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28.08.2015

Auf dem Weg zur Sta­bi­li­täts­uni­on

Lage des Euroraums: Gesamtentwicklung

Der Euro: Stabile Währung

Unsere Gemeinschaftswährung sorgt für stabilere Preise als die D-Mark und für stabile Wechselkurse gegenüber anderen Währungen wie dem Dollar. Der Euro ist kalkulationssicher und als Reservewährung weltweit gefragt. Rund 340 Millionen Menschen in 19 Ländern Europas profitieren von seiner Stärke und seinen wirtschaftlichen und politischen Vorteilen. Der Beitritt Lettlands zum Euroraum in 2014 und Litauens in 2015 unterstreicht seine Attraktivität.

Die Infografik zeigt die Entwicklung der Inflationsrate in Deutschland vor und nach Einführung des Euro, zwischen 1970 und 2017.
Die Infografik illustriert die Entwicklung des Euro-Wechselkurses seit dessen Einführung gegenüber dem US-Dollar
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Aktuelle Tageswerte zu Wechselkurs und Preisentwicklung finden Sie auf der Webseite der EZB.

Der Euroraum: Institutionell gestärkt

Die gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion steht heute durch hartnäckige Reformarbeit auf einem stabileren institutionellen Fundament als zu ihrer Gründung. Dazu gehören die verschärften Regeln für die haushaltspolitische Überwachung nach dem europäischen Fiskalvertrag und dem Stabilitäts- und Wachstumspakt, die verbesserte wirtschaftspolitische Koordinierung etwa im Rahmen des Europäischen Semesters und des Euro-Plus-Pakts und ein neuer Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte: Banken haften künftig mit ihrem eigenen Kapital für Verluste, Vergütungssysteme sind nachhaltiger, Produkte und Geschäftspraktiken transparenter geworden und der Einstieg in eine Bankenunion mit gemeinsamer europäischer Bankenaufsicht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) wird für Systemstabilität sorgen. Mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) wurde letztendlich ein Krisenbewältigungsmechanismus etabliert, der im bisherigen institutionellen Gefüge noch komplett gefehlt hat. Er wird dazu beitragen, dass Krisen künftig erst gar nicht entstehen. Die verbesserte institutionelle Architektur macht den Euroraum zur Stabilitätsunion. 

Die Euro-Krisenländer: Positive Entwicklungen

Der Euroraum hat im Anschluss an die Bankenkrise 2008 und die drohende Staatsinsolvenz Griechenlands eine tiefe Finanz- und Wirtschaftskrise erlebt, die umfassenden Reformbedarf in vielen Mitgliedstaaten des Euroraums offengelegt hat. Sorgen um den möglichen Verlust des Kapitalmarktzugangs größerer Mitgliedstaaten hatten Zweifel geweckt, ob die europäischen Stabilisierungsinstrumente für alle Eventualfälle ausreichen würden. Heute lässt sich feststellen, dass befürchtete Negativszenarien nicht eingetreten sind.

Europa reformiert, Europa konsolidiert – Vertrauen kehrt zurück. Die Finanzmärkte haben wieder Vertrauen in die Volkswirtschaften der Euro-Länder gefasst. Der Euroraum hat die Rezession überwunden. Mit Spanien, Irland und Portugal konnten drei der am stärksten von der Krise betroffenen Länder ihre europäischen Hilfsprogramme verlassen und weisen nun eine positive Wachstumsdynamik auf.

Staatsanleihemärkte

Der Einbruch des Marktvertrauens in die Solvenz einiger Mitgliedstaaten des Euroraums spiegelte sich in hohen Refinanzierungskosten für staatliche Kreditaufnahme wider. So stiegen die Renditen auf 10-jährige Staatsanleihen gegenüber den Vorjahren drastisch an und erreichten in Portugal über 17 % (im Januar 2012), in Irland über 14 % (im Juli 2011) und in Griechenland fast 40 % (im März 2012). Seit diesen Höchstständen hat sich die Lage an den Staatsanleihemärkten deutlich entspannt. Aktuell liegen die Renditen in Irland bei rund 1 ½ %, in Spanien und Italien bei rund 2 % und in Portugal zwischen 2 ½ % und 3 %. Die Risikoprämien, also der Renditeabstand zu sicheren Anleihen, sind ebenfalls deutlich zurückgegangen. Der Renditeabstand italienischer und spanischer Staatsanleihen zu Bundesanleihen (sogenannter Spread) liegt mittlerweile bei unter 150 Basispunkten. Dies zeigt, dass Vertrauen in die Volkswirtschaften der Euro-Länder zurückgekehrt ist.

Die Infografik illustriert den Renditeabstand von Staatsanleihen ausgewählter Länder zu den deutschen Staatsanleihen
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Wirtschaftslage

Die Wirtschaftslage im Euroraum hat sich im Vergleich zu den Vorjahren, insbesondere gegenüber 2012 und 2013, deutlich verbessert. Der Euroraum insgesamt wies in diesen beiden Jahren ein negatives Wirtschaftswachstum von - 0,8 % (2012) und - 0,4 % (2013) auf, wobei einige Mitgliedstaaten sehr tiefe Rezessionen durchlebt haben. Im Laufe des Jahres 2013 konnte setzte jedoch im Euroraum insgesamt eine wirtschaftliche Erholung ein: Seit dem zweiten Quartal 2013 weist der Euroraum in jedem Quartal positives Wirtschaftswachstum auf. Auch in Spanien setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der sukzessive stärker wurde und 2015 laut Frühjahrsprognose der EU-Kommission zu einem dynamischen Wirtschaftswachstum von +2,8% führen soll. Irland verzeichnete bereits 2013 wieder leicht positives Wachstum (+0,2%), bevor 2014 mit +4,8% ein sehr deutlicher BIP-Anstieg zu verzeichnen war, der sich 2015 laut EU-Kommission mit einem BIP-Wachstum von +3,6% fortsetzen soll.  In Portugal hat ebenfalls ein wirtschaftlicher Aufschwung eingesetzt, der 2015 zu einem Wirtschaftswachstum von +1,6% führen soll, nachdem 2014 +0,9% erreicht wurden. Für Frankreich und Italien prognostiziert die EU-Kommission für das laufende Jahr eine sukzessive stärker werdende Erholung mit einem BIP-Wachstum von +1,1% (FRA) bzw. +0,6% (ITA). Erfreuliche Wirtschaftsdaten aus dem 1. Quartal untermauern diese Entwicklung. Griechenland hat 2014 erstmals seit 2007 positives Wirtschaftswachstum (+0,8%) verzeichnet. Für 2015 ist von einer deutlichen Abwärtskorrektur der Frühjahrsprognose der EU-Kommission (+0,5%) auszugehen.

Die Infografik illustriert das BIP-Wachstum ausgewählter europäischer Staaten in Prozent gegenüber dem Vorjahr
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Strukturreformen zur Stärkung der Wachstumsperspektiven

Eine nicht wettbewerbsfähige Struktur einiger Volkswirtschaften des Euroraums war ein zentraler Grund für den Ausbruch der Staatsschuldenkrise. Strukturreformen waren und sind deshalb ein zentraler Baustein der Strategie zu deren Überwindung. Die Mitgliedstaaten des Euroraums können in den vergangenen Jahren auf eine beachtliche Reformdynamik verweisen. So hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihren „Going for Growth“-Berichten gezeigt, dass die Krise als Katalysator für Strukturreformen gewirkt hat. Im Zeitraum 2011-12 führten fünf Eurozonen-Länder das Ranking der Umsetzung der OECD-Reformempfehlungen an, davon mit Griechenland (Rang 1), Irland (Rang 2), Portugal (Rang 4) und Spanien (Rang 5) die von der Krise am stärksten betroffen Mitgliedstaaten. Auch im Zeitraum 2013-14 befanden sich diese vier Länder im OECD-Ranking unter den ersten zehn. Damit finden die Reformen in den Ländern statt, die ihrer am meisten bedürfen.

Wichtigste „Reformbaustelle“ sind dabei die Arbeitsmärkte. Arbeitsmarktreformen wurden in vielen Ländern umgesetzt. Häufig beinhalteten diese Maßnahmen zur Senkung der Lohnnebenkosten, zur Erhöhung der betrieblichen Flexibilität (wie Vorrang von Firmentarifverträgen vor Flächentarifverträgen und Dezentralisierung der Lohnfindung Richtung Betriebsebene) sowie Erhöhung der Attraktivität von unbefristeten Arbeitsverträgen für Firmen durch Flexibilisierung des Kündigungsschutzes.

Die Wirkung der Arbeitsmarktreformen zeigt sich in vielen von der Krise besonders betroffenen Staaten in einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Die nächste Abbildung veranschaulicht die sinkenden Lohnstückkosten in diesen Ländern. Am stärksten sind die nominalen Lohnstückkosten in Griechenland zurückgegangen. Zwischen 2009 und 2014 betrug der Rückgang rund 11 %. Auch Portugal, Irland und Spanien haben eine deutliche Verringerung von je rund 5 % zu verzeichnen. Vor dem Hintergrund der im Euroraum im Durchschnitt in diesem Zeitraum um rund 4 % gestiegenen Lohnstückkosten haben die genannten Länder damit im Vergleich erheblich an preislicher Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen.

Die Infografik illustriert die Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten ausgewählter europäischer Länder zwischen 2009 und 2015
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Für die Wirkung von Strukturreformen ist es wichtig, dass Arbeitsmarktreformen und Gütermarktreformen gemeinsam umgesetzt werden, da sie – als komplementäre Reformen – im Zusammenspiel bessere Effekte erzielen: Arbeitsmarktreformen erhöhen das Arbeitsangebot; gleichzeitig steigern Gütermarktreformen durch Anreize für zusätzliche Investitionen die Arbeitsnachfrage. Zusammen führen sie zu höherer Beschäftigung.

Die OECD hat in ihrem Bericht „Going for Growth 2014“ die Regulierung von Produktmärkten untersucht. Auch hier zeigen sich deutliche Fortschritte. Dabei geht die OECD in einem Gesamtindex auf die Wettbewerbsfreundlichkeit der Regulierung ein. Es zeigt sich, dass sich die Produktmarktregulierung in fast allen untersuchten Ländern des Euroraums verbessert hat.

Die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit durch Strukturreformen spiegelt sich auch in einem Abbau von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten. So weisen Spanien, Italien und Portugal seit 2013 wieder Leistungsbilanzüberschüsse auf, Irland bereits seit 2010. In Griechenland hat sich das Leistungsbilanzdefizit von über 16 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2008 auf nunmehr rund 2 % des BIP in diesem Jahr verringert. Dies reflektiert den voranschreitenden Anpassungsprozess von teils stark auf die Binnennachfrage ausgerichteten Volkswirtschaften hin zu stärkerer Exportorientierung. Beispielsweise sind die spanischen Warenexporte seit 2008 um 28 % gestiegen; in Portugal lag der Anstieg bei 24 %.

Die Infografik zeigt die Entwicklung der Leistungsbilandzsalden in ausgewählten Ländern zwischen 2003 und 2015.
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Konsolidierung der öffentlichen Haushalte

Tragfähige Staatsfinanzen sind eine weitere notwendige Bedingung für die nachhaltige Überwindung der Eurokrise. In der Haushaltspolitik haben die Mitgliedstaaten der Währungsunion seit 2009 substanzielle Fortschritte erzielt. Die Defizite wurden im Aggregat des Euroraums von 6,2 % des BIP im Jahr 2009 auf 2,4 % des BIP im Jahr 2014 zurückgeführt. Dies ist vor allem auf strukturelle Konsolidierungsmaßnahmen zurückzuführen. Die Konsolidierung hat länderübergreifend stattgefunden und dazu geführt, dass eine Vielzahl von Mitgliedstaaten ihre übermäßigen Defizite gemäß den Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts abgebaut haben. So liefen zum Jahresende 2010 gegen 24 von damals 27 EU-Mitgliedstaaten Defizitverfahren aufgrund der Überschreitung der 3-%-Defizitgrenze – nur drei Mitgliedstaaten (Estland, Schweden und Luxemburg) befanden sich nicht im Defizitverfahren. Derzeit befinden sich noch 9 Mitgliedstaaten im Defizitverfahren, davon 7 Euro-Länder. Zuletzt wurden im Mai die Defizitverfahren gegen Polen und Malta beendet, nachdem beide Mitgliedstaaten ihr übermäßiges Defizit fristgerecht abgebaut haben. Die übrigen 12 Mitgliedstaaten des Euroraumes bzw. 19 EU-Mitgliedstaaten werden im sogenannten präventiven Arm des Stabilitäts- und Wachstumspakts überwacht.

Die Infografik zeigt die Haushaltsdefizite 2014 im Euroraum
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Fazit

Der Euroraum ist auf gutem Kurs, die Krise nachhaltig zu überwinden. Durch eine konsequente Reformpolitik wurde Vertrauen zurückgewonnen. Dies zeigt sich nicht nur an den Finanzmärkten, sondern auch in der wirtschaftlichen Entwicklung, welche zunehmendes Vertrauen von Investoren und Konsumenten widerspiegelt. Die Rezessionen der vergangenen Jahre sind überwunden, die Wirtschaft im Euroraum wächst wieder – und das besonders deutlich in den Ländern, die ihre Anpassungsprogramm erfolgreich abgeschlossen haben. Dies bedeutet nicht, dass alle Probleme gelöst sind. Es kommt jetzt auf die Fortsetzung des erfolgreichen Konsolidierungs- und Reformkurses an.

Wenn der Euroraum sich vom bisherigen Reformkurs abwendet, geht er einen Schritt zurück, setzt die bereits erreichten Erfolge aufs Spiel und läuft Gefahr, dass die in vielen Ländern unternommenen Anstrengungen umsonst waren. Der Euroraum und seine Mitgliedstaaten sollten vielmehr auf den bereits erreichten Erfolgen aufbauen, die eingeleiteten Reformen zu Ende führen, den Kurs der Haushaltskonsolidierung nicht verlassen und durch eine kontinuierliche Reformpolitik ungenutzte Wachstumspotenziale erschließen.

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