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    Ri­si­ko­ab­bau im eu­ro­päi­schen Ban­ken­sek­tor: Not­lei­den­de Kre­di­te blei­ben wich­ti­ge Her­aus­for­de­rung

    • Im Zuge der Finanzkrise ist der Bestand an notleidenden Krediten in den Bilanzen einiger europäischer Banken deutlich angestiegen.
    • Im Gegensatz beispielsweise zu den USA hat in Teilen Europas trotz positivem Trend noch keine ausreichende Bilanzbereinigung stattgefunden.
    • Notleidende Kredite stellen weiterhin ein Risiko für die Stabilität des europäischen Finanzsystems dar und hemmen die wirtschaftliche Erholung in einigen Ländern.
    • Der ECOFIN-Rat hat daher im Juli 2017 einen Aktionsplan verabschiedet, der den Abbau von notleidenden Krediten unterstützen soll und dessen konsequente Umsetzung nun erforderlich ist.
    • Das derzeitig positive makroökonomische Umfeld sollte für die Beschleunigung des Risikoabbaus im Bankensektor genutzt werden.

    Einleitung

    Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) sieht in ihrer jüngsten Einschätzung zur Risikolage des europäischen Bankensystems1 Fortschritte beim Abbau von notleidenden Krediten („Non-performing Loans“, NPL). Gleichzeitig stellt die EBA allerdings fest, dass der noch immer hohe Bestand an notleidenden Krediten in einigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) weiterhin eine wichtige Risikoquelle darstellt. Grundsätzlich sind Kreditverschlechterungen beziehungsweise -ausfälle zwar normale Bestandteile und Risiken des Bankgeschäfts. Auch ist ein Anstieg von notleidenden Krediten im Zuge von wirtschaftlichen Krisen nicht ungewöhnlich. Einige europäische Banken leiden allerdings heute noch immer erheblich unter den Folgen der Finanzkrise und bauen ihre hohen Bestände an notleidenden Krediten nur zögerlich ab. Notleidende Kredite belasten in erster Linie die Profitabilität der betroffenen Kreditinstitute, können sich allerdings auch zu einem Risiko für die Finanzmarktstabilität entwickeln und wirtschaftliches Wachstum bremsen. Regierungen, Aufsichtsbehörden und Ökonomen sind sich darin einig, dass eine zügige und nachhaltige Bilanzbereinigung erforderlich ist, um die nach wie vor bestehenden Risiken im Bankensystem zu reduzieren. Das derzeitig günstige makroökonomische Umfeld sollte dafür genutzt werden.

    Allerdings gibt es kein Patentrezept für den Umgang mit notleidenden Krediten, da die Ursachen äußerst vielfältig sind. Im „Fahrplan“ zur Vollendung der Bankenunion aus dem Juni 2016 hat der ECOFIN-Rat bereits auf die Bedeutung der Problematik notleidender Kredite hingewiesen. Im Juli 2017 hat der ECOFIN-Rat zudem ein umfangreiches Maßnahmenpaket zum Abbau notleidender Kredite verabschiedet, das verschiedene Ursachen adressiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) arbeitet als Aufseher über die wichtigsten europäischen Institute überdies an Leitlinien zum Umgang mit notleidenden Krediten.

    Grundlagen

    Nach Definition der EBA sind Kredite dann als notleidend einzustufen, wenn ein Verzug von Zins- oder Tilgungszahlungen seit mindestens 90 Tagen vorliegt oder es Anzeichen für eine drohende Nichtzahlung gibt. Insbesondere in Krisenzeiten steigt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Kreditnehmer ihren Zahlungsverpflichtungen nicht oder nur eingeschränkt nachkommen können. Für den Kreditgeber bedeutet dies, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zukünftig Verluste zu realisieren hat – auch wenn natürlich die Möglichkeit besteht, dass sich der Schuldner „erholt“ und wieder zahlungsfähig wird.

    Im Zuge der Finanzkrise sind viele Schuldner in Zahlungsschwierigkeiten geraten, woraufhin das NPL-Volumen in den europäischen Bankbilanzen deutlich angestiegen ist. Während beispielsweise in den USA der Berg „fauler“ Kredite konsequent abgebaut wurde, sind einige europäische Banken noch immer stark betroffen. Insgesamt werden nach Angaben der EBA in der EU Kredite in Höhe von 893 Mrd. € als notleidend eingestuft – dies entspricht einem Anteil notleidender Kredite am gesamten Kreditvolumen (sogenannte NPL-Quote) von 4,5 %2. Zwar ist in einem Großteil der europäischen Staaten ein rückläufiger Trend erkennbar, im historischen Vergleich sind die Volumina allerdings immer noch deutlich zu hoch. Die Quoten variieren erheblich zwischen den europäischen Mitgliedstaaten. Einige Bankensektoren weisen beispielsweise NPL-Quoten von annähernd 50 % auf, während andere Mitgliedstaaten scheinbar überhaupt nicht betroffen sind. Deutschland liegt mit einer NPL-Quote von aktuell 2,2 % deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.

    Abbildung 1 zeigt jeweils den Anteil notleidender Kredite am gesamten Kreditvolumen in den einzelnen europäischen Ländern.

    An­teil not­lei­den­der Kre­di­te am ge­sam­ten Kre­dit­vo­lu­men

    2. Quar­tal 2017, in %

    Bal­ken­dia­gramm: NPL-Quo­ten in Eu­ro­pa
    Quellen: EBA, eigene Darstellung
    Anteil notleidender Kredite am gesamten Kreditvolumen
    NLP-Quoten in Europain %
    Griechenland47
    Zypern43
    Portugal18
    Slowenien13
    Bulgarien12
    Italien12
    Irland12
    Ungarn11
    Kroatien10
    Rumänien9
    Polen6
    Spanien5
    EU5
    Österreich4
    Malta4
    Slowakei4
    Frankreich3
    Litauen3
    Belgien3
    Lettland3
    Dänemark3
    Niederlande3
    Deutschland2
    Norwegen2
    Tschechien2
    Vereinigtes Königreich2
    Finnland2
    Estland1
    Luxemburg1
    Schweden1
    Abbildung 1

    Risiken

    Hohe Bestände an notleidenden Krediten stellen in erster Linie eine erhebliche Belastung für die betroffenen Kreditinstitute selbst dar, können sich allerdings auch zu Risiken auf Systemebene und für die Realwirtschaft entwickeln. Banken, deren Bilanzen mit ausfallgefährdeten Positionen belastet sind, sind über unterschiedliche Kanäle negativ betroffen: Notleidende Kredite binden Kapital, das nicht für andere, möglicherweise ertragreichere Investitionen zur Verfügung stehen kann. Die Folge kann eine eingeschränkte Kreditvergabe an die Realwirtschaft sein. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von einem suboptimalen Ressourceneinsatz, der die Profitabilität der betroffenen Banken belastet und wirtschaftliches Wachstum bremsen kann. Hinzu kommt, dass die Verwaltung von ausfallgefährdeten Krediten deutlich aufwändiger ist als dies bei „normalen“ Krediten der Fall ist. Auch diese zusätzlichen Kosten wirken sich negativ auf die Profitabilität aus. Klar ist auch, dass schwache Bilanzen Refinanzierungskosten der Institute am Markt in die Höhe treiben können und Banken deutlich krisenanfälliger machen. Letztlich können ausfallgefährdete Kredite systemisch wichtige Banken oder gesamte Bankensysteme in Schieflage bringen und somit ein erhebliches Risiko für die Finanzmarktstabilität darstellen.

    Deutlich wird, dass eine nachhaltige Bereinigung der Bilanzen von betroffenen Banken zwingend erforderlich ist, um die oben skizzierten individuellen Belastungen zu reduzieren und um gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensystems insgesamt zu erhöhen. Dies ist auch eine wichtige Grundlage für eine stabile Bankenunion.

    Die Bankenunion

    beruht auf einem gemeinsamen Regelwerk insbesondere zum Aufsichts-, Abwicklungs- und Einlagensicherungsrecht (das sogenannte Single Rule Book). Sie umfasst seit November 2014 einen Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism, SSM) und seit Jahresbeginn 2016 einen Einheitlichen Abwicklungsmechanismus (Single Resolution Mechanism, SRM) sowie eine vertiefte Harmonisierung der nationalen Einlagensicherungen. Das gemeinsame Regelwerk gilt für alle EU-Mitgliedstaaten. Am SSM sowie am SRM nehmen alle Länder des Euroraums teil. Weitere EU-Länder können freiwillig teilnehmen, tun dies bislang aber nicht. Die Bankenunion soll die Aufsicht über die Banken vereinheitlichen und verbessern, die Finanzstabilität erhöhen und die enge Verknüpfung der Verschuldung von Finanzsektor und Staaten lockern, die sich in der Vergangenheit krisenverschärfend ausgewirkt hat.

    Ursachen

    Abbildung 1 zeigt, dass notleidende Kredite in einigen europäischen Ländern noch immer ein massives Problem darstellen, wohingegen die Bankensysteme in anderen Ländern kaum betroffen scheinen. Die Gründe für diese stark unterschiedliche Betroffenheit sind äußerst vielfältig. Makroökonomische Rahmenbedingungen spielen dabei sicherlich eine wesentliche Rolle. So besteht ein enger Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und dem Bestand an ausfallgefährdeten Bilanzpositionen. In wirtschaftlichen Krisen oder in Phasen schwachen Wachstums können Unternehmen und Haushalte zunehmend in Zahlungsschwierigkeiten geraten und ihre Kredite nicht mehr bedienen. Dies erklärt zum Teil, warum hohe NPL-Bestände vorrangig in solchen Ländern ein großes Problem darstellen, die Krisen erlebt haben.

    Daneben können auch bankspezifische Gründe eine wichtige Rolle spielen und sowohl den Aufbau als auch den zögerlichen Abbau notleidender Kredite zu einem gewissen Teil erklären. Laxe Kreditvergabestandards können dazu führen, dass vermehrt Kredite an Unternehmen oder Personen mit schlechter Bonität vergeben werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass diese Kreditnehmer in Zahlungsschwierigkeiten geraten, ist natürlich höher als dies bei guter Bonität der Fall ist. Wichtiger Grund für den schleppenden Abbau notleidender Kredite sind starke Anreize, die Verlustanerkennung beziehungsweise Risikovorsorge hinauszuzögern. Banken scheuen teilweise davor zurück, Kredite abzuschreiben beziehungsweise eine ausreichende Risikovorsorge vorzunehmen. In vielen Fällen dominiert die Hoffnung, dass sich die ökonomischen Rahmenbedingungen hinreichend verbessern und die Kreditnehmer wieder in die Lage versetzt werden, ihre Kredite zu bedienen. Verzögerte Verlustanerkennung und mangelnde Risikovorsorge werden durch bestehende Bilanzierungsregeln bisher nicht ausreichend verhindert. Von der bevorstehenden Einführung des Rechnungslegungsstandards IFRS 9 (International Financial Reporting Standard 9) werden hier zwar deutliche Verbesserungen erwartet, jedoch bestehen weiterhin Spielräume, sodass für den speziellen Bedarf der Bankenaufsicht ergänzende Instrumente erforderlich scheinen.

    Hinzu kommen in einigen Mitgliedstaaten erhebliche Defizite mit Blick auf die strukturellen Rahmenbedingungen, die einen schnelleren Abbau von notleidenden Krediten erschweren. In erster Linie werden dabei ineffiziente und intransparente Insolvenzverfahren genannt, die einer schnellen Verwertung von Sicherheiten entgegenstehen und damit auch die Entwicklung von Sekundärmärkten für notleidende Kredite behindern.3

    IFRS 9

    ist ein internationaler Rechnungslegungsstandard, der vom „International Accounting Standards Board“ (IASB) – ein internationales Rechnungslegungsstandardgremium – entwickelt wurde. Der neue Standard tritt in der EU zum 1. Januar 2018 in Kraft und beinhaltet geänderte Vorgaben zur Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Vermögenswerten sowie ein neues Risikovorsorgemodell, das erwartete Verluste für die Berechnung der Risikovorsorge berücksichtigt.

    Aktuelle Lösungsansätze und Ausblick

    Die Vielfältigkeit der Gründe für noch immer hohe Bestände an notleidenden Krediten in einigen europäischen Mitgliedstaaten verdeutlicht, dass es kein Patentrezept zur Lösung dieses komplexen Problems geben kann. Folgerichtig hat der ECOFIN-Rat im Sommer 2017 einen Aktionsplan4 mit diversen Maßnahmen verabschiedet, der unterschiedliche Ursachen adressiert und damit einen konsequenten und nachhaltigen Abbau notleidender Kredite unterstützen soll. Wichtige Elemente des Aktionsplans sind dabei die Stärkung der aufsichtlichen Befugnisse im Umgang mit NPL sowie regulatorische Vorgaben zur Risikovorsorge. Auch die EZB ist hier tätig und arbeitet daran, dass Banken Risiken aus NPL besser abfedern können. Die europäische Bankenaufsicht verdient die volle Unterstützung bei dem Ziel, zu hohe NPL-Bestände jetzt konsequent anzugehen. Zudem enthält der ECOFIN-Aktionsplan diverse Maßnahmen, die die Sekundärmarktentwicklung für notleidende Kredite unterstützen und das Problem ineffizienter Insolvenzverfahren in einigen EU-Mitgliedstaaten adressieren sollen.

    Jetzt ist eine konsequente, fristgerechte und regelkonforme Implementierung des Aktionsplans erforderlich. Dies reicht allerdings nicht aus. Entscheidend ist darüber hinaus, dass auch tatsächlich signifikante Fortschritte beim Abbau notleidender Kredite erzielt werden. Das Momentum der derzeitig positiven ökonomischen Rahmenbedingungen sollte genutzt werden, um die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensystems nachhaltig zu stärken.

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