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15.02.2012

Musik.Zeit.Geschehen, Teil 2: Auf der Mauer, auf der Lauer – Klassik und Jazz in der DDR

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Am 15. Februar 2012 richtete das Bundesfinanzministerium mit der Veranstaltungsreihe Musik.Zeit.Geschehen ein zweites Mal den Blick auf die bewegte Geschichte seines Dienstgebäudes. „Das Detlev-Rohwedder-Haus spiegelt die jüngere deutsche Geschichte wider wie kaum ein anderes Gebäude im politischen Berlin.

Mit unserer Veranstaltungsreihe Musik.Zeit.Geschehen wollen wir diese erlebbar machen und zu einer Auseinandersetzung mit ihr einladen“, so Steffen Kampeter, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Vater der Reihe. Dieses Mal begaben sich rund 400 Besucher auf eine Zeitreise in die ehemalige DDR.

Das Gebäude, in dem heute das Bundesministerium der Finanzen seinen Sitz hat, war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Schauplatz zentraler Ereignisse der DDR-Geschichte. Nicht nur wurde die DDR im Großen Saal des Gebäudes gegründet, als „Haus der Ministerien“ und damit politische Schaltzentrale des SED-Regimes wurde das Gebäude eines der Ziele des Aufstandes vom 17. Juni 1953. Nach der Wiedervereinigung diente das Gebäude als Sitz der Treuhandanstalt.

Etwas von dieser Zeit und ihrer Atmosphäre hat die zweite Veranstaltung der Reihe Musik.Zeit.Geschehen in unterschiedlichen Formen – Diskussionen, Vorträgen, Konzerten und Begegnungen – zum Vorschein gebracht.

Der weltbekannte RIAS Kammerchor und das Berliner Spitzenensemble Sonar Quartett intonierten „klassische“ neue Musik der DDR von bedeutenden Komponisten wie Leo Spies, Ruth Zechlin, Friedrich Schenker, Manfred Schlenker und Helmut Zapf. Prof. Dr. Frank Schneider, langjähriger Intendant des Berliner Konzerthauses, bemerkte dazu: „Was sich dergestalt in einem konfliktreichen Prozess als spezifisch musikalische Moderne der DDR etablierte, überzeugte technisch durch einen unbedingten Willen zu klangsprachlicher Erneuerung und inhaltlich durch eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen im Lande.“

Für Emotionen der besonderen Art sorgte die Nationalhymne der ehemaligen DDR von Hanns Eisler, mit der die Gäste vom RIAS Kammerchor zur Veranstaltung begrüßt wurden. Der Text, der lange Zeit in der DDR nicht gesungen werden durfte – „Deutschland, einig Vaterland“ – rührte viele Betroffene am historischen Ort zu Tränen, bei Anderen wiederum sorgte allein das Anstimmen der Melodie durch persönliche Erlebnisse in der damaligen Zeit für Bauchschmerzen. Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der ganz speziellen Art.

Ganz und gar speziell war auch das Stück „fuga in circulus vitiosus“ von Helmut Zapf, das eigens für diesen Abend komponiert und unter der Regie des Komponisten höchstpersönlich mit Sängern des RIAS Kammerchores uraufgeführt wurde. Die Besucher konnten bei einer musikalischen Wanderung durch das Rohwedder-Haus erleben, wie Zwischenraumbespielung klingt: „Durch das Besetzen einzelner Kabinen des Paternoster entsteht eine Art permutierende Klangfuge. Mehrmals entsteht aus dem gleichen Material durch das unterschiedliche Zusammentreffen zweier Kabinen auf den jeweiligen Etagen eine Klangkonstellation, die von dem durch die Etagen des Hauses umherirrenden „Volk“ immer anders und nur zufällig erlebt werden kann“, so Zapf.

Wie es möglich war, dass sich in einem restriktiven politischen System wie der DDR mit dem Free Jazz eine der freiesten Existenzformen zeitgenössischer Klangkunst auf höchstem Niveau entfalten konnte, diskutierten die Jazz-Koryphäen Wolf Kampmann, Karlheinz Drechsel und Mathias Bäumel mit Jazz-Legende Gunter „Baby“ Sommer im zweiten Teil des Abends. Letzterer sorgte abschließend am Schlagzeug mit seinem kongenialen Spielpartner Ulrich Gumpert am Flügel für ein „Finale Grande“ und brachte Freude und Begeisterung in einen Saal voller Menschen, in dem einst die DDR ausgerufen wurde und die Nazis herumgepoltert hatten.

Zwei Ausstellungen bildeten einen kunstvollen Rahmen für die Veranstaltung: In der Gemäldeserie „Mauerköpfe“ von Klaus Tober (1950-1994) wurde die Wendeproblematik dargestellt und die Auseinandersetzung mit der großen gesellschaftlichen Veränderung in der ehemaligen DDR. Eine Sammlung von Kunst aus dem ehemaligen Palast der Republik bot einen Überblick über bedeutende Maler der damaligen Zeit wie Karl Hermann Roehricht, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig oder Walter Womacka, deren Themen ein breites Spektrum der sozialistisch-realistischen Kunst abdeckten.

Der Abend war für alle Mitwirkenden sowohl nachdenklich als auch erbaulich: „Mich hat die Veranstaltung wirklich sehr berührt. Vom Publikum kamen Reaktionen, die ich so wirklich nicht erwartet hätte und immer tiefer sacken. Ich werde wohl noch ein paar Tage brauchen, um all das vollständig zu verarbeiten“, so Musikexperte Wolf Kampmann, der durch die Diskussionen des Abends führte.

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