Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Russwurm, herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung und natürlich auch für die Einladung, die Möglichkeit hier zu sprechen.

Damit von Anfang an kein Missverständnis auftritt: Ich will hier ein ganz klares Bekenntnis zum Industriestandort Deutschland abgeben. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Viel wichtiger aber als das Bekenntnis zum Industriestandort - das bloße Bekenntnis - ist heute allerdings ein präziser Zukunftsplan für den Industriestandort Deutschland.

Denn unser Land steht vor einer historischen Veränderung. Darum braucht es eine neue Art politischer Führung. Wir müssen pragmatisch handeln. Wir müssen Dinge durchsetzen, gerade jetzt, in dieser Zeit, wo wir vor einer entscheidenden Weiche für unsere Volkswirtschaft stehen. Seit 250 Jahren wird unsere Wirtschaft von Kohle, Öl angetrieben, von Gas. Jetzt wird diese Epoche innerhalb von nur 25 Jahren zu Ende gehen.

Der Aufbruch wird gerade auch unsere deutsche Industrie deutlich verändern. Heute arbeiten viele Millionen Beschäftigte - Bau und unterstützende Dienstleistung noch gar nicht eingerechnet - in der Industrie. Heute rauchen an Orten wie Leverkusen, Leuna, Salzgitter oder Bremen noch Schornsteine, die diese fossilen Ressourcen verarbeiten.

Bald schon werden hier moderne Anlagen Treibhaus gerechte Grundstoffe auf Basis von Strom oder Wasserstoff produzieren. Ich will, dass die deutsche Industrie aus diesem Wandel nicht geschwächt hervorgeht, sondern gestärkt.

Der Anteil industrieller Wertschöpfung und die Zahl der industriellen Arbeitsplätze soll nicht sinken, sondern sie soll auch in den nächsten Jahren weiter steigen. Aber - das ist ganz wichtig, dass wir uns darüber vollständige Klarheit verschaffen - diese Veränderung, diese Transformation ist kein Selbstläufer. Sie fällt uns nicht in den Schoß und sie geschieht auch nicht einfach so.

Wir reden derzeit zum Beispielsehr viel über CO2-Bepreisung. Was manche vergessen, Sie aber alle ziemlich genau wissen: Den europäischen Emissionshandel für die Industrie, den haben wir schon. Der Preis am Markt liegt aktuell bei ungefähr 50 Euro pro Tonne CO2. Bei Mobilität und Wohnen haben wir bereits in diesem Jahr angefangen, aber - und das will ich an dieser Stelle ausdrücklich sagen - ein höherer CO2- Preis allein schafft noch keine einzige neue Stromleitung, keine einzige neue Anlage zur Elektrolyse und auch kein Wasserstoffnetz.

Denn das ist die Lage. Und darum ist jetzt auch die Zeit für Klartext: Wir sind auf die Art und das Ausmaß des Umbruchs, der jetzt vor uns steht, nicht wirklich vorbereitet. Wir führen nicht die richtigen Debatten über das, was wirklich wichtig ist. Wir denken viel zu klein und wir brauchen für viele Entscheidungen und Meinungsbildungsprozesse viel zu lange. Und im Ergebnis agieren wir viel zu mutlos.

Das muss sich dringend ändern. Ich will das festmachen an drei Beispielen, die mir ganz wichtig sind. Erstens, lassen Sie es mich so laut und klar sagen, die Stromlüge. Bis heute geht das Bundeswirtschaftsministerium davon aus, dass der Stromverbrauch bis 2030 konstant bleibt. Wer soll das glauben? Nicht nur, weil wir mehr E-Autos haben wollen oder Wärmepumpen eine größere Rolle spielen, es geht insbesondere um die industriellen Prozesse, für die sehr viel mehr Elektrizität benötigt wird und die muss zur Verfügung stehen.

Das alles hat natürlich Auswirkungen auf den Stromverbrauch und der wird massiv steigen. Tatsache ist, wir brauchen bis 2030 ungefähr 100 Terrawattstunden Strom zusätzlich. Und um das zu ersetzen von dieser abstrakten Zahl: Unser Strombedarf bis 2030 steigt dann Jahr für Jahr jeweils um den gesamten jährlichen Stromverbrauch einer Millionenstadt wie Hamburg.

Und wir kennen einige weitere Zahlen. Allein die Stahlindustrie benötigt für den Veränderungsprozess, den sie selber plant, wo es konkrete Planungen und Ideen und Investitionsvorhaben gibt, zwischen 4 und 8,5 Gigawatt installierte Leistung.

Zum Vergleich, damit man sich die Dimension gut vorstellen kann: Ende 2020 waren in allen deutschen Windparks zusammen 7,7 Gigawatt am Netz. Und auch danach ist noch nicht Schluss. Die deutsche Chemieindustrie ist bereit, klimaneutral zu produzieren. Ich habe mir das von vielen schildern lassen und ganz konkrete Pläne kennengelernt darüber, was zu tun ist und was geplant wird.

Aber dafür braucht sie Strom aus Wind und Sonne. Und zwar, wenn man die ganze Periode auch über 2030 hinaus weiter rechnet, circa 600 Terrawattstunden, das entspricht dem heutigen Stromverbrauch unseres gesamten Landes. Wer also behauptet, dass der Stromverbrauch bis 2030 gleich bleibt, belügt sich selbst und das Land.

Das Handelsblatt nennt das zu Recht Stromlüge. Und ich habe es auch getan. Diese Stromlüge hat Folgen: Die Planungen stimmen weder für den Ausbau der Stromerzeugung noch für die Stromtrassen. Und das ist mein zweites Beispiel: Der Netzausbau. Die laufenden Ausbauprojekte für die Stromnetze umfassen knapp 8.000 Kilometer. Diese 8.000 Kilometer brauchen wir unbedingt. Davon waren aber bis Ende 2020 nur 1.600 Kilometer fertiggestellt, weitere 800 Kilometer genehmigt oder im Bau.

Womöglich verzögert sich der Bau der elementarwichtigen Stromautobahnen Sued Link. Das alles dauert viel zu lange. Das alles kann nicht funktionieren, wenn es bei diesem Tempo bleibt. Aber wir verkünden, bis 2045 wollen wir in Deutschland klimaneutral sein. Das ist - ich sage es hier -ein gutes und richtiges Ziel.

Aber die Bedingungen, die dafür notwendig sind, die erfüllen wir gegenwärtig nur im Schneckentempo. Und das kann so nicht weitergehen, meine Damen und Herren. Es muss sich schon jemand mit aller Kraft kümmern um den Ausbau der Infrastruktur in Deutschland, um die Strom-, Wärme- und Gasnetze, um die Wasserstoff-Pipelines und die Ladesäulen.

Und deshalb ein drittes Beispiel: Wasserstoff. Es ist gut, dass wir im Rahmen des Konjunkturpakets viele Milliarden Euro investieren, um die Wasserstoffwirtschaft anzutreiben. Nicht so gut ist, dass es sehr viel Mühe gekostet hat, das zuständige Ministerium davon zu überzeugen, dass wir in dieser Größenordnung einsteigen müssen, was die Ausbauziele betrifft.

5 Gigawatt bis 2030, das kann nur ein erster Schritt sein. Wir werden einen Teil des benötigten Wasserstoff importieren müssen, klar. Aber zugleich wollen wir Deutschland zu einem Leitmarkt für die Elektrolyse-Technologie machen. Und wenn man das alles anschaut, kann man nur sagen, das alles passt heute nicht zusammen.

Das ist ungefähr so, als wollten wir das Zeitalter der Eisenbahn einläuten, ohne Schienen zu verlegen. Wir müssen deshalb viel größer denken. Wir müssen viel mutiger werden und wir dürfen nicht länger warten. Je länger wir warten, desto teurer wird der Umstieg für die Unternehmen und für unsere Volkswirtschaft insgesamt.

Die Erfahrung, die wir haben, zeigt: "they never come back", Branchen und Arbeitsplätze, die einmalweg sind, kehren nicht wieder zurück. Darin liegt die große Gefahr für die nächsten Jahre. Die Transformation unserer Wirtschaft und Industrie ist eine der elementaren Fragen unserer Zeit. Sie erfordert klare politische Orientierung und präzises Handwerk.

Die Zeit der Lippenbekenntnisse und des Wünschens ist abgelaufen. Sie muss abgelaufen sein. Es geht jetzt ums Machen, ums Hinbekommen und um Leadership. Das wird hart. Die Bewältigung eines historischen industriellen Umbruchs geht nicht mehr nach dem Motto "Allen wohl und niemand weh".

Und alle müssen beitragen. Es darf dann auch keine Landesregierung mehr geben, die grün redet, aber nichts tut für den Ausbau der Windenergie, auch keine Politiker, die im Landtagswahlkampf gegen Windräder Stimmung machen. Ich stehe dafür, dass die 2020er Jahre eine neue Epoche von Wohlstand und Wachstum werden.

Eine Ära, in der wir die entscheidenden Pfeiler setzen, damit wir klimaneutral werden und Industrieland bleiben. Eine Ära, in der neue, gut bezahlte Arbeitsplätze für Ingenieure und Facharbeiter entstehen. Eine Ära, in der Klimaschutz made in Germany zum Exportschlager wird. Eine Ära, in der wir unseren Beitrag leisten, damit unsere Welt besser und sicherer wird.

Nach dem Ausstieg aus Atom und Kohle wird der entschlossene Ausbau der erneuerbaren Energien die wichtigste industriepolitische Aufgabe unserer Zeit. Darum werde ich bereits in den ersten 100 Tagen meiner Amtszeit eine umfassende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes auf den Weg bringen.

Die Ausbauziele für Wind und Photovoltaik werden wir deutlich anheben. Und zwar nicht ausgehend vom Strombedarf des Jahres 2030, sondern vom tatsächlichen Strombedarf im Jahr 2045, wenn wir klimaneutral leben und wirtschaften wollen. Wir müssen endlich anfangen, die Energiewende vom Ende her zu denken.

Und gleichzeitig ist klar, Strom muss in Deutschland günstiger werden. Denn unsere Unternehmen müssen im internationalen Wettbewerb bestehen können. Darum werden wir die EEG-Umlage bis 2025 abschaffen und die Abgaben und Umlagen im Energiebereich neu ordnen.

Mein Ziel ist ein Industriestrompreis von 4 Cent. Entscheidend ist auch hier: Wir müssen den Ausbau nicht nur auf dem Papier steigern, sondern in der Realität. Und darum werde ich in den ersten Monaten auch dafür sorgen, dass Gesetze vorgelegt werden, die Planungen und Genehmigungen in Deutschland beschleunigen.

Dazu gehören Erleichterungen im Baurecht, im Emissionsschutzrecht und im Raumordnungsrecht. Dabei werden wir auch den andauernden Konflikt zwischen Energiewende und Artenschutz lösen.

Das bedeutet Debatten über Zielkonflikte, ja. Aber diese Zielkonflikte werden wir dann auch lösen und entscheiden. Wir können nicht immer so tun, als wären alle Interessen immer miteinander vereinbar, wenn man nur lange genug redet, wenn man Kommissionen gründet und immer neue Gutachten beauftragt.

Die Energiewende muss jetzt Vorrang haben. Und lassen Sie mich das auch sagen: Deutschland hat eine Wette abgeschlossen. Die lautet, Industrieland bleiben, aus der Kohleverstromung aussteigen und nächstes Jahr aus der Nutzung der Nuklearenergie.

Unsere Nachbarn setzen zum Beispiel oft auf Nuklearenergie oder auf Nuklearenergie und Wasserkraft, weil sie davon viel haben, und ein bisschen Windenergie. Deutschland - als das erfolgreichste Industrieland mitten in Europa mit seiner starken Industrie, die wir auch jetzt wiedersehen in dieser Krise -, das ist das Land, das jetzt einen Weg hat, der ihm offen steht.

Nämlich dass wir die Erzeugungskapazitäten in den von mir beschriebenen Dimensionen, in dem von mir beschriebenen Tempo ausbauen, und dass wir sofort am Beginn der nächsten Legislaturperiode alle Gesetze ändern, damit das klappt.

Wir können nicht eine solche Wette eingehen und vorher schon wissen, dass wir sie nicht gewinnen können. Das wäre absurd, meine Damen und Herren. Und da muss man ja der Wahrheit die Ehre geben. All die Gesetze, die wir heute haben, alle Regelungen, die wir heute haben, führen dazu, dass wir nicht rechtzeitig fertig werden.

Deshalb ist das keine triviale Frage, obwir uns trauen, das sofort zu ändern, weil wir sonst niemals in der geplanten Zeit fertig werden. Und deshalb gilt auch für vieles, was wir jetzt auf den Weg bringen: Wir müssen raus aus dem Modus der Modellprojekte. Gerade beim Wasserstoff brauchen wir einen zügigen industriellen Hochlauf und wir sind ein bisschen wie in einer anderen Zeit.

Als ich habe vor kurzem im Industriepark Leuna besucht habe, das war für mich sehr interessant. Da ist auch viel Industrie immer noch tätigmit hohem Bedarf an Strom und auch an Wasserstoff. Aber das haben die mir dort erzählt: Der ist 1916 auf der grünen Wiese geplant worden, war ein Jahr später fertig mit 10.000 Beschäftigten- ich hoffe, das stimmt, was ich da gehört habe - und es sind lauter Technologien eingesetzt worden, die vorher nur im Labor und im kleinen Maßstab ausprobiert wurden.

In einer solchen Phase befindet sich die deutsche Industrie. Aber was wir gekonnt haben, das können wir auch heute, wenn wir uns alle zusammenreißen und das Miteinander zustande bringen.

Das bedeutet, wir sollten in der ersten Phase des Markthochlaufes nicht lang und breit über die Farbe des Wasserstoffs diskutieren, um bei diesem Thema nochmal zu bleiben. So kommen wir beim Umstieg auf die Wasserstoffwirtschaft nicht voran. Auch hier gilt, wir brauchen keine ideologischen Dogmen, sondern pragmatisches Handeln.

Und genau das ist mein Angebot an Sie, das ist mein Angebot an die deutsche Industrie. Klar ist, viele alte Verfahren und Technologien sind nicht mehr lange zukunftsfähig. Viele neue Verfahren und Technologien sind noch sehr teuer. Darum brauchen wir auch einen wirklichen Zukunftsplan.

Der Staat baut eine verlässliche Brücke, damit Sie, die Unternehmen, auf Klimaneutralität setzen können. Auch dann, wenn die neuen Verfahren und Technologien noch nicht unmittelbar rentabel sind. Deshalb werden wir die Umrüstung der Grundstoffindustrie weiter großzügig fördern.

Damit klimaneutrale Produkte wie grüner Stahlauf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind, werden wir sie mit Klimaschutz-Verträgen absichern.Konkret: Der Staat wird mehr Kosten ausgleichen. Ebenfalls klar ist, wir brauchen ein "levelplaying field" im internationalen Handel. Für die nächsten Jahre bedeutet das, dass die freie Zuteilung von Emissionszertifikaten beibehalten werden muss.

Parallel werden wir ein System entwickeln, das die europäische Industrie zuverlässig vor "carbon leakage" schützt, ohne neue Handelskonflikte zu provozieren. Ich habe dazu im Kreis der G7-Staateneine Initiative zur Gründungeines Klima-Clubs eingebracht. Ich will, dass sich die ambitionierten Industrieländer verständigen, wie wir gemeinsam vorgehen werden.

Und dass wir dann auch offen sind für andere. Das wird ein Schwerpunkt der deutschen Außenpolitik in den kommenden Jahren sein, denn das ist eine zentrale Frage für die Arbeitsplätze in Deutschland. Ob und wie die deutsche Industrie klimaneutral wird, das liegt vor allem in den Händen der Unternehmen und ihrer Beschäftigten. Ich bin überzeugt, hier liegen riesige Chancen und Potenziale.

Aber Sie müssen sich darauf verlassen können, dass die Bundesregierung auf dem Platz ist, dass sie die Rahmenbedingungen schafft, die Sie für Ihren Erfolg benötigen. Deutschland ist ein großes und stolzes Industrieland. Das muss im 21. Jahrhundert so bleiben.

Und gerade deshalb liegt jetzt vor uns eine große Transformation, ein Umbruch von historischem Ausmaß. Erfolgreich sind wir in Deutschland eben nicht bereits dann, wenn wir es schaffen, unsere Emissionen zu reduzieren.

Erfolgreich sind wir hier bei uns in Deutschland nur, wenn wir zugleich Emissionsminderung, Wettbewerbsfähigkeit und die nachhaltige Sicherung von Arbeitsplätzen hinkriegen.

Das ist das Ziel. Und den Weg zu diesem Ziel müssen wir ab sofort einschlagen. Um es klar zu sagen: Diese Transformation will ich als Bundeskanzler nicht moderieren, sondern mit höchster Priorität vorantreiben.

Das wird Chefsache und direkt aus dem Bundeskanzleramt gesteuert. Und Sie sollen mich dann an meinen Taten messen.

Jetzt aber lassen Sie unsgemeinsam die Ärmel aufkrempeln. Es ist höchste Zeit. Schönen Dank.