtschaftshistoriker Adam Tooze von der Columbia University New York über die ökonomischen, politischen und sozialen Folgen der internationalen Finanzmarktkrise für Deutschland und Europa. Beide waren sich einig: „Kapitalismus ist nicht niedlich.“

Olaf Scholz und Adam Tooze bei der Veranstaltung "BMF im Dialog"

Mit der Veranstaltungsserie „BMF im Dialog“ soll das Finanzministerium geöffnet werden, um Teil der öffentlichen Debatte zu sein, neue Perspektiven und Ideen auszuprobieren und mit Leidenschaft zu diskutieren. Dazu begrüßte Olaf Scholz am Abend des 26. November 2018 die Journalistin Elisabeth Niejahr von der Wirtschaftswoche und den Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Aber auch die Wortbeiträge und Fragen der zahlreichen anwesenden Gäste waren höchst willkommen.

Für seine Premiere als Gastgeber von „BMF im Dialog“ hatte Bundesfinanzminister Olaf Scholz ein Thema gewählt, das die Bundesregierung in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderes beschäftigt hat: Die Pleite des Investmenthauses Lehman Brothers und die daraus resultierende globale Finanzkrise im Jahr 2008. Ausgehend von einer Krise auf dem US-Immobilienmarkt brachen die Finanzmärkte weltweit ein. Die Notenbanken waren gezwungen, viel Geld bereitzustellen, damit die Geldmärkte weiter funktionierten. Weil das Vertrauen insgesamt erschüttert war und trotz Geldschwemme nur zögerlich Kredite vergeben wurden, folgte ein schwerer Wirtschaftseinbruch weltweit.

Unter der Moderation von Elisabeth Niejahr blickten Olaf Scholz und Adam Tooze zurück auf die Finanzkrise und die damaligen Bemühungen, sie zu bewältigen. Dabei sind zwei wesentliche Maßnahmen der Bundesregierung herauszustellen: Zum einen galt es, die Finanzbranche zu stabilisieren, indem mit riesigen Geldmengen der Zusammenbruch der Banken verhindert wurde. Zum anderen wurden die Verwerfungen eingedämmt, die sich aus der Finanzkrise für die Realwirtschaft und die Gesellschaft ergaben. Um die Binnennachfrage im Nachgang zu den Ereignissen im Jahr 2008 kurzfristig zu stabilisieren, legte die Bundesregierung ein Konjunkturprogramm von etwa 80 Milliarden Euro auf. Seitdem wurde zusammen mit der EU und internationalen Partnern ein neuer Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte geschaffen, der Bankensektor krisenfester gemacht und dem Haftungsprinzip wieder Geltung verschafft.

Im Rückblick zu den damaligen Ereignissen erörterten der Bundesfinanzminister und sein Gast die Frage, ob die Wiederholung einer solchen Krise für die Zukunft ausgeschlossen werden kann, oder ob weiterführende Maßnahmen der Krisenprävention erforderlich sind. Des Weiteren debattierten sie über die heutige gesellschaftliche Verantwortung und die Chancen und Risiken einer globalisierten Finanzwirtschaft. Denn die Finanzmarktregulierung steht auch heute wieder vor neuen Herausforderungen, wie dem Brexit, der Digitalisierung und der Gefahr von verzerrter Einschätzung von Risiken. Dabei vertraten die Diskutanten mitunter auch unterschiedliche Auffassungen. Der Bundesfinanzminister stellte klar: „Mir geht es nicht darum, Fehler in der Vergangenheit zu suchen, sondern für die Zukunft zu lernen.“

Während Adam Tooze darauf hinwies, dass die zur Abschwächung der Krise notwendigen Interventionen nicht unumstritten waren, betonte Olaf Scholz die Notwendigkeit europäischer Antworten bei globalen Herausforderungen und verwies auf eine erfolgreiche Krisenbewältigung durch die gegenseitige Unterstützung in der EU. Der Bundesfinanzminister zur gegenwärtigen Lage des europäischen Finanzmarktes: „Ich bin optimistischer als man vor 10 Jahren hätte sein können. Wir haben inzwischen Instrumente zur Bankenabwicklung, einen Stabilitätsmechanismus und eine funktionierende Aufsicht.“

Mit Blick auf das Erstarken der Ränder des politischen Spektrums in Deutschland, für das Adam Tooze in der Finanzkrise ebenfalls eine Ursache sah, konstatierte der Bundesfinanzminister: Je freier die Bewegung von Kapital, Waren, Dienstleitungen, Arbeitnehmern in der globalisierten Weltwirtschaft, desto stabiler muss der Staat seine Bürger in der Krise schützen. Anstelle die Sorgen und Ängste der Bevölkerung den vermeintlich einfachen Antworten populistischer Strömungen zu überlassen, muss der Staat glaubwürdig und transparent sein und verloren gegangenes Vertrauen zurückholen. Scholz weiter: „Zukunftsoffenheit, Weltoffenheit, Fortschrittsoffenheit und sozialer Zusammenhalt gehören zusammen und stehen nicht im Widerspruch.“

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