Herr Klingbeil, die Weltordnung verändert sich. Was ist aus Ihrer Sicht vordringlich zu tun, um resilienter und wettbewerbsfähiger zu werden und mit starker Stimme für die Interessen und Werte Deutschlands und Europas aufzutreten?
Angesichts der globalen Unsicherheiten setzen wir auf europäische Souveränität. Deutschland geht gemeinsam mit Frankreich und weiteren Partnern jetzt voran, um Europa stärker und unabhängiger zu machen. Unsere vier Prioritäten sind: Wir treiben die Kapitalmarktunion voran, damit europäische Unternehmen bessere Finanzierungsbedingungen haben. Wir stärken die internationale Rolle des Euros, indem wir den digitalen Euro und eigene europäische Zahlungssysteme umsetzen. Wir koordinieren unsere Investitionen in Verteidigung deutlich stärker miteinander, dabei setzen wir auf gemeinsame Waffensysteme und gemeinsame Beschaffung. Und wir sichern Rohstoffe durch koordinierten Einkauf, Notfallreserven und weltweite Handelspartnerschaften. Ich habe mit meinem französischen Amtskollegen Roland Lescure gemeinsam dafür die Initiative gestartet, mit Frankreich, Italien, Spanien, Polen und den Niederlanden die Entwicklung in diesen Bereichen voranzutreiben. Als sechs große Volkswirtschaften in Europa wollen wir jetzt die Antreiber sein.
Was sind aus Ihrer Sicht besonders wichtige Aufgaben des BMF, um zur Resilienz und Sicherheit Deutschlands beizutragen?
Entscheidend ist die Stärkung unserer Wettbewerbs- und Verteidigungsfähigkeit. Die geopolitische Stärke der Europäischen Union (EU) lag immer in ihrer wirtschaftlichen Stärke. Hier sind wir in den vergangenen Jahren immer mehr unter Druck geraten. Deswegen ist unsere Agenda klar: Investitionen stärken, neue Handelspartnerschaften aufbauen, gute Beschäftigung vor Ort sichern. Daran arbeiten wir intensiv. Gleichzeitig stellen wir Europa sicherheitspolitisch souveräner auf. Es ist unsere Verantwortung im BMF, unsere innere und äußere Sicherheit angesichts der aktuellen Bedrohungen finanziell abzusichern.
Was gibt Ihnen aktuell Zuversicht?
Die EU stand in den vergangenen Monaten und Jahren vor ungekannten Herausforderungen: Krieg in Europa, Handel als geopolitische Waffe, ein enger Partner, der die territoriale Integrität eines EU-Mitglieds offen infrage gestellt hat. Und doch standen wir zusammen. Europa hat sich nicht spalten lassen – das hätte mancher der EU wohl nicht zugetraut. Und: Historisch hat sich gezeigt, dass die EU immer dann die größten Entwicklungsschritte gegangen ist, wenn sie am meisten unter Druck gestanden hat. Ich will, dass uns das jetzt wieder gelingt.