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    Stel­lung­nah­me des un­ab­hän­gi­gen Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats beim BMF – Zur US-Steu­er­re­form 2018: Steu­er­po­li­ti­sche Fol­ge­run­gen für Deutsch­land

    • Gutachten und Stellungnahmen des unabhängigen Wissenschaftlichen Beirats beim BMF sind als Beitrag zum allgemeinen Diskurs zu verstehen und geben nicht notwendigerweise die Meinung des BMF wieder. Die Langfassung der Stellungnahme ist auf der Webseite des BMF veröffentlicht.
    • Nach Auffassung des Beirats ist der deutsche Gewinnsteuersatz der Kapitalgesellschaften von etwa 31 % im internationalen Vergleich sehr hoch. Dies habe negative Auswirkungen für Investitionen in Deutschland. Der Gewinnsteuersatz sollte deswegen auf 25 % gesenkt werden.
    • Die Finanzierungsneutralität der Unternehmensbesteuerung sollte hergestellt werden.
    • Rechnerischen Aufkommensverlusten durch die empfohlene Steuersatzsenkung von 13,9 Mrd. € stünden zu erwartende Aufkommensgewinne durch zusätzliche Investitionen gegenüber.
    • Durchgerechnet zum Anteilseigner hätte die Steuersatzsenkung unter Einbezug der Abgeltungsteuer eine Belastung des Gewinns von 44,8 % zur Folge.

    Steuerpolitisches Umfeld

    Zum 1. Januar 2018 trat in den USA der „Tax Cuts and Jobs Act“ in Kraft. Zu den zentralen Elementen der Reform gehört die Senkung des Steuersatzes des Bundes (Federal Corporate Tax Rate) für Gewinne der Kapitalgesellschaften von 35 % auf 21 %. Dieser Bundessteuersatz erhöht sich noch um Steuern der Bundesstaaten (State Income Taxes), die als Ausgaben bei der Bundessteuer abzugsfähig sind. Im Durchschnitt ergibt sich daraus eine tarifliche Steuerbelastung des Gewinns von etwa 26 %.

    Die USA gehen zu der international verbreiteten Freistellung im Ausland erzielter Gewinne von Kapitalgesellschaften über. Hinzu kommen drei neue Steuerregime: Die Base Erosion Anti-Abuse Tax (BEAT) trifft den Gewinn zuzüglich bestimmter Zahlungen an ausländische verbundene Unternehmen; der Steuersatz beträgt 10 % und ab dem Jahr 2026 12,5 %. Ein Präferenzregime (Foreign-Derived Intangible Income, FDII) gewährt im Ausland erwirtschafteten Gewinnen aus Immaterialgütern eine niedrigere Steuerbelastung von 13,1 % und ab dem Jahr 2026 von 16,4 %. Ein Abwehrregime (Global Intangible Low-Taxed Income, GILTI) greift für Auslandsgewinne, wenn der ausländische Steuersatz 13,1 % unterschreitet; ab dem Jahr 2026 beträgt dieser Mindeststeuersatz 16,4 %.

    Die markante Steuersatzsenkung in den USA fügt sich ein in das Bild sinkender Steuersätze in der OECD. Abbildung 1 zeigt für den Zeitraum 2001 bis 2020 die Körperschaftsteuersätze (inklusive lokaler Steuern) einiger großer Mitgliedstaaten der OECD. Italien hat im Jahr 2017 seinen Steuersatz von 31,3 % auf 27,8 % gesenkt; das Vereinigte Königreich wird im Jahr 2020 einen Steuersatz von 17 % aufweisen; Frankreich plant für das Jahr 2020 (2022) eine Senkung des Steuersatzes auf 28,9 % (25,8 %); die Niederlande wollen im Jahr 2021 den Steuersatz von 25 % auf 21 % senken. Der durchschnittliche Körperschaftsteuersatz der Mitgliedstaaten der OECD wird im Jahr 2020 voraussichtlich bei 23,4 % liegen. Der Abstand des deutschen Steuersatzes von 31 %1 zum Steuersatz wichtiger Standorte für Investitionen deutscher Unternehmen (insbesondere zu den USA) ist somit erheblich.

    Entwicklung der Körperschaftsteuersätze (inklusive lokaler Steuern) in ausgewählten Mitgliedstaaten der OECD

    in %

    Das Li­ni­en­dia­gramm zeigt die Ent­wick­lung der Kör­per­schaft­steu­er­sät­ze (in­klu­si­ve lo­ka­ler Steu­ern) in aus­ge­wähl­ten Mit­glied­staa­ten der OECD
    1 Der OECD-Durchschnitt ist als ungewichteter Mittelwert über alle 35 OECD-Mitgliedstaaten berechnet (Stand der OECD-Mitgliedschaft: Januar 2018). Geplante Reformen des Körperschaftsteuersatzes bis 2020 sind abgebildet. Quellen: OECD.Stat: Tax Database, Table II.1 (http://stats.oecd.org, Zugriff: 30. April 2018), Statistisches Bundesamt: Statistik über den Realsteuervergleich (https://www.destatis.de, Zugriff: 30. April 2018)
    LandUSAJapanDeutschlandVereinigtes KönigreichFrankreichItalienOECD-Durchschnitt¹
    200139,270540,8738,90123036,429740,2531,57202286
    200239,296540,8738,90043035,429840,2530,45520286
    200339,322540,8740,21583035,429838,2529,87508286
    200439,31639,5438,90043035,429837,2528,95674286
    200539,2939,5438,90043034,9537,2527,90886857
    200639,30339,5438,90043034,4337,2527,33466857
    200739,270539,5438,90043034,429937,2526,76526
    200839,25139,5429,4052834,429931,425,74915143
    200939,1639,5429,372834,429931,425,47298
    201039,205539,5429,4752834,429931,425,43442286
    201139,192539,5429,5452636,096431,425,36966571
    201239,13439,5429,582436,096431,292725,27735714
    201339,049536,9929,652337,996231,292725,3782
    201439,075536,9929,722137,996231,292725,19522857
    201538,997532,1129,792037,996231,292724,91271429
    201638,923929,9729,8252034,4331,292724,64857714
    201738,906529,9729,8251934,4327,806424,17304286
    201825,747868429,7429,8251934,4327,806423,89936767
    201925,747868429,7429,8251934,4327,806423,78508195
    202025,747868429,7429,8251728,92427,806423,41005338
    Abbildung 1

    Handlungsbedarf für die deutsche Steuerpolitik

    Investitionswirkungen der Gewinnsteuern

    Fundamentale Faktoren, wie die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Infrastruktur, die Garantie der Eigentumsrechte und die ökonomische Stabilität sind zentral bei der Wahl eines Standorts für Investitionen. Aber auch den Steuern kommt eine erhebliche Bedeutung zu. Ein Staat, der vergleichsweise niedrige Gewinnsteuern aufweist, schafft günstige Bedingungen für international mobile Investitionen. Bei Standortentscheidungen hat der tarifliche Steuersatz eine wichtige Signalwirkung für Investoren.

    Die empirische Steuerforschung lässt kaum einen Zweifel, dass Gewinnsteuern Einfluss auf internationale Standort- und Investitionsentscheidungen nehmen. In fast allen Studien findet sich ein statistisch signifikanter und quantitativ relevanter negativer Zusammenhang zwischen der Gewinnsteuerbelastung und der Höhe ausländischer Direktinvestitionen. Die Steuerreagibilität von Direktinvestitionen unterscheidet sich zwischen Industriezweigen und hängt davon ab, ob Neugründungen (Greenfield Investment) oder Übernahmen bestehender Unternehmen (Mergers & Acquisitions) betrachtet werden. Eine Meta-Analyse von Feld/Heckemeyer (2011) findet, basierend auf 704 Schätzungen in 45 Studien, für Direktinvestitionen eine durchschnittliche Semi-Elastizität von -2,55. Danach reduziert also ein Anstieg des relevanten Steuersatzes in einem Staat um einen Prozentpunkt (etwa von 30 % auf 31 %) die ausländischen Direktinvestitionen in diesem Staat um 2,55 %.

    Wegen der starken Senkung der Gewinnsteuerbelastung in den USA und sinkender Gewinnsteuersätze in anderen Mitgliedstaaten der OECD muss daher mit einem steuerbedingten Anstieg der Investitionen in den betreffenden Staaten gerechnet werden. Indes ist aus theoretischer Sicht unklar, welche Konsequenzen dies für Investitionen in Deutschland hat. Ist das weltweite Investitionsvolumen der Unternehmen gegeben, wird insbesondere die Gewinnsteuersenkung in den USA zulasten der Investitionen in Deutschland gehen. Ist dagegen das weltweite Investitionsvolumen der Unternehmen variabel, können eine Gewinnsteuersenkung und die dadurch induzierte Investitionsausweitung an einem Standort (insbesondere also eine Investitionsausweitung in den USA) die Investitionen in Deutschland auch erhöhen. Empirische Studien deuten auf negative Effekte sinkender Gewinnsteuersätze im Ausland für heimische Investitionen hin.

    Die Bedeutung des Gewinnsteuersatzes für Entscheidungen über Direktinvestitionen dürfte weiter zunehmen. Wenn Unternehmen sich aufgrund des BEPS (Base Erosion and Profit Shifting)-Projekts der OECD vermehrt Begrenzungen der internationalen Gewinnverlagerung gegenübersehen, nehmen die Anreize zu, stattdessen Investitionen in Staaten mit niedrigen Gewinnsteuersätzen zu verlagern. Empirische Studien zeigen, dass Investitionen stärker auf Gewinnsteuersätze reagieren, wenn die internationale Gewinnverlagerung erschwert wird. Kommt es zu Investitionsverlagerungen, so verringert sich nicht nur das Steueraufkommen; Investitionsverlagerungen gehen auch zulasten des heimischen Wirtschaftswachstums und heimischer Arbeitsplätze.

    Senkung des Satzes der Körperschaftsteuer

    Die Senkung des Gewinnsteuersatzes deutscher Kapitalgesellschaften hat die höchste steuerpolitische Priorität. Mit Blick auf die Steuersatzsenkung in den USA könnte der Satz der Körperschaftsteuer von 15 % auf 10 % gesenkt werden. Es ergäbe sich dann eine tarifliche Gewinnsteuerbelastung von etwa 25 %2, die in etwa der durchschnittlichen US-Steuerbelastung entspricht und die in der Nähe des im Jahr 2020 zu erwartenden OECD-Durchschnitts von 23,4 % liegt.

    Alternativ könnte bei unverändertem Körperschaftsteuersatz ein Teil der Gewerbesteuer auf die gezahlte Körperschaftsteuer angerechnet werden. Gegenüber der Anrechnung von Gewerbesteuer ist allerdings die Senkung des tariflichen Satzes der Körperschaftsteuer der steuertechnisch einfachere Weg und auch das klarere Signal für Investoren. Es kommt hinzu, dass die Anrechnung der Gewerbesteuer den Trend steigender Hebesätze bei der Gewerbesteuer verstärken könnte, sodass die effektive Entlastung der Gewinne am Ende geringer ausfällt.

    Eine Abschaffung des Solidaritätszuschlags würde die steuerliche Attraktivität Deutschlands nur unwesentlich verbessern; die Tarifbelastung von Kapitalgesellschaften ginge um lediglich 0,83 Prozentpunkte zurück.

    Tabelle 1 zeigt die Steuerbelastung von Investitionen im steuerlichen Status quo und bei einer Senkung des Gewinnsteuersatzes. Verglichen werden Investitionen in Deutschland (Germany-Domestic) und in den USA (US-Domestic) sowie deutsche Direktinvestitionen in den USA (Germany-Outbound) und US-Direktinvestitionen in Deutschland (Germany-Inbound). Der tarifliche Gewinnsteuersatz (einschließlich lokaler Steuern) bezeichnet den Gewinnsteuersatz am Ort der Investition. Sämtliche Investitionen werden von einer Kapitalgesellschaft vollzogen; sie sind je zu einem Drittel durch einbehaltene Gewinne (SF), neues Eigenkapital (BF) oder Fremdkapital (FF) finanziert. Zahlen mit Klammerzusatz beruhen auf der dort angegebenen Finanzierung, Zahlen ohne Klammerzusatz beruhen auf gemischter Finanzierung. Bei grenzüberschreitenden Investitionen hält eine Mutterkapitalgesellschaft die Anteile der investierenden Kapitalgesellschaft.3

    Die EATR (Effective Average Tax Rate) bezeichnet die Steuerbelastung einer rentablen Investition, wobei neben den tariflichen Steuersätzen auch die Bemessungsgrundlagen der Steuern einbezogen sind. Tabelle 1 lässt für rentable Investitionen in Deutschland (Germany-Domestic) erkennen, dass die Senkung des deutschen tariflichen Gewinnsteuersatzes von 31 % auf 25 % die EATR von 28,3 % auf 23,0 % (gegenüber 26,0 % in den USA) erheblich verbessert. Für US-Unternehmen, die in Deutschland investieren (Germany-Inbound), reduziert die Senkung des deutschen Gewinnsteuersatzes aufgrund der Freistellung der Gewinne in den USA die durchschnittliche EATR von 27,9 % auf 22,5 %; der ohne die Steuersatzsenkung gegebene Anreiz zur Fremdfinanzierung in Deutschland verschwindet fast völlig. Für deutsche Unternehmen, die in den USA investieren (Germany-Outbound), sinkt die EATR aufgrund der Freistellung der Gewinne in Deutschland in geringem Umfang von 27,5 % auf 27,3 %; durch die Steuersatzsenkung entsteht ein Anreiz zur Fremdfinanzierung. Der Vergleich der EATR einer Investition in Deutschland (Germany-Domestic, 23,0 %) mit der Investition eines deutschen Unternehmens in den USA (Germany-Outbound, 27,3 %) zeigt, dass die Steuersatzsenkung den vorher bestehenden steuerlichen Anreiz zugunsten der USA beseitigt.

    Zusammengenommen verringert die Senkung des tariflichen Gewinnsteuersatzes auf 25 % die EATR von Investitionen in Deutschland erheblich, verbessert dadurch die Position Deutschlands als Investitionsstandort und reduziert die steuerlichen Anreize zur Investitionsverlagerung ins Ausland. Die Senkung des tariflichen Gewinnsteuersatzes ist somit eine sehr wirkungsvolle steuerpolitische Maßnahme im internationalen Steuerwettbewerb.

    Tariflicher Gewinnsteuersatz und effektive Durchschnittsteuerbelastung (EATR) von Investitionen in Deutschland und in den USA nach geltendem Recht und nach einer Senkung des Satzes der Körperschaftsteuer auf 10 % in Deutschland

    Tabelle 1

    Ergänzende Maßnahmen im System der Unternehmensbesteuerung

    Eine isolierte Senkung des Satzes der Körperschaftsteuer würde zu Verwerfungen im System der Unternehmensbesteuerung führen. Deshalb ist eine Reihe von ergänzenden Maßnahmen angezeigt. Diese Maßnahmen sind zwar inhaltlich verbunden, sie könnten aber zeitlich gestreckt ergriffen werden.

    Eine erste Maßnahme betrifft die Hinzurechnungsbesteuerung nach dem Außensteuergesetz. Der derzeit geltende Niedrigsteuersatz von 25 % hat zur Folge, dass wegen im Ausland sinkender Gewinnsteuern ausländische beherrschte Kapitalgesellschaften vermehrt als niedrig besteuert gelten. Der Niedrigsteuersatz sollte so gewählt werden, dass die Belastung hinzugerechneter ausländischer Gewinne der Belastung in Deutschland erwirtschafteter Gewinne gleicht. Bei einer Senkung des Körperschaftsteuersatzes auf 10 % wäre der Niedrigsteuersatz also auf 10 % zurückzuführen.

    Die zweite Maßnahme betrifft die relative steuerliche Belastung der Finanzierungswege. Bei einem Gewinnsteuersatz von 25 % folgt eine Belastung mit Gewinnsteuer, Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag von 44,8 %.4 Die Eigenfinanzierung ist gegenüber der Fremdfinanzierung im Nachteil, wenn Zinsen steuerlich abzugsfähig sind und beim Empfänger der Abgeltungsteuer von 25 % unterliegen. Zu Herstellung von Finanzierungsneutralität sind deswegen Eingriffe in die Strukturen erforderlich, welche die Steuerreform 2008 im Bereich der Unternehmensbesteuerung geschaffen hat. Profitieren würden davon vor allem junge Unternehmen, die stärker als andere Unternehmen von Eigenkapital abhängig sind.

    Der Wissenschaftliche Beirat hat im Jahr 2004 die Flat Tax und die Dual Income Tax (DIT) als grundlegende Reformoptionen geprüft. Der Sachverständigenrat hat zusammen mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem Max Planck Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen im Jahr 2006 die DIT empfohlen.5 Danach sind Gewinne der Kapitalgesellschaften, der Einzelunternehmen und der Personengesellschaften in Höhe der Normalverzinsung des Kapitals mit einem einheitlichen Proportionalsteuersatz zu belasten, der dem Gewinnsteuersatz der Kapitalgesellschaften gleicht. Die Normalverzinsung des Kapitals übersteigende Gewinne (ökonomische Renten) wären bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften der progressiven Einkommensteuer zu unterwerfen und bei Kapitalgesellschaften bliebe es insoweit bei der zweifachen Belastung.

    Ungeeignet zur Erreichung der Finanzierungsneutralität ist die Beseitigung der Abgeltungsteuer. Der Gewinnsteuersatz der Kapitalgesellschaften von 25 % würde deutlich unter den beiden Proportionalsteuersätzen der Einkommensteuer von 44,31 % und 47,48 % (jeweils einschließlich Solidaritätszuschlag) liegen, die dann für Zinsen gelten. Dies müsste einen starken Anreiz auslösen, Zinsen und andere Kapitaleinkommen in Kapitalgesellschaften zu verlagern und dort möglichst lange zu belassen. An die Stelle der steuerlichen Begünstigung der Fremdfinanzierung durch den niedrigen Satz der Abgeltungsteuer träte dann die steuerliche Begünstigung der Selbstfinanzierung durch den niedrigen Satz für Gewinne der Kapitalgesellschaften.

    Die dritte Maßnahme betrifft den besonderen Einkommensteuersatz für nicht entnommene Gewinne der Einzelunternehmen und Personengesellschaften (§ 34 EStG). Dieser Einkommensteuersatz ist auf 25 % (einschließlich Solidaritätszuschlag) abzusenken. Auf den begünstigten Gewinn entfallende Ertragsteuern sollten nicht (wie im geltenden Recht) aus dem voll versteuerten Einkommen zu leisten sein.

    Als vierte Maßnahme könnte die gezielte Förderung international besonders mobiler Investitionen erwogen werden. Die steuerlichen Bedingungen für Investitionen in Forschung und Entwicklung (F & E) sind ein wichtiger Bestandteil der steuerlichen Standortpolitik der Staaten. Die USA haben mit dem FDII-Regime eine Regelung geschaffen, die in eine ähnliche Richtung weist. Man könnte an eine Patentbox denken. Eine Förderung von F & E-Investitionen, die an der Ausgabenseite ansetzt, wäre allerdings besser geeignet, die F & E-Ausgaben kreditbeschränkter mittlerer und kleiner Unternehmen zu erhöhen, die in besonderem Maß von der Liquiditätswirkung einer solchen Maßnahme profitieren würden.

    Als fünfte Maßnahme ist eine beschleunigte steuerliche Abschreibung zu erwägen. Die dadurch zu erlangenden Zinsvorteile sind besonders bedeutsam für die steuerliche Belastung von Grenzinvestitionen (die sich gerade zum Marktzins rentieren). Für internationale Investitionsverlagerungen, bei denen es regelmäßig um hoch rentable Investitionen geht, sind beschleunigte Abschreibungen allerdings weniger wirksam.

    Aufkommens- und Verteilungswirkungen

    Die Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 15 % auf 10 % würde nach Berechnungen des Bundesministeriums der Finanzen bezogen auf das Jahr 2017 rechnerische Steuermindereinnahmen bei der tariflichen Körperschaftsteuer von 13,9 Mrd. € auslösen. Dem steht gegenüber, dass zusätzliche Investitionen das Wirtschaftswachstum anregen, Arbeitsplätze schaffen und die Löhne ansteigen lassen. Der dadurch induzierte Anstieg der Bemessungsgrundlagen der Körperschaftsteuer und anderer, aufkommensstärkerer Steuern (Einkommensteuer, Umsatzsteuer) hätte Mehreinnahmen zur Folge, welche die Mindereinnahmen aus der Senkung des Satzes der Körperschaftsteuer teilweise, wenn auch vermutlich nicht vollständig kompensieren.

    Neben Aufkommenseinbußen könnte befürchtet werden, dass die Senkung des Körperschaftsteuersatzes die Ungleichheit der Einkommensverteilung vergrößert. Durchgerechnet bis zum Anteilseigner ergibt sich, wie oben beschrieben, bei einem Satz der Körperschaftsteuer von 10 % und ansonsten unveränderter steuerlicher Belastung eine tarifliche Gesamtsteuerbelastung von 44,8 %. Für den Kapitalgeber kommt es damit zu einer tariflichen Belastungsminderung gegenüber dem Status quo von 4,4 Prozentpunkten.6 Die tarifliche Belastung von 44,8 % liegt immer noch leicht über dem Einkommensteuersatz von 44,3 % (einschließlich Solidaritätszuschlag), der für zu versteuernde Einkommen ab 54.950 € (109.900 € bei Zusammenveranlagung) nach dem Tarif 2018 zur Anwendung kommt; lediglich der Einkommensteuersatz der zweiten Proportionalzone des Tarifs 2018 von 47,5 % (einschließlich Solidaritätszuschlag) für zu versteuernde Einkommen von 260.533 € (521.066 € bei Zusammenveranlagung) wird unterschritten. Bei der Beurteilung der Belastungswirkung einer Steuersatzsenkung ist auch zu bedenken, dass die Eigentümer der Kapitalgesellschaften die Gewinnsteuer nicht alleine tragen, da diese Steuer zum Teil abgewälzt werden kann. Alles in allem dürfte damit die Ungleichheit der Einkommensverteilung kaum zunehmen.

    Allerdings könnte durch die Senkung des Körperschaftsteuersatzes die Ungleichheit der Vermögensverteilung zunehmen. Höhere Gewinne führen zu einem höheren Wert von Kapitalgesellschaftsanteilen, die vor allem im oberen Segment der Vermögensverteilung auftreten. Die Erbschaftsteuer ist das zieladäquate Instrument zur Korrektur einer als unerwünscht betrachteten Vermögensverteilung. Der Wissenschaftliche Beirat hat in den Jahren 2012 und 2013 wiederholt und nachdrücklich darauf hingewiesen, dass insbesondere die Regelungen zur Verschonung des Unternehmensvermögens im Rahmen der Erbschaftsbesteuerung einer gleichmäßigeren Vermögensverteilung im Wege stehen.

    Im Übrigen gilt, dass die Konsequenzen einer Verringerung der Steuerbelastung von Gewinnen für die Einkommens- und Vermögensverteilung abzuwägen sind gegen die wirtschaftlichen Vorteile, die eine Verbesserung der Investitionsbedingungen in Deutschland bringt. Die vom Wissenschaftlichen Beirat vorgeschlagenen Maßnahmen, an erster Stelle die Senkung des tariflichen Satzes der Körperschaftsteuer, würden die Position Deutschlands im Wettbewerb um international mobile Investitionen erheblich verbessern und damit auch zum Wirtschaftswachstum und zur Sicherung von Arbeitsplätzen in Deutschland beitragen.

    Zusammenfassung

    Der steuerliche Wettbewerb um international mobiles Kapital verschärft sich durch Steuersatzsenkungen in den USA und in anderen wichtigen Mitgliedstaaten der OECD. Die nationale Steuerpolitik sollte handeln. Die wichtigste Maßnahme ist eine Senkung des Gewinnsteuersatzes der Kapitalgesellschaften auf 25 %.

    Die grundlegenden Probleme der deutschen Unternehmensbesteuerung sind damit aber keineswegs gelöst. Erforderlich ist eine umfassende Reform der Unternehmensbesteuerung, die im internationalen Steuerwettbewerb weitgehende Investitions-, Finanzierungs- und Rechtsformneutralität gewährleistet. Dazu hat der Wissenschaftliche Beirat mit seinem Gutachten aus dem Jahr 2004 zur Flat Tax oder der Dualen Einkommensteuer geeignete Alternativen geprüft.

    Fußnoten

    1
    Die tarifliche Belastung von 31 % (gerundet) ergibt sich aus 15 % Körperschaftsteuer, 5,5 % Solidaritätszuschlag zur Körperschaftsteuer und (rund) 15 % Gewerbesteuer (bei einem Hebesatz von 435 %). Die Hebesätze der Gewerbesteuer lagen im Jahr 2017 in großen Städten über 435 %, sodass auch höhere tarifliche Belastungen möglich sind.
    2
    Bei einem Hebesatz der Gewerbesteuer von 400 % (435 %) erhält man einen Gewerbesteuersatz von 14 % (15,23 %) und inklusive Solidaritätszuschlag eine Gewinnsteuerbelastung von 24,55 % (25,78 %).
    3
    Die Berechnungen wurden am ZEW (Bereich Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft) durchgeführt; vgl. zur Methodik ZEW: Final Report 2017, Effective Tax Levels Using the Devereux/Griffith Methodology, Project for the EU Commission TAXUD/2013/CC/120, Mannheim 2018. Zu den tariflichen Gewinnsteuersätzen vgl. Spengel/Heinemann/Olbert/Pfeiffer/Schwab/Stutzenberger: Analysis of US Corporate Tax Reform Proposals and their Effects for Europe and Germany, http://www.bundesfinanzministerium.de/mb/20190353, zuletzt geprüft am 10.10.2018, S. 23, Tabelle 7.
    4
    Wird Abgeltungsteuer erhoben, ergibt sich eine tarifliche Belastung (gerundet) von 44,78 % [= 0,25 + 0,25 (1 + 0,055) (1 - 0,25)].
    5
    Vergleiche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung/Max Planck Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht (heute: Max Planck Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen)/Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung: Reform der Einkommens- und Unternehmensbesteuerung durch die Duale Einkommensteuer – Expertise im Auftrag der Bundesminister der Finanzen und für Wirtschaft und Arbeit vom 23. Februar 2005, http://www.bundesfinanzministerium.de/mb/20190355, zuletzt geprüft am 10. Oktober 2018.
    6
    Bei einem Gewinnsteuersatz von 31 % ergibt sich mit Abgeltungsteuer und mit Solidaritätszuschlag eine Belastung von (gerundet) 49,2 % [= 0,31 + 0,25 (1 + 0,055) (1 - 0,31)].

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