Ein Gespräch mit Elisabeth Kaiser, Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, und Hiltrud Dorothea Werner, Mitglied im Investitions- und Innovationsbeirat beim BMF
Elisabeth Kaiser stammt aus Gera (Thüringen) und ist seit dem 6. Mai 2025 Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland. Sie gehört seit 2017 dem Deutschen Bundestag an und vertritt dort den Wahlkreis Gera – Greiz – Altenburger Land. Von 2023 an war sie Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.
Hiltrud Dorothea Werner stammt aus Bad Doberan (Mecklenburg-Vorpommern) und ist seit September 2025 ehrenamtliches Mitglied im Investitions- und Innovationsbeirat beim BMF. Von 2017 bis 2022 war sie Mitglied im Vorstand der Volkswagen AG. Sie verfügt über langjährige Aufsichtsrats- und Führungserfahrung.
35 Jahre Wiedervereinigung, das bedeutet auch drei Jahrzehnte voller Veränderungen. Welche wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre verdienen mit Blick auf die ostdeutschen Bundesländer besondere Beachtung? Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Lage der Region heute?
Elisabeth Kaiser: Die Wirtschaftsleistung in den ostdeutschen Bundesländern im Vergleich zu den westdeutschen Bundesländern hat sich seit der Wiedervereinigung substanziell verbessert. Zu Beginn der 90er Jahre lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf der ostdeutschen Länder noch bei rund 33 Prozent des BIP der westdeutschen Länder, heute erreicht es knapp 80 Prozent. Es ist gut, dass der Osten hier aufgeholt hat. Gleichzeitig zeigen diese Zahlen aber auch, dass immer noch strukturelle Unterschiede bestehen. Diese zu verringern, daran arbeiten wir als Bundesregierung. Ein Grund für die gute wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre: Der Osten ist ein attraktiver Standort für Forschung, Technologie und Start-ups geworden. Die Strategie der Bundesregierung, gezielt Forschungsinstitutionen im Osten anzusiedeln und zu stärken, zahlt sich aus. Dadurch entstehen Ausgründungen und innovative Unternehmen wie zum Beispiel in der Halbleiter-Industrie. Mittlerweile werden in Ostdeutschland deutlich mehr hochschulische Patente pro Kopf eingereicht als in Westdeutschland. In den ostdeutschen Bundesländern kommen auf 1 Million Einwohner 8,4 Patente, in Westdeutschland sind es demgegenüber 4,7 Patente.
Hiltrud Werner: Aus Unternehmersicht kann ich nur bestätigen, wie zentral diese Innovationsbedingungen für die Standortattraktivität sind. Das ist bei „Silicon Saxony“ im Raum Dresden-Freiberg-Chemnitz sehr sichtbar, wo sich nun einer der größten Mikroelektronik- und IT-Cluster Deutschlands etabliert hat.
Es gibt also viele Leuchttürme, gerade in und um die Mittelstädte herum. Was mir daneben fehlt, ist ein stärkerer Fokus auf die Fläche – es braucht größere Anstrengungen dafür, dass die Menschen, die ein sehr lebens- und liebenswertes Zuhause im ländlichen Raum haben, von dort aus auch gut arbeiten können. Daher bräuchte man im ländlichen Raum zuerst 5G und besonders geförderte Verkehrsanbindungen. Ansonsten hängt man die vielen mittelständischen Betriebe ab, die auf dem Land mit 20, 40 oder 60 Beschäftigten arbeiten.
Übrigens: Gerade in den ländlichen Regionen mit ihren schönen Landschaften darf man auch den Tourismus nicht vergessen – das ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, in dem großes Potenzial schlummert. Da wären wir aber auch wieder beim Thema Infrastruktur: Denn hier sind gute Verkehrsanbindungen entscheidend, sei es mit der Bahn oder mit dem Flugzeug. Da sind die Bedingungen in manchem westdeutschen Bundesland deutlich besser.
Elisabeth Kaiser: Die Themen Daseinsvorsorge und gleichwertige Lebensverhältnisse sind ganz wichtig. Man muss überall in Deutschland gut leben können, egal, ob auf dem Land oder in der Stadt, egal, ob in Ost oder West. Dazu zählen die Gesundheitsversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Arbeitsplätze, aber natürlich auch die Verkehrsanbindungen.
Stichwort Infrastruktur: Vom Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, dem sogenannten SVIK, aber auch von den Investitionen aus dem Bundeshaushalt werden die ostdeutschen Bundesländer umfassend profitieren. Wo und wie können diese Investitionen besondere Wirkung entfalten?
Hiltrud Werner: Mit dem SVIK bin ich eng vertraut, denn das werde ich als Mitglied des Investitions- und Innovationsbeirats beim BMF über die nächsten Jahre genau beobachten. Und da möchte ich erst einmal betonen: Es ist Ehrlichkeit geboten, was die Erwartungen betrifft, die mit diesem Investitionspaket geweckt worden sind. In Teilen sind sie überhöht. Man wird damit schon viele – aber eben nicht alle – Löcher stopfen können. Aber die Mittel, die jetzt investiert werden können, sind doch sehr umfassend. Sie werden in den fünf ostdeutschen Bundesländern viel bewegen können, gerade in den Kommunen.
Elisabeth Kaiser: Das werden auch die Menschen vor Ort direkt spüren. Die Länder erhalten ja aus dem SVIK 100 Mrd. Euro und sie sind angehalten, davon einen bedeutenden Anteil an die Kommunen weiterzugeben. Dabei geht es nicht nur darum, in Straßen oder Brücken zu investieren, sondern auch in Orte des Zusammenhalts und der Gemeinschaft vor Ort. Zum Beispiel in die Sanierung von Sportstätten.
Entscheidend ist es, dass diese umfangreichen Investitionen auch zügig Realität werden. Wir müssen deshalb zum Beispiel weiter an Beschleunigungsmaßnahmen arbeiten, damit Bauprojekte schneller fertiggestellt werden können. Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: Mit den Mitteln aus dem SVIK allein werden nicht alle Probleme gelöst. Es bleiben Herausforderungen bestehen, wie fehlende Fachkräfte, Planerinnen und Planer. Aber die finanziellen Voraussetzungen stimmen: Mit dem Sondervermögen kann der Staat so umfassend investieren wie noch nie.
Hiltrud Werner: Das Beste am SVIK sind für mich Fokus und Langfristigkeit. Hier wird über zwölf Jahre gedacht. Und damit ist egal, wer gerade regiert. Die Menschen können spüren: Hier geht es um Investitionen in Themen, die uns allen wichtig sind. Dafür gibt es einen gesellschaftlichen Konsens, und der ist legislaturperiodenübergreifend.
Elisabeth Kaiser: Das wird mir auch als Politikerin vor Ort immer wieder gespiegelt. Von den Unternehmen höre ich: „Wir brauchen Planbarkeit und Verlässlichkeit.“ Das betrifft zum Beispiel die Energiepolitik oder Investitionen in Infrastruktur. Unternehmen können nicht alle vier Jahre einfach mal komplett den Kurs ändern. Da hilft es ungemein, dass das SVIK auf einen Zeitraum von zwölf Jahren angelegt ist. Damit werden Entscheidungen getroffen, die langfristig wirken.
Kommen wir zurück zu den anhaltenden Unterschieden und dem wirtschaftlichen Gefälle, das weiterhin zwischen Ost- und Westdeutschland besteht. Welche Faktoren spielen hier weiterhin eine Rolle?
Hiltrud Werner: Eine Mauer in Berlin kann man natürlich schneller einreißen als Mauern im Kopf. Die gibt es übrigens auch noch bei den Westdeutschen. Es ist eben nicht nur an den Ostdeutschen, die Folgen der Teilung aufzuarbeiten. Das müssen auch die Westdeutschen wollen und vor allem auch Chancen geben, ihre Netzwerke öffnen und gezielt Ostdeutsche einladen. Mir ist es schon passiert, dass ich als Speakerin zu großen Unternehmensnetzwerken eingeladen worden bin, in denen ich als reguläre Teilnehmerin vielleicht nicht zugelassen worden wäre. Wenn ich das westdeutschen Kolleginnen und Kollegen sage, sind sie meist sehr überrascht. Da braucht es also noch immer Sensibilität und Unterstützung. Sehr schade finde ich auch die Abwesenheit von DAX-Konzernen in Ostdeutschland.
Und ich glaube, dass in Ostdeutschland Verlustängste deutlich stärker ausgeprägt sind, weil man Verlust schon erlebt hat. Auch enttäuschte Hoffnungen und gebrochenes Vertrauen. Nach der Wende wurden blühende Landschaften versprochen, das hat aber nicht unbedingt geklappt. Das heißt ja dann, dass ich denen, die uns gesagt haben, „Jetzt wird alles besser!“, auch nicht vertrauen kann. Das ist meiner Meinung nach einer der Gründe, aus dem das Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie in den ostdeutschen Bundesländern deutlich stärker erodiert. Vielleicht braucht es dort auch andere Formen der demokratischen Teilhabe, zum Beispiel durch Bürgerräte, wo man Lösungen gemeinsam aushandelt.
Elisabeth Kaiser: Eine grundsätzliche Voraussetzung für positive Veränderungen besteht darin, sich die strukturellen Unterschiede zwischen Ost und West bewusst zu machen und anzuerkennen, welche Folgen sie bis heute in Teilen haben. Dabei ist auch die Frage der Repräsentation von Ostdeutschen in Führungspositionen sehr wichtig.
Kluge Köpfe und Talente aus Ostdeutschland sind tatsächlich unter bundesdeutschen Führungspersönlichkeiten immer noch unterrepräsentiert. Was muss passieren, damit sich das ändert?
Elisabeth Kaiser: Wir müssen Projekte stärken, die junge Menschen aus Ostdeutschland finanziell, aber auch ideell unterstützen. Das heißt, ihnen Zugang zu Mentoring, finanzieller Förderung und Netzwerken zu eröffnen. Für die Bundesverwaltung hat sich die Regierung selbstverpflichtet, den Anteil von Ostdeutschen zu erhöhen. Und wir sehen, das zeigt Wirkung. Außerdem finanziere ich ein Forschungsprojekt zum Thema, damit diese Zahlen im Gespräch bleiben. Und ich versuche, existierende Netzwerke zu stärken. Denn genau die braucht es für eine Karriere und dazu auch die entsprechende finanzielle Hilfe. Viele ostdeutsche Eltern können Studentenzimmer in westdeutschen Großstädten oder Auslandsaufenthalte gar nicht finanzieren.
Hiltrud Werner: Das höre ich auch häufig, wenn ich mich mit Unternehmerinnen und Unternehmern unterhalte. Für viele Karrieren und Branchen wird vorausgesetzt, dass Bewerberinnen und Bewerber bestimmte Stationen absolviert haben, ob Auslandsaufenthalt oder Praktikum in einem Großunternehmen. Das muss man aber als junger Mensch überhaupt erstmal wissen – und auch finanzieren können.
Dass viel Talent im Osten schlummert, ist kein Geheimnis. Das wissen auch die großen Personalberatungen. Die erste hat sich deswegen auch schon direkt in einer ostdeutschen Stadt angesiedelt. Dennoch sagen mir viele junge Menschen: Direkt nach dem Studium Arbeit in Ostdeutschland zu finden, das ist sehr schwer. Denn gerade in den ersten Berufsjahren geht ja das Lernen noch weiter. Realistisch ist das dann eher fünf bis acht Jahre später, mit breiterer Erfahrung. Denen sage ich immer: Sie dürfen das Wiederkommen nicht vergessen! Das ist oft ein großer Schritt.
Elisabeth Kaiser: Jenseits der Förderprogramme müssen wir aber auch daran arbeiten, dass wir jungen Menschen und generell Menschen mit geringem Einkommen die Vermögensbildung und den Vermögensaufbau erleichtern. Auch das Thema Erbschaften sollte man nicht außer Acht lassen. Dabei finde ich die Idee eines Grunderbes für junge Menschen interessant und würde mich freuen, wenn wir das weiter diskutieren.
„Der Osten“ – das ist bekanntlich mehr als eine Himmelsrichtung. Was bedeutet es für Sie persönlich, von dort zu sein? Und worauf kann man als „Ossi“ besonders stolz sein?
Hiltrud Werner: Zunächst einmal will ich sagen: In Ostdeutschland gab es sehr viele verschiedene Lebensentwürfe. Es gab und gibt teilweise viel Unwissen in Westdeutschland. Da herrscht mancherorts die Vorstellung, alle DDR-Bürger hätten das gleiche Einkommen gehabt und die gleiche Art von Neubauwohnung. Da wurde den DDR-Bürgern auch pauschal viel Hilflosigkeit zugeschrieben. Aber die Welt war bunt, die Welt war breit. 17 Millionen Menschen in Ostdeutschland haben nicht alle gleich getickt. Wir müssen auch mehr über regionale Besonderheiten sprechen – das ist nicht nur alles „Ostdeutschland“, sondern da gibt es Unterschiede, ob zwischen Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen oder Sachsen. Wir sprechen ja auch nicht von „den Westdeutschen“, sondern von den Hessen, den Bayern, den Niedersachsen usw.
Worauf ich besonders stolz bin, wenn ich an Ostdeutschland denke, ist: Wir konnten Solidarität nicht nur buchstabieren, wir haben das täglich gelebt. Jeder hatte irgendwo mal einen Engel, weil niemand wusste, was morgen fehlen wird. Das hatte auch was Schönes, denn man hat sich deutlich mehr geholfen.
Elisabeth Kaiser: Gleichzeitig sehe ich manchmal, dass diese starke Solidaritätsorientierung gerade im Wirtschafts- oder Arbeitsleben auch Schwierigkeiten verursachen kann. Manche trauen sich dann nicht, auf die eigenen Rechte zu pochen, gerade wenn es um gerechte Löhne geht. Da wünsche ich mir, dass sich mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Betriebsräten oder in Gewerkschaften organisieren. Dass viele Ostdeutsche damit zurückhaltend sind, hat auch mit der Erfahrung zu tun, dass man in der DDR gezwungen war, sich zu organisieren. Dabei ist gewerkschaftliche Organisation ja auch gelebte Solidarität. Um die Tarifbindung auch in Ostdeutschland zu stärken, hat die Bundesregierung das Tariftreuegesetz auf den Weg gebracht, um öffentliche Aufträge ab 50.000 Euro nur an Unternehmen mit Tarifverträgen zu vergeben.
Eine Sache, auf die ich besonders stolz bin, ist das vielfältige Engagement der Menschen. Der starke Zusammenhalt und der Gemeinsinn, von dem wir eben sprachen, zeigt sich in vielen schönen Projekten und Ideen, mit denen sich die Menschen für den Zusammenhalt in ihren Städten oder Gemeinden einsetzen. Einmal im Jahr zeichne ich solche Projekte im Rahmen des Wettbewerbs „machen!“ aus.