BMF-Monatsbericht Dezember 2025

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Ungleich vereint? Im Gespräch mit Prof. Dr. Steffen Mau

23.12.2025
Prof. Dr. Steffen Mau
Portrait Prof. Dr. Steffen Mau Quelle:Gesine Born/Stifterverband

Prof. Dr. Steffen Mau stammt aus Rostock (Mecklenburg-Vorpommern). Er ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor der Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“ am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen.

Zu seinen Publikationen zählen u. a. „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformations­gesellschaft“ (2019) und „Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt“ (2024).


Herr Mau, wo waren Sie, als die Mauer fiel?

In der Kaserne. Ich war Soldat bei der Nationalen Volksarmee und habe da gerade Wache geschoben. Wir hatten nur ein kleines Wachtradio, das war nicht ganz legal, und hörten RIAS Berlin. Als wir das mit dem Mauerfall mitkriegten, war da schon auch ein Gefühl, dass da eine ganze Welt zusammenbricht. Ein Kommentator sagte: „Die Mauer ist auf, das ist das Ende der DDR.“ Und wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, dann war das eine sehr weise Vorhersage – denn die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wäre nicht überlebensfähig gewesen unter der Bedingung einer geöffneten Grenze. Die Leute sind danach massenhaft abgewandert, was auch letzten Endes mit zum Zusammenbruch der gesamten staatlichen Strukturen, auch des ökonomischen Systems, beigetragen hat.

Dass die DDR im Endstadium war, war aber schon vorher spürbar. Es herrschte eine Atmosphäre der Stagnation, einer Erstickung jedweder Initiative. Es gab ja schon Ausreisebewegungen aus der DDR und eine größere Bereitschaft, den Unwillen öffentlich zu äußern. Das hatte sich schon in den Demonstrationen zum 40. Jahrestag der DDR zugespitzt.

Auf den Mauerfall und die Wiedervereinigung folgten mehrere tiefgreifende Transformationswellen. Was sind aus Ihrer Sicht für Ostdeutschland die wichtigsten langfristigen Prägungen der Wiedervereinigung und frühen 1990er-Jahre?

Es gibt eine zentrale These, die mit diesen ostdeutschen Transformationen und auch den Entwicklungen heute zu tun hat: Das ist die Einführung von Demokratie unter Bedingungen eines ökonomischen Schocks. In der Bundesrepublik gab es nach dem Jahr 1945 ab Mitte der 50er-Jahre mit dem sogenannten Wirtschaftswunder enormes Wirtschaftswachstum – also eine Co-Konstitution von Demokratie und positiver wirtschaftlicher Entwicklung. In Ostdeutschland fiel der Aufbau demokratischer Strukturen mit dem Zusammenbruch der Volkswirtschaft, Massenarbeitslosigkeit und Deindustrialisierung zusammen. Das hat die Leute natürlich nicht so stark an diese Institutionen oder die demokratischen Normen gebunden. Inzwischen beschäftigen sich viele ökonomische Studien mit der Einführung von Demokratie unter Bedingungen ökonomischer Prekarität. Sie kommen immer zum selben Ergebnis: Die demokratischen Institutionen bleiben instabiler, die Loyalität zu ihnen ist geringer. Wenn das System dann unter ökonomischen Druck gerät, wächst die Neigung, sich zu Populisten oder auch extremen politischen Bewegungen hinzuwenden.

Sie sprechen oft davon, dass sich im Osten ein „Gefühl der relativen Benachteiligung“ verfestigt hat. Wie entsteht diese Diskrepanz zwischen objektiven Indikatoren wie steigender Wirtschaftsleistung und subjektiven Wahrnehmungen?

Objektiv nimmt diese Benachteiligung langsam ab, subjektiv ist das aber nicht so. Zugleich sind wir von gleichwertigen Lebensbedingungen – oder etwas weiter: Lebenschancen – noch weit entfernt, womöglich beobachten wir sogar eine Verfestigung regionaler Unterschiede. Das nehmen die Leute wahr. Zwar gibt es auch etliche Cluster und Innovationsregionen, die wirtschaftlich sehr leistungsstark sind. Aber jenseits solcher Aspekte bleiben strukturelle Ungleichheiten: Es steht immer noch eine innerdeutsche Vermögensmauer. Im Osten arbeitet immer noch ein deutlich höherer Anteil der Menschen im Niedriglohnsektor als im Westen. Und es besteht auch ein Elitendefizit in den ostdeutschen Bundesländern. Dazu kommt, dass die Eliten in Ostdeutschland, ob in Wissenschaft, Medien, Wirtschaft oder Kultur, oft Westdeutsche sind, die nach der Wiedervereinigung zugewandert sind, und zwar nicht als Handwerker, sondern als leitende Manager, Sparkassendirektoren oder Professoren. Jetzt sehen wir bei jüngeren Leuten, dass sich eine Art Ost-Bewusstsein oder Ost-Identität verstetigt hat und ein Vergemeinschaftungsgefühl als Ostdeutsche entstanden ist. So etwas kann sich auch von objektiven Entwicklungen abkoppeln. Teilweise mündet es auch in einem „Osttrotz“, einer Neigung zur Selbstsaufwertung und gruppenbezogener Selbstbestätigung, die von extremen Kräften clever politisiert werden kann.

Sie sagen, der Osten bleibt anders. Welche politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen würden dem gerecht werden?

Da gibt es verschiedene Initiativen, wie ein Fördernetzwerk Ostdeutschland zu gründen, mit eigenen Stipendienprogrammen oder anderen Förderungen. Das halte ich für sinnvoll. Ich bin auch Anhänger der Idee eines Grund- oder Sozialerbes, das als Lebenschancenkredit fungieren kann und aus einer erhöhten Erbschaftsteuer finanziert werden könnte: Da zahlt der Staat jährlich vielleicht 1.000 Euro auf ein Konto, die dann verzinst oder angelegt werden. Die aufgelaufene Summe wird jungen Menschen zum 25. Lebensjahr ausgezahlt, unter der Voraussetzung, dass sie für die Weiterbildung über die Primärqualifikation hinaus, für die Absicherung besonderer sozialer Risiken, beispielsweise bei chronischer Krankheit, oder eben auch für eine Unternehmensgründung verwendet wird. Ein Mensch, der in Deutschland erbt, ist ja im Durchschnitt 55 Jahre alt. Die Menschen, denen das Vermögen zufließt, sind also in einem Alter, in dem sie schon beruflich arriviert sind und auf das letzte Lebensdrittel zugehen. Und da gibt es auch kein Problem zwischen Alt und Jung, sondern ein internes Verteilungsproblem. Was wirklich wichtig ist, ist, dass wir eine Verteilungsgerechtigkeit über die Generationen hinweg hinbekommen. Im Osten hätten wir viel mehr von einer solchen Reform, denn dort wird deutlich weniger geerbt – nur 2 Prozent der gesamten Erbschaftssteuer in Deutschland wird im Osten gezahlt.

Wichtig ist auch, dass man die demokratische Apathie angeht, die es in Ostdeutschland zum Teil gibt. Ostdeutschland ist nämlich stark politisiert: Da ist eine große politische Energie, die irgendwie kreist, aber keinen Anschluss findet. Das liegt auch daran, dass die Parteien dort eine deutlich geringere Rolle spielen als im Westen. Das hat auch historische Gründe. Im Herbst 1989 gab es gegenüber der Parteiendemokratie durchaus Skepsis. Direktdemokratische Verfahren wie runde Tische hingegen haben immer noch einen relativ guten Ruf. Deswegen schlage ich gerne Bürgerräte als Form der erweiterten Partizipation vor.

Solche und weitere Beteiligungsformate halte ich aber für ganz Deutschland sehr wichtig, gerade jetzt. Denn grundsätzlich sehen wir eine veränderte Sicht auf Politik. Die Legitimation durch Verfahren, also dass eine politische Entscheidung demokratisch zustande gekommen ist, wird womöglich weniger wichtig als die Output-Legitimation: Man hält eine Entscheidung für legitim, wenn der Ertrag passt, den man persönlich daraus zieht. Das ist die berühmte Kritik, Politik als Pizzaservice zu betrachten. Wenn man im Alltag niemals die Situation hat, in der man Interessen ausgleichen, miteinander einen Konsens bilden, sich an verabredete Verfahren halten muss – ja, dann wächst natürlich auch die Distanz zu dem etablierten politischen System, das ja genau darauf beruht. Und deswegen sage ich: Man braucht im Alltag eine Form der politischen Sozialisation, wo Leute wirklich lernen: Wie sieht denn politische Praxis aus? Wie schwer ist es, Dinge auszuhandeln und zu einer gemeinsamen Position zu kommen? Wie notwendig ist es, die Vielfalt der Interessen zu berücksichtigen und zu lernen, dass sich nicht nur eine oder einer durchsetzen kann? Die Politik muss deutlich mehr tun, um diesen Lern- und Meinungsbildungsprozess zu ermöglichen. Schließlich müssen sich die Leute nachhaltig mitgenommen fühlen, gerade bei den einschneidenden Entscheidungen, die wir jetzt als Gesellschaft treffen müssen.

Was kann der Westen vom Osten lernen?

Eine Lektion, die man vom Osten lernen kann, ist, dass Menschen schon mit viel Wandel umgehen können. Aus diesem Grund spricht man oft von Ostdeutschen als Transformationspionierinnen und ‑pioniere, die großes Improvisationsvermögen und sogenannte „Chaosqualifikationen“ mitbringen. Damit sind sie eigentlich fitter für eine Welt, in der vieles brüchiger wird. Gleichzeitig sehe ich jetzt einen nicht kleinen Bevölkerungsanteil in Ostdeutschland, der eher risikoavers geworden ist und in dem sich Festhaltementalitäten ausgebildet haben. Das Entscheidende bei den Ostdeutschen, die positive Erfahrungen mit den Transformationsprozessen gemacht haben, war, dass sie meist Selbstwirksamkeit gespürt haben, eine Art Ownership. Sie waren also keine Opfer der Wiedervereinigung, die von Wandlungsprozessen überrollt und verohnmächtigt wurden, sondern konnten auch die Chancen wahrnehmen, die sich daraus ergaben. Diese Chancen zu ergreifen, das fällt natürlich nicht vom Himmel, sondern hängt stark davon ab, ob man Gelegenheiten bekommt und über die nötige Ressourcenausstattung, Infrastrukturen und vieles weitere verfügt. Das zu ermöglichen, ist die Rolle der Politik: Sie muss den Menschen Werkzeuge und Befähigung an die Hand geben, um diesen Wandel produktiv zu gestalten.