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    Das Reichs­mi­nis­te­ri­um der Fi­nan­zen und die Mo­bi­li­sie­rung Eu­ro­pas für Hit­lers Krieg

    • Die Tätigkeit des Reichsfinanzministeriums erstreckte sich während des Zweiten Weltkriegs auch auf die besetzten Gebiete. Dort lagen die Betätigungsfelder der deutschen Finanzabteilungen vor allem in der konzeptionellen Gestaltung der Steuer-, Haushalts- und Anleihepolitik des jeweiligen Landes.
    • Ziel war es, in den besetzten Gebieten die ordentlichen Staatsausgaben auf ein Minimum abzusenken und gleichzeitig die Staatseinnahmen zu maximieren, um auf diese Weise möglichst hohe Haushaltsüberschüsse, zumindest aber einen ausgeglichenen Etat, zu erwirtschaften.
    • Das vom Reichsfinanzminister ab 1942 angestrebte „kriegswirtschaftliche Optimum“ sah eine möglichst umfangreiche Inanspruchnahme der besetzten Volkswirtschaften vor, wobei deren Kollabieren vermieden werden sollte.
    • Die Finanzabteilungen in den besetzten Gebieten waren auch damit befasst, Vermögenswerte der jüdischen Bürger einzuziehen und zu verwerten.

    Einleitung

    Was hatte das Reichsministerium der Finanzen mit den während des Zweiten Weltkriegs besetzten Gebieten zu tun? Normalerweise wird dieses klassische Ministerium vor allem mit der Steuer- und Haushaltspolitik im Inland in Verbindung gebracht. Eine Analyse der historischen Quellen hat ergeben, dass das Ministerium in dieser Zeit einen gewichtigen Einfluss auf die monetäre und damit auch auf die materielle Ausbeutung des besetzten Europas ausübte. Im Folgenden sollen die dabei verfolgten Zielsetzungen und deren Umsetzung kurz dargestellt werden.

    Finanzstrategie im „Großwirtschaftsraum“

    Bereits im Zuge der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ im März 1939 sowie beim Überfall auf Polen ein halbes Jahr später waren den Truppen der Wehrmacht Fachleute aus dem Reichsfinanzministerium beigegeben worden. Diese Beamten hatten den Auftrag, die einheimischen Finanzverwaltungen wieder in Gang zu setzen, um die Steuer- und Abgabenquellen sobald als möglich zum Fließen zu bringen. Mit den eingenommenen Geldern wurden neben den ordentlichen Haushaltsausgaben der besetzten Länder die Besatzungsverwaltungen und -truppen finanziert sowie z. B. Rohstoffe, Lebensmittel oder Industrieprodukte eingekauft.

    Zeichnete sich das Vorgehen in Böhmen-Mähren und Polen noch durch einen eher experimentellen Charakter aus, so muss vor allem der „Blitzkrieg“ gegen Frankreich im Frühsommer 1940 auch in finanzwirtschaftlicher Hinsicht als Zäsur gesehen werden. Den vermeintlichen „Endsieg“ vor Augen, suchten die deutschen Zentralbehörden nunmehr die Planungen für einen „Großwirtschaftsraum“ unter deutscher Führung zu konkretisieren und umzusetzen. Das Reichsfinanzministerium erhielt dabei den Auftrag, Grundsätze für eine künftige Hegemonie des „Dritten Reichs“ auf finanzpolitischem Gebiet auszuarbeiten. Angesichts seiner federführenden Einbindung in die Reparationsfragen nach dem Ersten Weltkrieg konnte das Ministerium mit einer herausragenden Expertise auf dem Sektor zwischenstaatlicher Ressourcentransfers aufwarten. Noch im August 1940 kam es zur Formulierung eines entsprechenden Strategiepapiers. In diesem Vier-Punkte-Programm wurde die Rückerstattung der von Deutschland geleisteten Reparationszahlungen in Höhe von knapp 45 Mrd. Reichsmark ebenso gefordert wie eine Veränderung der fremden Fiskalsysteme entsprechend den deutschen Vorstellungen. Auch sollten die Finanzministerien im „Großwirtschaftsraum“ und deren Verwaltungen künftig durch deutsches Fachpersonal kontrolliert und gesteuert werden. Dabei galt es nicht zuletzt, regelmäßige Zahlungen, sogenannte Wehrbeiträge, an das Deutsche Reich sicherzustellen.

    Bei der Realisierung dieser Ziele wurde keine Zeit verloren. So schuf man noch im September 1940 die institutionellen Voraussetzungen. Während einige Fachreferate des Ministeriums eine koordinierende Funktion erhielten, wuchs in den besetzten Ländern eine Organisation von Finanzabteilungen heran, die auf dem Höhepunkt etwas mehr als 1.000 Reichsfinanzbeamte zählten und von der Berliner Zentrale aus instruiert wurden.

    Kriegsfinanzierung zulasten der besetzten Gebiete

    Die zentrale Aufgabe der Finanzabteilungen bestand vorläufig darin, „den Anteil der [besetzten] Gebiete an der deutschen Kriegsfinanzierung sicherzustellen.“ Zu diesem Zweck hatten „die Männer der Reichsfinanzverwaltung […] alle Maßnahmen zu ergreifen oder anzuregen, die der Aufbringung der Besatzungskosten […] dienen.“ Die begrenzte Präsenz in den Besatzungsverwaltungen verbot jedoch eine unmittelbare Mitwirkung bei der Steuererhebung. Stattdessen kam den Reichsfinanzbeamten in erster Linie eine überwachende und anleitende Funktion zu. Dies war möglich, da in fast allen besetzten Gebieten die einheimischen Steuerverwaltungen auch unter deutscher Besatzung ihre Tätigkeit fortsetzten. Die Betätigungsfelder der deutschen Finanzabteilungen lagen daher vor allem in der konzeptionellen Gestaltung der jeweiligen Steuer-, Haushalts- und Anleihepolitik. Dabei galt es, die ordentlichen Staatsausgaben auf ein Minimum abzusenken und gleichzeitig die Staatseinnahmen zu maximieren. Das Ziel bestand in der Erwirtschaftung möglichst hoher Haushaltsüberschüsse, zumindest aber in einem ausgeglichenen Etat. Im Nebeneffekt suchte man Angleichungen an das deutsche Steuermodell zu realisieren, was besonders diejenigen Gebiete betraf, die künftig enger an das Deutsche Reich angeschlossen werden sollten, wie z. B. Böhmen-Mähren oder die Niederlande.

    Etwaige Haushaltsüberschüsse allein reichten jedoch in keinem der besetzten Länder aus, um die hohen Besatzungskosten, Zwangs- oder Handelskredite aufbringen zu können. Wiederum auf Betreiben der Finanzabteilungen wurde daher auf andere Möglichkeiten der Geldbeschaffung zurückgegriffen. Eine davon war die Ausgabe von Staatsanleihen. Der Erfolg dieser Finanzierungsmöglichkeit hing allerdings vom Vorhandensein funktionierender Geld- und Kapitalmärkte sowie vom Vertrauen der einheimischen Anleihezeichner in die Geldwertstabilität ab. Nicht selten wurden daher einheimische Bankenkonsortien zur Aufnahme solcher Staatspapiere genötigt.

    Eine weitere Form der Mittelbeschaffung stellte die Notenbankfinanzierung dar, was angesichts rückläufiger Gütermengen eine latente Gefahr für die Kaufkraft der fremden Währungen bedeutete. Da der Verbrauch der vereinnahmten Gelder fast ausschließlich im jeweiligen Land selbst erfolgte, gefährdeten inflationäre Tendenzen zugleich das deutsche Ausbeutungskonzept. Die Bekämpfung oder zumindest Kanalisierung inflationärer Entwicklungen entsprach somit durchaus den Interessen der deutschen Kriegsfinanzierung. Andererseits fußte diese aber auf möglichst umfangreichen Zuschüssen aus den besetzten Gebieten. Neben dem Unterhalt der Besatzungstruppen wurde daher eine Vielzahl weiterer Leistungen in Anspruch genommen. Beispielsweise bestritten die Besatzer die Anlage von Befestigungen oder die Beschaffung von Nachschubgütern für die Ostfront ebenso aus Besatzungsmitteln wie den Einkauf überteuerter Mangelwaren auf den Schwarzmärkten Westeuropas.

    Seit der Kriegswende 1942, als ein „Endsieg“ auch für viele Zeitgenossen in unerreichbare Ferne gerückt war und sich in mehreren Ländern schwere finanzwirtschaftliche Verwerfungen abzeichneten, setzte sich Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk für längerfristige Ausbeutungsmethoden ein. So ließ er im Juli 1942 das Konzept eines „kriegswirtschaftlichen Optimums“ ausarbeiten und suchte dieses gegenüber den anderen Ressorts durchzusetzen. Dieses „Optimum“ sah nach wie vor eine möglichst umfangreiche Inanspruchnahme der besetzten Volkswirtschaften vor, doch sollte deren Kollabieren vermieden werden. Konkret plädierte von Krosigk daher für eine Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Leistungsfähigkeit bei der Festsetzung der Höhe der Belastungen, für Sparmaßnahmen bei den Besatzungstruppen sowie für eine nachdrücklichere Bekämpfung der inflationären Erscheinungen in den besetzten Ländern.

    Bei diesen Bemühungen ging es ausschließlich um die dauerhafte Sicherstellung von Leistungen zugunsten der deutschen Kriegsführung, nicht dagegen um eine wirkliche Entlastung der fremden Volkswirtschaften. Die Forderungen des Finanzministers kamen in der Praxis jedoch kaum über die formale Ebene hinaus. So erließ das Oberkommando der Wehrmacht Sparbestimmungen für die Besatzungsdienststellen, während Hermann Göring die Schwarzmarktkäufe durch deutsche Großeinkäufer offiziell verbieten ließ. Trotzdem stiegen die Besatzungslasten angesichts sogenannter Kriegsnotwendigkeiten, nicht zuletzt aber wegen der Grundkonstanten der deutschen Besatzungsherrschaft, die keinerlei Rücksichtnahmen vorsah, weiterhin an.

    „Erfassung, Verwaltung und Verwertung jüdischen Vermögens“

    Neben dem Aufbringen von Besatzungslasten darf die Zuständigkeit der Reichsfinanzbeamten für die „Erfassung, Verwaltung und Verwertung jüdischen Vermögens“ in einigen besetzten Ländern nicht übersehen werden. Die einschlägigen Aktivitäten betrafen außerhalb des Deutschen Reichs in erster Linie den Besitz der emigrierten oder deportierten deutschen Juden und gingen auf die Elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz aus dem November 1941 zurück. Danach verfiel das Vermögen von Juden mit deutscher Staatsangehörigkeit dem Reich, sobald sich deren ständiger Wohnsitz nicht mehr innerhalb Deutschlands befand. Diesem Vermögensverfall wurden die jenseits der Reichsgrenzen befindlichen Werte zugerechnet. Später wurden zudem die Juden des Protektorats und teilweise auch polnische Juden in diesen Personenkreis mit aufgenommen. Dementsprechend waren seit 1942 namentlich in Böhmen-Mähren, in Frankreich sowie im Reichskommissariat Ostland eigene Sachbearbeiter in den Finanzabteilungen damit beschäftigt, diese Werte einzuziehen und zu veräußern.

    Auch machten die Finanzabteilungen in einigen besetzten Ländern ihren Einfluss gegenüber den einheimischen Finanzministerien geltend, um diese ebenfalls zur Beschlagnahme und Verwertung des Vermögens der jeweiligen jüdischen Einwohner zu bewegen. Die auf diese Weise erzielten Gelder kamen dann indirekt und zumindest teilweise über die Aufbringung der Besatzungskosten den deutschen Kriegsanstrengungen zugute.

    Fazit

    Das nationalsozialistische Deutschland bürdete während des Zweiten Weltkriegs fast ein Drittel seiner Kriegskosten den besetzten Ländern auf, d. h. etwa 126 von 431 Mrd. Reichsmark. Die Beteiligung des Reichsministeriums der Finanzen an diesem umfangreichen Ressourcentransfer wurde bislang von Forschung und Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Tatsächlich war jedoch die oberste deutsche Finanzbehörde maßgeblich in die Erhebung von Kontributionen und Zwangskrediten involviert. Sie kontrollierte zu diesem Zweck die jeweiligen nationalen Haushalte und erhöhte Steuern und Abgaben. Darüber hinaus bildete der Raub jüdischer Vermögenswerte ein weiteres Aufgabenfeld der Beamten aus dem Reichsfinanzministerium.

    Bereits vorliegende Publikationen zu diesem Teilprojekt:

    • Krieg auf Kosten anderer. Das Reichsministerium der Finanzen und die wirtschaftliche Mobilisierung Europas für Hitlers Krieg (Das Reichsfinanzministerium im Nationalsozialismus, Band 3), Berlin-Boston 2017.
    • The Greek ‘Forced Loan’ during the Second World War. Demand for Reparations or Restitution?, in: Südosteuropa. Journal of Politics and Society Band 64 (2016), S. 96-108.
    • Krieg auf Kosten anderer. Wehrmachtfinanzierung in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs, in: Südost-Forschungen Band 73 (2014), S. 38-59.

    Dieser Bericht zum Forschungsprojekt der unabhängigen Historikerkommission gibt Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten des Autors Dr. Jürgen Kilian wieder.

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