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  • Schlaglicht: Finanzielle Bildung

    Im In­ter­view: Ma­ri­an­ne Ko­thé, Lei­te­rin der Ab­tei­lung für Lei­tung und Kom­mu­ni­ka­ti­on

    Portraitfoto von Marianne Kothé BildVergroessern
    Marianne Kothé; © Bundesministerium der Finanzen/photothek

    Sie stehen der Abteilung für Leitung und Kommunikation des BMF vor. Warum ist das Thema Finanzbildung aus Ihrer Sicht so wichtig?

    Wir haben hier in Deutschland große Defizite. Beim Thema finanzielle Bildung geht es um mehr als Fachwissen zu Finanzthemen. Finanzielle Bildung ermöglicht kompetente ökonomische Teilhabe. Es geht damit letztendlich auch um mehr persönliche Freiheit und Chancengleichheit.

    Nur wer über entsprechende Kompetenzen verfügt, kann kompetente Entscheidungen treffen. Das fängt beim Abschluss eines Handyvertrags an, umfasst aber auch Themen der Geldanlage, Kreditentscheidungen beim Hausbau oder der Existenzgründung und der Altersvorsorge. Wir wollen wirklich allen Menschen, und zwar generationenübergreifend, ermöglichen, sich gut bei Finanzthemen zu orientieren, ganz gleich, ob sie dieses Wissen vom Elternhaus vermittelt bekommen haben oder nicht. Umfragen und Studien zeigen, dass dieses Wissen in Deutschland oft fehlt. Fast jeder Dritte beantwortet einfache Fragen zur Zinseszinsrechnung falsch oder kann den Zusammenhang zwischen Rendite und Risiko nicht richtig einschätzen.

    Finanzielle Bildung ist auch ein Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter, denn die Finanzkompetenzen sind bei Frauen und Männern unterschiedlich verteilt. Beim Thema Finanzbildung sind wir also an einem ganz zentralen politischen Thema dran, das wir jetzt mit Kraft vorantreiben wollen. Und das ist überfällig. Wir sind das einzige G20-Land, das noch keine Finanzbildungsstrategie hat oder daran arbeitet.

    Die Initiative ist ein gemeinsames Projekt mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Warum?

    Ja, es ist eine gemeinsame Initiative des Bundesfinanzministers und der Bundesbildungsministerin. Es geht um gute finanzielle Bildung. Um diesen Anspruch einzulösen, braucht es unsere fachliche Kompetenz in finanziellen Fragen und die bildungspolitische und didaktische Kompetenz des BMBF. Wir wollen den Prozess aber integrativ gestalten: Alle sind eingeladen, sich an Entwicklung und Umsetzung der Strategie zu beteiligen – das gilt selbstverständlich auch für die Länder. Andere Bundesministerien sind ebenfalls eingeladen, sich an der Initiative zu beteiligen. Die Initiative geht aber auch weit über den öffentlichen Bereich hinaus. Denn es gibt viele weitere Stakeholder in diesem Bereich, die wir mit unserer Auftaktveranstaltung schon angesprochen haben und mit denen wir im Weiteren an der Verbesserung der finanziellen Bildung in Deutschland arbeiten wollen. Wir wollen einen langfristigen, intelligenten Prozess starten und zum Erfolg führen.

    Das BMF ist stark in die Krisenbewältigung eingebunden. Warum hat jetzt ausgerechnet diese Initiative Priorität?

    Wenn Menschen ein gutes Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge und der eigenen finanziellen Handlungsmöglichkeiten haben, trägt das zu einer krisenfesteren Gesellschaft bei, die große Veränderungen gemeinsam gut bewältigen kann. Es stimmt natürlich, dass seit der Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine das Krisenmanagement unsere Arbeit im BMF maßgeblich bestimmt. Aber gerade daran sieht man, wie wichtig es ist, dass die Menschen ein fundiertes Verständnis dessen haben, was um sie herum in der Welt – und dadurch auch im eigenen Leben – passiert. Denken Sie an das Thema Inflation oder ganz grundsätzlich daran, was die Politik eigentlich so macht, z. B. mit unseren Steuergeldern. Die Summen, die bei den verschiedenen Hilfsmaßnahmen zusammenkommen, sind nicht immer leicht zu fassen. Bei den Entlastungspaketen, die im Jahr 2022 geschnürt wurden, ging es für die Jahre 2022 und 2023 inklusive der Maßnahmen des wirtschaftlichen Abwehrschirms um ein Gesamtvolumen von rund 300 Mrd. Euro – eine große Summe, für die sich der Staat weiter verschuldet hat.

    Ein gutes Grundgerüst an Wissen bei Finanzthemen stärkt die eigene Urteilsfähigkeit. Gerade bei krisenhaften Entwicklungen im Weltgeschehen kommen oft viele neue, ganz konkrete Fragen auf: Was bedeutet es für meine Altersvorsorge, wenn ich durch die Inflation zeitweise eventuell weniger sparen kann? Was ist kalte Progression und warum will die Politik diese jetzt ausgleichen? Und wie werden die ganzen staatlichen Maßnahmen finanziert – wie viele Schulden können wir als Land eigentlich aufnehmen und was könnte das für mich und meine Kinder später bedeuten?

    Bildung, auch zu Finanzen, ist kein klassisches BMF-Thema. Warum mischt das BMF hier mit?

    Die Kernaufgaben des BMF betreffen jeden Einzelnen von uns ganz konkret: von der Finanzierung der Rente über die Steuern bis hin zur Stabilität der Finanzmärkte. Das Ganze passiert aber nicht in einem luftleeren Raum: Die Politik, die wir hier entwickeln, entwickeln wir für die Menschen in diesem Land. Es ist also ganz wichtig, dass die Menschen die Politik, die wir gestalten, auch verstehen und bewerten können, um dann im demokratischen Prozess fundierte Entscheidungen zu treffen. Wissen ist Macht – und diese sollen die Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie auch haben. Denken wir an den BMF-Vorschlag, ein aktienbasiertes Generationenkapital zur Mitfinanzierung des Rentensystems einzuführen: An einigen Reaktionen im öffentlichen Raum konnte man erkennen, dass viele gar nicht wissen, wie die Rente aktuell überhaupt finanziert wird und was eine staatliche Aktienanlage tatsächlich an Chancen bringen würde – und was es wiederum bedeuten würde, mit dem Umlageverfahren so weiterzumachen wie bisher.

    Gleichzeitig haben wir als Finanzverwaltung ein Interesse daran, dass die Menschen ihre eigenen Finanzen kompetent selbst verwalten können, wofür finanzielle Bildung eine Grundvoraussetzung ist. Unser gesamtgesellschaftliches System profitiert daher davon, wenn die Menschen in diesem Land als mündige, gut informierte Verbraucherinnen und Verbraucher kluge finanzielle Entscheidungen treffen.

    Was war der beste Tipp, den Sie jemals mit Blick auf Ihre privaten Finanzen erhalten haben?

    Ein geflügeltes Wort, das mein Schwiegervater immer gerne zitierte, ist: „Bürgen muss man würgen“. Da steckt auch wichtiges Finanzwissen drin. Ich habe selbst Mietbürgschaften für meine Kinder übernommen, wusste dann aber, worauf ich mich eingelassen habe.

    Ein guter Ratschlag ist: Investiere in dich selbst. Bildung, Weiterbildung und persönliche Entwicklung sind langfristige Investitionen, die dabei helfen, erfolgreich und unabhängig zu sein.

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