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21.07.2009

Vom klam­men Häus­le­bau­er zum Un­ter­gang der Welt­fi­nanz

So entstand die Finanz- und Wirtschaftskrise

Die Entstehung der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise scheint banal: Da wollten ziemlich viele Amerikaner ein Haus bauen oder kaufen und liehen sich bei ihrer Bank zu attraktiven Konditionen, also niedrigen Zinsen, das nötige Kapital. Dann stellten sie fest, dass sie diese Kredite gar nicht zurückzahlen konnten. Die Bank erhielt statt der Rückzahlungen und der Zinsen die Häuser der säumigen Zahler – und blieb darauf sitzen.

Aber wie konnte es weltweit zum Problem werden, dass amerikanische Bürger Schwierigkeiten mit ihrem Häuserkredit bekamen? Was hat das Einfamilienhaus in Houston, Texas mit einer deutschen Landesbank zu tun und mit einem Autobauer in Rüsselsheim?

Wir erklären Ihnen, was aus den amerikanischen Hypotheken wurde und warum die so genannte Subprime-Krise die Weltwirtschaft erschüttern konnte.

Die Infografik erklärt, wie die aktuelle Finanzkrise entstehen konnte – von der Hypothek zum Wertpapier.
Quelle:  Bundesministerium der Finanzen

Der Weg des Geldes

Niedrige Zinsen für die eigenen vier Wände

Es waren besonders die niedrigen Leitzinsen der amerikanischen Zentralbank FED, die amerikanische Banken dazu bewegten, massenhaft günstige Kredite an ihre Kunden herauszugeben – ungeachtet der Tatsache, dass manche von ihnen nicht genügend Sicherheiten vorweisen konnten. Das erschien auch zunächst nicht weiter relevant, da die Banken eine Möglichkeit hatten, die Kredite an anderer Stelle wieder zu Geld zu machen.

Vom Häusertraum zum Hypothekendeal

Die Banken bündelten die einzelnen Kredite zu Paketen und verkauften sie in großem Stil an so genannte Zweckgesellschaften. Diese Zweckgesellschaften sind Finanzierungsgesellschaften großer Banken, sind aber selber keine Bank. Meist besteht eine solche Gesellschaft sogar nur aus einem Namen und einer Kontoverbindung. Der Vorteil dieser Transaktion: Die Bank bereinigt ihre Bilanzen, die Kredite kommen darin nicht mehr vor und lassen sich über diesen Umweg erneut zu Geld machen.

Asset Backed Securities (ABS)

Die Zweckgesellschaften handelten weiter mit den gekauften Kreditpaketen. Ihr Zweck ist es, die angekauften Forderungen zu immer neuen Wertpapieren zu verpacken und sie weiter zu verkaufen. Was sie mit dem Verkauf der Wertpapiere verdienen, zahlen sie an die Banken, die Forderungen werden fortlaufend mit den Tilgungszahlungen der Schuldner bedient. Der Name für diese Wertpapiere: „Asset Backed Securities“, also Wertpapiere, die durch Vermögenswerte, in diesem Fall durch die Forderungen an die Kreditnehmer, besichert sind.

Globalisierte Finanzen

Die Zweckgesellschaften machten aus ABS immer neue ABS und aus denen dann auch wieder neue. Sie erhalten den Namen CDO, „Collateralized Debt Obligations“. Dieser Handel mit den Wertpapieren erstreckte sich bald über den ganzen Globus, auch nach Deutschland. Große Versicherungen besicherten die Wertpapierpakete, es entstanden immer neue, virtuelle Finanzgeflechte. So kam es, dass ein amerikanischer Häuserkredit plötzlich in Wertpapieren am anderen Ende der Welt steckte – oftmals bis zur Unkenntlichkeit verborgen.

A, B oder C?

Woher weiß nun ein Käufer, wie viel ein solches ABS-Produkt überhaupt wert ist? Hier kommen Ratingagenturen ins Spiel. Sie stufen Wertpapieren nach ihrem Risiko in verschiedene Kategorien ein, von A für Papiere, deren angenommenes Ausfallrisiko bei Null liegt, über B zu D. Je nach Risikogehalt wird ein ABS einer bestimmten Tranche zugewiesen – die größte Tranche besteht aus Papieren mit wenig Risiko – und wenig Renditeversprechen. Diese Papiere sind besonders für Banken, Pensionskassen und Investmentfonds interessant. Die risikoreichen Papiere – die die größten Gewinne versprachen – gingen zumeist an Hedgefonds.

Das Ende des Booms

Diese Abläufe funktionierten so lange reibungslos wie in Amerika die Zinsen niedrig waren und der Immobilienmarkt boomte. Als dieser Boom ein Ende fand, setzte ein Dominoeffekt ein, dessen Ausläufer auch den Autohersteller aus Rüsselsheim erfasste. Die Leitzinsen stiegen, der Wert der Immobilien fiel, die Banken blieben auf wertlosen Immobilien sitzen. Die ABS verloren rasch an Wert. Banken mussten plötzlich Sicherheiten vorlegen, die sie nicht hatten, die Kunden wollten reales Geld sehen, das es nicht gab. Untereinander wollten sich die Banken schließlich kein Geld mehr leihen, zu ungewiss war, wer noch wie viele Schrottpapiere in seinen Bilanzen hatte – und das traf am Ende auch die Wirtschaft, der wichtige Kredite versagt blieben.

Um die Liquiditätsengpässe der Banken zu beseitigen und die Auswirkungen auf die Realwirtschaft in Deutschland abzufedern, stieg die Bundesregierung mit zwei Konjunkturpaketen in den Ring, setzte Milliarden von Euro für Bürger, Banken und Wirtschaft ein und verbesserte die Finanzmarktaufsicht.