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    Klei­nen und mitt­le­ren Un­ter­neh­men den Weg frei ma­chen: G20-Work­shop zur KMU-Fi­nan­zie­rung

    • Am 24. Februar 2017 trafen sich G20-Mitglieder in der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Frankfurt am Main, um über die Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu sprechen. Thema des Workshops war es, KMU in globale Wertschöpfungsketten zu integrieren, insbesondere durch verbesserten Zugang zu Finanzierung.
    • Das Besondere an dem Treffen: Nicht nur die G20-Mitglieder im Finanzstrang, also Vertreter der Zentralbanken und Finanzministerien, nahmen teil, sondern auch Vertreter von Förder- und Entwicklungsbanken, von Geschäftsbanken und FinTechs, sowie von kleinen und mittleren Unternehmen.
    • Die Teilnehmer tauschten sich über die Rolle von Entwicklungsbanken, politischen und regulatorischen Entscheidungen sowie innovativen Finanzprodukten bei der Schließung von Finanzierungslücken aus. Erörtert wurde auch die Frage, wie KMU der Zugang zu nachhaltigen internationalen Lieferketten erleichtert werden kann.

    KMU-Finanzierung als Thema der deutschen G20-Präsidentschaft

    Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU) das Rückgrat der Wirtschaft. Nach Schätzungen der Weltbank sind weltweit 90 % aller Firmen dieser Kategorie zuzuordnen und etwa 50 % der Beschäftigten sind in KMU beschäftigt.

    Kleine und mittlere Unternehmen

    Da die Struktur der Volkswirtschaften weltweit sehr unterschiedlich ist, ist auch die Definition von KMU unterschiedlich. In der Europäischen Union gilt gemäß Empfehlung 2003/361/EG ein Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern und entweder weniger als 50 Mio. € Jahresumsatz oder weniger als 43 Mio. € Bilanzsumme als KMU. In China sind es hingegen z. B. weniger als 1.000 Mitarbeiter und betriebliche Erträge von weniger als circa 55 Mio. €, wobei die Definition außerdem von der Branche abhängt. In vergleichenden Studien internationaler Organisationen wie z. B. der Weltbank wird daher in der Regel für jedes Land die jeweils nationale Definition zugrunde gelegt.

    Wenn KMU wachsen und expandieren, stoßen sie häufig auf Barrieren. Gleiches gilt, wenn KMU auf langfristig nachhaltige Produktion umstellen oder den Arbeitsschutz verbessern wollen. Die notwendigen Investitionen können kleine Unternehmen in der Regel nicht aus laufenden Einnahmen finanzieren. Der Zugang zu Krediten oder die Finanzierung über Eigenkapital ist für KMU aber in der Regel schwieriger als für große Unternehmen: Kreditgeber und Investoren schätzen das Risiko eines Kreditausfalls oft als größer ein und scheuen bei kleineren Kreditsummen die Kosten der Kreditvergabe. Erschwerend kommt hinzu, dass KMU häufig weniger Sicherheiten – wie z. B. Gebäude und Grundstücke – vorweisen können. Besonders für Startups stellt das ein Problem dar. Der Anteil der Unternehmen, die den Zugang zu Finanzierungen als großes Hindernis wahrnehmen, schwankt zwischen den Ländern erheblich (siehe Abbildung 1). Besonders gravierend ist das Problem des Finanzierungszugangs für Unternehmen in Subsahara-Afrika. Der Prozentsatz der Unternehmen, die Finanzierungszugang als großes Hindernis wahrnehmen, liegt dort bei 37 %. Ein internationaler Erfahrungsaustausch, wie er in der G20 stattfindet, hilft voneinander zu lernen. Zu diesem wichtigen Thema fand deshalb am 24. Februar 2017 ein G20-Workshop unter dem Titel „KMU den Weg frei machen – Fortschritte bei der Finanzierung von KMU“ („Helping SMEs go global – Moving forward in SME Finance“) in der KfW in Frankfurt statt. Gastgeber waren das Bundesministerium der Finanzen (BMF) zusammen mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der KfW sowie das SME Finance Forum. Im Fokus des Workshops stand die Frage, wie KMU der Zugang zu Finanzierung erleichtert werden kann, damit sie nachhaltig wachsen, Arbeitsplätze schaffen und die Volkswirtschaften insgesamt widerstandsfähiger machen können.

    Das SME Finance Forum

    wurde 2012 durch die G20-Arbeitsgruppe Global Partnership for Financial Inclusion (GPFI, siehe Infobox) gegründet und der International Finance Corporation (IFC), Teil der Weltbankgruppe, angegliedert. Das SME Finance Forum sammelt Daten, Forschungsergebnisse und bewährte Praxislösungen im Zusammenhang mit der Finanzierung von KMU. Dabei stützt es sich auf ein Netzwerk aus Privatsektor-Vertretern (Geschäftsbanken, FinTechs, Förderbanken), die Expertise im Bereich KMU-Finanzierung haben.

    Grafik zeigt den Prozentsatz der Unternehmen, die Finanzierungszugang als großes Hindernis wahrnehmen
    Abbildung 1

    Anders als bei klassischen G20-Treffen im sogenannten Finanzstrang kamen nicht nur Vertreter der Finanzministerien und Zentralbanken zusammen, sondern auch Vertreter von Entwicklungs- und Förderbanken, sowie Vertreter des Privatsektors, d. h. aus Geschäftsbanken, FinTechs und KMU. All jene, die Expertise und Erfahrungen im Bereich von KMU-Finanzierung haben, sollten an einen Tisch gebracht werden.

    FinTechs

    setzt sich aus den Worten „Financial Service“ und „Technology“ zusammen. Unter „FinTechs“ werden junge, innovative Unternehmen verstanden, die ihre Dienstleistungen im Finanzbereich auf Basis technologischer Neuerungen anbieten. „FinTechs“ treten teils in Konkurrenz zu hergebrachten Finanzdienstleistern, kooperieren teils mit ihnen und komplettieren deren Produktpalette.

    KMU in nachhaltigen globalen Wertschöpfungsketten

    Im ersten von vier Abschnitten des Workshops ging es darum, wie KMU der Zugang zu globalen Wertschöpfungsketten erleichtert werden kann. Das Augenmerk lag hier insbesondere darauf, wie es KMU ermöglicht werden kann, Sozial- und Umweltstandards zu erfüllen, da große Unternehmen dies zunehmend von ihren Zulieferern erwarten, weil auch Konsumenten immer stärker auf die ökologischen und sozialen Folgen ihres Konsums achten. Die damit verbundenen Investitionen stellen für KMU ein Hindernis dar und oft ist ihnen auch die Notwendigkeit nicht ausreichend bewusst.

    Verschiedene Unternehmensvertreter stellten Beispiele vor, wie KMU, die in Wertschöpfungsketten eingebunden sind, Finanzierungszugang erhalten und wie man Anreize für KMU setzen kann, Sozial- und Umweltstandards einzuhalten.

    Im Rahmen der G20 Global Partnership for Financial Inclusion wird eine Studie erstellt, in der diese Ansätze gesammelt werden.

    Die Global Partnership for Financial Inclusion

    ist eine Arbeitsgruppe, die 2010 in Seoul von der G20 gegründet wurde, um den „G20 Financial Inclusion Action Plan“ umzusetzen. Sie bindet alle relevanten Akteure, insbesondere G20-, aber auch Nicht-G20-Länder, den Privatsektor, NGOs und internationale Standardsetzer ein. Die GPFI wird von der jeweiligen G20-Troika (derzeit Deutschland mit China und Argentinien) geleitet. Die GPFI hat vier Unter-Arbeitsgruppen:

    1. Regulierung und Standardsetzung,
    2. KMU-Finanzierung,
    3. finanzieller Konsumentenschutz und finanzielle Bildung und
    4. Markt- und Zahlungssysteme.

    Mehr Informationen unter www.gpfi.org

    Ein Experte eines großen Konzerns erläuterte, wie sich sein Unternehmen mit Zulieferern und Finanzdienstleistern über eine Plattform vernetzt. KMU können über diese Plattform ihre an den Konzern gestellte Rechnung an die Finanzdienstleister verkaufen und eine Vorauszahlung bekommen. Auf diese Weise stehen ihnen Finanzmittel zur Verfügung, die sie für die Prozessoptimierung und für Investitionen nutzen können. Um zusätzlich einen Anreiz zu schaffen, Sozial- und Umweltstandards einzuhalten, verlangt der Konzern für die Benutzung der Plattform eine Gebühr, deren Höhe davon abhängt, ob sich der Zulieferer an diese Standards hält.

    In einem weiteren Beispiel wurde dargestellt, wie Daten über die Geschäftstätigkeit von KMU, erfasst über eine Smartphone-App, helfen können, die Kreditwürdigkeit des KMU zu bewerten.

    Die Rolle von FinTechs bei der KMU-Finanzierung

    FinTechs haben großes Potenzial, KMU den Finanzierungszugang zu erleichtern. Dies gilt gerade für Entwicklungsländer. Insbesondere Zahlungsverkehrsdienstleistungen, z. B. über das Smartphone, sind ein vielversprechender Türöffner für bisher ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen. Die Nutzung innovativer Technologien ist in den G20-Ländern und darüber hinaus sehr unterschiedlich ausgeprägt (siehe Abbildung 2).

    Bevölkerung (über 15 Jahre), die schon einmal mit dem Mobiltelefon gezahlt hat

    in %

    Bal­ken­dia­gramm: Be­völ­ke­rung (über 15 Jah­re), die schon ein­mal mit dem Mo­bil­te­le­fon ge­zahlt hat
    Quellen: Weltbank G20 Financial Inclusion Indicators, http://databank.worldbank.org/data/reports.aspx?source=g20-basic-set-of-financial-inclusion-indicators
    Country NameProzent der Bevölkerung (+15), die schon einmal mit dem Mobiltelefon gezahlt hat
    Argentinien1,9843926
    Australien33,262482
    Brasilien3,6567779
    China14,302691
    Deutschland12,752207
    Frankfreich11,887249
    Großbritanien29,691225
    Indien4,6991916
    Indonesien1,618392
    Italien6,9866018
    Japan5,6245418
    Kanada27,274168
    Mexiko5,1367941
    Russland13,922538
    Saudi Arabien10,924589
    Südafrika21,301357
    Südkorea32,949688
    Türkei4,4841094
    USA31,753736
    Abbildung 2

    Unter dem Programmpunkt „Die Rolle innovativer Finanzierungsinstrumente bei der Entwicklung von KMU“ („The Role of Innovative Finance in SME Development”) stellten vier FinTech-Unternehmen ihr Geschäftsmodell vor. Im Anschluss diskutierten die vier Unternehmer mit den Parlamentarischen Staatssekretären Jens Spahn (BMF) und Thomas Silberhorn (BMZ) sowie KfW-Vorstandsmitglied Dr. Ingrid Hengster über das Potenzial und die Risiken von FinTechs bei der KMU-Finanzierung.

    FinTech Allied Crowds stellte vor, wie KMU mithilfe eines Algorithmus eine Datenbank zu alternativen Finanzierern – wie Crowdfunding, Venture Capital, Business-Angel-Netzwerke – durchsuchen können um potenzielle Investoren zu finden. Dabei kann auch in Erfahrung gebracht werden, in welchen Ländern welche Finanzmarktsegmente besonders stark oder schwach ausgeprägt sind.

    Mekar ist ein FinTech aus Indonesien, das vom persönlichen Kundenkontakt zu KMU abgekommen ist. Dieser war ohne flächendenkende Filial-Struktur, wie Banken sie haben, nicht zu leisten; das Aufdecken von Betrug und das Eintreiben von ausstehenden Krediten waren besondere Schwierigkeiten. Stattdessen arbeitet Mekar nun für Finanzinstitute. Diesen stellt es Dienstleistungen wie Crowdfunding für KMU-Kredite, sowie eine Vermittlung an interessierte KMU-Kunden zur Verfügung.

    Zoona, ein afrikanisches FinTech, bietet „Business in a Box“ an: In einem Franchise-System können sich Menschen selbstständig machen, indem sie in ihren Heimatorten Finanzdienstleistungen anbieten. Dies hat insbesondere die finanzielle Selbstständigkeit von Frauen gefördert.

    Schließlich demonstrierte awamo, ebenfalls tätig in Afrika, seine digitale Lösung für Mikrofinanzinstitute. Per biometrischer Identifikation und mithilfe eines Kredit-Scoring-Systems können sich Mikrofinanzinstitute untereinander über gute und schlechte Schuldner austauschen.

    Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass die Zusammenarbeit zwischen FinTechs und traditionellen Banken in Zukunft weiter zunehmen wird. Einvernehmen bestand auch darin, dass FinTechs in Bezug auf verbesserten Finanzierungszugang für KMU großes Potenzial haben. Als zukünftig wichtiges Thema wurde auch „Big Data“ genannt – die Nutzung großer Datenmengen, auch aus ungewöhnlichen Quellen wie sozialen Netzwerken, z. B. zur Prüfung von Kreditwürdigkeit. Dem Thema Datenschutz wurde große Bedeutung beigemessen. Gleichzeitig müsse man die Finanzstabilitätsrisiken, den Konsumentenschutz und die Cyber-Sicherheit im Blick behalten, die sich aus neuen Technologien ergeben können. Der Parlamentarische Staatssekretär Jens Spahn betonte, dass Regulierung technologieneutral sein müsse: „Man sollte nicht Technologien regulieren, sondern Geschäftsmodelle – eine Bank bleibt eine Bank“.

    Wie können Entwicklungsbanken zur KMU-Finanzierung beitragen?

    Förderbanken können bei der KMU-Finanzierung eine wichtige Rolle spielen. Die Konferenzteilnehmer diskutierten folgende Fragen: Wie kann öffentliche Förderung bewirken, dass mehr private Geldgeber in die KMU-Finanzierung einsteigen aber gleichzeitig der Privatsektor (Banken u. a.) nicht verdrängt wird? Wie können Entwicklungsbanken sicherstellen, dass ihre Förderung über das Programmende hinaus nachhaltig wirkt? Können Entwicklungsbanken einen Beitrag über die Finanzierung hinaus leisten, z. B. Fortbildung?

    Die Small Industries Development Bank of India erläuterte, wie eine innovative digitale Plattform helfen kann, KMU mit Geldgebern zu vernetzen. Die Central American Bank for Economic Integration, die KfW und die Agence Française de Développement berichteten über ihre Erfahrungen mit Garantieprogrammen, die Kombination von Finanzierung mit Weiterbildung, sowohl für Banken als auch für KMU selbst, und die Finanzierung durch internationale Geldgeber in lokaler Währung, statt z. B. in Euro oder US-Dollar. Lokale Präsenz zu zeigen sei für Entwicklungsbanken ein entscheidender Faktor für den Erfolg, da so die Umsetzung von Politikzielen durch Geschäftsbanken besser kontrolliert und z. B. Weiterbildungsbedarf identifiziert werden kann. An der Messbarkeit des Erfolgs von KMU-Förderprogrammen müsse weiter gearbeitet werden.

    Die Rolle von Politik und Regulierung

    Vorteilhafte Rahmenbedingungen, u. a. ein solides regulatorisches Umfeld, sind für das Entstehen einer stabilen Kreditinfrastruktur für KMU unabdingbar. Im letzten Teil des Workshops wurde diskutiert, welche Bedeutung konkrete politische und regulatorische Maßnahmen zur Förderung des Umfelds für KMU-Finanzierungen haben.

    Die Türkei berichtete von der Schaffung eines Registers für bewegliche Sicherheiten, der Förderung von Eigenkapitalfinanzierung für innovative Startups und einem Garantieprogramm für Kredite.

    Als Vertreter des Privatsektors berichteten ein FinTech aus Großbritannien und eine Bank aus Kenia, wie regulatorische Reformen ihre Finanzierungstätigkeit beeinflusst haben. Positiven Anklang fand die britische Praxis, wonach Banken, die Kreditgesuche von KMU ablehnen, verpflichtet werden, die Unternehmen an alternative Finanzdienstleister zu verweisen.

    Diese Diskussion fand vor dem Hintergrund des G20f-Aktionsplans zur KMU-Finanzierung („G20 Action Plan on SME Financing“) statt. Zentrales Element des G20-Aktionsplans ist die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für die KMU-Finanzierung. Drei Reformbereiche stehen im Zentrum:

    1. die Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Kreditauskunftswesen von KMU
    2. Reformen, die es erleichtern sollen, Kredite gegen bewegliche Sicherheiten aufzunehmen
    3. Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen für Insolvenzen.

    Abbildung 3 zeigt, wie bedeutsam es für Finanzierungszusagen ist, eine größere Anzahl an Wertgegenständen als Sicherheit hinterlegen zu können (Reformbereich 2). Während der deutschen G20-Präsidentschaft soll die Implementierung dieses Aktionsplans vorangebracht werden. Die G20-Länder werden regelmäßig zum Stand der Implementierung in ihren Ländern berichten.

    Balkendiagramm: Rolle von Sicherheiten bei der Kreditvergabe. Angaben in Prozent.

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