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    Das Reichs­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um zwi­schen 1919 und 1945 - Ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on in Kampf­stel­lung

    • Ein laufendes Forschungsprojekt zur Organisationsgeschichte des Reichsfinanzministeriums zeigt, dass dieses Ressort vor und nach 1933 kein unpolitischer Apparat war.
    • Die Erfahrungen der Krisenjahre in der Weimarer Republik trugen zur (Selbst-)Mobilisierung der Beamtenschaft für den Nationalsozialismus bei. Hitlers brutales Ermächtigungsregime konnte diese Haltung unmittelbar nutzen.
    • Staatsvorstellungen, Selbstverständnis und Handlungsweisen der Ministerialbürokratie beförderten die Transformation der Demokratie in die Diktatur.

    Traditionsstiftung und Neuanfänge

    Per Erlass von Reichspräsident Friedrich Ebert wurde das bis dahin bestehende Reichsschatzamt am 21. März 1919 in ein Reichsministerium der Finanzen umgewandelt. Das Reichsfinanzministerium war also die Nachfolgeorganisation eines kaiserlichen Amtes und doch eine ganz neue Institution, die erstmals mit der reichsweiten Steuererhebung beauftragt und parlamentarisch unmittelbar verantwortlich war. Auch an der Beamtenschaft ließ sich das ablesen: „Als ich im Jahre 1920 eintrat“, erinnerte sich 1931 Ministerialrat Wilhelm Markull an diese Anfangszeit, „sah’s am Wilhelmplatz wie in der Arche Noah aus.“ An den Bürotüren fanden sich Schilder aller Art: „Da gab es Junge und Alte, Assessoren, Richter und Räte, Räte von allen Sorten: Regierungsräte, Oberregierungsräte, Geheime Regierungsräte, Landräte und Landgerichtsräte; da gab es Leute aus der Staats- und aus der Selbstverwaltung, Postmenschen, Eisenbahner, Kolonialbeamte und – toi, toi, toi! – sogar Intendanturfritzen.“ Um die neuen Aufgaben bewältigen zu können, hatte man für das Ministerium Beamte aus allen Teilen des Reiches und aus anderen Reichsverwaltungen rekrutiert – „ein buntscheckiger Haufe“, so Markull, der doch zugleich „den Grossen Generalstab“ im Kampf um „Deutschlands Selbstbehauptung“ im staatlichen und ökonomischen Sinne geben wollte. Trotz solcher Neuanfänge war das Ministerium um Traditionsstiftung bemüht. Im Jahr 1929 beging man daher zwei Jubiläen: Das fünfzigjährige Jubiläum erinnerte an die Verbindung zum 1879 gegründeten Reichsschatzamt, das zehnjährige Jubiläum an die Neugründung der Reichsfinanzverwaltung unter demokratischen Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg. Doch war die Feierstimmung gedämpft. Reichsfinanzminister Rudolf Hilferding und sein Staatssekretär Johannes Popitz betonten, dass man in dieser Hinsicht lieber Zurückhaltung üben wolle, bis der Kampf „gegen widriges Geschick“ gewonnen sei.

    Mobilisierung und Kriegszustand – schon vor 1933

    Generell sah sich die Reichsfinanzverwaltung in diesen Jahren immer wieder in einer Kampfsituation gegen Arbeitsüberlastung und eine unzureichende Steuermoral, gegen die Reparationslasten und die ausländischen Zweifel am Zustand des Reichshaushalts, gegen Bürokratiekritik und Beamtenhetze. Ein Ministerium auf dem „Kriegspfad“, wie die Fachzeitung Steuer-Warte um 1930 immer wieder titelte? Ein ganzes Land im „wirtschaftlichen Kriegszustand“, wie ihn der Reichsfinanzminister Hermann Dietrich auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1931 in einer Rundfunkrede beschwor? Die Erfahrung der Mobilisierung gegen innere und äußere Anfeindungen prägte das Selbstverständnis der Ministerialbeamtenschaft offensichtlich schon vor dem Machtantritt Hitlers. Hier handelte es sich also nicht um einen unpolitischen Regierungsapparat, sondern um eine Bürokratie im Zustand dauernder Kampfbereitschaft unter rasch wechselnden Regierungen. Angesichts der Belastungen und Herausforderungen der jungen Weimarer Republik gelang diese Mobilisierung aber immer weniger im Dienste der Demokratie. Stattdessen fand die nationalsozialistische Bewegung schon früh Rückhalt in der Reichsfinanzbeamtenschaft.

    Nationalsozialistische Bewegung und Ministerialbeamtenschaft

    Schon Ende der 1920er Jahre erreichten das Reichsfinanzministerium wiederholt Anzeigen wegen politischer Betätigung einzelner Beamter im rechten Spektrum. Am Volksbegehren gegen den Young-Plan (der die Reparationszahlungen des Deutschen Reichs regelte), orchestriert als antirepublikanische Kampagne von deutschnationalen und nationalsozialistischen Kräften, beteiligten sich aus dem Zuständigkeitsbereich des Ministeriums mehr Beamte als aus jedem anderen Reichsressort. Von den insgesamt 43 Beamten der Reichsverwaltung, die in diesem Zusammenhang politisch auffällig geworden waren, kamen allein 25 aus dem Finanzministerium. Im Frühjahr 1932 schließlich meldete Reichsfinanzminister Dietrich dem Kabinett mit Sorge, dass einzelne Zweige seiner Verwaltung bis zu 90 % nationalsozialistisch geprägt seien – ihm aber eine entschlossene Handhabe gegen diese Beamten wegen unzureichender Richtlinien der Regierung fehlte. Mit disziplinarischen Maßnahmen versuchte man vereinzelt und eher zögerlich, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Nur wenige Monate später war dies ohnehin hinfällig geworden. Mit dem Amtsantritt der Regierung Hitlers verstärkte sich die bereits vorhandene Politisierung der Beamtenschaft, nun aber unter der eindeutigen Vorherrschaft der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Dies bedeutete zunächst vor allem die Ausgrenzung und Verfolgung der Anderen: Rassisch und politisch unerwünschte Beamte wurden nach den Vorgaben des sogenannten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 entlassen. An diesem Gesetz hatte das Reichsfinanzministerium entscheidend mitgearbeitet und sich dadurch eigene Handlungsspielräume erschlossen. Es diente daher auch nicht nur der „Säuberung“ der Verwaltung im Sinne der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) – man nutzte es im Finanzressort darüber hinaus, um alle jene Mitarbeiter zu versetzen oder loszuwerden, die man aus unterschiedlichsten Gründen für eine schlagkräftige Verwaltung als nicht mehr „wertvoll“ ansah. Hier trafen sich die Interessen des seit 1932 amtierenden Reichsfinanzministers Lutz Graf Schwerin von Krosigk mit jenen des 1933 neu angetretenen Staatssekretärs Fritz Reinhardt, eines „alten Kämpfers“ der Partei. Quantitativ betrafen diese Maßnahmen nur eine relativ begrenzte Personenzahl, doch die damit verbundene Botschaft wurde verstanden: Eine interne Erhebung im August 1939 ergab, dass 75,6 % der Beamten, 69,5 % der Angestellten und 30,8 % der Arbeiter der Reichsfinanzverwaltung aktiv in der NSDAP, ihren Gliederungen und Verbänden tätig waren.

    Die Entstehung der Diktatur – kein unaufhaltsamer Prozess

    Der Weg in die nationalsozialistische Diktatur wurde vom Reichsfinanzministerium als Organisation nicht passiv erduldet oder bloß mitgegangen. An unterschiedlichen Stellen, durch unterschiedliche Akteure und zu unterschiedlichen Zeitpunkten trug die Ministerialbürokratie innerhalb wie außerhalb des Dienstes aktiv zur Destabilisierung der Demokratie und zur politischen Radikalisierung bei. Dieser Wandel geschah nicht nur durch die individuelle Annäherung einzelner Beamter an die nationalsozialistische Weltanschauung oder den Parteibeitritt, sondern ebenso durch die Beteiligung des Ministeriums an autoritären Reformen der parlamentarischen Geschäftsordnung, durch die interne Reorganisation der Geschäftsverteilung oder durch die Ausdehnung von Rechtsnormen bei konkreten Entscheidungen. Dabei handelte es sich jedoch um keinen unaufhaltsamen, sondern um einen – auch innerhalb des Ministeriums – umstrittenen Prozess. Die weltanschauliche Formierung der Beamtenschaft nach 1933 und die „Gleichschaltung“ des Ministeriums als ideologischer Raum im Sinne des nationalsozialistischen Regimes griffen diese konfliktreichen Erfahrungen auf. Sie zählten auf eine Ministerialbeamtenschaft, die seit dem Ersten Weltkrieg den Zustand des Kampfes immer wieder als Normalität angesehen hatte.

    Ausblick

    Das hier vorgestellte Teilprojekt der Forschungsgruppe zur Geschichte des Reichsfinanzministeriums im Nationalsozialismus widmet sich diesen Übergangserfahrungen und der daraus entstehenden Organisationsgeschichte des Ressorts. Der ausführliche Blick auf die Vorgeschichte der Diktatur dient dazu, die spezifische Verantwortung der Ministerialbürokratie für den Aufstieg, die Durchsetzung und die Ausformung nationalsozialistischer Gewaltherrschaft historisch präziser erfassen zu können. Die aus diesem Projekt hervorgehende Studie ergänzt und erweitert damit die bereits vorliegenden Forschungen zur Beteiligung der Reichsfinanzbeamten an der fiskalischen Ausbeutung seit 1933 und an den Verbrechen der Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg. Die Studie soll im Laufe dieses Jahres abgeschlossen sein.

    Bereits vorliegende Publikationen zu diesem Teilprojekt:

    • Stefanie Middendorf, Finanzpolitische Fundamente der Demokratie? Haushaltsordnung, Ministerialbürokratie und Staatsdenken in der Weimarer Republik, in: Tim B. Müller/Adam Tooze (Hg.), Normalität und Fragilität. Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 2015, S. 315-343.
    • Dies., Staatsfinanzen und Regierungstaktiken. Das Reichsministerium der Finanzen (1919–1945) in der Geschichte von Staatlichkeit im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 41 (2015), H. 1, S. 140-168.
    • Dieser Bericht zum Forschungsprojekt der unabhängigen Historikerkommission gibt Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten der Autorin Dr. Stefanie Middendorf wieder.

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