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    Ab­schluss­ta­gung der Un­ab­hän­gi­gen His­to­ri­ker­kom­mis­si­on

    • Mit der Initiierung und Förderung dieses historischen Forschungsprojekts hat das BMF ein klares Bekenntnis zu der bleibenden Verantwortung Deutschlands für das dunkelste Kapitel seiner Geschichte abgegeben
    • Das Handeln des Reichsfinanzministeriums ist in den Studien des Projekts unter sehr unterschiedlichen Aspekten in den Blick genommen worden: Die wirtschaftliche Vernichtung von jüdischen Bürgern und sogenannten Reichsfeinden, die effektive Ausplünderung der im Krieg besetzten Gebiete, die immer stärker auf die Bürger zugreifende Steuergesetzgebung und die bis zum Äußersten getriebene Staatsverschuldung
    • Reichsfinanzministerium und Finanzverwaltung haben ab dem Jahr 1933 einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung des nationalsozialistischen Regimes und der Durchsetzung seiner Ziele geleistet.
    • Das BMF hatte im Sommer 2009 eine unabhängige Historikerkommission eingesetzt. Wichtig war dabei die Unabhängigkeit der Forschungsarbeiten, die von der Auswahl der Forschungsthemen bis hin zu den Schwerpunkten in der Darstellung frei von Vorgaben und Weisungen des Ministeriums durchgeführt wurden.

    Das Projekt zur Erforschung der Geschichte des Reichsministeriums der Finanzen in der Zeit des Nationalsozialismus, über dessen Teilprojekte in den vergangenen Monaten berichtet wurde, ist mit der Tagung der Unabhängigen Historikerkommission am 29./30. Oktober 2018 im BMF in Berlin in die Schlussphase eingetreten. Neben drei bereits veröffentlichten Monografien liegen auch zu allen weiteren Teilprojekten die Forschungsergebnisse vor. Sie werden im kommenden Jahr ebenfalls in Buchform erscheinen. Die Historikerkommission hat dies zum Anlass genommen, gemeinsam mit weiteren eingeladenen Wissenschaftlern eine Bilanz zu ziehen.

    Begrüßt wurden Wissenschaftler und Gäste der Tagung durch Staatssekretär Dr. Rolf Bösinger, der auf die Bedeutung des Projekts für das BMF und auf die Notwendigkeit einer ihrer Verantwortung bewussten Erinnerungskultur hinwies. Eine Einführung in die Themen des Projekts und den Verlauf der Forschung gab der Sprecher der Kommission, Prof. Dr. Hans-Peter Ullmann.

    Die Tätigkeit von Finanzbehörden ist in allen Staaten und Systemen wesentlich geprägt durch den Auftrag, die für die Erfüllung staatlicher Aufgaben erforderlichen Finanzmittel zu beschaffen und zu verwalten. Daraus ergeben sich auch für das Reichsfinanzministerium Verbindungslinien und Vergleichsmaßstäbe, die zeitlich und territorial weit über den Forschungsgegenstand des Projekts hinausgehen.

    In vier wissenschaftlichen Panels mit Vorträgen und Diskussion wurden zunächst die Forschungsergebnisse der Teilprojekte durch Mitarbeiter des Projekts unter den Themen „Strukturwandel der Staatsfinanzierung“, „Fiskalische Ausbeutung und Gewalt“, „Kriegsfinanzierung“ und „Staatsverschuldung“ vorgestellt. Diese Vorträge wurden durch verschiedene Beiträge eingeladener Wissenschaftler ergänzt und die behandelten Themen damit in neue und erweiterte Zusammenhänge gestellt. Der von der Tagung betrachtete historische Rahmen erstreckte sich dabei von der Zeit des deutschen Kaiserreichs bis in die Bundesrepublik der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Herangezogen wurden zum Vergleich aber auch Entwicklungen über den deutschen und europäischen Rahmen hinaus, von der britischen Kolonialverwaltung in Afrika bis hin zum modernen Schuldmanagement in Irland und Neuseeland.

    Im ersten Panel zum Thema „Strukturwandel der Staatsfinanzierung“ referierte Prof. Dr. Christian Waldhoff zu den Entwicklungslinien der deutschen Finanzverfassung vom späten Kaiserreich bis zum Dritten Reich. Dabei verdeutlichte er Brüche und Kontinuitäten, von denen die Finanzverwaltung in diesem Zeitraum geprägt war. Im zweiten Panel „Fiskalische Ausbeutung und Gewalt“ trug Prof. Dr. Leigh Gardner zur „Tax compliance under indirect rule British Africa“ vor und schilderte damit eine weitere historische Form des Zugriffs auf die wirtschaftlichen Ressourcen der Bevölkerung eines okkupierten Landes. Im dritten Panel „Kriegsfinanzierung“ erläuterte Prof. Dr. Hein Klemann die „Financial and monetary consequences of the German occupation of Western Europe 1940-1945“. Im vierten Panel ging es schließlich um die „Staatsverschuldung“ als einem zentralen Finanzthema des 20. Jahrhunderts: Prof. Dr. Hans-Peter Ullmann gab einen Überblick über die verschiedenen Phasen der öffentlichen Verschuldung im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Prof. Dr. Laura Rischbieter berichtete über neue Formen der Entscheidungsfindung und den institutionellen Wandel im internationalen Schuldenmanagement. Prof. Dr. Christine Trampusch erörterte schließlich moderne Strategien zum Schuldenmanagement unter dem Titel „The financialization of the state: Government debt management reforms in New Zealand and Ireland“.

    Einen wesentlichen Aspekt der Forschung zur Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland beleuchtete in einem öffentlichen Vortrag Prof. Dr. Werner Plumpe am ersten Sitzungstag unter dem Thema Steuerungsillusionen‘ die Überschätzung der Möglichkeiten auch eines totalitären Staates bei der Mobilisierung wirtschaftlicher Ressourcen.

    Am Ende der Tagung stand eine Podiumsdiskussion unter Teilnahme von Mitgliedern und Mitarbeitern der Historikerkommission und eingeladenen Wissenschaftlern. Teilnehmer und Gäste wurden von Staatssekretär Dr. Rolf Bösinger begrüßt. Dieser bekräftigte, dass das Sichtbarmachen der historischen Prozesse auch unseren heutigen Blick für die Notwendigkeit eines demokratischen Zielen und Werten verpflichteten Handelns schärfen könne. Die Beschäftigung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte sei daher eine bleibende Verpflichtung. Unter dem Thema „Das Reichsministerium der Finanzen 1933-1945 in einer vergleichenden Geschichte der Staatsfinanzierung im 20. Jahrhundert“ entspann sich in der Folge eine lebhafte wissenschaftliche Diskussion über die mit dem Projekt verbundenen Fragestellungen, die durch die Forschungsergebnisse beantwortet werden konnten, aber auch über neue Fragestellungen, die sich aus dem verbesserten und gesicherten Forschungsstand ergeben. Die Frage, warum sich viele Menschen in den Dienst eines offensichtlich verbrecherischen Regimes stellten, dessen notwendiges Scheitern frühzeitig absehbar war, bleibt jedoch auch auf der Grundlage eines nunmehr genaueren Blicks auf das Reichsfinanzministerium nur schwer zu beantworten.

    Im Ergebnis hat das Projekt zum Reichsfinanzministerium in verschiedenen Bereichen einen detailreichen und fundierten Blick auf diese Institution eröffnet, der das bisherige Wissen über Funktion und Tätigkeit der Finanzverwaltung in Deutschland unter nationalsozialistischer Herrschaft deutlich erweitert hat. Insbesondere die intensive Befassung mit den in verschiedenen Archiven vorliegenden Originalquellen hat wichtige Erkenntnisse hervorgebracht und vertieft.

    Das Reichsfinanzministerium hatte – entgegen dem nach Kriegsende von den ehemals Verantwortlichen bemühten Bild – keine lediglich verwaltende, nach streng sachlichen und objektiven Kriterien zu erfüllende Aufgabe. Das Ministerium war, um im Bild zu bleiben, kein bloßer „Kassenwart“ des Reichs, sondern wesentliche Stütze eines Regimes, das den staatlichen Finanzbedarf in kurzer Zeit massiv steigerte, was zunächst der Aufrüstung, ab 1939 der Kriegsführung geschuldet war. Ohne einen kundigen und effizient arbeitenden Akteur wie das Reichsfinanzministerium, das sich von Anfang an in den Dienst des Regimes und seiner Ziele stellte, wäre die dafür notwendige Mobilisierung der wirtschaftlichen Ressourcen nicht möglich gewesen. Die Geldbeschaffung erfolgte dabei nicht nur in den üblichen Bereichen von Steuer und Verschuldung, sondern auch durch vielfältige Maßnahmen der Konfiskation von Vermögenswerten.

    Nachgewiesen wurde in den einzelnen Studien des Projekts die umfangreiche vom Ministerium gesteuerte Tätigkeit zum einen bei der Verfolgung und wirtschaftlichen Vernichtung von jüdischen Bürgern sowie bei der fiskalischen Ausbeutung von sogenannten Reichsfeinden, wie politischen Gegnern, Kirchen, Gewerkschaften und Sinti und Roma, zum anderen bei der rücksichtslosen Ausplünderung der Ressourcen der ab 1939 besetzten Gebiete.

    Angesichts des hohen Finanzbedarfs des Regimes und der spätestens seit Kriegsbeginn weitgehend verschlossenen Möglichkeit, sich an den weltweiten Finanzmärkten Mittel zu beschaffen, musste das Regime aber auch massiv auf das Vermögen der eigenen Bevölkerung zugreifen, sei es über eine Vielzahl von – immer wieder erhöhten – Steuern, sei es über die innerstaatlichen Verschuldungsmechanismen mit dem Ziel der Abschöpfung überschüssiger Kaufkraft. Die Kriegsfinanzierung wurde damit letztlich zu einem ganz erheblichen Anteil auch von der deutschen Bevölkerung geleistet. Die damit verbundenen tiefgreifenden wirtschaftlichen Verluste für viele Bürger wurden in ihrem vollen Umfang spätestens in der Währungsreform 1948 sichtbar.

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